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Full text of "Im Westen Nichts Neues"

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IM VESTEN NIGHTS NEUES 




IM 

WESTEN NIGHTS NEUES 

VON 

ERICH MARIA REMARQUE 


476.-500. TAUSEND 



19 2 9 


IM propylAen-verlag/berlin 




Copyright 1928 by UUatein A.-G., Berlin 
Printed in Germany/lm UUateinhausy Berlin 



Dieses Buch soil weder eine Anklage 
noch ein Bekenntnis sein. Es soli 
nur den Versuch machen, fiber eine 
Generation zu berichten, die vom 
Kriege zerstdrt wurde, — aiich wenn 
sie seinen Granaten entkanu 




I 


W ir liegen neun Kilometer hinter der Front. Gestem 
wurden wir abgelost; jetzt haben wir den Magen 
voU weifier Bohnen mit Rindfleiscb und sind satt nnd zn- 
frieden. Sogar fur abends hat jeder nocli ein Kochgeschirr 
voll fassen kSnnen; dazu gibt es auBerdemdoppelteWurst- 
und Brotportionen^ — das schafft. So ein Fall ist schon 
lange nicht mehr dagewesen: der Kiichenbulle mit seinem 
roten Tomatenkopf bietet das Essen direkt an; jedem, 
der vorbeikommt, winkt er mit seinem Ldflfel zu und fiillt 
ihm einen kraftigen Schlag ein. Er ist ganz verzweifelt, 
weil er nicht weiB, wie er seine Gulaschkanone leerkriegen 
soli. Tjaden und Miiller haben ein paar Waschschiisseln 
aufgetrieben und sie sich bis zum Band gestrichen voU 
geben lassen^ als Reserve. Tjaden macht das aus FreB- 
sucht, Muller aus Vorsicht. Wo Tjaden es laBt, ist alien 
ein EatseL Er ist und bleibt ein magerer Hering. 

Das Wichtigste aber ist, daB es auch doppelte Rauch- 
portionen gegeben hat. Fur jeden zehn Zigarren, zwanzig 
Zigaretten und zwei Stiick Kautabak, das ist sehr an- 
standig. Ich babe meinen Kautabak mit Katczinsky gegen 
seine Zigaretten getauscht, das macht fiir mich vierzig 
Zigaretten. Damit langt man schon einen Tag. 


7 



Dabei steht ims diese gauze Bescherang eigentlich nicbt 
ZTi. So splendid sind die PreuBen nicbt, Wir baben sie nnr 
einem Irrtnm zn verdanken. 

Vor vierzebn Tagen mufiten wir nacb vom, nm abzn- 
Idsen. Es war ziemlicb rabig in nnserm Abschnitt, nnd der 
Furier hatte desbalb fiir den Tag unserer Riickkebr das 
normale Quantum Lebensmittel erbalten und fiir die 
bundertfimfzig Mann starke Kompagnie vorgesorgt. Nun 
aber gab es gerade am letzten Tage bei uns iiberrascbend 
viel Langrobr imd dicke Brocken^ engUscbe Artillerie, die 
standig auf unsere Stellung trommelte, so da6 wir starke 
Verluste batten und nur mit acbtzig Mann zuriick- 
kamen, 

Wir waren nacbts eingeriickt und batten uns gleicb 
hingebauen, um erst einmal anstandig zu schlafen; denn 
Katczinsky bat recht : es ware alles nicbt so schlimm mit 
dem Krieg, wenn man nur mebr Schlaf baben wiirde. 
Vome ist es docb nie etwas damit, tmd vierzebn Tage 
jedesmal sind eine lange Zeit. 

Es war scbon Mittag, als die ersten von uns aus den 
Baracken krocben. Eine balbe Stunde spater batte jeder 
sein Kocbgeschirr gegriffen, und wir versammelten uns 
vor der Gulascbmarie, die fettig und nahrbaft rocb. An 
der Spitze natiirlicb die Hungrigsten: der Heine Albert 
Kropp, der von uns am klarsten denkt nnd desbalb erst 
Gefreiter ist; — Miiller V, der nocb Scbulbiicber mit sicb 
berumscbleppt und vomNotexamen traumt ; im Trommel- 


8 



feiier biiffelt er pbysikalisclie Lehrsltze; — Leer, der einen 
VoUbart tragt imd groBe Vorliebe fiir Madcben was den 
Offizierspnffs bat; er scbwort daranf, daB sie dnrch 
Armeebefehl verpjBbcbtet waren, seidene Hemden zti 
tragen and bei Gasten vom Hauptmann aafwtos vorher 
m badcn; — als vierter ich, Paul Baumer. AUe vier neun- 
zebn Jabre alt, alle vier aus derselben Klasse in den Krieg 
gegangen. 

Dicbt binter uns unsere Freunde* Tjaden, ein magerer 
Scblosser, so alt wie wir, der groBte Fresser der Kom- 
pagnie. Er setzt sich schlank zum Essen bin und stebt 
dick wie eine scbwangere Wanze wieder auf; — Haie 
Westbus, gleicb alt, Torfstecber, der bequem ein EommiB- 
brot in eine Hand nebmen und fragen kann: Ratet mal, 
was ich in der Faust babe; — Detering, ein Bauer, der nur 
an seinen Hof und an seine Frau denkt; — und endlicb 
Stanislaus Katczinsky, das Haupt unserer Gruppe, zab, 
scblau, gerissen, vierzig Jabre alt, mit einem G^sicbt aus 
Erde, mit blauen Augen, bangenden Scbultern und einer 
wunderbaren Witterung fur dicke Luft, gates Essen und 
scbdne Druckposten. — 

Unsere Gruppe bildete die Spitze der Schlange vor der 
Gulascbkanone. Wir warden angeduldig, denn der 
abnungslose Kiicbenkarl stand noch immer und wartete. 

Endbcb rief Katczinsky ibm zu: „Nun macb deinen 
BouillonkeUer scbon auf, Heinricbl Man siebt docb, daB 
die Bobnen gar sind/‘ 


9 



Dei: scliiittelte schlafrig den Kopf: „Er8t mUBt ikr alle 
da sein.*^ 

Tjaden grinste: ,,Wir sind alle da/'^ 

Der Unteroffizier merkte nocht niclits, „Das fconnt© 
encli so passen! Wo sind denn die andem?^* 

„Die werden hente niclit von dir verpflegt ! Feldlazarett 
nnd Massengrab.*^ 

Der Kiicbenbnlle war erschlagen, als er die Tatsachen 
erfnhr. Er wankte, „Und ich babe fur bnndertfonfzig 
Mann gekocbt/* 

Kropp stiefi ihm in die Rippen. „Dann werden wir 
endlicb mal satt. Los, fang an!“ 

Pl5tzlicb aber durchfobr Tjaden eine Erleucbtung. 
Sein spitzes Mausegesicbt fing ordentlich an zu schim- 
mem, die Augen wurden klein vor Scblaubeit, die Backen 
zuckten, und er trat dicbter heran: ,,Menscben8kind, dann 
bast du ja aucb fur bundertfiinfzig Mann Brot empfan- 
gen, was?‘‘ 

DerUnteroffizier nickte verdattert und geistesabwesend. 

Tjaden packte ibn am Rock. ,,Und Wurst aucb?‘* 

Der Tomatenkopf nickte wieder. 

Tjadens Kiefer bebten. ,,Tabak aucb?*^ 

„Ja, a]les.‘* 

Tjaden sab sicb strablend lun. „Donnerwetter, das 
nennt man Scbwein baben! Das ist dann ja alles fiir uns ! 
Da kriegt jeder ja — wartet mal — tatsicblicb, genau 
doppelte Portionen!‘* 


10 



Jetzt aber erwacbte die Tomate wieder zmn Leben imd 
erklarte: ^Das gebt nicbt/* 

Docb Him wiirden aucb wir mimter imd jschoben mas 
teran. 

,,Warajii gebt das denn nicbt, du Mohmibe?^* fragte 
Katczinsky- 

^,Wa8 fur btmdeitfimfzig Mann ist, kann dock nicht 
fur acbtzig 

,,Das warden wir dir schon zeigen“, knurrte Miiller. 

„Da8 Essen meinetwegen, aber Portionen kann icb niir 
fur acbtzig Mann ausgeben^*, bebarrte die Tomate. 

Katczinsky wurde argerKcb. „Du muBt wohl mal 
abgelost warden, was? Du bast nicbt fur acbtzig Mann^ 
sondem fur die 2. Kompagnie Furage empfangen, fertig. 
Die gibst du aus! Die 2. Kompagnie sind wir.‘^ 

Wir riickten dem Kerl auf den Leib. Keiner konnte 
ihn gut leiden, er war scbon ein paarmal scbuld daran ge- 
wesen, dafi wir im Graben das Essen viel zu spat und kalt 
bekommen batten, weil er sicb bei etwas Granatfeuer mit 
seinem Kessel nicht nabe genug berantraute, so daB un- 
sere Essenholer einen viel weiteren Weg macben muBten 
als die der andem Kompagnien. Da war Bulcke von dor 
ersten ein besserer Burscbe. Er war zwar fett wie ein 
Winterbamster, aber er scbleppte, wenn es darauf ankam, 
die T5pfe selbst bis zur vordersten Lmie. 

Wir waren gerade in der ricbtigen Stimmung, und es 
batte bestimmt Kleinbolz gegeben, wenn nicbt unser 


11 



Kompagmefoirer aufgetauclit ware. Er erkimdigte sich 
nach dem. Streitfall und sagte vorlaafig nur: „Ja, wir 
taben gestem starke Verluste gehabt — 

Dann guckte er in den Kessel. „Die Boknen sckeinen 
gut zn sem.“ 

Die Tomate nickte. ,,Mit Fett imd Fleisch gekocht/^ 
Der Lentnant sah uns an. Er wuBte, was wir dackten. 
Anck sonst wufite er nock manckes, denn er war zwiscken 
nns groB geworden imd als Unteroffizier znr Kompagnie 
gekonunen. Er kob den Deckel nock einmal vom Kessel 
nnd scknupperte. Im Weggeken sagte er: mir 

anck einen Teller voll. Und die Portionen werden alle ver- 
teilt. Wir konnen sie braucken/‘ 

Die Tomate mackte ein dummes Gesickt. Tjaden tanzte 
nm sie kerum. 

„Das sckadet dir gar nickts ! Als ob ihm das Proviant- 
amt gekort, so tut er. Und ntm fang an, du alter Speck- 
jSger, und verzahle dick nickt — 

,,Hwg dick auf!‘‘ fauckte die Tomate. Sie war ge- 
platzt, so etwas ging ikr gegen den Verstand, sie begriff 
die Welt nickt mekr. Und als wollte sie zeigen, daB nun 
sckon alles egal sei, verteilte sie pro Kopf freiwillig nock 
ein kalbes Pfimd Kunsthonig. 

Der Tag ist wirklick gut keute. Sogar Post ist da, fast 
jeder kat ein paar Briefe und Zeitungen. Nun scklendem 

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wir zu der Wiese limter den Baracken Iiiniiber. Kropp tat 
den riinden Deckel eines Margarinefasses unteirm Arm, 

Am rechten Rande der Wiese ist eine groBe Massen- 
latrine erbaut, ein iiberdachtes, stabiles Gebinde. Dock 
das ist was fur Rekruten, die nock nickt gelemt kaben, 
aus jeder Sacke Vorteil zu ziehen. Wir suchen etwas Besse* 
res. tJberall verstreut steken namlich nock kleine Einzel- 
kasten fur denselben Zweck. Sie sind viereckig, sauber, 
ganz aus Holz getischlert, rundum geschlossen, mit einem 
tadellosen, bequemen Sitz. An den Seitenflackenbej&nden 
sick Handgriffe, so dafi man sie transportieren kann. 

Wir riicken drei im Kreise zusammen imd nehmen ge- 
miitlick Platz. Vor zwei Stunden werden wir kier nickt 
wieder aufsteken. 

Ich weiB nock, wie wir uns anfangs genierten als Re- 
kruten in der Kaserne, wenn wir die Gemeinsckafts- 
latrine benutzen muBten. Tiiren gibt es da nickt, es sitzen 
zwanzig Mann nebeneinander wie in der Eisenbahn. Sie 
sind mit einem Blick zu iiberseken; — der Soldat soli eben 
standig unter Aufsickt sein. 

Wir kaben inzwiscken mehr gelemt, als das biBcken 
Sckam zu tiberwinden. Mit der Zeit wurde uns nock ganz 
anderes gelaufig. 

Hier drauBen ist die Sacke aber geradezu ein GenuB. 
Ick weiB nickt mekr, weskalb wir friiker an diesen Dingen 
immer scheu vorbeigeken muBten, sie sind ja ebenso na- 
tiirlick wie Essen und Trinken. Und man brauckte sick 


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vielleiclit atick nicht besonders dariilber zu auBem, wcbb 
sie Bicbt so eine wesentliche Rolle bei bus spielten tmd ge- 
rade tms neii gewesen waren — den iibrigen waren sie 
langst selbstverstandlicb. 

Dem Soldaten ist sein Magen nnd seine Verdanimg ein 
vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen. Drei- 
Bertel seines Wortscbatzes sind ihm entnommen, nnd so- 
^obl der Ausdruck bocbster Freude als aucb der tiefster 
Entriistxmg findet bier seine kernige Untermalung. Es ist 
iimnogKcb, sich anf eine andere Art so knapp nnd klar zb 
anBem. Unsere Familien nnd nnsere Lebrer werden sich 
scbon wundem, wenn wir nacb Hause kommen, aber es 
ist bier nim einmal die Universalspracbe. 

Fur Tins baben diese ganzen Vorgange den Cbarakter 
der Unscbuld wiedererbalten durcb ihre zwangsmaBige 
Offentlichkeit. Mebr noch: sie sind uns so selbstverstand- 
licb, daB ibre gemiitbcbe Erledigung ebenso gewertet wird 
wie meinetwegen ein scbon durchgefubirter, bombensiche- 
rer Grand obne viere. Nicbt umsonst ist fur GescbwHtz 
aller Art das Wort „Latrinenparole“ entstanden; diese 
Oite sind die Klatscbecken und der StamintischersatJc 
beim KommiB. 

Wir fiiblcn uns augenblickbcb wobler als im nocb so 
weiB gefcacbelten Luxuslokiis. Dort kann es nur bygie- 
niscb sein; bier aber ist es scbdn. 

Es sind wunderbar gedankenlose Stunden. tJber uns 
stebt der blaue HimmeL Am Horkont h^ngen hell be- 


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straMte gelbe Fesselballons nnd die weiBen Wolkcheii der 
Flakgescliosse. Manchmal scimelleii sie wie eine Garbe 
hocli, weim sie emeu Flieger verfolgen. 

Nut wie eio. sebr femes Gewitter liSreaa wir das ge- 
dampfte Bmmmen der Front. Hnmmeki, die vornber- 
sinnmen, iibertdnen es schon. 

Und rimd nm tms Hegt die bliiliende Wiese. Die zarten 
Rispen der Graser wiegen sich, KoMweiBlinge taumeln 
heran, sie schweLen im weichen, warmen Wind des Spat- 
sommers, wir lesen Briefe und Zeitungen und rauchen, 
wir setzen die Miitzen ab und legen sie neben uns, der 
Wind spielt mit xmsem Haaren, er spielt mit unsern 
Worten und Gedanken. 

Die drei Kasten steben mitten im leucbtenden, roten 
Edatscbmobn. — 

Wir legen den Deckel des Margarinefasses auf unsere 
Knie. So haben wir eine gute Dnterlage zum Skatspielen. 
Ejropp hat die Karten bei sich. Nach jedem Null-ouvert 
wird eine Partie Scbieberamsch eingelegt. Man konnte 
ewig so sitzen. 

Die Tone einer Ziehharmonika klingen von den Ba- 
racken her. Manchmal legen wdr die Karten bin und sehen 

uns an. Einer sagt dann; ^Kinder, Kinder oder: 

„Das hatte schiefgehen konnen — und wir versinken 
einen Augenblick in Schweigen. In uns ist ein starkes, ver- 
haltenes Gefiihl, jeder spiirt es, das braucht nicht viele 
Worte. Leicht hatte es sera k5nnen, daB wir heute nicht 


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aiif nnsem Kasten safien, es war verdammt nalie daran* 
Und darnm ist alles neu imd stark — der rote Mohn imd 
das gute Essen, die Zigaretten imd der Sommerwind. 

Kropp fragt: „Hat einer von eucli Kemmerich noch 
mal gesehen?‘‘ 

„Er Kegt in St. Joseph^^, sage ich. 

Muller meint, er habe einen ObersclienkeldnrcliscliuB, 
einen guten HeimatpalJ. 

Wir bescMieBen, ihn nachmittags zu besucben. 

Kropp bolt einen Brief bervor. ,,Ich soil encb griiBen 
von Kantorek.*^* 

Wir lacben. Muller wirft seine Zigarette weg und sagt : 
„Icb woUte, der ware bier.‘‘ 


Kantorek war unser Klassenlebrer, ein strenger, kleiner 
Mann in grauem ScboBrbck, mit einem Spitzmausgesicbt. 
Er batte ungefabr dieselbe Statur wie der Unteroffizier 
HimmelstoB, der „Scbrecken des Klosterberges^^. Es ist 
iibrigens komiscb, daB das Ungliick der Welt so oft von 
kleinen Lenten berriibrt, sie sind viel energischer und un- 
vertragbcber als groBgewacbsene. Icb babe micb stets ge- 
biitet, in Abteilungen mit kleinen Kompagniefubrern zu 
geraten; sie sind meistens verfluchte Scbinder. 

Kantorek bielt ims in den Turnstunden so lange Vor- 
trage, bis unsere Klasse unter seiner Fiibrung gescblossen 
zum Bezirkskommando zog und sicb meldete. Icb sehe 


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ilm noch vor noir, -wie er uns dtucch seine Brillenglaser an- 
funkelte und mit ergrifiener Stimme firagte: „Ilir gekt 

docli mit, Kameraden?^^ 

Diese Erzieher haben ihr Gefiilil so oft in der Westen- 
tasche parat; sie geben es ja aucb stundenweise aus* Dock 
dariiber macbten -wir uns damals nocb keine Godanken. 

Einer von uns allerdings zogerte und woUte nicht recbt 
mit. Das war Josef Behm, ein dicker, gemiitlicherBurscke. 
Er lieli sicb dann aber iiberreden, er hatte sich. aucb sonst 
unmoglich gemacbt, Vielleicbt dachten nocb mebrere so 
wie er; aber es konnte sicb niemand gut ausscbliefien, 
denn mit dem Wort „feige‘'‘ waren um diese Zeit sogar 
Eltern rascb bei der Hand. Die Menscben batten eben alle 
keine Abmmg von dem, was kam. Am verniinftigsten waren 
eigentlicb die armen und einfacben Leute; sie bielten den 
Krieg gleicb fur ein Ungliick, wabrend die bessergestellten 
vor F reude nicbt aus nocb ein wuBten, obscbon gerade sie 
sicb ixber die Folgen viel eber batten klar werden konnen. 

Katczinsky bebauptet, das kame von der Bildung, sie 
macbe damlicb, Und was Kat sagt, das bat er sicb iiber- 
legt. 

Sonderbarerweise war Bebm einer der ersten, die fielen. 
Er erbielt bei einem Sturm einen ScbuB in die Augen, und 
wir liefien ibn fur tot liegen. Mitnebmen konnten wir ibn 
nicbt, weil wir iiberstiirzt zuriick muBten. Nacbmittags 
borten wir ibn pldtzlicb rufen und sahen ibn drauBen 
berumknecben, Er war nur bewnBtlos gewesen. Weil er 


2 Rem&rque, Westen 


17 



michts sail tmd wild vor Sckmerzen war, nntzte er keine 
Deckimg aiis, so da6 er von druben abgescliossen wnrde^ 
ebe jemand berankam, nm ihn zu bolen. 

Man kann Kantorek natiirlicb nicbt damit in Zusam- 
menbang bringen; — wo bKebe die Welt sonst, wenn man 
das scbon Scbtild nennen woUte. Es gab ja Tausende von 
Kantoreks, die alle iiberzengt waren, anf eine fiir sie be- 
qneme Weise das Beste zti tun. 

Darin liegt aber gerade fur nns ibr Bankerott. 

Sie sollten uns Acbtzebnjahrigen Vermittler und 
Fiibrer zur Welt des Erwacbsenseins werden, zur Welt 
der Arbeit, der Pflicbt, der Kultur und des Fortscbritts, 
zur Zukunft. Wir verspotteten sie mancbmal und spielten 
ibnen kleine Streicbe, aber im Grunde glaubten wir 
ilmen. Mit dem Begriff der Autoritat, dessen Tr^ger sie 
waren, verband sicb in unseren Gedanken gr56ere Ein- 
sicht und menschlicberes Wissen. Dock der ersteTote, den 
wir saben, zertriimmerte diese tJberzeugung. Wir muCten 
erkennen, dafi unser Alter ebrlicber war als das ibre; sie 
batten vor tms nur die Phrase und die Gcschicklicbkeit 
voraus. Das erste Trommelfeuer zeigte uns unseren Irr- 
turn, und unter ibm stiirzte die Weltanschauung zusam- 
men, die sie uns gelehrt batten. 

Wabrend sie nocb scbrieben und redeten, saben wir 
Lazarette und Sterbende; — wabrend sie den Dienst am 
Staate als das GrSBte bezeichneten, wuBten wir bereits, 
da6 die Todesangst starker ist. Wir wurden daruin keine 


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Meuterer, keiiie Deserteure, keine Feiglinge — alle diese 
Aiisdrucke waren Hmen ja so leicht zur Hand — , wir iieb- 
ten UBsere Heimat genau so wie sie, nnd wir gingen bei 
jedem Angriff mutig vor; — aber wir imterscbieden jetzt, 
wir batten mit einem Male seben gelemt. Und wir saben, 
da6 nicbts von ibrer Welt iibrig blieb. Wir waren plotzbcb 
auf forcbtbare Weise allein; — nnd vnx mnBten allein da- 
roit fertig werden. 

Bevor wir zn Kemmerich aufbrecben, packen wir seine 
Sacben ein; er wird sie unterwegs gut braucben kGnnen. 

Im Feldlazarett ist grofler Betrieb; es riecbt wie iminer 
nacb Karbol, Eiter und SchweiB. Man ist aus den Ba- 
racken mancbes gewobnt, aber bier kann einem docb flan 
werden. Wir fragen uns nacb Kemmericb durcb; er liegt 
in einem Saal und empfangt uns mit einem scbwacben 
Ausdruck von Freude und bilf loser Aufregung. Wabrend 
er bewuBtlos war, bat man ibm seine Ubr gestoblen. 

Muller scbiittelt den Kopf; „Ich babe dir ja immer ge- 
sagt, daB man eine so gute Ubr nicbt mitnimmt/^ 

Muller ist etwas tapsig und recbthaberiscb. Sonst wiirde 
er den Mund balten, denn jeder siebt, daB Kemmericb 
nicbt mebr aus diesem Saal berauskommt. Ob er seine 
Ubr wiederfindet, ist ganz egal, bocbstens, daB man sie 
nacb Hause scbicken konnte. 

„Wie gebt’s denn, Franz fragt Kropp. 


2 ^ 


19 



Kemmericli laBt den Kopf sinten. „Es geiit ja — ich 
tabe blo6 so verflucbte Schmerzen im FnB/^ 

Wir seben anf seine Decke. Sein Bein liegt unter einem 
Drabtkorb, das Deckbett wolbt sick dick dariiber. Icb 
trete Muller gegen das Schienbein, denn er brachte es 
fertig, Kemmerich zu sagen, was uns die Sanitater drauBen 
scbon erzahlt haben: dafi Kemmerich keinen Fufi mehr 
hat. Das Bein ist amputiert. 

Er sieht schrecklich aus, gelb imd fahl, im Gesicht sind 
schon die fremden Linien, die wir so genau keimen, weil 
wir sie schon hundertmal gesehen haben. Es sind eigent- 
lich keine Linien, es sind mehr Zeichen. Unter der Haut 
pulsiert kein Leben mehr; es ist bereits herausgedrangt 
bis an den Rand des KSrpers, von innen arbeitet sich der 
Tod durch, die Augen beherrscht er schon. Dort liegt 
unser Kamerad Kemmerich, der mit uns vor kurzem noch 
Pferdefleisch gebraten und im Trichter gehockt hat; — er 
ist es noch, und er ist es doch nicht mehr, verwaschen, un- 
bestimmt ist sein Bild geworden, wie eine photographische 
Platte, auf der zwei Aufnahmen gemacht worden sind. 
Selbst seine Stimme klingt wie Asche. 

Ich denfce daran, wie wir damals abfuhren. Seine 
Mutter, eine gute, dicke Frau, brachte ihn zum Bahnhof. 
Sie weinte ununterbrochen, ihr Gesicht war davon ge- 
dunsen und geschwoUen. Kemmerich genierte sich des- 
wegen, denn sie war am wenigsten gefaBt von alien, sie 
zerfloB formlich in Fett und Wasser. Dabei hatte sie es 


20 



auf mich abgeselieii, immer wieder ergriff sie meineii Axm 
imd flekte micli an, auf Franz drauBen aclitzugeben. Er 
batte allerdings aucb ein Gesicht wie ein Eond mad so 
weicbe Knochen, dalJ er nach vier Wocben Tornister- 
tragen scbon PlattfuBe bekam. Aber wie kann naan ini 
Felde auf jeinand acbtgeben! 

„Du wrst ja nun nacb Hause kommen,'^^ sagt Kropp, 
,,auf Urlaub bSttest du mindestens nocb drei, vier Monate 
warten mussen/‘ 

Kemnierich nickt- Ich kann seine Hande nicbt gut 
anseben, sie sind wie Wacbs. Unter den Nagebi sitzt der 
Scbmutz des Grabens, er siebt blauscbwarz aus wie Gift. 
Mir f^t ein, dali diese Nagel weiterwacbsen werden, lange 
nocb, gespenstiscbe Kellergewacbse, wenn Kemmericb 
lIuDLgst nicbt mebr atmet. Icb sebe das Bild vor mir; sie 
kriimmen sich zu Korkziebem und wachsen und wacb- 
sen, und mit ibnen die Haare auf deni zerfallenden 
Scbadel, wie Gras auf guteni Boden, genau wie Gras, wie 
ist das nur mogEcb — ? 

Muller biickt sicb. „Wir baben deine Sacben mit- 
gebracbt, Franz.‘‘ 

Kemmericb zeigt mit der Hand. „Legt sie unters Bett.*‘ 

Muller tut es. Kemmericb f^gt wieder von der Ubx an. 
Wie soil man ibn nur berubigen, obne ibn mifitrauiscb zu 
macben ! 

Muller taucbt mit einem Paar FKegerstiefel wieder auf. 
Es sind berrKcbe engliscbe Scbube aus weicbem, gelbem 


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Leder, die bis zmn Knie reicben und ganz Hnanf ge- 
sckaiirt werden, eine begebrte Sacbe. Miiller ist von ibrem 
Anblick begeistert, er bait ibre Soblen gegen seine eigenen 
klobigen Scbube xmd fragt: „Wiiist du denn die Stiefel 
mitnebmen, Franz 

Wir denken alle drei das gleicbe : selbst wenn er gesnnd 
wiirde, konnte er nur einen gebrancben, sie waxen fiir ibn 
also wertlos. Aber wie es jetzt stebt, ist es ein Jammer, 
da6 sie bierblciben; — denn die Sanitater werden sie na- 
tiirlicb sofort wegschnappen, wenn er tot ist. 

Muller wiederbolt: ,,WiUst du sie nicht bier lassen?^^ 

Kemmericb will nicbt. Es sind seine besten Stiicke. 

„Wir konnen sie ja uintauscben,“ schlagt Miiller wieder 
vor, „bier draufien kann man so was braucben.^^ Dock 
Kemmericb ist nicht zu bewegen. 

Icb trete Muller auf den Fu6 ; er legt die scbonen Stiefel 
zogernd wieder unter das Bett. 

Wir reden nocb einiges und verabscbieden uns dann. 
„Macb^s gut, Franz.^*^ 

Icb versprecbe ibm, morgen wiederzukommen. Miiller 
redet ebenfaHs davon; er denkt an die Scbniirscbube und 
will desbalb auf dem Posten sein. 

Kemmericb stobnt. Er bat Fieber. Wir balten draufien 
einen Sanitater an und reden ibm zu, Kemmericb eine 
Spritze zu geben. 

Er lebnt ab. ,,Wenn wir jedem Morphium geben woU* 
ten, miifiten wir Fasser voU baben — 

22 



„Dii bedienst woM nur Offiziere*^^ sagt Kjopp ge- 
Mssig. 

RascK lege ich micli ins Mittel und gebe dem Sanitater 
znnachst mal eine Zigarette. Er nimmt sie. Dann frage 
icii: „Darfst du denn iiberlianpt eine macheii?*^ 

Er ist beleidigt. „Wenn ibr’s nicbt glaubt, was fragt 
ilnr micb — 

Icb driicke ibm nock ein paar Zigaretten in die Hand. 
„Tu uns den Gefallen — 

,,Na, scb6n‘\ sagt er. Kropp geht mit iLm binein, er 
trant ibm nicbt nnd will zuseben. Wir warten draiiBen, 

Miiller fangt wieder von den Stiefeln an. „Sie wiirden 
mir tadellos passen. In diesen Kabnen lanfe icb mir Blasen 
uber Blasen. Glanbst dn, da6 er durcbbalt bis morgen 
nacb dem Dienst? Venn er nacbts abgebt, baben wir die 
Stiefel geseben — 

Albert kommt zuruck. „Meint ibr fragt er. 

„Erledigt'^‘, sagt Miiller abscblieBend. 

Wir geben zu unsern Baracken zuruck. Icb denke an 
den Brief, den icb morgen scbreiben muB an Kemmericbs 
Mutter. Micb friert, icb mocbte einenSchnaps trinken. 
Muller rupft Graser aus und kaut daran. Plotzlicb wirft 
der kleine Kropp seine Zigarette weg, trampelt wild dar- 
auf berum, siebt sicb um, mit einem aufgelosten und ver- 
st5rten Gesicbt, und stammelt: ,,Verflucbte ScbeiBe, diese 
verflucbte Schei6e.‘^ 

Wir geben weiter, eine lange Zeit. Kropp bat sicb 

23 



benihigt, wir kennen das, es ist der FrontkoUer, jeder 
kat ihn mal. 

Muller fragt ihn: „Was kat dir der Kantorek eigentkck 
gesckrieben?“ 

Er lackt: „Wir -waren die eiseme Jugeiid.“ 

Wir lacken alle drei argerlick. Kropp sckimpft; er ist 
firok, da6 er reden kann. — 

Ja, so denken sie, so denken sie, die kunderttausend 
Eantoreks! Eiseme Jugend. Jugend! ^Wir sind alle nickt 
mekr als zwanzig Jakre. Aker jung? Jugend? Das ist 
lange ker. Wir sind alte Leute. 



II 


E s ist fiir micli sonderbax, daran zu denken, daB zn 
Hause^ in einer Scbreibtischlade, ein angefangenes 
Drama „Sai2l“ imd ein StoB Gedichte liegen, Mancben 
Abend babe icb dariiber verbracbt, wir baben ja fast 
alle so etwas Ahnlicbes gemacbt; aber es ist mir so xm- 
wirklicb geworden, daB icb es mir nicbt mebr ricbtig vor- 
stellen kann. 

Seit wir bier sind, ist unser friiberes Leben abgeschnitten, 
obne daB wir etwas dazu getan baben. Wir versucben 
mancbmal, einen tjberbKck und eine Erklarxmg dafiir zn 
gewinnen, docb es gelingt ims nicbt recbt. Gerade fur nns 
Zwanzigjahrige ist alles besonders unklar, fiir Kropp, 
Muller, Leer, micb, fur uns, dieKantorek als eiserne Jugend 
bezeicbnet. Die alteren Leute sind alle fest mit demFriibe- 
ren verbunden, sie baben Grund, sie baben Frauen, Kin- 
der, Berufe und Interessen, die scbon so stark sind, daB 
der Krieg sie nicbt zerreiBen kann. Wir Zwanzigjahrigen 
aber baben nur unsere Eltern und mancbe ein Madcben, 
Das ist nicbt viel — denn in unserm Alter ist die Kraft der 
Eltem am scbwacbsten, und die Madcben sind nocb nicbt 
beberrscbend. AuBer diesem gab es ja bei uns nicbt viel 
anderes mebr; etwas Scbwarmertum, einige Liebbabereien 


25 



iind die Schule; weiter reichte iinser Leben nock nicbt* 
Und davon ist laicbts gebKeben. 

Kantorek ^rnrde sagen,wir batten gerade an der Scbwell© 
des Daseins gestanden. So afanlicb ist es ancb. Wir waren 
nocb nicbt eingewnrzelt. Der Krieg bat nns wegge- 
scbwemmt. Fiir die andern, die Alteren, ist er eine Unter- 
brecbnng, sie konnen iiber ibn hinausdenken. Wir aber 
sind von ibm ergriffen worden und wissen nicbt, wie das 
enden soil. Was wir wissen, ist vorlaufig nur, dafi wir anf 
eine sonderbare und scbwermiitige Weise verrobt sind, 
obscbon wir nicbt einmal oft mebr traurig werden. 

Wenn Miiller gem Kemmericbs Stiefel baben will, so 
ist er desbalb nicbt weniger teilnabmsvoll als jemand, 
der vor Scbmerz nicbt daran 2na denken wagte. Er weiJS 
nur zu unterscbeiden. Wiirden die Stiefel Kemmericb 
etwas nutzen, dann liefe Miiller lieber barfoB iiber Stacbel- 
drabt, als zu uberlegen, wie er sie bekommt. So aber sind 
die Stiefel etwas, das gar nicbts mit Kemmericbs Zu- 
stand zu tun bat, wabrend Muller sie gut verwenden kanii« 
Kemmericb wird sterben, einerlei, wer sie erbalt. Wamm 
soli desbalb Muller nicbt dabinter ber sein, er bat dock 
mebr Anrecbt darauf als ein Sanitater! Wenn Kemmerich 
erst tot ist, ist es zu spat. Desbalb paBt Miiller eben jetzt 
scbon auf. 

Wir baben den Sinn fiir andere ZusammenbUnge ver- 


26 



loren, weil sie kimstlick sind, Nur die Tatsacken sind 
ricktig und wicktig fiir uns, TJnd gute Stiefel sind selten, 

Fruker war auck das anders. Als wix zum Bezirkskom- 
mando gingen, waren wir nock eine Klasse von zwanzig 
jnngen Menscken, die sick, mancke zum ersten Male, 
iibermutig gemeinsam rasieren lieB, bevor sie den Ka- 
semenkof betrat, Wir batten keine fasten Plane fur die 
Zukunft, Gedanken an Karriere und Bemf waren bei den 
wenigsten praktisck bereits so bestimmt, dafi sie eine Da- 
seinsform bedeuten konnten; — dafiir jedock steckten 
wir voll ungewisser Ideen, die dem Leben und auck dem 
Kriege in unseren Augen einen idealisierten imd fast 
romantiscken Ckarakter verlieken. 

Wir wurden zekn Wocken milit^isch ausgebildet und 
in dieser Zeit entsckeidender umgestaltet als in zekn 
Jakren Sckulzeit. Wir lernten, daB ein geputzter Knopf 
wicktiger ist als vier BSnde Sckopenkauer. Zuerst erstaunt, 
dann erbittert imd schlieBlick gleichgiiltig erkannten wir, 
daB nickt der Geist ausschlaggebend zusein sckien, sondern 
die Wicksbiirste, nickt der Gedanke, sondern das System, 
nickt die Freikeit, sondern der Drill. MitBegeisterung und 
gutem Willen waren wir Soldaten geworden; afaer man 
tat alles, um uns das auszutreiben. Nack drei Wocken war 
es uns nickt mekr unfaBlick, daB ein betreBter Brieftrager 
mehrMackt iiber uns besaB als friiher unsere Eitem, unsere 


27 



Erzieher imd samtliclie Kulttorkreise von Plato bis Goetbe 
znsammen. Mit iinseren jnngen, wachen Angen saben wir, 
da6 der Hassiscbe Vaterlandsbegriff imserer Lebxer sicb 
bier vorlaufig realisierte zu emem Aiifgeben der Person- 
licbkeit, wie man es dem geringsten Dienstboten me zu- 
gemutet baben vrurde. GriiBen, Strammsteben, Parade- 
marscb, Gewebrprasentieren, Recbtsum, Linksnm, Hak- 
kenzusammenscblagen, ScMmpfereien nnd tausend Scbi- 
kanen: wir batten nns nnsere Anfgabe anders gedacbt 
nnd fanden, da6 wir auf das Heldentum wie Zirkuspferde 
vorbereitet wurden. Aber wir gewobnten nns bald daran. 
Wir begrifFen sogar, daB ein Teil dieser Dinge notwendig, 
ein anderer aber ebenso liberfliissig war. Der Soldat bat 
dafiir eine feine Nase. 

♦ 

Zn dreien und vieren wurde xmsere Klasse iiber die 
Korporalscbaften verstreut, znsammen mit friesiscben 
Fiscbern, Bauem, Arbeitern und Handwerkern, mit denen 
wir nns scbnell anfrenndeten. Kropp, Miiller, Kemmerich 
nnd icb kamen zur neunten Korporalscbaft, die der Unter- 
offizier HimmelstoB fiibrte. 

Er gait als der scbarfste Schinder des Kasernenbofes, 
imd das war sein Stolz. Ein kleiner, untersetzter Kerl, der 
zwolf Jabre gedient batte, mit fucbsigem, anfgewirbeltem 
Scbnnrrbart, im Zivilberuf BrieftrSger. Anf Kropp, Tja- 
den, Westbus imd micb batte er es besonders abgeseben, 
wed er nnsem stillen Trotz spiirte. 


28 



Ich liabe an einem Morgen vierzelmmal sein Bett ge- 
baut. Immer wieder fand er etwas daran auszusetzen iind 
riB es herxinter. Ich babe in zwanzigstiindiger Arbeit — 
mit Pausen natiirlich — ein. Paar uralte, steinbarte Stiefel 
80 bntterweicb gescbmiert, daB selbst HimmelstoB nicbts 
mebr daran anszusetzen fand; — icb babe auf seinen Be- 
febl mit einer Zabnbiirste die Korporalscbaftsstube sauber 
gescbxubbt; — Kropp und icb baben uns mit einer Hand- 
biirste und einem Fegeblech an den Auftrag gemacbt, den 
Kasernenbof vom Scbnee reinzufegen, und wir batten 
durcbgebalten bis zum Erfrieren, wenn nicbt ziifallig ein 
Leutnant aufgetaucbt ware, der uns fortscbickte imd 
HimmelstoB macbtig anscbnauzte. Die Folge war leider 
nur, daB HimmelstoB um so wiitender auf uns wurde. Icb 
babe vier Wocben bintereinander jeden Soimtag Wacbe 
gescboben und ebensolange Stubendienst gemacbt; — 
icb babe in voUem Gepack mit Gewebr auf losem, nassem 
Sturzacker „Sprung auf, marscb, marscb“ und „Hinlegen‘^ 
geiibt, bis icb ein Dreckklumpen war xmd zusammen- 
bracb; — ich babe vier Stunden sp^er HimmelstoB mem 
tadellos gereinigtes Zeug vorgezeigt, allerdings mit blutig 
geriebenen Hmden; — icb babe nait Kropp, Westbus und 
Tjaden obne Handschube bei scbarfem Frost eine Viertel- 
stunde ,,Stillgestanden‘‘ geubt, die bloBen Finger am 
eisigen Gewebrlauf, lauemd umschlicben von Himmel- 
stoB, der auf die geringste Bewegung wartete, um ein Ver- 
geben festzustellen; — icb bin nachts um zwei Ubr acbt- 


29 



mal im Hemd vom obersten Stock der Kaseme beninter- 
gerannt bis aof den Hof, weil meine Unterhose einige 
Zentimeter iiber den Rand des Schemels binaiisragte, anf 
dem jeder seine Sacben aufscbicbten mixBte. Neben mir 
lief der Unteroffizier vom Dienst, HimmelstoB, und trat 
mir auf die Zehen; — ich babe beim Bajonettieren standig 
mit HimmelstoB fecbten miissen, wobei icb ein scbweres 
Eisengestell nnd er ein bandlicbes Holzgewebr batte, so 
daB er mir beqnem die Arme braiin imd blan scblagen 
konnte; allerdings geriet icb dabei einmal so in Wut, daB 
icb ibn blindUngs iiberrannte xmd ihm einen derartigen 
StoB vor den Magen gab, daB er umfiel. Als er sicb be- 
scbweren woUte, lacbte ibn der Kompagniefiibrer aus imd 
sagte, er solle docb aufpassen; er kannte seinen Himmel- 
stoB nnd scbien ibm den Reinfall zu gonnen. — Icb babe 
micb zu einem perfekten Kletterer auf die Spinde ent- 
wickelt; — icb sucbte allmablicb auch im Kniebeugen 
meinen Meister; — wir baben gezittert, wenn wir nur seine 
Stimme h5rten, aber kleingekriegt bat uns dieses wild- 
gewordene Postpferd nicbt, 

Als Kropp und icb im Barackenlager Sonntags an einer 
Stange die Latrineneimer uber den Hof scbleppten und 
HimmelstoB, blitzblank gescbniegelt, zum Ausgeben be- 
reit, gerade vorbeikam, sicb vor uns binstellte und fragte, 
wie uns die Arbeit gefiele, markierten wir trotz allem ein 
Stolpern und gossen ibm den Eimer iiber die Beine. Er 
tobte, aber das MaB war voU. 


80 



„Das setzt Festimg‘% sclirie er. 

Kropp liatte genug. „Vorher aber eine Untersucliimg^ 
imd da warden wir anspacken**, sagte er. 

„Wie reden Sie mit einem Unteroffizier briillte 
Himmelstofi, „sind Sie verruckt geworden? Warten Sie, 
bis Sie gefragt warden! Was wollen Sie 

„tJber Herm Unteroffizier atispacken!^ sagte Kropp 
nnd nahm die Finger an die Hosennabt. 

HimmelstoB merkte nun dock, was los war, nnd scbob 
ohne ein Wort ab. Bevor er verscbwand, krakehlte ex 
zwar nock: „Das werde ick euck eintranken‘\ — aber es 
war vorbei mit seiner Mackt. Er versuckte es nock einmal 
in den Sturzackern mit „Hmlegen“ nnd ^Sprung anf, 
marsck, marsck*‘. Wir befolgten zwar Jeden Befekl; denn 
Befekl ist Befekl, er mnJB ausgefiikrt werden. Aber wir 
fiikrten ihn so langsam aus, daB HimmelstoB in Verzweif- 
lung geriet. Gemiitlick gingen wir anf die Knie, dann auf 
die Arme nnd so fort; inzwiscken katte er sckon wiitend 
ein anderes Kommando gegeben. Bevor wir sckwitzten, 
war er keiser. 

Er lieB uns dann in Ruke. Zwar bezeicknete er xm® 
immer nock als Sckwcinekunde. Aker es lag Acktung darin* 
Es gab anch viele anstandige Korporale, die verniinf- 
tiger waren; die anstandigen waren sogar in der Uberzakl.^ 
Aber vor allem woUte jeder seinen guten Posten kier in 
der Heimat so lange behalten wie moglick, nnd das konnte 
er nnr, wenn er stramm mit den Rekmten war. 


31 



Uns ist dabei wobl jeder KasernenliofscMiff zateil ge- 
worden, der moglich war, und oft haben. wir vor Wat ge- 
bealt. Maacbe von uns sind aucb krank dadurch gewor- 
den, Wolf ist sogar an Lungenentziindang gestorben. Aber 
wir waren uns lacberlicb vorgekommen, wenn wir klein 
beigegeben batten. Wir warden bart, miBtrauiscb, mit- 
leidlos, racbsucbtig, rob, — und das war gut; denn diese 
Eigenscbaften feblten uns gerade. Hatte man uns obne 
diese Ausbildungszeit in den Scbutzengraben gescbickt, 
dann waren wobl die meisten von uns verriickt geworden. 
So aber waren wir vorbereitet fur das, was uns erwartete. 

Wir zerbracben nicbt, wir pafiten uns an; unsere 
zwanzig Jabre, die uns mancbes andere so schwer maeb- 
ten, balfen uns dabei. Das Wicbtigste aber war, daB in uns 
ein festes, praktiscbes Zusammengeb5rigkeitsgefubl er- 
wacbte, das sicb im Felde dann zum Besten steigerte, was 
der Krieg bervorbracbte : zur Kameradscbaft ! 

♦ 

Icb sitze am Bette Kemmericbs. Er verfallt mebr und 
mebr. Um uns ist viel Radau. Ein Lazarettzug ist an- 
gekommen, und die transportfabigen Verwundeten wer- 
den ausgesucbt. An Kemmericbs Bett gebt der Arzt vor- 
bei, er siebt ibn nicbt einmal an. 

„Das nacbste Mai, Franz‘% sage icb. 

Er bebt sicb in den Kissen auf die Ellbogen. „Sie baben 
micb amputiert.^* 

32 



Das weiB er also doch jetzt. Ick nicke imd antworte : 
,,S^i froli, daB du so weggakommen bist.“ 

Er sckweigt, 

Ich rede weiter: „Es koimten aucli beide Seine sein, 
Franz. Wegeler hat den rechten Arm verloren. Das ist 
viel scHimmer. Du kommst ja auch nach Hause.‘‘ 

Er sieht mich an. „Memst du?^'^ 

„Natiirlich.‘‘ 

Er wiederholt: „Memst du?^‘ 

„Sicher, Franz. Du muBt dich nur erst von der Ope- 
ration erholen.^*^ 

Er winkt mir, heranzuriicken. Ich beuge mich iiber ihn, 
und er fliistert: „Ich glaube es nicht.“ 

keinen Quatsch, Franz, in ein paar Tagen wirst 
du es selbst einsehen. Was ist das schon groB: ein ampu- 
tiertes Bein; hier warden ganz andere Sachen wieder 
zurechtgepflastert.^^ 

Er hebt eine Hand hoch. „Sieh dir das mal an, diese 
Finger,*® 

„Das kommt von der Operation. Futtere nur ordent- 
lich, dann wirst du schon aufholen. Habt ihr ansttodige 
Verpflegung?** 

Er zeigt auf eine Schiissel, die noch halbvoll ist. Ich 
gerate in Erregung. „Franz, du muBt essen. Essen ist die 
Hauptsache. Das ist doch ganz gut hier.** 

Er wehrt ab. Nach einer Pause sagt er langsam: „Ich 
woUte mal OberfSrster werden.** 


8 Remaxque, Westen 


33 



„Das kaimst du immer iiocli“, tr5ste ich. „Es gibt jetzt 
groBartige Protbeseii, du merkst damit gar nicbt, daB dir 
etwas feHt. Sie werden an die Muskeln angescHossen. Bei 
Handprotkeseii kann man die Finger bewegen und ar- 
beiten, sogar schreiben. Und auBerdem wird da immer 
nocb mebr erfimden warden/^ 

Er liegt eine Zeitlang still. Dann sagt er: „Du kannst 
meine Scbniirscbube fiir Muller mitnehmen,** 

Icb nicke und denke nach, was ich ibm Aufmunterndes 
sagen kann. Seine Lippen sind weggewischt, sein Mund 
ist grSBer geworden, die Zakne stecben bervor, als waren 
sie aus Kreide. Das Fleisch zerscbmilzt, die Stirn wolbt 
sicb starker, die Backenknocben steben vor. Das Skelett 
arbeitet sicb dxircb. Die Augen versinken scbon. In ein 
paar Stunden wird es vorbei sein. 

Er ist nicbt der erste, den icb so sebe; aber wir sind 
zusammen aufgewacbsen, da ist es docb immer etwas 
anders. Icb babe die Aufsatze von ibm abgescbrieben. Er 
trug in der Scbule meistens einen braunen Anzug mit 
Giirtel, der an den Armeln blankgewetzt war. Aucb war 
er der einzige von uns, der die groBe Riesenwelle am Reck 
konnte. Das Haar flog ibm wie Seide ins Gesicbt, wenn 
er sie macbte. Kantorek war desbalb stolz auf ibn. Aber 
Zigaretten konnte er nicbt vertragen. Seine Haut war 
sebr weiB, er batte etwas von einem Madcben. 

Icb blicke auf meine Stiefel. Sie sind groB und klobig, 
die Hose ist bineingescboben; wenn man aufstebt, siebt 

34 



man dick imd kraftig in diesen breiten Rokren ans. Aber 
wenn wir baden geben imd ims ansziehen, baben wir 
plotzlicb wieder scbmale Beine nnd scbmale Scbnltern. 
Wir sind dann keine Soldaten mebr, sondern beinabe 
Knaben, man wiirde aucb nicbt glanben, daB wb Tornister 
scbleppen konnen. Es ist ein sonderbarer Augenblick, 
wenn wir nackt sind; dann sind wir Zivilisten imd fuLlen 
nns ancb beinabe so. 

Franz Kemmericb sab beim Baden klein imd scbmal 
aus wie ein Kind. Da liegt er nun, wesbalb nur? Man 
sollte die ganze Welt an diesem Bette vorbeifiibren und 
sagen: Das ist Franz Kemmericb, neunzebneinbalb Jabre 
alt, er will nicbt sterben. La6t ibn nicbt sterben ! 

Meine Gedanken geben durcbeinander. Diese Luft von 
Karbol und Brand verscbleimt die Lungen, sie ist ein 
trager Brei, der erstickt. 

Es wird dunkel. Kemmericbs Gesicbt verbleicbt, es 
bebt sicb von den Kissen imd ist so blaB, daB es scbim- 
mert. Der Mund bewegt sicb leise. Icb nabere micb ibm. 
Er fliistert: ,,Wenn ibr meine Ubx findet, scbickt sie nacb 
Hause.‘^ 

Icb widersprecbe nicbt. Es bat keinen Zweck mebr. 
Man kann ibn nicbt tiberzeugen. Mir ist elend vor Hilf- 
losigkeit. Diese Stirn mit den eingesunkenen Scblafen, 
dieser Mund, der nur nocb GebiB ist, diese spitze Nase! 
Und die dicke weinende Frau zu Hause, an die icb 
schreiben muB. Wenn icb nur den Brief scbon weg batte. 


8 * 


35 



Lazarettgelalfen geten herum mit Flasciieii nnd 
Eimem. Einer kommt heran, wirft Kemmericli einen 
forschenden Blick zu imd entfemt sick wieder. Man siekt, 
daB er wartet, wakrsckeinlick krauckt er das Bett. 

Ick riicke nake an Franz keran und sprecke, als konnte 
ikn das retten: „VieUeickt kommst du in das Erkolungs- 
keim am Klosterberg, Franz, zwiscken den Villen. Du 
kannst dann vom Fenster aus iiker die Felder seken bis 
zn den beiden Baumen am Horizont. Es ist jetzt die 
sckonste Zeit, wenn das Kom reift, abends in der Sonne 
seken die Felder daim aus wie Perlmutter. Und die Pappel- 
aUee am Klosterback, in dem wir Sticklinge gefangen 
kaben ! Du kannst dir dann "wieder ein Aquarium anlegen 
und Fiscke ziickten, du kannst ausgeken und brauckst 
niemand zu firagen, und Klavierspielen kannst du sogar 
auck, wenn du willst/* 

Ick beuge mich iiber sein Gesickt, das im Schatten 
liegt. Er atmet nock, leise. Sein Gesickt ist naB, er weint. 
Da kabe ick ja sckdnen Unsinn angericktet mit meinem 
dummen Gerede ! 

„Aber Franz“ — ick umfasse seine Sckulter und lege 
mein Gesickt an seins. „Willst du jetzt scklafen?‘‘ 

Er antwortet nickt. Die TrSnen laufen ikm die 
Backen kerunter. Ick mockte sie abwiscken, aber mein 
Tasckentuck ist zu schmutzig. 

Eine Stunde vergekt. Ick sitze gespannt und beobackte 
jede seiner Mienen, ob er vielleickt nock etwas sagen 

36 



moclite. Wenn ex dock den Mnnd anftnn nnd sckxeien 
woUte! Aker er weint nnr, den Kopf znr Seite gewandt. 
Ex sprickt nickt von seiner Mutter und seinen Ge- 
sckwistem, er sagt nickts, es liegt wokl sckon kinter ihm; 
— er ist jetzt allein mit seinem kleinen neunzebnjabrigen 
Leben und weint, weil es ihn verl^t. 

Dies ist der fassungslosesteundsckwersteAbsckied, den 
ick je geseken kabe, obwokl es bei Tiedjen auck scblimna 
war, der nack seiner Mutter briillte, ein barenstarker 
Kerl, und der den Arzt mit aufgerissenen Augen angst- 
voU mit einem Seitengewekr von seinem Bett fernkielt, 
bis er zusaxnmenklappte. 

PlotzUck stoknt Kemmerich imd fangt an zu rockeln. 

Ick springe auf, stolpere kinaus und frage ; ,,Wo ist der 
Arzt? Wo ist der Arzt?^‘ 

Als ick den weiBen Kittel seke, kalte ick ikn fest, 
„Kommen Sie rasck, Franz Kemmerick stirbt sonst/^ 

Er mackt sick los und fragt einen dabeistekenden 
Lazarettgekilfen: „Was soil das kei6en?‘‘ 

Der sagt: „Bett 26, Obersckenkel amputiert/^ 

Er scknauzt: „Wie soU ick davon etwas wissen, ick 
kabe keute fiinf Beine amputiert‘% schiebt mick weg, sagt 
dem Lazarettgekilfen: „Seken Sie nack‘% und rennt zum 
Operationssaal. 

Ick bebe vor Wut, als ick mit dem Sanitater geke. Der 
Mann siekt mick an und sagt: „Eine Operation nack der 
andem, seit morgens fiinf Ukr — toll, sage ick dir, keute 


37 



allein wieder sedizelm Abgange — deiner ist der sieb- 
zebnte. Zwanzig werden sicker nock veil — 

Mir wird sckwack, ick kann plotzlick nickt mehr, Ick 
will nickt mekr sekimpfen, es ist sinnlos, ick mdekte mick 
fallen lassen nnd nie wdeder anfsteken. 

Wir sind am Bette Kemmericks. Er ist tot. Das Gesickt 
ist nock naB von den Tranen. Die Angen stekenkalb offen, 
sie sind gelb wie alte Hornknopfe. — 

Der Sanitater stoBt mick in die Rippen. „Nimmst du 
seine Sacken mit?‘‘ 

Ick nicke. 

Er fakrt fort: „Wir miissen ikn gleick wegbringen, wir 
brancken das Bett. DranBen liegen sie sekon anf dem 
Flur/^ 

Ick nekme die Sacken imd kndpfe Kemmerick die Er- 
kennungsmarke ab. Der Sanitater fragt nack dem Sold- 
buck. Es ist nickt da. Ick sage, daB es wokl auf der 
Sekreibstuke sein miisse, nnd geke. Hinter mir zerren sie 
Franz sekon anf eine Zeltbahn. 

Vor der Tiir fdhle ick wie eine Erlosung das Dunkel 
nnd den Wind. Ick atme, so sekr ick es vermag, nnd splire 
die Lnft warm nnd weick wie nie in meinem Gesickt. 
Gedanken an Madcken, an bliikende Wiesen, an weiBe 
Wolken fliegen mir plotzlick dnxck den Kopf. Meine FiiBe 
bewegen sick in den Stiefeln vorwarts, ick geke sckneller, 
ick lanfe. Soldaten kommen an mir voriiber, ikre Ge- 
sprache erregen mick, okne daB ick sie versteke. Die Erde 


38 



ist V 03 Q. KrMten dnrcMossen, die dtircli meine FnBsoHen 
in micli iiberstromen. Die Nacht knistert elektriscli, die 
Front gewittert dnmpf wie ein Trommelkonzert, Meine 
Glieder bewegen sich gescbmeidig, icb fiihle meine Gelenke 
stark, ich scbnanfe und schnaube. Die Nacbt lebt, icb lebe. 
Icb spiire Hunger, einen groBeren als mir vom Magen. — 
Miiller stebt vor der Baracke imd erwartet micb. Icb 
gebe ibm die Scbnbe. Wir geben binein, nnd er probiert 
sie an. Sie passen genau. — 

Er kramt in seinen Vorraten und bietet mir ein scbones 
Stiick Zervelatwurst an. Dazu gibt es beiBen Tee mit Rum. 



Ill 


W ir bekommen Ersatz, Die Liicken werden aus- 
gefullt, mid die Stroksacke in den Baracken sind 
bald belegt. Znm Ted sind es alte Leute, aber anck fiinf- 
nndzrvvanzig Mann junger Ersatz aus den Feldrekruten- 
depots werden nns iiberwiesen. Sie sind fast ein Jahr 
jiinger als wir. Kropp stofit mick an: „Hast du die 
Kinder geseken?‘‘ 

Ick nicke. Wir werfen uns in die Brnst, lassen nns anf dem 
Hof rasieren, stecken dieHande in dieHosentascken, seken 
uns die Rekmten an und fuklen uns als steinaltes Militar. 

Katczinsky scklieBt sick uns an. Wir wandem durch 
die Pferdestalle und kommen zu den Ersatzleuten, die 
gerade Gasmasken und Kaffee empfangen. Kat fragt einen 
der jiingsten: „Habt wokl lange nickts Verniinftiges zu 
futtem gekriegt, was?^* 

Der verziekt das Gcsickt. ^Morgens Steckriibenbrot — 
mittags Steckriibengemuse, abends Steckrubenkoteletts 
und Steckrubensalat.‘‘ 

Katczinsky pfeift fackmannisck. „Brot aus Steck- 
riiben? Da kabt ikr Gliick gekabt, sie macken es auck 
sckon aus Sagespanen. Aker was meinst du zu weiiJen 
Boknen, willst du einen Scklag kaben?‘‘ 


40 



Der Jimge wird rot. „Verkolilen branclist dii micb. 

Katczinsky antwortet niclits als : „Nimm deiii Koch- 
gescMrr.*^ 

Wir folgen neugierig. Er fiilirt iins zn einer Toime neben 
semem Strolisack. Sie ist tatsachlicli kalb voU weiBer 
Bokaen mit Eindfleiscli. Katczinsky steht vor ilir wie ein 
General nnd sagt: „Auge anf. Finger lang! Das ist die 
Parole bei den PreuBen.*^ 

Wir sind uberrascbt. Icb frage: „Meme Fresse, Kat, 
wie kommst dn denn dazu?*‘ 

„Die Tomate war frob, als icb ihr’s abnabm. Icb babe 
drei Stiick Fallscbirmseide dafiir gegeben. Na, weiBe 
Bobnen scbmecken kalt docb tadellos.^^ 

Er gibt gonnerbaft dem Jungen eine Portion anf und 
sagt: „Wenn du das nacbstemal bier antrittst mit deinem 
Kocbgeschirr, bast dn in der linken Hand eine Zigarre 
Oder einen Priem. Verstanden?‘‘ 

Dann wendet er sicb zu uns. „Ilix kriegt natiirbcb so.*‘ 


Katczinsky ist nicbt zn entbcbren, well er einen 
secbsten Sinn bat. Es gibt nberall solcbe Lente, aber 
niemand siebt ibnen von vomberein an, dafi es so ist. 
Jede Kompagnie bat einen oder zwei davon. Katczinsky 
ist der gerissenste, den icb kenne. Von Bemf ist er, glanbe 
icb, Scbuster, aber das tut nicbts znr Sacbe, er verstebt 


41 



jedes Handwerk, Es ist gut, mit ilmi tefrenndet zu seia. 
Wir sind es, Kropp iind ich, anch Haie Westliiis gehort 
lialb iind talb dazu. Er ist allerdings schon melir aus- 
fiilixeiides Organ, denn er arbeitet unter dem Kommando 
Kats, wenn eine Sacbe gesclimisseii wird, zn der man 
Fauste braticht. Dafiir hat er dann seine Voiteile. 

Wir kommen zmn Beispiel nachts in einen vollig un- 
bekaimten Ort, ein triibseliges Nest, dem man gleich an- 
sieht, daJB es ausgepowert ist bis anf die Mauern. Quartier 
ist eine kleine, dunkle Fabrik, die erst dazu eingerichtet 
worden ist, Es stehen Betten darin, vielmehr nur Bett- 
stellen, ein paar Holzlatten, die mit Drahtgeflecht be- 
spannt siad, 

Drahtgeflecht ist hart. Eine Decke zum Unterlegen 
haben wir nicht, wir brauchen unsere zum Zudecken. Die 
Zeltbahn ist zu diinn. 

Kat sieht sich die Sache an und sagt zu Haie Westhus : 
„Komm mal mit.^‘ Sie gehenlos, in den vollig unbekannten 
Ort hinein, Eine halbe Stunde spater sind sie wieder da, 
die Arme hoch voll Stroh. Kat hat einen Pferdestall ge- 
funden und damit das Stroh. Wir konnten jetzt warm 
schlafen, wenn wir nicht noch einen so entsetzlichen 
Kohidampf hatten. 

Kropp fragt einen Artilleristen, der schon langer in der 
Gegend ist: „Gibt es hier irgendwo eine Kantine?** 

Der lacht: „Hat sich was! Hier ist nichts zu holen. 
Keine Brotrinde hoist du hier.^‘ 

42 



„Si 2 id denn keine Einwokaer mekr da?“ 

Er spuckt au8. „Docli, ein paar. Aber die liingem selBst 
nm jeden Kiiclieiikessel kerain und betteln.^* 

Das ist eine bose Sacbe. Dann miisseii wir eben den 
Scbmacbtriemen enger scbnallen und bis morgen warten, 
wenn die Furage kommt. 

Icb sebe jedocb, wie Kat seine Miitze aufsetzt, und 
frage: „Wo wiUst du bin, Kat?‘‘ 

,,Mal etwas die Lage spannen/^ Er scblendert binaus, 
Der Artillerist grinst bobniscb. „Spann man! Verheb 
dicb nicbt dabei/* 

Enttauscbt legen wir uns bin und uberlegen, ob wir 
die eisemen Portionen anknabbern sollen. Aber es ist uns 
zu riskant. So versucben wir ein Auge voU Schlaf zu 
nebmen. 

Kropp bricbt eine Zigarette durcb und gibt mir die 
Halfte. Tjaden erzablt von seinem Nationalgericbt, groBen 
Bobnen nut Speck. Er verdammt die Zubereitung obne 
Bohnenkraut. Vor allem aber s©Il man alles durcb- 
einander kocben, um Gottes willen nicbt die Kartoffeln, 
die Bobnen und den Speck getrennt. Jemand knurrt, daB 
er Tjaden zu Bohnenkraut verarbeiten wiirde, wenn er 
nicbt sofort still ware. Darauf wird es rubig in dem groBen 
Raum. Nur ein paar Kerzen flackem in den Flascben- 
bMsen, und ab und zu spuckt der Artillerist aus. 

Wir duseln scbon ein biBcben, als die Tiir aufgebt und 
Kat erscbeint. Icb glaube zu traumen: er bat zwei Brote 


43 



imtei: dem Arm imd in der Hand einen blntigen Sand- 
sack mit Pferdefleisch. 

Dem Artilleristen f^t die Pfeife ans dem Mimde* Er 
betastet das Brot. „TatsacliKcli, richtiges Brot, iind noch 
warm.** 

Kat redet nicht waiter dariiber. Er hat eben Brot, das 
andere ist egal. Icb bin liberzengt, wenn man ihn in der 
Wiiste anssetTTte, wiirde er in einer Stnnde ein ALbendessen 
ans Datteln, Braten und Wein znsammenfinden. 

Er sagt kurz zn Haie: ,,Hack’ Holz.“ 

Dann bolt er eine Bratpfanne unter seinem Rock ber- 
vor imd ziebt eine HandvoU Salz nnd sogar eine Scbeibe 
Fett ans der Tascbe; — er bat an alles gedacbt. Haie 
macbt anf dem Fnfiboden ein Feuer* Es prasselt dnrcb 
die kable Fabrikballe. Wir klettem ans den Betten. 

Der Artillerist scbwankt. Er nberlegt, ob er loben soil, 
damit vielleicbt ancb etwas fiir ibn abfallt. Aber Kat- 
czinsky siebt ibn gar nicbt, so sebr ist er Luft fiir ibn. Da 
ziebt er flncbend ab.. 

Kat kennt die Art, Pferdefleisch weicbzubraten. Es 
darf nicbt gleicb in die Pfannc, dann wird es bart. Vorber 
mnB es in wenig Wasser vorgekocbt werden. Wir bocken 
nns mit nnsem Messem im Kreis und scblagen nns den 
Magen voU. 

Das ist Kat. Wenn in einem Jabr in einer Gegend nxir 
cine Stnnde lang etwas EBbares anfzntreiben wire, so 
wiirde er genanin dieser Stnnde, wie von einer Erlencbtnng 


44 



getrieben, seine Miitze anfsetzen, Mnausgelien, gerades- 
wegs wie nacli einem KompaB darauf zn, and es finden. 

Er findet alles; — wenn es kalt ist^ kleine Ofen iind 
Holz, Hen and Stroh, Tische, StiiHe, — vor allem aber 
Fressen. Es ist ratselhaft, man soUte glaaben, er zaabere 
es aas der Laft. Seine Glanzleistang waren vier Dosen 
Hammer. Allerdings batten wir lieber Scbmak dafiir 
gebabt. 

Wir baben ans aaf der Soimenseite der Baracken bin- 
gebaaen. Es riecbt nacb Teer, Sommer and Scbweifi- 
fiiBen. 

Kat sitzt neben mir, denn er imterbalt sicb gem. Wir 
baben beate mittag eine Stande Ebrenbezeigangen geiibt, 
weil Tjaden einen Major nacblassig gegriiJBt bat. Das 
will Kat nicbt aas dem Kopf. Er aafiext: „Pa6 aaf, wir 
verlieren den Krieg, weil wir za gat griiBen kSnnen.** 

Kropp storcbt naber, barfafi, die Hosen aafgekrempelt. 
Er legt seine gewascbenen Socken zam Trocknen aafs Gras. 
Kat siebt in den Himmel, laBt einen kraftigen Laat bSren 
and sagt versormen daza : „ Jedes BSbncben gibt ein Tto- 
cben.‘‘ 

Die beiden fangen an za dispatieren. Gleicbzeitig wet- 
ten sie am eine Flascbe Bier aaf einen Fliegerkampf, der 
sicb liber ans abspielt. 

Kat laBt sicb nicbt von einer Meinang abbringen, 

45 



die er als altes Frontschwein wieder in Reimen von sick 
gibt: „Gleiclie Loknimg, gleickes Essen, — war der Krieg 
sckon langst vergessen/^ — 

Kropp dagegen ist ein Denker. Er scHagt vor, eine 
Kriegserklarnng solle eine Art Volksfest werden mit Ein- 
trittskarten nnd Musik wie bei Stiergefecbten. Dann 
miiBten in der Arena die Minister nnd GenerMe der beiden 
Lander in Badebosen, mit Kniippebi bewaffnet, anfein- 
ander losgeben. Wer iibrigbliebe, dessen Land batte ge- 
siegt. Das ware einfacber nnd besser als bier, wo die 
falscben Lente sicb bektopfen. 

Der Vorscblag gefallt. Dana gleitet das Gespracb auf 
den Kasemendrill iiber. 

Mir fallt dabei eia Bild ein. Gliibender Mittag anf dem 
Kasemenbof. Die Hitze stebt still iiber dem Platz. Die 
Kasemen wirken wie ansgestorben. AJles scblaft. Man bort 
nnr Trommler iiben, irgendwo baben sie sicb anfgesteUt 
nnd nben, nngescbickt, eintonig, stnmpfsinnig. "Welcb 
ein Dreiklang: Mittagsbitze, Kasemenbof nnd Trommel- 
nben! 

Die Fenster der Kaserne sind leer nnd dnnkel. Ans 
emigen bangen trocknende Drillicbbosen. Man siebt sebn- 
siicbtig hinuber. Die Stnben sind kuhl. — 

Ob, ibr dnnklen, mnffigen Korporalscbaftsstnben mit 
den eisemen Bettgestellen, den gewiirfelten Betten, den 
Spindscbranken nnd den Scbemeln davor! Selbst ibr 
kSnnt das Ziel von Wiinscben werden; bier dranBen seid 


46 



ilir sogar ein sagenhafter ALglanz von Heimat, ikr Gelasse 
voU Dunst von abgestandenen Speisen, ScUaf, Rancli nnd 
Kleidem ! 

Katczinsky besckreiLt sie mit Farbenpracht und groBer 
Bewegung. Was wiirden wir geben, wenn wir zu ihnen 
znriick konnten! Denn weiter wagen sicb imsre Gedanken 
scbon gar nicbt — 

Ihr Instruktionsstxmden in der Morgenfrxibe — „Woriii 
zerfallt das Gewehr 98 — ikr Tumstunden am Nacb- 

mittag — „Klavierspieler vortreten. Recbts beraus. Mel- 
det eucb in der Kiicbe zum KartoffelscbMen/^ — 

Wir scbwelgen in Erinnerungen. Kropp lacbt plotz- 
lich nnd sagt: „In Lobne nmsteigen/* 

Das war das liebste Spiel unseres Korporals. Lobne 
ist ein Umsteigebabnbof. Damit tinsre tJrlauber sicb dort 
nicbt verlaufen soUten, iibte Himmelstofi das Umsteigen 
mit uns in der Kasernenstube. Wir soUten lemen, daB 
man in Lobne durcb eine Unterfiibning zum AnscbluB- 
zug gelangte. Die Betten stellten die Unterfuhnmg dar, 
und jeder baute sicb links davon auf. Dann kam das Kom- 
mando: „In Lobne umsteigen !^% xmd wie der Blitz krocb 
alles unter den Betten bindurch auf die andere Seite* Das 
baben wir stundenlang geiibt. — 

Inzwdschen ist das deutscbe Flugzeug abgescbossen 
worden. Wie ein Komet stiirzt es in einer Raucbfabne 
abwarts. Kropp hat dadurch eine Flascbe Bier verloren 
und zahlt miBmutig sein Geld. 


47 



Himmelstofi ist als Brieftrager sicker ein besckei- 
dener sagte ick, nachdem sick Alberts Enttau- 

sckting gelegt kat, „wie mag es nur kommen, daB er als 
Unteroffizier ein solcker Sckinder ist?*‘ 

Die Frage mackt Kropp weder mobil. „Das ist nicht 
nnr Himmelstofi allein, das sind sekr viele. So wie sie Tres- 
sen Oder einen Sabel kaben, werden sie andere Menscken, 
als ob sie Beton gefressen katten.^‘ 

„Das mackt die Uniform^^, vermnte ick. 

„So imgefakr/* sagt Kat iind setzt sick zu einer grofien 
Rede znreckt, „aber der Grand liegt anderswo. Siek mal, 
wenn dn einen Hund znm Kartoffelfressen abricktest imd 
du legst ihm dann nackker ein Stuck Fleisck kin, so wird 
er trotzdem danack scknappen, ^eil das in seiner Natnr 
liegt. TJnd wenn du einem Menscken ein Stiickcken Mackt 
gibst, dann gekt es ikm ebenso ; er scknappt danack. Das 
kommt ganz von selber, denn der Mensck ist an und fur 
sick zimackst einmal ein Biest, und dann erst ist vielleickt 
nock, wie bei einer Sckmalzstulle, etwas AnstSndigkeit 
draufgesckmiert. Der Komnufi bestekt nun darin, dafi 
immer einer uber den andem Mackt kat. Das Scklimme 
ist nur, dafi jeder viel zu viel Mackt kat; ein Unteroffizier 
kann einen Gemeinen, ein Leutnant einen Unteroffizier, 
ein Hauptmann einen Leutnant derartig zwiebeln, dafi er 
verriickt wird. Und weil er das weifi, deskalb gew5knt er 
es sick gleick sckon etwas an. Nimm nur die einfackste 
Sacke; wir kommen vom Exerzierplatz und sind kunde- 


48 



miide. Da wird befoblen: Singen. Na, es wird ein sctlap- 
per Gesang, demi jeder ist frok, daU er sein Gewekr nock 
sckleppen kann. Und sckon mackt die Kompagnie kekirt 
nnd nniB eine Stunde strafexerzieren. Beim Riickmarsck 
keiBt es wieder: ,Singen‘, tind jetzt wird gesimgen. Was 
kat das Gauze fur eineii Zweck? Der Koinpagniefiikxer kat 
seinen Kopf duxckgesetzt, weil er die Mackt dazu kat. Nie- 
mand wird ikn tadeln, nn Gegenteil, er gilt als stramin. 
Dakei ist so etwas nur eine Kleinigkeit, es gibt dock nock 
ganz andere Sacken, womit sie einen sckinden. Nun &age 
ick euck: Mag der Mann in Zivil sein, was er will, in wel- 
ckem Beruf kann er sick so etwas leisten, okne dafi ikm die 
Scknauze eingescklagen wird? Das kann er mir beim Kom- 
mi6! Sekt ikr, und das steigt jedem zu Kopf! Und es 
steigt ikm um so mebr zn Kopf, je weniger er als Zivilist 
zu sagen katte.‘* 

,,Es keifit eben, Disziplin muB sein — meint Kropp 
nacblassig. 

„Grunde"% knurrt Kat, „kaben sie inuner. Mag ja auck 
sein. Aber es darf keine Schikane werden. Und mack dn 
das mal einem Scklosser oder Kneckt oder Arbeiter Mar, 
erM^re das mal einem Muskoten, und das sind dock die 
meisten kier 5 der siekt nur, daB er gesckunden wird und 
ins Feld kommt, und er weiB ganz genau, was notwendig 
ist und was nickt. Ick sage euch, daB der einfacke Soldat 
kier vom so auskalt, das ist allerkand! AUerkand ist das 

J eder gibt es zu, denn jeder weiB, daB nur im Sckiitzen- 


4 Remaxqtte, Wosteu 


49 



graien der Drill anfliort, daB er aber wenige Kilometer 
hinter der Front scbon wieder beginnt, imd sei es mit dem 
grSBten Unsinn, mit GriiBen und Parademarsch. Denn es 
ist eisemes Gesetz: Der Soldat miiB anf jeden Fall be- 
scb^ftigt werden. 

Doch mm erscbeint Tjaden, mit roten Flecken im Ge- 
sicht, Er ist so axifgeregt, daB er stottert. Strahlend bucb- 
stabiert er: „HbnmelstoB ist imterwegs nach bier. Er 
kommt an die Front/^ 

m 


Tjaden bat eine Hauptwut auf HimmelstoB, weil der 
ibn im Barackenlager anf seine Weise erzogen bat, Tjaden 
ist Bettnasser, nacbts beim Scblafen passiert es ibm eben. 
HimmelstoB bebauptete steif und fest, es sei nur Faulbeit, 
imd er fand ein seiner wiirdiges Mittel, um Tjaden zu 
beilen. 

Er trieb in der benacbbarten Baracke einen zweiten 
Bettnasser auf, der Kindervater bieB. Den quartierte er 
mit Tjaden zusammen. In den Baracken standen die ty- 
piscben BettgesteUe, zwei Betten iibereinander, die Bett- 
bodcn aus Drabt. HimmelstoB legte beide nun so zusam- 
men, daB der eine das obere, der andere das darunter be- 
findlicbe Bett bekam. Der untere war dadurch natiirlicb 
scbeuBlicb daran. Dafiir wurde am nacbsten Abend ge- 
wecbselt, der untere kam nacb oben, damit er Vergeltung 
hatte. Das war HimmelstoB’ Selbsterziebung. 


50 



Der EinfaU war gemein, aber in der Idee gut. Leider 
niitzte er nichts, weil die Voraussetzting nicbt stiminte: 
es war keine Faulheit bei den beiden. Das konnte jeder 
merken, der ihre fable Haut ansab. Die Sacbe endete da- 
mit, dafi immer einer von beiden anf dem FiiBboden 
schlief. Er batte sicb leicbt dabei erkMten konnen. — 
Haie bat sicb inzwiscben aucb neben uns niedergelassen. 
Er blinzelt mir zn nnd reibt andacbtig seine Tatze. Wir 
baben znsammen den scbonsten Tag nnseres KommiB- 
lebens erlebt. Das war der Abend, bevor wir ins Feld 
fubren. Wir waren einem der Regimenter mit der hoben 
Hausmimmer zugeteilt, vorber aber zur Einkleidiing in die 
Garnison znriickbefordert worden, allerdiiigs nicbt znm 
Rekrutendepot, sondem in eine andere Kaserne. Am nacb- 
sten Morgen friib soUten wir abfabren. Abends macbten 
wir nns anf, um mit Himmelstofi abzurecbnen. Das batten 
wir uns seit Wocben gescbworen. Kropp war sogar so 
weit gegangen, daS er sicb vorgenommen batte, im Frie- 
den das Postfacb einzuscblagen, um spater, wenn Him- 
melstoB wieder Brieftrager war, sein Vorgesetzter zu wer- 
den. Er scbwelgte in Bildern, wde er ibn scbleifen wiirde. 
Denn das war es gerade, wesbalb er uns nicbt klein- 
kriegen konnte; wir recbneten stets damit, daB wir ibn 
scbon einmal scbnappen wiirden, spatestens amKriegsende, 
Einstweilen wollten wir ibn griindlicb verbauen. Was 
konnte uns scbon passieren, wenn er uns nicbt erkannte 
und wir obnebin morgen firub abfubren. 


4 * 


51 



Wir wnBten, in welcier Kneipe er jeden Abend saB. 
Wenn er von dort zur Kaseme ging, nniBte er dnrcb eine 
dnnkle, imbebaute StraJBe. Dort lauerten wir ibm binter 
einem Steinbanfen anf. Icb batte einen Bettiiberzug bei 
mir. Wir zitterten vox Erwartimg, ob er aucb allein sein 
wiirde. Endlicb borten wir seinen Scbritt, den kannten 
wir genau, wir batten ihn oft genug morgens gebort, wenn 
die Tiir aufflog nnd ,,Atifsteben‘‘ gebriillt wnxde* 

„AIlein?‘‘ fliisterte Kropp. 

„ Allein — Icb schbcb mit Tjaden nm den Stein- 
baufen bemm. 

Da blitzte scbon sein KoppelscbloB, HimmelstoB scbien 
etwas angebeitert zu sein; er sang* Abmingslos ging er 
voriiber. 

Wir faBten das Bettncb, macbten einen leisen Satz, 
stiilpten es ibm von binten uber den Kopf, rissen es nach 
unten, so daB er wie in einem weiBen Sack dastand und die 
Arme nicbt beben konnte. Das Singen erstarb. 

Im nacbsten Moment war Haie Westbus beran. Mit 
ausgebreiteten Armen warf er uns zuriick, um nur ja der 
erste zu sein, Er stellte sicb gemiBreicb in Positnr, bob 
den Arm wie einen Signalmast, die Hand wie eine Koblen- 
scbanfel nnd k na llt e einen Schlag anf den weiBen Sack, 
der einen Ocbsen batte toten konnen. 

HimmelstoB iiberscblng sicb, landete fiinf Meter weiter 
nnd fing an zn briillen. Aucb dafiir batten wir gesorgt, 
dexin wir batten ein Kissen bei ims. Haie bockte sicb ^ 


62 



legte das Kissen auf die Knie, packte BGminelstofi da, wo 
der Kopf war, und driickte ilm auf das Kissen. Sofort 
wurde er im Ton gedampfter, Haie liefi ilm ah imd zu 
mal Luft sclmappen, dann kam aus dem Gurgein ein 
praclitvoller heller Schrei, der gleich wieder zart wurde. 

Tjaden knSpfte jetzt HimmelstoB die Hosentrager ah 
und zog ihm die Hosen herunter. Die Klopfpeitsche Melt 
er dabei mit den Zahnen fest. Dann erhob er sich und 
begann sich zu bewegen. 

Es war ein wonderbares Bild: HnmnelstoB auf der 
Erde, iiber ihn gebeugt, seinen Kopf auf den Knien, Haie 
mit teuflisch grinsendem Gesicht und vox Lust offenem 
Maul, dann die zuckende, gestreifte Unterhose mit den 
X-Beinen, die in der heruntergeschobenen Hose bei jedem 
Schlag die originellsten Bewegungen machten, und dar- 
iiber wie ein Holzhacker der imermiidliche Tjaden. Wir 
muBten ihn schlieBlich geradezu wegreiBen, um auch noch 
an die Reihe zu kommen. 

Endlich steUte Haie HimmelstoB wieder auf die Beine 
und gab als SchluB eine Privatvorstellung. Er scMen 
Sterne pfliicken zu woUen, so holte seine Rechte aus zu 
einer Backpfeife. HimmelstoB fcippte um. Haie hob 
wieder auf, steUte ihn sich parat und langte ihin ein 
zweites, erstklassig gezieltes Ding mit der linken Hand. 
HimmelstoB heulte und fliichtete auf alien vieren. Sein 
gestreifter Brieftragerhinterer leuchtete im Mond. 

Wir verschwanden im Galopp. 


53 



Haie sail sicli noch einmal um imd sagte ingriminig, 
gesattigt tmd etwas r^selhaft: „Raclie ist Blutwurst/® — 

EigentlicBi konnte HimmelstoB froh sein; denn sein 
Wort, daB immer einer den andem erziehn miisse, hatte 
an ilim selhst Friichte getragen. Wir waren gelehrige 
Scliiiler seiner Methoden geworden. 

Er hat nie lierausgekriegt, wem er die Sache verdankte. 
ImmerMn gewann er dabei ein Bettnch; denn als wir 
einige Stunden spater noch einmal nachsahen, war es 
nicht mekr zn finden. 

Dieser Abend war der Grund, daB wir am nacbsten 
Morgen einigermaBen gefaBt abfubren. Ein wehender VoU- 
bart bezeicbnete xms desbalb ganz geriibrt als Helden- 
jugend. 



IV 


W ir miissen nacli vom zum Schanzen. Beim Dimkel- 
werden roUen die Lastwagen an. Wir klettem 
hinauf. Es ist ein warmer Abend, imd die D^memng er- 
sclieint uns wie ein Tuch, unter dessen Schutz wir nns 
wohlfuHen. Sie verbindet uns; sogar der geizige Tjaden 
scbenkt mir eine Zigarette und gibt mir Feuer. 

Wir steben nebeneinander, dicht an dicbt, sitzen kann 
niemand. Das sind wir auch nicht gewSlmt. MiiUer ist 
endlicb mal guter Laime; er trSgt seine nenen StiefeL 
Die Motoren brummen an, die Wagen klappem luid 
rasseln. Die StraBen sind ausgefahren und YoUer LScber. 
Es darf kein Licht gemacht werden, deshalb rumpeln wir 
hinem, dafi wir fast aus dem Wagen purzeln. Das beun- 
ruhigt uns nicht weiter. Was kann schon passieren; ein 
gebrochener Arm ist besser als ein Loch im Bauch, und 
mancher wiinscht sich geradezu eine solch gute Gelegen- 
heit, nach Hause zu kommen. 

Neben uns fahren in langer Reihe die Munitions- 
kolonnen. Sie haben es eilig, iiberholen uns fortwahrend. 
Wir rufen ihnen Witze zu, und sie antworten. 

Eine Mauer wird sichtbar, sie gehort zu einem Hause, 
das abseits der StraBe liegt. Ich spitze plotzlich die Ohren. 


55 



Tausclie ict. micli? Wieder li5re ich. deutlicli Ganse- 
gesclmatter. Ein Blick zu Katczinsky — ein Blick von 
iJim znmck; wir versteken Tins. 

„Kat, ich hore da einen Kochgeschirrsaspiraiiten — “ 

Er nickt. „Wird gemacht, wenn wir znriick sind. Ick 
weiB tier Besclieid.‘* 

Natiirlich weiU Kat Bescheid. Er kennt bestimmt 
jedes Gansebein in 20 Kilometer Umkreis. 

Die Wagen erreicben das Gebiet der Artillerie. Die Ge- 
schiitzstande sind gegen Fliegersicht mit Biiscben verklei- 
det, wie zn einer Art milit^scbem Lanbhiittenfest. Diese 
Lanben saben Instig nnd fidedlicb aus, wenn ibre Insassen 
keine Kanonen waren. 

Die Luft wird diesig von Gescbiitzraucb nnd Nebel. 
Man scbmeckt den Pnlverqnalm bitter auf der Ztmge. Die 
Abscbiisse kracben, daB unset Wagen bebt, das Ecbo roUt 
tosend hinterber, alles scbwankt. Unsere Gesicbter ver- 
mdem sicb nnmerkbcb, Wir braucben zwar nicbt in die 
Graben, sondern mix znm Scbanzen, aber in jedem Ge- 
sicbt stebt jetzt: bier ist die Front, wir sind in ibrem 
Bereicb, 

Es ist das nocb keine Angst. Wer so oft nacb vom ge- 
fabren ist wie wir, der wird dickfellig. Nnr die jungen 
Rekmten sind anfgeregt. Kat belebrt sie: „Da8 war ein 
30,5* Ihr b6rt es am AbscbuB; — gleicb kommt der Ein- 
schlag.‘‘ 

Aber der dnmpfe Hall der Einscblage dringt nicbt 


66 



teriiber. Er ertrinfct im Gemurmel der Front. Kat korctt 
Mnans: ,,Diese Naclit gibt es Kattun.** 

Wir liorclieii alle. Die Front ist imruliig. Kropp sagt: 
^Die Tommys scMeBen sclaoii.** 

Die Abschiisse sind deutKcb zu IiSren.. Es sind die eng- 
Kschen Batterien, reclits von imserm Absclmitt. Sie be- 
ginnen eine Stimde zn friib. Bei uns fingen sie immer erst 
Piinkt zehn Uhr an. 

„Was falit denn denen ein/‘ rnftMiiller, „ibre Ubren 
geben wobl vor.‘‘ 

9,Es gibt Kattnn, sage icb eucb, ich spiire es in den 
Knocben.^^ Kat ziebt die Scbnltem hocb. 

Neben nns droKnen drei Abschiisse. Der Feuerstrahl 
scMeBt scbrag in den Nebel, die G^escblitze brummen und 
rumoren. Wir ficosteln nnd sind frob, daB wir morgen firiib 
wieder in den Baracken sein werden. 

Unsere Gesicbter sind nicbt blasser und nicbt roter als 
sonst; sie sind aucb nicbt gespannter oder schlaflFer, und 
docb sind sie anders. Wir fiiblen, daB in unserm Blut ein 
Kontakt angeknipst ist. Das sind keine Redensarten; es 
ist Tatsacbe. Die Front ist es, das BewuBtsein der Front, 
das diesen Kontakt auslost. Im Augenbbck, wo die ersten 
Granaten pfeifen, wo die Luft unter den Abscbiissen zer- 
reiBt, ist plotzlicb in unsem Adern, unsern Htoden, unsem 
Augen ein geducktes Warten, ein Lauern, ein staxkeres 
Wacbsein, eine sonderbare Gescbmeidigkeit der Sinne. 
Der Korper ist mit einem Scblage in voller Bereitscbaft. 


57 



Oft ist es mir, als ware es die erschiitterte, vitrierende 
Luft, die mit laiitlosem Schwiigen anf iins iiberspringt ; 
oder als ware es die Front selbst, von der eine Elektrizit^t 
ansstraMt, die nnbekannte Nervenspitzen mobilisiert. 

Jedesmal ist es dasselbe: wir fakren ab nnd sind miir- 
riscbe oder gutgelaxmte Soldaten; — dann kommen die 
ersten Gescbiitzstande, xind jedes Wort unserer Gespracbe 
hat einen veranderten Klang. — 

Wenn Kat vor den Baracken steht nnd sagt: „Es gibt 
Kattnn — so ist das eben seine Meinung, fertig; — 
wenn er es aber bier sagt, so hat der Satz eine Scharfe wie 
ein Bajonett nachts im Mond, er schneidet glatt dnrch die 
Gedanken, er ist naher nnd spricht zu diesem UnbewnB- 
ten, das in nns aufgewacht ist, mit einer dnnklen Be- 
deutung, „es gibt Kattnn^* — . Vielleicht ist es nnser 
innerstes nnd geheimstes Leben, das erzittert nnd sich 
zur Abwehr erhebt. 

« 

Fiir mich ist die Front ein nnheimlicher Strudel. Wenn 
man noch weit entfemt von seinem Zentrnm im ruMgen 
Wasser ist, fublt man schon die Sangkraft, die einen an 
sich zieht, langsam, nnentrinnbar, ohne viel Widerstand. 

Ans der Erde, ans der Luft aber stromen nns Ahwehr- 
krafte zn, — am meisten von der Erde. Fiir niemand ist 
die Erde so viel wie for den Soldaten. Wenn er sich an sie 
preBt, lange, heftig, wenn er sich tief mit dem Gesicht nnd 

58 



den Gliedem in sie limeinwuHt in der Todes angst des 
Feners, dann ist sie sein einziger Freund, sein Binder, seine 
Mutter, er stolint seine Fnrclit und seine Sckreie in ilir 
Schweigen und ihre Geborgenheit, sie nimmt sie anf nnd 
entlaBt ihn wieder zu nenen zehn Sekunden Lanf nnd 
Leben, fafit ibn wieder, und mancbmal fiir imnier. 

Erde — Erde — Erde — ! 

Erde, mit deinen Bodenfalten und Locbem nnd Ver- 
tiefungen, in die man sicb hineinwerfen, bineinkanem 
kann! Erde, dn gabst nns im Krampf des Grauens, im 
Anfspritzen der Vemicbtung, im Todesbriillen der Explo- 
sionen die ungebeure Widerwelle gewonnenen Lebens ! Der 
irre Sturm fast zerfetzten Daseins flo6 im Riickstrom von 
dir dnrcb unsre Hande, so da6 wir die geretteten in dicb 
gruben und im stnmmen Angstgliick der iiberstandenen 
Minute mit unseren Lippen in dicb bineinbissen! — 

Wir scbnellen mit einem Ruck in einem Teil tmseres 
Seins beim ersten Drobnen der Granaten um Tausende 
von Jabren zuriick. Es ist der Instinkt des Tieres, der in 
nns erwacbt, der uns leitet und bescbiitzt. Er ist nicbt be- 
wuBt, er ist viel scbneller, viel sicberer, viel unfeblbarer 
als das BewuBtsein. Man kann es nicbt erklaren. Man 
gebt und denkt an nicbts — plotzlicb liegt man in einer 
Bodenmnlde und iiber einen spritzen die Splitter binweg; 
— aber man kann sicb nicbt entsinnen, die Granate kom- 
men gebort oder den Gedanken gebabt zn baben, sicb bin- 
zulegen. Hatte man sicb darauf verlassen soUen, man 


59 



wiixe bereits ein Haufen verstreutes Fleisclx. Es ist das 
andere gewesen, diese heUsichtige Wittemng in nns, die 
iins niedergerissen nnd gerettet hat, ohne daB man weiB, 
wie. Wenn sie nicht w^e, gabe es von Flandem bis zn den 
Vogesen schon langst keine Menschen mehr. 

Wir fahren ab als miirrische oder gutgelannte Soldaten, 
— wir kommen in die Zone, wo die Front beginnt, und 
sind Menschentiere geworden. 

Ein diirftiger Wald nimmt uns anf. Wir passieren die 
Gxdaschkanonen. Hinter dem Walde steigen wir ab. Die 
Wagen fahren znriick. Sie soUen nns morgens vor dem 
Hellwerden wieder abholen. 

Nebel imd Geschiitzranch stehen in Brusthohe iiber 
den Wiesen. Der Mond scheint daranf. Anf der StraBe 
ziehen Truppen. Die Stahlhelme schimmem mit matten 
Reflexen im Mondlicht. Die Kopfe nnd die Gewehre 
ragen atis dem weiBen Nebel, nickende Kopfe, schwan- 
kende Gewehrlanfe. 

Weiter vom hort der Nebel anf. Die Kopfe werden 
hier zn Gestalten; — Rocke, Hosen nnd Stiefel kommen 
ans dem Nebel wie aus einem Milchteich. Sie formieren 
sich znr Kolonne. Die Kolonne marschiert, geradeans, die 
Gestalten schliefien sich zu einem Keil, man erkennt die 
einzelnen nicht mehr, nnr ein dnnkler Keil schiebt sich 
nach vorn, sonderbar erganzt aus den im Nebelteich heran- 


60 



sdiwimmenden KSpfen und Gewelireri. Eine Koloniid — 
keine Menscken. 

Aii£ einer QiierstraBe faliren. leichte Geschiitze und 
Munitions wagen keran* Die Pferde kaken glanzende 
Riicken im Mondsckein, ikre Bew^egtmgen sind sckon, 
sie werfen die Kopfe, man siekt die Augen klitzen. Die 
Gesckiitze und W agen gleiten vor dem versckwimmenden 
Hintergnind der Mondlandsckaft voriiker, die Reiter mit 
ikren Staklkelmen seken aus wie Ritter einer vergangenen 
Zeit, es ist irgendwie sck5n und ergreifend. 

Wir streken dem Pionierpark zu. Ein Teil von 
ladet sick gekogene, spitze Eisenstabe atif die Sckultem, 
der andere steckt glatte Eisenstdcke durck DraktroUen 
und ziekt damit ab. Die Lasten sind unbecjuem und 
sckwer. 

Das Terrain wird zerrissener. Von vom kommen Mel- 
dungen durck: „Acktung, links tiefer Granattrickter^^ — 
„Vorsickt, Graben*^ — 

Unsere Augen sind angespannt, unsere FiiBe und 
Stdcke fiiklen vor, eke sie die Last des KSrpers empfangen, 
Mit einmal kalt der Zug; man prallt mit dem Gesickt 
gegen die DraktroUe des Vordermannes und sckimpft. 

Einige zersckossene Wagen sind im Wege, E in neuer 
Befekl. „Zigaretten und Pfeifen aus/^ — Wir sind dickt 
an den Gr^ken. 

Es ist inzwiscken ganz dxinkel geworden. Wir umgeken 
ein Waldcken und kaken dann den Frontabscknitt vor uns. 


61 



Eine ungewisse, rotliche Helle steht am Horizont von 
einem Ende znm andem. Sie ist in standiger Bewegimg, 
dnrcliZTickt vom Mxindimgsfener der Batterien. Leucht- 
kugeln steigen dariiber hocli, silBeme imd rote Balle, die 
zerplatzen nnd in weifien, griinen nnd roten Sternen 
niederregnen. Franzosiscke Raketen scMeBen anf, die in 
der Luft einen Seidensckirm entfalten xmd ganz langsam 
niederschweben. Sie erleucbten alles tagbell, bis zu tms 
dringt ihr Scbein, ^vir seben unsere Schatten scharf am 
Boden. Minutenlang scbweben sie, ebe sie ausgebrannt 
sind. Sofort steigen neue bocb, iiberall, und dazrwiscben 
meder die griinen, roten und blauen. 

„ScbIamassel‘% sagt Kat. 

Das Gewitter der Gescbiitze verstarkt sicb zu einem 
einzigen dumpfen DrSbnen und zerfallt dann wieder in 
Gruppeneinscblage. Die trockenen Salven der Maschinen- 
gewebre knarren. tlber uns ist die Luft erfuUt von im- 
sicbtbarem Jagen, Heulen, Pfeifen und Ziscben. Es sind 
kleinere Gescbosse; — dazwiscben orgebi aber aucb die 
groBen Koblenkasten, die ganz scbweren Brocken durcb 
die Nacbt und landen weit binter uns. Sie baben einen 
rohrenden, beiseren, entfemten Ruf, wie BErscbe in der 
Brunft, und zieben bocb iiber dem Gebeul und Gepfeife 
der kleineren Gescbosse ibre Babn. 

Die Scbeinwerfer beginnen den scbwarzen Himmel ab- 
zusucben. Sie rutscben dariiber bin wie riesige, am Ende 
diinner werdende Lineale. Einer stebt still und zittert nur 


62 



wenig. Sofort ist ein zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein 
schwarzes Insekt ist zwischen iknen imd versucht zti ent- 
kommen: der Flieger. Er wird tmsicben, geblendet and 
taumelt. 

3k 


Wir rammeiL die Eisenpfable in regelmafiigen Abstan- 
den fest. Immer zwei Mann balten eine RoUe, die andem 
spnlen den Stacbeldrabt ab. Es ist der ekelbafte Dralit 
mit den dicbtstehenden, langen Stacbebi. Ich bin das Ab- 
roUen nicbt mebr gewohnt und reifle mir die Hand anf. 

Nacb einigen Stunden sind wir fertig, Aber wir baben 
noch Zeit, bis die Lastwagen kommen. Die meisten von 
uns legen sicb bin nnd scblafen. Icb versncbe es aucb. 
Docb es wird zu kiibl. Man merkt, da6 wir nabe am Meere 
sind, man wacbt vor K^te immer wieder anf. 

Einmal scblafe icb fest ein. Als icb pldtzlicb mit einem 
Ruck bocbfliege, weiS icb nicbt, wo icb bin. Icb sebe die 
Sterne, icb sebe die Raketen und babe einen AugenbHck 
den Eindruck, auf einem Fest im Garten eingeschlafen zu 
sein. Icb weiB nicbt, ob es Morgen oder Abend ist, icb 
Kege in der bleicben Wiege der Dammerung und warte 
auf weicbe Worte, die kommen miissen, weicb imd gebor- 
gen, — weine ich? Icb fasse nacb meinen Augen, es ist 
so Wunderlich, bin icb ein Kind? Sanfte Haut ; — nur eine 
Sekunde wHbrt es, dann erkenne icb die Silhouette Kat- 
czinskys. Er sitzt rubig, der alte Soldat, und raucbt eine 


63 



Pfeife, eiae Deckelpfeife natiirlicli. Als ex bemerkt, dafi 
ich wacb bin^ sagt er: „Dii bist scbon zusammengefalireDL, 
Es war nur ein Ziinder, er ist da ins Gebiiscb gesaust.*^ 

Ich setze mich hoch; ich fiihle mich sonderbar allein. 
Es ist gut, daJ3 Kat da ist. Er sieht gedankenvoU zux Front 
iind sagt: „Ganz schones Feuerwerk, wenn’s nicht so ge- 
fahrlich wlre.‘* 

Hinter uns schlagt es ein. Ein paar Rekraten fahren 
erschreckt auf. Nach eia paar Minnten funkt es wieder 
heriaber, naher als vorher. Kat klopft seine Pfeife aus. 
„E8 gibt Zander/^ 

Schon geht es los. Wir kriechen weg, so gut es geht in 
der Eile, Der nachste SchuB sitzt bereits zwischen uns> 

Ein paar Leute schreien. Am Horizont steigen griine 
Raketen anf. Der Dreck fliegt hoch, Splitter snrren. Man 
hSrt sie noch aufklatschen, wenn der Larin der Einschlage 
langst wieder verstummt ist. 

Neben uns liegt ein verangstigter Rekrut, ein Flachs- 
kopf. Er hat das Gesicht in die Hande gepreBt. Sein 
Helm ist weggepurzelt. Ich fische ihn heran und will ihn 
anf seinen Schadel stiilpen. Er sieht auf, stSBt den Helm 
fort imd knecht wie ein Kind mit dem Kopf unter meinen 
Arm, dicht an meine Brust. Die schmalen Schultern 
zucken. Schultern, wie Kemmerich sie hatte. 

Ich lasse ihn gewahren. Damit der Helm aber wenig- 
stens zu etwas nutze ist, packe ich ihn auf seinen Hintern, 
nicht aus Bl5dsinn, sondem aus tJberlegung, denn das ist 


64 



der lidcliste Fleck, Wenn da zwar auch dickes Fleisch 
sitzt, Scklisse Idnein sind dock verfluckt schmerzliaft, 
auBerdem miiB man monatelang anf dem Baiicli liegen 
im Lazarett und nachker ziemlick sicker kinken. 

Irgendwo kat es macktig eingekauen. Man kort 
Sckreien zwiscken den Einscklagen. 

Endlick wird es rukig. Das Fener ist iiter uns kin- 
gefegt und liegt nun auf den letzten Reservegraben. Wir 
riskieren einen Blick. Rote Raketen flattem am HimmeL 
Wakrsckeinlick kommt ein Angriff. 

Bei uns bleibt es rukig. Ick setze mick auf und riittele 
denRekruten an derSckulter. „Vorbei, Kleiner! Ist nock 
mal gutgegangen.‘‘ 

Er siekt sick verstSrt um. Ick rede ikm zu: ,,Wirst 
dick sckon gewoknen/^ 

Er bemerkt seinen Helm und setzt iku auf. Langsam 
kommt er zu sick. PlotzUck wird er feuerrot und kat ein 
verlegenes Ausseken. Vorsicktig langt er mit der Hand 
nack kinten und siekt ndck gequalt an. Ick versteke sofort ; 
Kanonenfieber. Dazu katte ick ikm eigentlich den Helm 
nickt gerade dortkingepackt, — aber ick troste ihn dock : 
,,Das ist keine Schande ; es kaben sckon ganz andere Leute 
als du nack ikrem ersten Feueriiberfall die Hosen voU ge* 
kabt. Geh fainter den Busck da und schmeifi deine 
XJnterhose weg. Erledigt — 


4t 


5 Eemarque, Westen 


65 



Er trollt sich. Es wird stiller, docK das Sctreien tort 
nioht auf. „Was ist los, Albert firage ict. 

„Driibeii taben ein paar Kolonnen VoUtreffer gekriegt.^^ 
Das Scbreien danert an. Es sind keine Menscten, sie 
kSnneii nicht so furcttbar schreien. 

Kat sagt: jjVermindete Pferde/^ 

Ict babe noct nie Pferde schreien gehort und kann es 
kamn glanben. Es ist der Jammer der Welt, es ist die ge- 
marterte Kreatur, ein wilder, granenvoller Schmerz, der 
da stotnt. Wir sind bleict. Detering richtet sict auf. 
,nSctinder, Sctinder! SchieBt sie doct abT® 

Er ist Landwirt nnd mit Pferden vertrant. Es geht 
itm nate. Und als ware es Absicht, sctweigt das Feuer 
jetzt beinate. Um so dentlicter wird das Schreien der 
Tiere. Man weiB nicht metr, woter es kommt in dieser 
jetzt so stillen, silbemen Landschaft, es ist unsicttbar, 
geistertaft, iiberall, zwiscten Himmel und Erde, es sctwillt 
unermefilich an — Detering wird wiitend und briillt : „Er* 
schieBt sie, .erschieBt sie doct, verflucht noct mal!“ 

„Sie miissen doct erst die Leute tolen‘% sagt Kat. 
Wir steten auf und suchen, wo die Stelle ist. Wenn 
man die Tiere erblickt, wird es besser auszutalten sein. 
Meyer hat ein Glas bei sict. Wir sehen eine dunkle Gruppe 
Sanitater mit Tragbatren und schwarze, grdBere Klum- 
pen, die sict bewegen. Das sind die verwundeten Pferde. 
Aber nicht alle. Einige galoppieren weiter entfemt, bre» 
cten nieder und rennen weiter. Einem ist der Bauch auf- 


66 



gerissen, die Gedarme iiangen lang keraus. Es verwickelt 
sick dariii and stiirzt, dock es stekt wieder aaf. 

Detering reifit das Gewekr kock and zielt, Kat scklagt 
es in die Laft. „Bist da verriickt — 

Detering zittert and wirft sein Gewekr aaf die Erde. 

Wir setzen ans kin and kalten ans die Okren za. Aker 
dieses entsetzlicke Klagen and Stoknen and Jammern 
scklagt darck, es seklagt iiberall darck. 

Wir konnen aile etwas vertragen, Hier aber brickt 
ans der SckweiB aas. Man mockte aafsteken and fort- 
laufen, ganz gleick wohin, nar am das Sckreien nickt mekr 
za koren. Dabei sind es dock keine Menscken, sondern 
nar Pferde. 

Von dem danklen Knaael losen sick wiederTragbabren. 
Dann knallen einzelne Sckiisse. Die Klampen zacken and 
werden flacker. Endlick ! Aber es ist nock nickt za Ende. 
Die Leate kommen nickt an die verwandeten Tiere keran, 
die in ikrer Angst fliickten, alien Sckmerz in den weitauf- 
gerissenen Maalem. Eine der Gestalten geht aafs Knie, 
ein SckaB — ein Pferd brickt nieder, — nock eins. Das 
letzte stemmt sick aaf die Vorderbeine and drekt sick im 
Kreise wie ein Karassell, sitzend drekt es sick aaf den 
hockgestemmten Vorderbeinen im Kreise, wahrsckeinlich 
ist der Riicken zerschmettert. Der Soldat rennt kin and 
sckieBt es nieder. Langsam, demiitig ratsckt es za Boden. 

Wir nekmen die Hande von den Okren. Das Sckreien 
ist verstammt. Nar ein langgezogener, ersterbender 

5 * 67 



Seufzer haiigt nocli in der Luft. Dann sind wieder nur die 
Raketen, da’s Granatensingen und die Sterne da, — nnd 
das ist fast sonderbar. 

Detering geht und flnclit : „Moclite wissen, was die fiir 
Scbuld taben/^ Er kommt nacbber nocb einmal beran. 
Seine Stimme ist erregt, sie klingt beinabe feieriicb, als er 
sagt : „Das sage icb encb, es ist die allergroBte Gemeinbeit, 
daB Tiere im Krieg sind/* 


Wir geben znriick. Es ist Zeit, zu nnseren Wagen zu 
gelangen. Der Himmel ist eine Spur beller geworden. Drei 
Uhr morgens. Der Wind ist firiscb und kiihl, die fable 
Stunde macbt unsere Gesicbter gran. 

Wir tappen uns vorwarts im Gtosemarscb durcb die 
Graben und Tricbter und gelangen wieder in die Nebel- 
zone. Katczinsky ist unrubig, das ist ein schlecbtes 
Zeicben. 

„Was bast du, Kat?“ firagt Kropp. 

„Icb wollte, wir waren erst zu Hause.“ — Zu Hause; — 
er meint die Baracken. 

„Dauert nicbt mebr lange, Kat.*‘ 

Er ist nervos. „Icb weiB nicbt, icb weiB nicbt — 

Wir kommen in die Laufgrbben und dann in die Wiesen. 
Das Waldcben taucbt auf ; wir kennen bier jeden Scbritt 
Boden. Da ist der Jagerfriedbof scbon mit den Hiigeln 
und den scbwarzen Kreuzen. 


68 



In diesem AngenbKck pfeift es Muter iins, sckwiilt, 
kraclit, donnert. Wir liaben uns gebiickt — Irandert Meter 
vor ims scMeBt eine Feuerwolke empor. 

In der nacksten Mirnite hebt sick ein Stiick Wald unter 
einem zweiten EinscHag langsam iiber die Gipfel, drei, 
vier Baume segeln mit imd brecken dabei in Stiicke, Sckon 
ziscken me Kesselventile die folgenden Granaten heran — 
sckarfes Fener — 

„Deckimgr‘ briillt jemand — „Decknng!^^ — 

Die Wiesen sind flack, der Wald ist zu weit nnd gefakr- 
lick; — es gibt keine andere Deckxmg als den Friedkof und 
die GraberkiigeL Wir stolpem im Dnnkel Mnein, wie kin- 
gespnckt klebt jeder gleick kinter einem HxigeL 

Keinen Moment zu friik. Das Dunkel wird wahnsinnig. 
Es wogt imd tobt. Sckwarzere Dunkelkeiten als die Nackt 
rasen mit Biesenbuckeln auf xms los, iiber uns kinweg. 
Das Feuer der Explosionen iiberflackert den Friedkof. 

Nirgendwo ist ein Ausweg. Ich wage im Aufblitzen 
der Granaten einen Blick auf die Wiesen. Sie sind ein 
aufgewubltes Meer, die Stickflammen der Gesckosse sprin- 
gen wie Fontanen keraus. Es ist ausgescklossen, dafl 
jemand dariiber kinwegkommt. 

Der Wald versckwindet, er wird zerstampft, zerfetzt, 
zerrissen. Wir miissen Her auf dem Friedkof bleiben- 
Vor uns birst die Erdel Es regnet Sckollen. Ick spiire 
einen Ruck. Mein Armel ist aufgerissen durck einen Split- 
ter. Ick balle die Faust. Keine Sckmerzen. Dock das 


69 



beraMgt mich. nicht, Verletzuixgen sclimerzen stets erst spa- 
ter, Ich fatre ^er den Arm. Er ist angekratzt, aber beil. 
Da k n al l t es gegen meinen Schadel, da6 mir das BewiiBt- 
sein verschwimint. Icb babe den bKtzartigen Gedanken: 
Nicht obnmacbtig werden!, versinke in scbwarzem Brei 
nnd koznme sofort weder bocb. Ein Splitter ist gegen mei- 
nen Helm gebanen, er kam so weit ber, da6 er nicbt diircb- 
scblng. Icb wiscbe mir den Dreck aus den Augen. Vor mir 
ist ein Locb anfgerissen, icb erkenne es undentlicb. Gra- 
naten treffen nicbt leicbt in denselben Tricbter, deshalb 
Tivill icb hinein. Mit einem Satze scbnelle icb micb lang 
vor, flacb me ein Fisch uber den Boden, — da pfeift es 
wieder, rascb kriecbe icb zusammen, greife nacb Deckimg, 
fiible links etwas, presse micb daneben, es gibt nacb, icb 
stShne, die Erde zerreifit, der Lnftdruck donnert in meinen 
Obren, icb kriecbe nnter das Nacbgebende, decke es iiber 
micb, es ist Holz, Tncb, Deckimg, Deckimg, armselige 
Deckling vor berabscblagenden Splittem. 

Icb offne die Angen; — meine Finger halten einen Ar- 
mel umklammert, einen Arm. Ein Verwimdeter? Icb 
scbreie ibm zu — keine Antwort — ein Toter. Meine Hand 
faBt weiter, in Holzsplitter — da weiU icb wieder, dafi wir 
anf deni Friedbof liegen. 

Aber das Feuer ist starker als alles andere. Es ver- 
nicbtet die Besinmmg, icb kriecbe niirnochtiefer imterden 
Sarg, er soil micb scbiitzen, nnd wenn der Tod selber in 
ibm liegt. 


70 



Vor mir Hafft der Tricliter. Ich fasse ihn mit den Angen 
wie mit Fausten, ich miiB mit einem Satz hinem. — Da 
eriialte ich einen ScHag ins Gesictt, eine Hand Mammert 
sicK um meine SclitJter, — ist der Tote wieder erwacht? — 
Die Hand scEnttelt micli, ich wende den Kopf, in sekxoi- 
denknrzem Lickt starre ich in das Gesickt Katczinskys, 
er hat den Mnnd weit offen und briillt, ich here nichts, 
er riittelt mich, nahert sich ; in einem Moment Abschwellen 
exreicht mich seine Stimme ; ^Gas — Gaaas — Gaaas — 
Weitersagen — T* 

Ich reiBe die Gaskapsel heran . . . Etwas entfemt von 
mir liegt jemand. Ich denke an nichts mehr als an dies: 
Der dort muB wissen: ,, Gaaas — Gaaas — 

Ich rufe, schiebe mich heran, schlage mit der Kapsel 
nach ihm, er merfct nichts — noch einmal, noch einmal — 
er duckt sich niir — es ist ein Rekrut — ich sehe ver- 
zweifelt nach Kat, er hat die Maske vor — ich reiBe meine 
auch herans, der Helm fliegt beiseite, sie streift sich iiber 
mein Gesicht, ich erreiche den Mann, am nachsten liegt 
mir seine Kapsel, ich fasse die Maske, schiebe sie iiber 
seinen Kopf, er greift zu — ich lasse los — nnd liege plotz- 
lich mit einem Ruck im Trichter. 

Der dumpfe Knall der Gasgranaten mischt sich in das 
Krachen der Explosivgeschosse. Eine Glocke drohni 
zwischen die Explosionen, Gongs, Metallklappern kiinden 
iiberallhin — Gas — Gas — Gaas — 

Hinter mir plumpst es, einmal, zweimal. Ichwische die 

71 



Aiigensclieibeii meiner Maske vom Atemdimst saixber. Es 
ist Kat, Kropp luid noch jemand. Wir liegen zu viert in 
scliwerer, lauemder Anspannung imd atmen so scbwacli 
wie mSglich. 

Diese ersten Minuten mit der Maske entscheiden iiber 
Leben und Tod: ist sie dicbt? Icb kenne die furchtbaren 
Bilder ans dem Lazarett: Gaskranke, die in tagelangem 
Wiirgen die verbrannten Lungen stiickweise auskotzen. 

Vorsicbtig, den Miind auf die Patrone gedriickt, atme 
icb, Jetzt scbleicbt der Scbwaden iiber den Boden xmd 
sinkt in alle Vertiefongen. Wie ein weicbes, breites 
Qnallentier legt er sicb in nnseren Tricbter, rakelt sicb 
binein. Icb stoBe Kat an: es ist besser, berausznkriecben 
iind oben zu liegen, als bier, wo das Gas sicb am meisten 
sammelt. Docb wir kommen nicbt dazu; ein zweiter 
Feuerbagel beginnt. Es ist, als ob nicbt mebr die Gescbosse 
briillen; es ist, als ob die Erde selbst tobt. 

Mit eiaem Kracb saust etwas Scbwarzes zu uns berab. 
Hart neben uns scblagt es ein: ein hocbgescbleuderter 
Sarg. 

Icb sebe Kat sicb bewegen und kriecbe biniiber. Der 
Sarg ist dem Vierten in unserm Locb auf den aus- 
gestreckten Arm geschlagen. Der Mann versucbt, mit der 
andem Hand die Gasmaske abzureifien. Kropp greift 
recbtzeitig zu, biegt ibm die Hand bart auf den Riicken 
und bait sie fest. 

Kat und icb geben daran, den verwundeten Arm frei 


72 



zu maclien. Der Sargdeckel ist lose uiid geborsten, wir 
konnen iim leicht abreifien, den Toten werfen wir hinans^ 
er sackt nack nnten, dann versucken wir, den nnteren 
Tail zn lockern. 

Znm GMck wird der Mann bewufitlos, nnd Albert kann 
uns helfen. Wir brancken nun nickt mekr so bekutsam 
zu sein und arbeiten, was wir konnen, bis der Sarg mit 
einem Seufzer nackgibt unter den daruntergesteckten 
Spaten. 

Es ist keUer geworden. Kat nimmt ein Stiick des 
Deckels, legt es unter den zersckmetterten Arm, und wir 
binden alle unsere Verbandspackcken damm. Mekr konnen 
ivir im Moment nickt tun. 

Mein Kopf brummt und droknt in der Gasmaske, er 
ist nake am Platzen. Die Lungen sind angestrengt, sie 
kaben mix immer wieder denselben keifien, verbrauckten 
Atem, die Scklafenadern sckwellen, man glaubt zu er- 
sticken — 

Graues Lickt sickert zu uns kerein. Wind fegt uber den 
Friedkof. Ick schiebe mick iiber den Rand des Trickters. 
In der sckmutzigen Dammerung liegt vor mir ein aus- 
gerissenes Rein, der Stiefel ist vollkommen heil, ick seke 
das aUes ganz deutlick im Augenblick. Aker jetzt erkebt 
sick wenige Meter waiter jemand, ick putze die Fenster, 
sie bescklagen mir vor Aufregung sofoirt wieder, ick 
starre hdnuber — der Mann dort tragt keine Gasmaske 
mekr. 


73 



Nocii Sekundeii warte icii — er briciit niclit ziisammen, 
er blickt sucbend umber und macbt eiuige Scbritte, — der 
Wind bat das Gas zerstreut, die Luft ist frei — , da zerre 
icb rdcbelnd ebenfalls die Maske weg imd faUe bin, wie 
kaltes Wasser stromt die Luft in micb binein, die Augen 
woUen brecben, die Welle iiberscbwemmt micb und loscbt 
micb dunkel aus. 


Die Einscblage baben aufgebdrt. Icb drebe micb zum 
Tricbter und winke den andem. Sie klettem berauf und 
reilJen sicb die Masken berunter. Wir umfassen den Ver- 
wundeten, einer nimmt seinen gescbienten Arm. So stol- 
pern wir bastig davon. 

Der Friedhof ist ein Triimmerfeld. Sarge und Leicben 
liegen verstreut. Sie sind nocb einmal getotet worden; 
aber jeder von ibnen, der zerfetzt wurde, bat einen von 
uns gerettet. 

Der Zaun ist verwiistet, die Scbienen der Feldbabn 
druben sind aufgerissen, sie starren bocbgebogen in die 
Luft. Vor uns liegt jemand. Wir halten an, nur Kropp 
gebt mit dem Verwundeten weiter. 

Der am Boden ist ein Rekrut. Seine Hiifte ist blut- 
verscbmiert ; er ist so erscbSpft, daB icb nacb meiner Feld- 
flascbe greife, in der icb Rum mit Tee babe. Kat halt 
meine Hand zuriick und beugt sicb iiber ibn: „Wo bat’s 
dicb erwiscbt, Kamrad?** 


74 



Er bewegt die Augen; er ist zu scliwach zmn Ant- 
worten. 

Wir schneiden vorsichtig die Hose aiif. Er stdlmt. 
ruMg, es wixd ja besser — 

Wenn er einen Bauchscbufi hat, dar£ er nichts trinken. 
Er hat nichts erbrochen, das ist giinstig. Wir legen die 
Hiifte bloJS. Sie ist ein einziger Fleischbrei mit Knochen- 
splittem. Das Gelenk ist getroffen. Dieser Jnnge wird 
nie mehr gehen konnen. 

Ich wische ihm mit dem befenchteten Finger iiber die 
Schlafe nnd gebe ihm einen Schlnck. In seine Angen 
kommt Bewegnng. Jetzt erst sehen wir, da6 anch der 
rechte Arm blutet. 

Kat zerfasext zwei Verbandspackchen so breit me 
mSgKch, damit sie die Wtmde decken. Ich snche nach 
Stoff, um ihn lose dariiberznwickeln. Wir haben nichts 
mehr, deshalb schlitze ich dem Verwnndeten das Hosen- 
bein weiter auf, nm ein Stiick seiner Unterhose als Binde 
zn verwenden, Aber er tragt keine. Ich sehe ihn genaner 
an: es ist der Flachskopf von vorhin. 

Kat hat inzmschen ans den Taschen eines Toten noch 
Packchen geholt, die mr vorsichtig an die Vxinde schie- 
ben. Ich sage dem Jungen, der nns iinverwandt ansieht: 
„Wir holen jetzt eine Bahre.“^ 

Da dflfnet er den Mnnd nnd fliistert: „Hierbleiben — 

Kat sagt: „Wir kommen ja gleich wieder. Wir holen 
fiir dich eine Bahre/‘ 


75 



Man kann niclit erkennen, ob er verstanden bat; er 
wimmert wie ein Kind hinter nns her: „Nicbt weg- 
geben — 

Kat siebt sicb nm nnd fliistert: ,,Sollte man da nicbt 
einfach einen Revolver nebmen, damit es aiifb5rt?^‘ 

Der Jnnge wird den Transport kanm iibersteben, nnd 
bocbstens kann es nocb einige Tage mit ibm danern. Ailes 
bisber aber wird nicbts sein gegen diese Zeit, bis er stirbt. 
Jetzt ist er nocb betanbt nnd ftiblt nicbts. In einer Stnnde 
wird er ein kreiscbendes Biindel nnertraglicher Scbmerzen 
werden. Die Tage, die er nocb leben kann, bedenten fiir 
ibn eine einzige rasende Qual. Und wem niitzt es, ob er 
sie nocb bat oder nicbt — 

Icb nicke. „Ja, Kat, man soUte einen Revolver 
nebmen.'^ 

„Gib ber‘% sagt er nnd bleibt stehen. Er ist ent- 
scblossen, icb sebe es. Wir blicken nns nm, — aber wir 
sind nicbt mebr allein. Vor nns sammelt sicb ein Hauflein, 
ans den Tricbtern und Grabem kommen Kopfe. 

Wir bolen eine Babre. 

Kat scbiittelt den Kopf. „So jnnge Kerle^‘ — Er 
wiederbolt es: „So jnnge, unscbnldige Kerle — 


Unsere Verlnste sind geringer, als anznnebmen war: 
fiinf Tote nnd acbt Verwimdete. Es war nnr ein knrzer 
Feneriiberfall. Zwei von unseren Toten liegen in einem 

76 



der aufgerisseneii Graber; wir brauchen sie bloB zuzn- 
buddeln. 

Wir geben znriick. Scbweigend trotten wir im Ganse- 
marscb bintereinander ber. Die Verwimdeteii werden aur 
SanitMsstatioii gebracbt. Der Morgen ist triibe, die 
Krankenwarter lanfen mit Ninnniem and Zetteln, die 
Verletzten wimmern. Es beginnt zu regnen. 

Nacb einer Stnnde baben wir unsere Wagen er- 
reicbt nnd klettem biaaiif. Jetzt ist mebr Plata als 
vorber da, 

Der Regen wird starker. Wir breiten Zeltbabnen aus 
iind legen sie auf unsere Kopfe. Das Wasser trommelt 
darauf nieder. An den Seiten flieBen die Regenstrabnen 
ab. Die Wagen platscben durcb die Locber, und wir wiegen 
uns im Halbschlaf bin und ber. 

Zwei Mann vom im Wagen baben lange gegabelte 
Stocke bei sicb. Sie acbten auf die Telepbondrabte, die 
quer iiber die StraBe hangen, so tief, daB sie unsere Kopfe 
wegreiBen konnen. Die beiden Leute fangen sie recbtzeitig 
mit ibren gegabelten Stocken auf und beben sie iiber uns 
binweg. Wir boren ibren Ruf: „Acbtung — Drabt‘% 
und im Halbscblaf geben wir in die Kniebeuge und ricbten 
uns wieder auf. 

Monoton pendeln die Wagen, monoton sind die Rufe, 
monoton rinnt der Re gen. Er rinnt auf unsere Kopfe und 
auf die Kopfe der Toten vom, auf den Korper des Meinen 
Rekruten mit der Wunde, die viel zu groB fur seine Hiifte 


77 



ist, er riimt au£ das Grab Kemmerichs, errinnt atif iinsere 
Herzen. 

Ein EinscHag hallt irgendwo. Vir zuckeii anf, die 
Aiigen siad gespannt, die Hande wieder bereit, nm die 
Korper fiber die Wtode des Wagens in den StraBengraben 
zu werfen. 

Es kommt nichts welter. — Monoton nur die Rnfe: 
„Acbtimg — Drabt‘‘ — wir geben in die Knie — wir sind 
wieder im Halbscblaf. 



V 


E s ist beschwerlich, die einzelne Laus zu toten, wenn 
man liiiiiderte hat. Die Tiere sind etwas hart, mid das 
ewige Knipsen mit den Fingemageln wird langweilig. 
Tjaden hat deshalb den Deckel einer Schuhpntzschachtel 
mit Draht iiber eiaem brennenden Kerzenstnmpf be- 
festigt. In diese kleine Pfanne werden die Lanse einfaeh 
hineingeworfen — es knackt, und sie sind erledigt. 

Wir sitzen rund hernm, die Hemden anf den Knien, den 
Oberkorper nackt in der warmen Liift, die Hande bei der 
Arbeit. Haie hat eine besonders feine Art von Lansen: 
sie haben ein rotes Krexiz anf dem Kopf. Deshalb be- 
hauptet er, sie ans dem LazarettmThonrhoiit ndtgebracht 
zti haben, sie seien von einem Oberstabsarzt persSnlich. 
Er will anch das sich langsam in dem Blechdeckel an- 
sammelnde Fett znm Stiefelschmieren benntzen nnd 
briillt eine halbe Stnnde lang vor Lachen iiber seinen Witz. 

Doch hente hat er wenig Erfolg; etwas anderes be- 
schaftigt tins zn sehr. 

Das Geriicht ist Wahrheit geworden. HimmelstoB ist 
da. Gestern ist er erschienen, wir haben seine wohl- 
bekannte Stimme schon gehort. Er soli zu Hanse ein paar 
jtmge Rekrnten zn kraftig im Sturzacker gehabt haben. 


79 



Olisie daB er es wiiBte, war d^r Solin des Regierungs- 
prasidenten dabei. Das bracli ihm das Genick, 

Hier wird er sick wimdem. Tjaden erortert seit Stnnden 
alle Moglicbkeiteii, wie er ikm antworten will. Hale sieht 
nackdenklicli seine groBe Flosse an und kneift mir ein 
Ange. Die Priigelei war der Hokepunkt seines Daseins ; er 
kat mir erzaklt, daB er nock manckmal davon tranmt. 


Kropp und MiiUer imterkalten sick. Kropp kat als 
einziger ein Kockgesckirr voU Linsen erkeutet, wakrsckein- 
lick bei der Pionierkiicke. Muller sckielt gierig kin, be- 
kerrsckt sick aber und fragt: ^Albert, was wiirdest du 
tun, wenn jetzt mit einemmal Frieden ware?‘" 

„Frieden gibt’s nicht!‘" auBert Albert kurz. 

„Na, aber wenn*% — bekarrt Muller, „was wiirdest du 
macken?‘‘ 

,,Abkauen!‘* knurrt Kropp. 

„Da8 ist Mar. Und dann?^*^ 

,,Mick besaufen‘% sagt Albert. 

„Rede keinen Quatsck, ick meine es ernst — 

„Ick auck,‘‘ sagt Albert, ,,wa8 soli man denn anders 
macken.“ 

Kat interessiert sick fur die Frage. Er fordert von 
Kropp seinen Tribut an den Linsen, erkalt ihn, iiberlegt 
dann lange und meint: „Besaufen konnte man sick ja, 


80 



sonst aber auf die naebste Eisenbabn — imd ab nach 
Mattem. Mensch, Friedem, Albert — 

Er kramt in seiner Wachstucbbrieftasche nacb einer 
Pbotograpbie nnd zeigt sie stolz herum. „Meme Alte!^^ 
Dann packt er sie weg nnd flucbt: „Verdammter Lause- 
krieg — 

„Dn kannst gut reden^% sage ich. ,,Du hast deinen 
Jungen nnd deine Fran.^‘ 

„Stimnit,‘‘ nickt er, „ich muB dafiir sorgen, daB sie 
was zn essen baben/^ 

Wir lacben. „Daran wird’s nicht feblen, Kat, sonst 
requirierst du eben/‘ 

Muller ist bungrig und gibt sicb nocb nicbt zufrieden. 
Er scbreckt Haie Westbns ans seinen Verprugeltr^mnen. 
„Haie, was wiirdest du denn macben, wenn jetzt Frieden 
ware?** 

„Er muBte dir den Arscb vollbanen, weil du bier von 
so etwas uberbanpt anfangst,** sage ich, „wie kommt das 
eigentlicb?** 

„Vie kommt Kubscheifie aufs Dacb?** antwortet 
Muller lakoniscb und wendet sicb ■wieder an Haie Westbus. 

Es ist zu scbwer auf einmal fiir Haie, Er wiegt seinen 
sommersprossigen Schadel: „Du meinst, wenn kein Krieg 
mebr ist?** 

,,Ricbtig. Du merkst aucb alles.** 

,,Dami kimen docb wieder Weiber, nicbt?** — Haie 
leckt sicb das Maid. 


6 Remarque, Westen 


81 



„I)as 

,,Meme Fresse nockmal,*^ sagt Haie, iind sein GesicFt 
taut auf, „daim wiirde ieh mir so einen straimnen Feger 
sckaappen, so einen richtigen Kiicliendragoner, weiBt dn, 
mit ordentlicli was dran zum Festhalten, nnd sofort nicFts 
wie rin in die Betten! Stell dir mal vor, ricFtige Feder- 
betten mit Sprungmatratzen, Kinners, acbt Tage lang 
wiirde icb keine Hose wieder anzieben.^^ 

AUes scbweigt. Das Bild ist zu wnnderbar. Schaiier 
laufen nns uber die Hant. Endlicb ermannt sich Miiller 
xiiid fragt: „XJnd danacb?‘‘ 

Pause. Dann erldart Haie etwas verzwickt: „Wenn icb 
Unteroffizier ware, wiirde icb erst nocb bei den PreuBen 
bleiben und kapitulieren.‘‘ 

„Haie, du bast glatt einen VogeF^ sage icb. 

Er fragt gemxitKcb zuriick: „Hast du scbon mal Torf 
gestochen? Probier’s mal.“ Damit ziebt er seinen Ldffel 
aus dem Stiefelscbaft und langt in Alberts Efinapf. 

,,Scblimmer als Scbanzen in der Cbampagne kann’s 
aucb nicbt 8ein‘‘, erwiderte icb. 

Haie kaut und grinst: ,,Dauert aber langer. Kannst 
dicb aucb nicbt driicken.** 

„Aber, Menscb, zu Hause ist es docb besser, Haie.*"^ 

„Teils, teils‘\ sagt er und versinkt mit offenem Munde 
in Grubelei. 

Man kann auf seinen Ziigen lesen, was er denkt. Da 
ist eine arme Moorkate, da ist schwere Arbeit in der Hitze 

82 



der Heide vom frahen Morgen bis zum Abend, da ist spar- 

licber Lobn, da ist ein scbmutziger Knecbtsanzng 

,,Hast beim KommiB im Frieden keine Sorgen,‘* teilt 
er mit, ,,jeden Tag ist dein Flitter da, sonst macbst du 
Kracb, hast dein Bett, alle acht Tage reine Wasche wie 
ein Kavalier, macbst deinen Unteroffiziersdienst, bast 
dein scbdnes Zeug; — abends bist du dein freier Mann 
und gebst in die Kneipe/* 

Haie ist auBerordentlicb stolz anf seine Idee. Er ver- 
liebt sicb darin. „Und wenn du deine zwolf Jabre um bast, 
kriegst du deinen Versorgungsschein und wirst Landjager. 
Den ganzen Tag kannst du spazierengeben/^ 

Er scbwitzt jetzt vox Zukunft. ,,Stell dir vor, wde du 
dann traktiert mrst. Hier einen Kognak, da einen balben 
Liter. Mit einem Landjager %vill docb jeder gut steben/‘ 
,,Du wirst ja nie Unteroffizier, Haie‘\ wirft Kat ein. 
Haie blickt ihn betrojffen an und scbweigt. In seinen 
Gedanken sind jetzt wobl die klaren Abende im Herbst, 
die Sonntage in der Heide, die Dorfglocken, die Nacb- 
mittage und Nacbte mit den Magden, die Bucbweizen- 
pfannkuchen mit den grofien Speckaugen, die sorglos ver- 
schwatzten Stunden im Krug — 

Mit so viel Pbantasie kann er so rascb nicbt fertig wer- 
den; desbalb knurrt er nur erbost: „Was ibr immer fiir 
BlSdsinn ziisammeiifragt/*^ 

Er streift sein Hemd iiber den Kopf und knSpft den 
Waffenrock zu. 



„Was wiirdest du maclieii, Tjadeii?^^ mft Kropp. 

Tjaden keniit nar eins. „Aufpasseii, dafi mir Himmel- 
stoB niclit darcligelit.^ 

Er moclite ihn walirscheinlicli am liebsten in einen 
Kafig sperren and jeden Morgen mit einem Kmiippel iiber 
ilin herfallen. Zu Kropp sckwarmt er: „An deiner Stelle 
wiixde ich seben, daB ich Lentnant wiirde. Dann kannst 
dm ibn scbleifen, daB ibm das Wasser im Hintem kocbt/*^ 

„Und du, Detering?‘* forscbt Miilier weiter. Er ist der 
geborene Scbulmeister mit seiner Fragerei. 

Detering ist wortkarg. Aber anf dieses Tbema gibt er 
Antwort. Er siebt in die Lnft und sagt nur einen Satz: 
„Icb wurde gerade nocb znr Emte znrecbt konimen,^^ 

Damit stebt er anf imd gebt weg. 

Er macbt sicb Sorgen. Seine Fran mtiB den Hof be- 
wirtscbaften. Dabei baben sie ibm nocb zwei Pferde weg- 
gebolt. Jeden Tag best er die Zeitnngen, die kommen, ob 
es in seiner oldenburgiscben Ecke aucb nicbt regnet. Sie 
bringen das Hen sonst nicbt fort. 

In diesem Augenblick erscbeint HimmelstoB. Er kommt 
direkt anf nnsere Gruppe zu. Tjadens Gesicbt wird fleckig. 
Er legt sicb langelang ins Gras und scbKeBt die Augen 
vor Anfregung. 

HimmelstoB ist etwas -nnscbliissig, sein Gang wird 
langsamer. Dann marscbiert er dennocb zu uns beran. 
Niemand macbt Miene, sicb zu erbeben. Kropp siebt ibm 
interessiert entgegen. 


84 



Er stelit Jetzt vor uns und wartet. Da teiner etwas 
sagt, laBt er ein vom StapeL 

Ein paar Sekiinden verstreichen; HimmelstoB weiB 
sicttlich. niclit, wie er sich benehmen soli. Am liebsten 
mSclite er uns jetzt im Galopp scMeifen. Immerhin scbeint 
er scbon gelemt zn baben, dafi die Front kein Kasemeiibof 
ist. Er versncbt es abermals nnd wendet sich nicbt mehr 
an alle, sondem an einen, er hofift, so leichter Antwort zii 
erbalten, Kropp ist ibm am nacbsten. Ihn beebrt er des- 
balb. „Na, aucb hier?^‘ 

Aber Albert ist sein Freund nicbt. Er antwortet knapp : 
„BiBcben langer als Sie, denke icb.‘‘ 

Der rotlicbe Scbnurrbart zittert. „Ibr kennt micb wobl 
nicbt mebr, was?** 

Tjaden scblagt jetzt die Augen anf. „Docb.** 

HimmelstoB wendet sicb ibm zn: ^Das ist docb Tjaden, 
nicbt?** 

Tjaden bebt den Kopf. „Und weiBt du, was dn bist?** 

HimmelstoB ist verblufPt. „S®lt wann dnzen wir nns 
denn? Wir baben docb nocb nicbt zusammen im Gbanssee- 
graben gelegen.** 

Er weiB absolut nicbts aus der Situation zn macben. 
Diese offene Feindseligkeit bat er nicbt erwartet. Aber er 
biitet sicb vorlanfig; sicber bat ibm jemand den Unsinia 
von Scbiissen in den Riicken vorgescbwatzt. 

Tjaden wird anf die Frage nacb dem Cbansseegraben 
vor Wut sogar witzig. „Nee, das warst dn alleine.** 


85 



Jet2t kocht HimmelstoB auck. Tjaden komint ikm je- 
dock eilig asuvor. Er imi6 einen Sprack loswerden. „Was 
du Mst, willst du wissen? Du bist eiu Saukund, das bist 
dn! Das woUt ick dir sckon lange mal sagen/^ 

Die Genugtuung vieler Monate lencktet ikm aus den 
blanken Sckweinsangen, als er den Sanknnd kinaus- 
sckmettert, 

Auck HimmelstoB ist nun entfesselt: „Was wiUst du 
Mistk6ter» du dreckiger Torfdeubel? Steken Sie auf, 
Knocken zusammen, wenn ein Vorgesetzter mit Ihnen 
sprickt 

Tjaden winkt groBartig. ,,Sie koimen riikren, Himmel- 
stoB, Wegtreten.“ 

HimmelstoB ist ein tobendes Exerzierreglement. Der 
Kaiser konnte nickt beleidigter sein. Er keult: „Tjaden, 
ick befekle Iknen dienstHck: steken Sie auf!*^ 

„Sonst nock was?‘^ fragt Tjaden. 

„WoUen Sie meinem Befekl Folge leisten oder nickt 

Tjaden erwidert gelassen und abscklieBend, okne es zu 
wissen, mit dem bekanntesten Klassikerzitat. Gleickzeitig 
liiftet er seine Kekrseite. 

HimmelstoB stiirmt davon: „Sie kommen vors Kriegs- 
gerickt!‘^ 

Wir seken ikn in der Ricktung zur Sckreibstube ver- 
sckwinden. 

Haie und Tjaden sind ein gewaltiges Torfstecker- 
gebrull. Haie lackt so, daB er sick die Kinnlade aus- 

86 



renkt und mit offenem Maul plotzlicli Mlflos dastekt. 
Albert miiB sie ihiu mit einem Fausts cMag erst "wieder 
einsetzeu. 

Kat ist besorgt. „Wemi er dick meldet, wird’s bdse/* 

„Meiiist du, da6 er es tut?‘* fragt Tjaden, 
sage ick. 

„Das mindeste, was du kriegst, sind fiinf Tage Dickeu*^ 
erklart Kat. 

Das ersckiittert Tjaden nickt. „Fimf Tage Kahn sind 
fiinf Tage Ruke.‘^ 

„Uiid wenn. du auf Festung kommst?‘‘ forsckt der 
griindlickere Miiller. 

„Dann ist der Krieg fiir mick so lange aus.*‘ 

Tjaden ist ein Soimtagskind. Fiir ikn gikt es keine 
Sorgen. Mit Haie und Leer ziekt er ab, damit man ikn 
nickt in der ersten Aufregung j&ndet. 


Muller ist nock immer nickt zu Ende. Er nimmt sick 
wieder Kropp vor. ^Albert, wenn du nun tatsacklick nack 
Hause kamst, was wiirdest du macken?‘‘ 

J^tzt satt und deskalb nackgiebiger. ^Wieviei 
Mann waren wir dann eigentlick in der Klasse?^* 

^^ir reckneni von zwanzig sind sieben tot, vier ver-- 
wundet, einer in der Irrenanstalt. Es kamen kockstens 
also zwolf Mann zusammen. 


87 



^,Drei sind davon Letitnaiits‘% sagt Miiller. „GIaidbst 
du, da6 sie sich von Kantorek anschnanzeii lieBen?*^ 

Wh glauben es mcht; wir wiirden uns ancli nictt melir 
ansclmauzeii lassen. 

„Wa8 liSltst du eigentKch von der dreifaclien Hand- 
Itmg im Willielm TeU?‘^ erinnert sick Kropp mit einem 
Male und brxillt vor Lacken. 

,,Was waren die Ziele des Gottinger Hainbundes 
forsckt aticb Miiller plotzlick sekr stxeng. 

,,Wieviel Kinder batte Karl der Kiibne?^* erwidere ick 
ruhig. 

„Aus Ihnen wird im Leben nicbts, Baumer‘‘, quakt 
MiiUer. 

„Waim war die Schlacbt bei Zama?‘‘ will Kropp 
wissen. 

„Ihnen fehit der sittliche Ernst, Kropp, setzen Sie sick, 
drei minus — winke ick ab. 

„Welcke Aufgaben kielt Lykurgus fur die wichtigsten 
im Staate?**^ wispert Miiller und scheint an einem Kneifer 
zu riicken. 

,,Heifit es : Wir Deutsche fiirchten Gott, sonst niemand 
in der Welt, oder wir Deutscken — gebe ick zu be- 
denfcen. 

„Wieviel Einwokner bat Melbourne zwitsckeri 
Muller zuriick. 

„Wie wollen Sie MoB im Leben besteken, wenn Sie 
das nickt wissen frage ick Albert emport. 

88 



,,Was versteht man nnter Koliasion?^^ trampft der 
mm aiif. 

Von dem ganzen Kram wissen wir niclit melir allzn 
viel. Er hat nns ancli nichts genutzt. Aber niemand hat 
ims in der Schule beigebracht, wie man bei Ilegeii iind 
Sturm eine Zigarette anziindet, wie man ein Fener aus 
nassem Holz machen kann — oder daB man ein Bajonett 
am besten in den Bauch stoBt, weil es da nicht festklemmt 
wie bei den ilippen. 

Miiller sagt nachdenhlich: ,,Was nutzt es. Wir werden 
doch wieder auf die Schxilbank miissen.” 

Ich halte es fiir ausgeschlossen. 5,Vielleicht machen wir 
ein Notexamen.** 

„Dazu brauchst du Vorbereitung. Und wenn du es 
schon bestehst, was dann? Student sein ist nicht viel 
besser. Wenn du kein Geld hast, miiBt du auch biiffeln.^ 

,,Etwas besser ist es. Aber Quatsch bleibt es trotzdem, 
was sie dir da eintrichtern/‘ 

Kropp triflFt unsere Stimmung: „Wie kann man das 
emst nehmen, wexm man Her drauBen gewesen ist.“ 

„Aber du muBt doch einen Beruf haben'^^ wendet 
Muller ein, als ware er Kantorek in Person. 

Albert reinigt sich die Nagel mit dem Messer. Wir sind 
erstaunt iiber dieses Stutzertum. Aber es ist nux Nach- 
denklichkeit. Er schiebt das Messer weg und erklart: ,,Das 
ist es ja. Kat und Detering und Haie werden wieder in 
ihren Beruf gehen, weil sie ihn schon vorher gehabt haben. 


89 



HimmelstoB aiicli. Wir liabeii keineii geiiabt. Wie sollen 
wir iins da nack diesem — er mackt eine Bewegimg 
2nir Front — „aii einen gewoknen/^ 

„Maii miiBte Rentier sein nnd dann ganz allein in 
einem Walde woknen konnen — sage ick, sckame mick 
aber sofort iiber diesen Grofienwahn, 

9, Was soli das blofi warden, wenn wir znriickkommen?*^ 
meint Miiller, nnd selbst er ist betroffen* 

Kropp zuckt die Ackseln. „Ick w'eiB nickt. Erst mal da 
sein, dann wird sick’s ja zeigen/^ 

Wir sind eigentlick alle ratios. „Was konnte man denn 
macken?“ frage ick, 

„Ick kabe zu nickts Lust“, antw'ortet Kropp miide. 
„Eines Tages bist dn dock tot, was kast dxi da sckon? 
Ick glanbe nickt, daJB wir iiberkanpt ziiriickkoinmen.‘‘^ 
„Wenn ick dariiber nackdenke, Albert/* sage ick nack 
einer Weile nnd walze mick anf den Riicken, „so mockte 
ick, wenn ick das Wort Friede kore, nnd es ware wirklick 
so, irgend etwas Unausdenkbares tnn, so steigt es mix zn 
Kopf. Etwas, weiJSt du, was wert ist, daB man kier im 
Scblamassel gelegen kat. Ick kann mir bloB nickts vor- 
stellen. Was ick an Moglickem seke, diesen ganzen Be- 
trieb mit Bernf nnd Stndinm nnd Gehalt nnd so weiter — 
das kotzt mick an, denn das war ja immer sckon da nnd 
ist wriderlick. Ick finde nickts — ick finde nickts, Albert.** 
Mit einemmal sckeint mir alles anssicktslos nnd ver- 
zweifelt. 


90 



Kropp denkt ebenfalls dariiber nach. „Es wird iiber- 
Iiaiipt sciiwer werden sait tins alien. Ob die sicb in der 
Heimat eigentlicli nicbt manclmial Sorgen macben des- 
wegen? Zwei Jabre ScbieBen nnd Handgranaten — das 
kann man docb nicbt anszieben wie einen Stmmpf nacb- 
ber — 

Wir sti mm en darin iiberein, daB es jedem abnlicb gebt; 
nicbt nnr iins bier; iiberall, jedem, der in der gleicben 
Lage ist, dem einen mebr, dem andem iv-eniger. Es ist das 
gemeinsame Scbicksal unserer Generation. 

Albert spricbt es ans. „Der Krieg bat nns fiir alles 
verdorben.*^ 

Er bat recbt. Wir sind keine Jugend mebr, Wir woUen 
die Welt nicbt mebr stiirmen. Wir sind Fliicbtende. Wir 
fliicbten vor tms. Vor unserem Leben. Wir waren acbtzebn 
Jabre nnd begannen die Welt nnd das Dasein zn lieben; 
wir muBten daranf scbieBen. Die erste Granate, die ein- 
scblng, traf in nnser Herz. Wir sind abgeschlossen vom 
Tatigen, vom Streben, vom Fortscbdtt. Wir glanben 
nicbt mebr daran; wir glanben an den Krieg. 


Die Scbreibstnbe wird lebendig. HimmelstoB scbeint 
sie alarmiert zn baben. An der Spitze der Kolonne trabt 
der dicke Feldwebel. Komiscb, daB fast alle etatsmaBigen 
Feldwebel dick sind. 


91 



Ilmi folgt der rachediirstende HimmelstoB. Seine Stiefel 
glanzen In der Sonne. 

Wir erheben nns. Der SpieB scbnanft: ist Tja- 

den?‘‘ 

Natiirlicb weifi es keiner. HimmelstoB glitzert iins bose 
an, „Bestimnit wiBt ibr es. WoUt es bloB nicbt sagen, Raus 
mit der Sprache.*^ 

Der SpieB siebt sich sncbend um; Tjaden ist nirgendwo 
zn erblicken. Er versucbt es andersherum. , Jn zehn Mi- 
nnten soil Tjaden sich auf Scbreibstnbe melden/* 

Damit ziebt er davon, HimmelstoB in scinem Kiel- 
wasser. 

„Icb babe das Gefiibl, daB mir beim nacbsten Schanzen 
eine DrabtroUe anf die Beine von HimmelstoB fallen 
wiid‘^, vermutet Kropp. 

„Wix werden an ihm nocb viel SpaB haben“, lacbt 
Miiller, 

Das ist nun unser Ebrgeiz : einem Brieftrager die Mei- 
nung stoBen. — 

Icb gebe in die Baracke und sage Tjaden Bescbeid, 
damit er verschwindet. 

Dann wechseln wir unsem Platz und lagem nns wieder, 
um Karten zu spielen. Denn das k5nnen wir: Karten- 
spielen, flucben und Krieg fubren. Nicbt viel fur zwanzig 
Jabre — zu viel fik zwanzig Jabre. 

Nacb einer balben Stunde ist HimmelstoB erneut bei 
uns, Niemand beacbtet ibn. Er feagt nacb Tjaden. Wir 

92 



zucken die Ackseln. „Ilir solltet ilin docli siiclien^‘. Be- 
Barrt er. 

^,Wieso erkundigt sick Kropp. 

„Na, ikr hier — 

„Ick mockte Sie bitten, nns nickt zu diizen“, sagt 
Kropp wie ein Oberst. 

HumnelstoB fallt aus den Wolken. „Wer duzt enck 
denn?*^ 

„Sier 

„Ick?‘^ 

,Ja“ 

Es arbeitet in ikm. Er sckielt Kropp miBtrauisch an, 
weil er keine Ahnung kat, was der meint. Immerkin trant 
er sick in diesem Pimkte nickt ganz und komml xms ent- 
gegen. „Habt ikr ikn nickt gefimden?“ 

Kropp legt sick ins Gras rmd sagt: „Waren Sie sckon 
mal kier dratifien?*^ 

„Das gekt Sie gar nickts an“, bestimmt Hinunelstofi. 
„Ick verlange Antwort/* 

„Geniackt^% erwidert Kropp und erkebt sick. „Sekeii 
Sie mal dortkin, wo die kleinen Wolkcken steken. Das 
sind die Gesckosse der Flaks. Da waren wir gestem, Fiinf 
Tote, ackt Verwundete. Dabei war es eigentkck ein Spafi. 
Weim Sie nackstens mit rausgeken, werden die Mann- 
sckaften, bevor sie sterben, erst vor Sie kintreten, die 
Kmocken zusammenreiBen und zackig fragen: Bitte weg- 


93 



treten zu diirfen! Bitte abkratzen zu diirfen! Auf Leute 
wie Sie haben wir bier gerade gewartet.^ 

Er setzt sicb wieder, and HimmelstoB verscbwindet 
wie ein Komet. 

„Drei Tage Arrest**, vermatet Kat. 

„Das nacbstemal lege icb los**, sage icb za Albert. 

Aber es ist ScblaB. Dafar findet abends beim Appell 
eine Vernehmang statt. In der Scbreibstabe sitzt anser 
Leatnant Bertinck and l^t einen nacb dem andem rafen. 

Icb ma6 ebenfalls als Zeage erscbeinen and Hare aaf, 
wesbalb Tjaden rebelliert bat. Die Bettnassergescbicbte 
macbt Eindrack. Himinelstofi wird berangebolt, and icb 
wiederbole meine Aassagen. 

„Stiimnt das?** fragt Bertinck HimmelstoB. 

Der windet sicb and maU es scUieBlicb zageben, als 
Kropp die gleicben Angaben macbt. 

„Wesbalb bat dean niemand das damals gemeldet?** 
fragt Bertinck. 

Wir scbweigen; er maB docb selbst wissen, was eine 
Bescbwerde aber solcbe Kleinigkeiten beim KommiB fax 
Zweck bat. Gibt es beim KommiB iiberbaapt Bescbwer- 
den? Er siebt es wohl ein imd kanzelt HmimelstoB za- 
nacbst ab, indem er ibm nocb einmal energiscb klannacbt, 
daB die Front kein Kasemenbof sei. Dann kommt in ver- 
starktem MaBe Tjaden an die Reibe, der eine aasgewacb- 
sene Predigt and drei Tage Mittelarrest erbalt. Kropp 
diktiert er mit einem Aagenzwinkem einen Tag Arrest. 


94 



„GeIit niclit anders^*^, sagt er bedauexnd zii ikm. Er ist ein 
vemiiiiftiger Kerl. 

Mittelarrest ist angenekoa. Das Arrestlokal ist ©in 
firiilierer Hiilmerstall; da kSnneii beide Besnch empfan- 
gen, wir versteben uns scbon darauf, MnzakomBieii. 
Dicker Arrest w&e Keller gewesen. Friiher \viirdeia wir 
aacli an einen Baum gebunden, dock das ist jetztverboten. 
Mancbnial werden who scbon wie Menscben bebandelt. 

Eine Stunde, nacbdemTjaden und Kropp binter ibren 
Drabtgittem sitzen, brecben \^^ir zu ibnen auf. Tjaden be- 
griifit uns krabend. Dann spielen wir bis in dieNacbt Skat. 
Tjaden gewinnt natiirlicb, das dumme Luder. 

Beim Axifbrecben fragt Kat micb: „Was meinst du zu 
Gtosebraten?^^ 

,,Nicbt schlecbt‘% finde icb. 

Wir klettem auf eine Munitionskolonne. Die Fabrt 
kostet zwei Zigaretten, Kat bat sicb den Ort genau ge- 
merkt. Der Stall gebort einem Regimentsstab. Icb be- 
schlieBe, die Gans zu bolen, und lasse mir Instruktionen 
geben. Der Stall ist binter der Mauer, nurmit einem Pflock 
verscblossen. 

Kat bait mir die Hande bin, icb stexnme den FuB bin- 
ein und Hettere iiber die Mauer. Kat stebt unterdessen 
Scbmiere. 

Einige Minuten bleibe icb steben, um die Augen an die 

95 



Dunkellieit ztt gewokaen. Dann erkenne ich den Stall, 
Leise scHeiclie ich micli keran, taste den Pflock ab, ziehe 
ikn weg imd offne die Tiir. 

Ick imtersckeide zwei weiBe Flecke. Zwei Ganse, das 
ist faul: faBt man die eine, so sckxeit die andere. Also 
beide — wenn ick scknell bin, klappt es, 

Mit einem Satz springe ick zn. Eine erwiscke ick so- 
fort, einen Moment spater die zweite. Wie verriickt kaue 
ick die Kopfe gegen die Wand, um sie zu betauben. Aber 
ick muB wohl nickt geniigend Wuckt kaben. Die Biester 
ranspern sick imd scklagen mit FiiBen imd Fliigeln nm 
sick. Ick kampfe erbittert, aber, Donnerwetter, was kat so 
eine Gans fur Kraft! Sie zerren, daB ick kin imd ker 
taumele. Im Dunkel sind diese weiBen Lappen sckeuBlick, 
meine Arme kaben Fliigel gekriegt, beinake habe ick 
Angst, daB ick mick zum Himmel erhebe, als hatte ick ein 
paar Fesselballons in den Pfoten. 

Da gekt auck sckon der Larm los; einer der Halse kat 
Luft geschnappt imd scknarrt wie eine Weckukr. Eke 
ick mick verseke, tappt es drauBen keran, ick bekomme 
einen StoB, liege am Boden nnd kore wiitendes Knurren. 
Ein Hnnd. Ick blicke zur Seite; da scknappt er sckon 
nack meinem Halse. Sofort liege ick still nnd ziehe vor 
aUem das Kinn an den Kragen. 

Es ist eine Dogge. Nack einer Ewigkeit nimmt sie den 
Kopf zuxiick imd setzt sick neben mick. Dock wenn ick 
versncke, mick zu bewegen, knurrt sie. Ick iiberlege. Das 


96 



einzige, was icli tun kann, ist, daB ich meinen kleinen Re- 
volver zu fassen kriege. Fort mu6 ick Mer auf jeden Fall, 
eke Leute kommen. Zentimeterweise scMebe ich die Hand 
keran. 

Ich. haJbe das Gefiihl, daB es Stunden dauert. Immer 
eine leise Bewegung imd ein gefahrliches Knurren; StiE- 
liegen nud erneuter Versuch. Als ich den Revolver in der 
Hand habe, fangt sie an zu zittem. Ich driicke sie auf den 
Bo den und mache mir klar: Revolver hochreiBen, schie- 
Ben, ehe er zufassen kann, imd tiirmen. 

Langsam hole ich Atem und werde ruhiger. Dann halte 
ich die Luft an, zucke den Revolver hoch, es knallt, die 
Dogge spritzt jaulend zur Seite, ich gewinne die Tiir 
des Stalles und purzele iiber eine der gefliichteten 
Gtose. 

Tm Galopp greife ich schnell noch zu, schmeiBe sie mit 
einem Schwung iiher die Maner und klettere selbst hoch. 
Ich bin noch nicht hiniiber, da ist die Dogge auch schon 
wieder munter und springt nach mir. Rasch lasse ich mich 
fallen. Zehn Scbritt von mir steht Kat, die Gans im 
Arm, Sowie er mich sieht, laufen wir. 

Endlich konnen wir verschnaufen. Die Gans ist tot, 
Kat bat das in einem Moment erledigt. Wir wollen sie 
gleich braten, damit keiner etwas merkt. Ich hole Topfe 
und Holz aus der Baracke, und wir kriechen in einen 
Meinen verlassenen Schuppen, den wir fur solche Zwecke 
kennen. Die einzige Fensterluke wird dicht verhingt. 


7 Remarque, Westen 


97 



Eine Art Herd ist vorEanden, anf Backsteinen liegt eine 
eiseme Platte. Wir ziinden ein Feuer an. 

Kat rnpft die Cans tmd bereitet sie zu. Die Federn 
legen wir sorgf^tig beiseite. Wir wollen uns zwei kleine 
Kissen darans macben mit der Anfschrift : „Rube sanft im 
Trommelfeuer 

Das ArtilleriefeTier der Front mnsuinmt nnsern Zn- 
flucbtsort. Licbtscbein flackert iiber imsere Gesichter, 
Scbatten tanzen anf der Wand. Mancbmal ein dnmpfer 
Kracb, dann zittert der Scbuppen. Fliegerbomben. Ein- 
mal horen wir gedampfte Scbreie. Eine Baracke muB ge- 
troffen sein. 

Flugzeuge snrren; das Tacktack von Mascbinen- 
gewebren wird laut. Aber von tins dringt kein Licbt bin- 
aus, das zu seben wSre. 

So sitzen wir uns gegeniiber, Kat und icb, zwei Sol- 
daten in abgescbabten Rocken, die eine Gans braten, 
mitten in der Nacbt. Wir reden nicbt viel, aber wir sind 
voll zarterer Riicksicbt miteinander, als icb mir denke, 
da6 Liebende es sein kSnnen. Wir sind zwei Menscben, 
zwei winzige Funken Leben, drauBen ist die Nacbt tmd 
der Kreis des Todes. Wir sitzen an ibrem Rande, gefabrdet 
tmd geborgen, iiber unsere Hande trieft Fett, wir sind uns 
nabe mit unseren Herzen, und die Stunde ist wie der 
Raum: iibcrflackert von einem sanften Feuer geben die 
Licbter und Scbatten der Empfindungen bin tmd ber. 
Was weiB er von mir — was weiB icb von ibm, firuber 


98 



ware keiner nnserer Gedanken ahnlicli gewesen — jetzt 
sitzen wir vor einer Gans iind fuUen anser Dasein und 
sind Tins so nake, daB wir nickt dariiber sprecken mogen. 

Es danert lange, eine Gans zu kraten, auck wenn sie 
Jnng und fett ist, Wir weckseln uns deskalb ak. Einer be- 
gieBt sie, wakrend der andere unterdessen scklaft, Ein 
herrlicker Duft verbreitet sick allmahlich. 

Die Gerauscke von drauBen werden zu einem Band, 
zu einem Traum, der aker die Erinnenmg nickt ganz ver- 
liert. Ick seke im Halkscklaf Kat den Loffel heben und 
senken, ick liebe ikn, seine Sckultem, seine eckige, ge- 
beugte Gestalt — und zu gleicker Zeit seke ick kinter 
ikm Walder und Sterne, und eine gute Stimme sagt Worte, 
die mir Ruke geben, mir, einem Soldaten, der mit seinen 
groBen Stiefeln imd seinem Koppel und seinem Brot- 
beutel klein unter dem koken Himmel den Weg gekt, der 
vor ikm liegt, der rasck vergiBt und nur selten nock 
traurig ist, der immer weitergekt unter dem gxoBen Nackt- 
himmeL 

Ein kleiner Soldat und eine gute Stimme, und wenn 
man ikn streickeln wiirde, konnte er es vielleickt nickt 
mekr verstehen, der Soldat mit den groBen Stiefeln und 
dem zugesckiitteten Herzen, der marsckiert, well er 
Stiefcl tragt, tind alles vergessen kat auBer dem Mar- 
schieren. Sind am Horizont nickt Bluinen und eine 
Landsckaft, die so stiU ist, daB ex weinen mockte, der 
Soldat? Steken dort nickt Bilder, die er nickt verloren 



hat, weil er sie nie besessen hat, verwirrend, aher 
dennoch fur ihn voriiher? Stehen dort uicht seine zwansig 
Jahre? 

1st mein Gesicht naB, nnd wo bin ich? Kat steht vor 
mir, sein riesiger gehiickter Schatten fallt iiber mich wie 
eine Heimat. Er spricht leise, er lachelt und geht zum 
Fener zuriick. 

Dann sagt er: „Es ist fertig-“ 

,Ja, Kat/‘ 

Ich schiittele mich. In der Mitte des Raumes leuchtet 
der braune Braten. Wir holen unsere zusammenklapp- 
baren Gabeln und unsere Taschenmesser heraus und 
schneiden uns jeder eine Keule ab. Dazu essen wir Kom- 
miBbrot, das wir in die SoBe tunken. Wir essen langsam, 
mit vollem GenuB. 

„Schmeckt es, Kat?‘‘ 

„Gut! Dir auch?*^ 

„Gut, Kat.“ 

Wir sind Briider und schieben uns gegenseitig die 
besten Stucke zu. Hinterher rauche ich eine Zigarette, 
Kat eine Zigarre. Es ist noch viel iibriggeblieben. 

„Wie w^e es, Kat, wenn wir Kropp und Tjaden ein 
Stuck brachten?‘‘ 

„Gemacht*% sagt er. Wir schneiden eine Portion ab und 
wickeln sie sorgfaltig in Zeitungspapier. Den Rest wollen 
wix eigentlich in unsere Baracke tragen; aber Kat lacht 
und sagt nur: „Tjaden.“ 


100 



Ich selie es ein, wir miissen alles mitnelmieii. So 
machen wir nns auf den. Weg zum Hukaerstall, jxm die 
beiden zn wecken. Vorher packen wir noch die Fedem weg. 

Kropp nnd Tjaden balten ims fiix eine Fata Morgana. 
Daim knirsclien ihre Gebisse. Tjaden bat einen Fliigel mil 
beiden Handen wie eine Mundbarmonika im Mnnde und 
kaut. Er sanft das Fett ans dem Topf und scbmatzt: 9,Das 
vergesse icb eucb nie 

Wir geben zn imserer Baracke. Da ist der bobe Hinxmel 
wieder mit den Stemen nnd der beginnenden Dammening, 
nnd icb gebe darnnter bin, ein Soldat mit groBen Stiefeln 
und voUem Magen, ein kleiner Soldat in der Friibe — aber 
neben mir, gebengt xmd eckig, gebt Kat, mein Kamerad. 

Die Umrisse der Baracke kommen in der Dammerimg 
anf nns zu wie ein scbwarzer, gnter Schlaf. 



VI 


E s wild von einer Offensive gemunkelt. Wir gehen zwei 
Tage friilier als sonst an die Front. Axif dem Wege 
passieren wir eine zersctossene Schnle. An ihrer Langs- 
seite anfgestapelt stett eine doppelte, holie Maner von 
ganz neuen, hellen, nnpoKerten Sargen. Sie rieclien noch 
nacb. Harz und Kiefern nnd Wald. Es sind mindestens 
hundert. 

„Da ist 3 a gut vorgesorgt zur Offensive*^ sagt Muller 
erstaunt. 

„Die sind fur uns‘% knurrt Detering. 

„Quatscli niclit^*, fabrt Kat ilin an. 
jjSei frob, wenn du nocb einen Sarg kriegst,** grinst 
Tjaden, „dir verpassen sie docb nur eine Zeltbahn fiir 
deine ScbieBbudenfigur, paB auf 

Aucb die andern macben Witze, unbebaglicbe Witze, 
was soUen wir sonst tun. — Die Surge sind ja tat- 
sacblicb fur uns. In solchen Dingen fclappt die 
Organisation. 

tlberaU vorn brodelt es. In der ersten Nacht versuchen 
wir uns zu orientieren. Da es ziemlich still ist, konnen wir 
boren, wie die Transporte binter der gegneriscben Front 
rollen, unausgesetzt, bis in die Dammerung binein. Kat 


102 



sagt, da6 sie niclit abrollen, sondem Trappen bringen, 
Tmppen, Miuaition, Gescbiitze. 

Die englische Artillerie ist verstarkt, das boren wir so- 
fort. Es steben recbts von der Ferine mindestens vier Bat- 
terien 20,5 mebr, nnd binter dem Pappelstiimpf sind 
Minenwerfer eingebaut. AnJBerdem ist eine Anzahl dieser 
kleinen franzosiscben Biester mit Aufscblagziindem bin- 
zugekommen. 

Wir sind in gedriickter Stimmtiiig. Zwei Stunden nacb- 
dem. wir in den Untersttoden stecken, scbieBt nns die 
eigcne Artillerie in den Graben. Es ist das drittemal in 
vier Wocben. Wenn es nocb ZieHebler waxen, wiirde keiner 
was sagen, aber es liegt daran, daB die Robre zu ans- 
geleiert sind; sie strexien bis in unsern Abscbnitt, so nn- 
sicber werden die Scbiisse oft. In dieser Nacbt baben wir 
dadurcb zwei Verwundete. 

Die Front ist ein Kafig, in dem man nerves warten miiB 
anf das, was gescbeben wird. Wir liegen nnter dem Gitter 
der Granatenbogen nnd leben in der Spaminng des tJn- 
gewissen. Uber ims scbwebt der Zufall. Wenn ein Gescbofi 
kommt, kann icb mich dncken, das ist alles; wobin es 
scblagt, kann icb weder genau wissen nocb beeinfliissen. 

Dieser Znfall ist es, der nns gleicbgiiltig macbt. Icb saB 
vox einigen Monaten in einem XJnterstand nnd spielte 
Skat; nacb einer Weile stand icb anf nnd ging, Bekannte 


103 



in einem andem Unterstand zn besncteii. Als icli ziiriick- 
kam, war von dem ersten nichts melir zu selien, er war 
von einem sdiweren Treffer zerstampft. Icli ging znm 
zweiten znriick imd kam gerade reclitzeitig, ran zu kelfen, 
ihn anfzngraben, Er wax inzwisclien verscliiittet worden. 

Ebenso znfallig, wie icb getroffen werde, bleibe icb am 
Leben. Im bombensicberen Unterstand kann icb zer- 
quetscbt werden, und anf freiem Felde zebn Stiinden 
Trommelfener iinverletzt xibersteben. Jeder Soldat bleibt 
mix durcb tausend Zufalle am Leben. Und jeder Soldat 
glaubt nnd vertraut dem ZufalL 

li! 


Wir miissen auf unser Brot achtgeben. Die Ratten 
baben sicb sebr vermehxt in der letzten Zeit, seit die Gra- 
ben nicbt mebr recbtin Ordnnngsind. Detering bebauptet, 
cs ware das sicherste "Vorzeichen for dicke Luft. 

Die Ratten bier sind besonders widerwartig, weil sie so 
groB sind. Es ist die Art, die man Leicbenratten nennt. 
Sie baben scbeuBlicbe, bosartige, nackte Gesicbter, nnd 
es kann einem iibel werden, wenn man ibre langen, kahlen 
Scbwanze siebt. 

Sie scbeinen recbt bxmgrig zu sein. Bei fast alien baben 
sie das Brot angefressen. Kropp bat es imter seinem Kopf 
fest in die Zeltbabn gewickelt, docb er kann nicbt scblafen, 
weil sie ibm iiber das Gesicbt laufen, ran heranzuge- 


104 



langen. Detering wollte scMau sein; er iiatte an der Decke 
einen dxiimen Dralit befestigt mad sem Biindel mit Brot 
darangeliangt. Als er nachts seine Taschenlampe an- 
knipst, sieht er den Dralit lain- iind berscliwanken. Auf 
dem Brot reitet eine fette Ratte. 

ScHieBlicIi maclaen wir ein Ende. Die Stiicke Brot, die 
von den Tieren benagt sind, scbneiden wir sorgfaltig aus ; 
weg\\rerfen konnen wir das Brot ja auf keinen Fall, weil 
wir morgen sonst nicbts zu essen baben. 

Die abgescimittenen Scbeiben legen wir in der Mitte 
auf dem Boden zusammen. Jeder nimmt seinen Spaten 
beraus nnd legt sich schlagbereit inn. Detering, Kropp 
und Kat balten ibre Tascbenlampen bereit. 

Nacb wenigen Mimiten boren wir das erste Scblurfen 
und Zerren. Es verstarkt sicb, nun sind es viele Heine 
FiiBe. Da blitzen die Tascbenlampen auf, und alles schlagt 
auf den scbwarzen Haufen ein, der auseinanderziscbt. Der 
Erfolg ist gut. Wir scbaufebi die Rattenteile iiber den 
Grabenrand und legen uns wieder auf die Lauer. 

Nocb eioige Male gelingt uns der Scblag. Dann baben 
die Tiere etwas gemerkt oder das Blut gerocben. Sie 
kommen nicbt mebr. Trotzdem ist der Brotrest auf 
dem Boden am nacbsten Tage von ibnen weggebolt. 

Im benacbbarten Abscbnitt baben sie zwei grofie 
Katzen und einen Himd uberfallen, totgebissen und an- 
gefressen. 


105 



Am nachsteB. Tage gibt es Edamer Kase. Jeder erhalt 
fast eineiL Viertelkase. Das ist teilweise gut, denn Edamer 
sclimeckt — iind es ist teilweise faiil, denn fiir nns waren 
die dicken roten Balle bislang immer ein Anzeicben fiir 
scbweren Schlamassel. Unsere Abnung steigert sicb, als 
nocb Scbnaps ansgetedt wird. Vorlaufig trinken wir ibn; 
aber nns ist nicbt wobl znmute dabei. 

Tagsiiber macben wir WettscbieBen auf Ratten nnd 
Inngern umber. Die Patronen und Handgranatenvorrate 
werden reichlicber. Die Bajonette revidieren wir selbst. 
Es gibt namlicb welcbe, die gleicbzeitig anf der stnmpfen 
Seite als Sage eingericbtet sind. Wenn die driiben jemand 
damit erwiscben, wird er rettungslos abgemnrkst. Im 
Nacbbarabscbnitt sind Lente von uns wiedergefunden 
worden, denen mit diesen Sageseitengewebren die Nasen 
abgescbnitten und die Angen ansgestocben waren. Dann 
batte man ibnen Mund nnd Nase mit Sagespanen gefiillt 
nnd sie so erstickt. 

Einige Rekrnten baben nocb Seitengewebre abnlicber 
Art; wir schaflfen sie weg nnd besorgen ibnen andere. 

Das Seitengewebr bat allerdings an Bedentnng ver- 
loren. Znm Stiirmen ist es jetzt mancbmal Mode, nnr mit 
Handgranaten und Spaten vorzngeben. Der gescbarfte 
Spaten ist eine leicbtere nnd vielseitigere Waffe, man kann 
ibn nicbt nnr nnter das Kinn stofien, sondern vor allem 
damit scblagen, das bat groBere Vncbt; besonders 
wenn man scbrag zwiscben Schnlter nnd Hals trifft. 


106 



spaltet man leicht bis ziir Bmst dnrcb. Das Seitengewebr 
bleibt beim Stich oft stecken, man miiB daim erst dem 
andem kraftig gegen den Banch treten, nm es losznkrie- 
gen, nnd in der Zwiscbenzeit bat man selbst leicbt eins 
weg. Dabei bricbt es nocb auBerdom manchmal ab. 

Nacbts wird Gas abgeblasen. Wir erwarten den Angriff 
nnd liegen mit den Masken fertig, bereit, sie abznreifien, 
sowie der erste Scbatten auftaucbt. 

Der Morgen grant, obne daB etwas erfolgt. Nnr immer 
dieses nervenzerreibende RoUen driiben, Ziige, Ziige, 
Lastwagen, Lastwagen, was konzentriert sicb da nnr? 
Unsere Artillerie funkt standig hiniiber, aber es bort nicbt 
anf, es bort nicbt anf. — 

Wir baben miide Gesicbter und seben aneinander vor- 
bei. ,,Es wird wie an der Somme, da batten wir nacbber 
sieben Tage nnd Nacbte Trommelfeuer^\ sagt Kat duster. 
Er hat gar keinen Witz mebr, seit wir bier sind, und das 
ist schlimm, derm Kat ist ein altes Frontscbwein, das 
Witterung besitzt. Nur Tjaden frent sicb der gnten Por- 
tionen und des Rums ; er meint sogar, wir wiirden genau 
so in Rube zuriickkebren, es wiirde gar nicbts passieren. 

Fast scbeint es so. Ein Tag nacb dem andem gebt vor- 
iiber. Icb sitze nacbts im Locb auf Horcbposten. Uber 
mir steigen die Raketen und Leuchtscbirme auf und 
nieder. Icb bin vorsicbtig und gespannt, mein Herz klopft. 
Immer wieder liegt mein Auge auf der Ubr mit dem 
Leucbtzifferblatt; der Zeiger will nicbt weiter. Dei Scblaf 


107 



hangt in meinen Angenlidem, ich bewege die Zeben in den 
Stiefeln, um wacbznbleiben. Nichts gescMebt, bis icb ab- 
gelost werde; — nur immer das Rollen driiben. Wir war- 
den al lm ahlictL riiMg mid spielen standig Skat nnd Man- 
scbeln. Vielleicbt baben wir Glxick. 

Dex Himmel bangt tagsiiber veil Fesselballons. Es 
beiBt, -daB von driiben jetzt auch Her Tanli^s eingesetzt 
werden soUen nnd Infanterieflieger beim Angriff. Das 
interessiert uns aber weniger als das, was von den nenen 
Flammenwerfern erzablt wird. 

Mitten in. der Nacbt erwacben wir. Die Erde drSbnt. 
Scbweres Fetier liegt liber iins. Wir driicken nns in die 
Ecken. Gescbosse aller Kaliber konnen wir nnterscbeiden- 

Jeder greift nacb seinen Sacben nnd vergewissert sicb 
alle AugenbKcke von nenem, daB sie da sind. Der Untex- 
stand bebt, die Nacbt ist ein Briillen nnd Blitzen. Wir 
sehen uns bei dem sekundenlangen Licbt an und scbiitteba 
mit bleicben Gesicbtem nnd gepreBten Lippen die KSpfe. 

Jeder fiiblt es mit, wie die scbweren Gescbosse die 
Grabenbriistung wegreifien, wie sie die Boscbnng durcb- 
wiiblen und die obersten Betonklotze zerfetzen. Wir 
merken den dumpferen, rasenderen Schlag, der dem 
Prankenhieb eines faucbenden Ranbtiers gleicbt, wenn 
der ScbuB im Graben sitzt. Morgens sind einige Rekrnten 
bereits griin und kotzen. Sie sind nocb zu unerfahren. 


108 



Langsam rieselt widerlict graues Lictt in den StoHen 
und maciit das Blitzen der EinscUage faliler. Der Morgen 
ist da. Jetzt misclien sicLi explodierende Minen in das 
Artilleriefener. Es ist das Walmsmidgste an Er- 
scMttemng, was es gibt. Wo sie niederfegen, ist ein 
Massengrab- 

Die Ablosnngen gelien Hnaiis, die Beobachter tamneln 
herein, mit Schmutz beworfen, zitternd. Einer legt sich 
sckweigend in die Ecke imd i6t, der andere, ein Ersatz- 
reservist, schlnclizt; er ist zweimal iiber die Bnistwehr 
geflogen dnrch den Lnftdruck der Explosionen, ohne sich 
etwas anderes zn holen als einen Nervenchoc. 

Die Rekruten sehen zu ihm bin. So etwas steckt rasch 
an, wir miissen anfpassen, schon fangen verschiedene 
Lippen an zu flattem. Gut ist, daJJ es Tag wird; vielleicbt 
erfolgt der Angriff vormittags. 

Das Feuer schwacht nicht ab. Es Kegt auch binter iins. 
So weit man sehen kann, spritzen Dreck- und Eisen- 
fontanen. Ein sekr breiter Giirtel wird bestiichen. 

Der Angriflf erfolgt nicbt, aber die Einschl^ge dauern 
an. Wir werden langsam taub. Es spxicht kaum noch 
jemand. Man karm sich auch nicht verstehen. 

Unser Graben ist fast fort. An vielen Stellen reicht er 
nur noch einen halben Meter hoch, er ist dxurchbrochen 
von Lochem, Trichtem und Erdhergen. Direkt vor un- 
serm StoUen platzt eine Granate. Sofort ist es dunkeL 
Wir sind zugeschiittet und mussen uns ansgraben. Nach 


109 



einer Stunde ist der Eingang wieder frei, iind wir sind 
etwas gefafiter, well wir Arbeit batten. 

Unser Kompagniefiibrer klettert herein und berichtet, 
da6 zwei TJnterstande weg sind. Die Rekrnten bernbigen 
sicb, als sie ibn seben. Er sagt, da6 beute abend versncbt 
werden soli, Essen beranznbringen. 

Das klingt trostlicb. Keiner bat daran gedacbt, aiiBer 
Tjaden. Nnn riickt etwas wieder von dranUen naber; — 
wenn Essen gebolt werden soil, kann es ja nicbt so scblimm 
sein, denken die Rekrnten. Wir storen sie nicbt, wir 
wissen, da6 Essen ebenso wicbtig wie Munition ist und 
nur desbalb berangescbafft werden muB. 

Aber es mifilingt. Eine zweite Staffel gebt los. Aucb 
sie kebrt nm. Scbliefilicb ist Kat dabei, und selbst er er- 
scbeint imverricbteter Sacbe wieder. Niemand kommt 
durcb, kein Hundescbwanz ist scbmal genug fur dieses 
Feuer. 

Wir zieben unsere Schmachtriemen enger und kauen 
jeden Happen dreimal so lange. Dock es reicbt trotzdem 
nicbt aus ; wir baben verflucbten Kobldampf. Icb bewabre 
mir eine Kante auf; das Weicbe esse icb beraus, die 
Kante bleibt im Brotbeutel; ab und zu knabbere icb mal 
daran. 


Die Nacbt ist unertraglicb. Wir konnen nicbt scbla- 
fen, wir stieren vor uns bin und duseln. Tjaden bedauert, 


110 



daB wir unsere angefresseiien Brotstiicke fiir die Ratten 
vergendet kaben, Wir kitten sie rukig aufkeben sollen. 
Jeder wiirde sie jetzt essen, Wasser feklt iins auck, abei 
nock nickt so sekr. 

Gegen Morgen, als es nock dunkel ist, entstekt Anf- 
regimg. Dnrck den Eingang stiirzt ein Sckwarm fliickten- 
der Ratten nnd jagt die Wto.de kinanf. Die Tascken- 
lampen beleuckten die Verwirrung. AUe sckreien nnd 
flncken nnd scklagen zn. Es ist der Ansbrnck der Wnt nnd 
der Verzweiflnng vieler Stnnden, der sick entladt. Die G^- 
sickter sind verzerrt, die Arme scklagen, die Tiere qniet- 
scken, es f^t sckwer, daB wir aufkoren, fast ktote einer 
den andem angefallen. 

Der Ansbrnck kat uns ersckopft. Wir liegen nnd warten 
wieder. Es ist ein Wnnder, daB nnser Unterstand nock 
keine Verluste hat. Er ist einer der wenigen tiefen 
StoUen, die es jetzt nock gibt. 

Ein Unteroffizier kriecht herein; er hat ein Brot bei 
sick. Drei Lenten ist es dock gegliickt, nackts dnrckzn- 
kommen nnd etwas Proviant zn kolen. Sie kaben erzahlt, 
daB das Fener in unverminderter Starke bis zn den Artil- 
leriestanden iage. Es sei ein Rtosel, wo die driiben so viele 
Gesckiitze kernakmen. 

Wir miissen warten, warten. Mittags passiert das, wo- 
mit ick sckon recknete. Einer der Rekmten kat einen 
Anfall. Ick kabe ihn sckon lange beobacktet, wie er rnbe- 
los die Ztone bewegte und die Ftoste ballte nnd scbloB. 


Ill 



Diese getetzten, teraiissprmgeiideii Augen kennen wir 
ziix Gentige. In den letzten Stunden ist er nur sclieiiibar 
stiller geworden, Er ist in sick znsanamengesiiiiteii wie ein 
morsclier Baum. 

Jetzt stekt er ati£> unanffallig kriecht er dnrct den 
Raiim, verweilt einen Angenblick nnd ratsckt dann dem 
Ansgang m. Ick lege micii hemm nnd firage: „Wo willst 
dn 

bin gleicb wieder da*^, sagt er xmd will an ™iy 

Torbei. 

„Warte dock nock, das Fener I^t sckon nack.^*^ 

Er korckt anf, nnd das Auge wird einen Moment Hat. 
Dann kat es wieder den truben Glanz wie bei einem toll- 
wiitigen Hxinde, er sckweigt nnd drangt ndch fort. 

„Eine Minute, Kamrad‘*, rafe ick. Kat wird aafmerk- 
sam. Gerade als der Reknit mick fortstoBt, packt er zn, 
and wir kalten ihn fest. 

Sofort beginut er zu token: „LaBt mick los, laBt mick 
rails, ick will bier rans 

Er k5rt anf nickts nnd scklagt nm sick, der Mimd ist 
naB nnd spriikt Worte, kalbverscklnckte, sinnlose Worte. 
Es ist ein A n fa ll von Unterstandsangst, er kat das GefuM, 
kier zn ersticken, nnd kennt nnr den einen Trieb : kinans- 
zngelangen. Venn man ikn lanfen liefie, wiirde er okne 
Deckling irgendwokin rennen. Er ist nickt der erste. 

Da er sekr wild ist nnd die Angen sick sckon verdreken, 
so kilft es nickts, wir mussen ikn verpriigelii, damit er 


112 



vemiinftig witd. Wir tun es scknell imd erbarmnngslos 
iind erreicken, daB er vorlaufig wieder ruMg sitzt. Die an- 
dem sind bleick bei der Gescbicbte geworden; boffentlich 
schxeckt es sie ab. Dieses Trommelfeuer istznviel fiir die 
axmen Kerle; sie sind vom Feldrekratendepot gleicb in 
eiaen ScMamassel geraten, der selbst einem alten Mann 
gxane Haaxe machen konnte. 

Die stickige Lxift fallt uns nacb diesem Vorgang nocb 
mebr anf die Nerven. Wir sitzen wie in iinserm Grabe 
nnd warten nur daxauf, da6 wir zugescbiittet werden. 

Plotzlicb benlt nnd blitzt es xmgebener, der Unterstand 
kracbt in alien Fugen nnter einem Treffer, gliicklicber- 
weise einem leicbten, dem die Betonklotze standgebalten 
baben. Es klirrt metaUiscb nnd fiircbterlich, die Wtode 
wackeln, Gewebre, Helme, Erde, Dreck xmd Staub fliegen. 
ScbwefeKger Qualm dringt ein, Wenn wir statt in dem 
festen Unterstand in einem der leicbten Dinger s^en, wie 
sie neuerdings gebaut werden, lebte jetzt keiner mebr. 

Die Wirkimg ist aber aucb so scblimm genug. Der Re- 
krut von vorbin tobt scbon wieder, und zwei andere 
schlieBen sicb an. Einer reiBt aus und lauft weg. Wir baben 
Miibe mit den beiden andem. Icb stiirze binter dem Fliicb- 
tenden ber und iiberlege, ob icb ibm in die Beine scMeBen 
soli; — da pfeift es beran, icb werfe mich bin, imd als icb 
aufstehe, ist die Grabenwand mit beiBenSplittem, Fleisct- 
fetzen undUniformlappen bepflastert. Icbkletterezuriick. 

Der erste scbeint wirklicb verriickt geworden zu sein. 


8 Remarque, Weeteu 


113 



Er remit mit dem Kopf wie ein Bock gegen die Wand, 
wenn man ilm losiaBt, Wir warden nackts versnclien 
miissen, ikn nach hinten zn jbringen. Vorlanfig binden wir 
ibn so fest, da6 man ihn beim Angriff sofort wieder los- 
macben kami> 

Kat schlagt vor, Skat zu spielen; — was soil man tim, 
vielleicbt ist es leicbter dann. Aber es wird nicbts darans, 
wir lanscben anf jeden Einscblag, der naber ist, raid ver- 
zablen nns bei den Sticben oder bedienen nicbt die Farbe. 
Wir miissen es lassen. Wie in einem gewaltig drobnenden 
Kessel sitzen wir, auf den von alien Seiten losgescblagen 
wird, 

Nocb eine Nacbt. Wir sind jetzt stumpf vor Spannimg. 
Es ist eine tddlicbe Spannimg, die wie ein scbartiges 
Messer imser Riickenmark entlang kratzt. Die Beine 
wollen nicbt mebr, die Hande zittem, der Korper ist eine 
diinne Haut iiber miibsam imterdriicktem Wabnsinn, 
iiber emein gleicb bemmimgslos ausbxechenden G^briill 
obne Ende. Wir baben kein Fleiscb und keine Mnskeln 
mebr, vdr konnen ims nicbt mebr anseben, ans Furcbt vor 
etivas Unberecbenbarem. So pressen wir die lippen anf- 
einander — es wird vorubergeben — es wird voriiber- 
geben — vielleicbt kommen wir dnrcb. 

Blit emem Male bdren die naben Einscblage anf. Das 
Fener danert an, aber es ist zuruckverlegt, imser Graben 


114 



ist firei. Wir greifen nach den Handgranaten, werfen sie 
vor den Unterstand imd springen Hnans, Das Trommel* 
fener iiat anfgeliSrt, dafiir liegt Mater nns schweres Sperr* 
feuer. Der Angriff ist da. 

Niemand wiirde glauben, dafi in dieser zerwiiUten 
Waste nocli Menschen sein konnten; aber jetzt tancben 
iiberall aus dem Graben die Stablbelme auf, and fiinfzig 
Meter von ans entfernt ist scbon ein Maschin engewehr in 
Stellang gebracbt, das gleicb losbellt. 

Die Drabtverbaae sind zerfetzt. Immerhin balten sie 
nocb etwas aaf. Wir seben die Stiirmenden kommen. 
Unsere Artillerie funkt. Maschinengewehre knarren, Ge- 
wehre knattem. Von driiben arbeiten sie sick beran. Haie 
and Kropp beginnen mit den Handgranaten. Sie werfen, 
so rascb sie konnen, die Stiele werden ihnen abgezogen 
zagereicbt. Haie wirft secbzig Meter weit, Kropp funfzig, 
das ist aasprobiert and wicbtig. Die von driiben konnen 
im Laafen nicbt viel eber etwas macben, als bis sie aaf 
dreiBig Meter beran sind. 

Wir erkennen die verzerrten Gesicbter, die flacben 
Helme, es sind Franzosen. Sie erreicben die Reste des 
Drabtverbaas and baben scbon sicbtbare Verlaste. Eine 
ganze Reibe wird von dem Mascbinengewebr neben ans 
amgelegt; dann baben wir viele Ladebemmxingen, and sie 
kommen n^er. 

Icb sebe einen von ihnen in einen spaniscben Reiter 
stiirzen, das Gesicbt bocb erboben. Der Korper sackt 



zusammen., die Hande bleiben hangen, ais wollte er beten. 
Dann fallt der Korper ganz weg, iind niir noch die ab- 
gescbossenen Hande mit den Armstiimpfen bangen ina 
Drabt. 

Im Angenbiick, als wir znmckgeben, beben sicb vorn 
drei Gesicbter vom Boden. Unter einem der Helme ein 
dnnMer Spitzbart tmd zwei Augen, die fast auf micb ge- 
ricbtet sind. Icb bebe die Hand, aber icb kann nicbt 
werfen in diese sonderbaren Angen, einen verriickten 
Moment lang rast die ganze Scblacbt wie ein Zirkns um 
micb nnd diese beiden Augen, die allein bewegungslos 
sind, dann reckt sicb driiben der Kopf auf, eine Hand, 
eine Bewegung, nnd meine Handgranate fliegt binuber, 
binein. 

Wir laufen zuruck, reiBen spaniscbe Reiter in den 
Graben tmd lassen abgezogene Handgranaten binter tms 
fallen, die uns einen feurigen Rdckzug sicbem. Von der 
nacbsten Stellung aus feuem die Mascbinengewebre, 

Aus ims sind gefabrlicbe Tiere geworden. Wir kampfen 
nicbt, wir verteidigen uns vox der Veimicbtimg. Wir 
scbleudem die Granaten nicbt gegen Menscben, was 
wissen wir im AugenbKck davon, dort betzt mit HSnden 
nnd Helmen der Tod binter uns ber, wir konnen tbmn seit 
drei Tagen zum ersten Male ins Gesicbt seben, wir konnen 
uns seit drei Tagen zum ersten Male webren gegen ibu^ 
wir baben eine wahnsinnige Wut, wir liegen nicbt mebr 
obmnacbtig wartend auf dem Schafott, wir konnen 


116 



zerstoren nnd toten^ iim uns zu retten, um uns zu retten 
und zu. racten. 

Wir iiocken Mnter jeder Ecke, Muter Jedem Stackel- 
dralitgestell und werfen den Kommenden Biindel von 
Explosionen vor die FiiBe, eke wir fortiiusclieii. Das 
Kracken der Handgranaten sckieBt kraftvoU in unsere 
Anne, in unsere Beine, geduckt wie Katzen laufen wir, 
iitersckwemmt von dieser Welle, die uns tra^, die nns 
grausam mackt, zu Wegelagerem, zu MSrdem, zu Teufeln 
meinetwegen, dieser Welle, die unsere Kraft vervielf^tigt 
in Angst und Wut und Lekensgier, die uns Rettung suckt 
und erkampft. Kame dein Vater mit denen druken, du 
wurdest nickt zaudem, ikm die Granate gegen die Brust 
zu werfen ! 

Die vorderen Graken werden aufgegeken. Sind es nock 
Graken? Sie sind zersckossen, vemicktet — es sind mix 
einzelne Grakenstucke, Locker, verkunden durck Lauf- 
gSnge, Tricktemester, nickt mekr. Aker die Verluste derer 
von druken kaufen sick. Sie kaken nickt mit so viel Wider- 
stand gerecknet. 

Es wird Mittag. Die Sonne krennt keiB, uns keifit der 
SckweiB in die Augen, wir wiscken ikn mit dem Axmel 
weg, manckmal ist Blut dakei. Der erste etwas kesser 
erkaltene Graken tauckt auf. Er ist kesetzt und vor- 
kereitet zum GogenstoB, er nimmt uns auf. Unsere 
Axtillerie setzt macktig ein und riegelt den Vorstofi ak. 


117 



Die LinieH Muter iins stocken. Sie konnen nickt vor- 
warts. Der Angriff wird zerfetzt diircli iinsere ArtlUerie. 
Wir lanem. Das Feuer springt hiindert Meter weiter, imd 
wir brecten wieder vor. Nebeii mix wird emem Gefireiten 
der Kopf abgerissen. Er laiift nock einige Scliritte, wab- 
rend das Bint ibin wie ein Springbruimeii ans dem Halse 
scMeBt, 

Es kommt nicbt ganz znm Handgemenge, die andem 
mnssen znriick. Wir erreicben xmsere Grabenstiicke 
wieder tmd geben dariiber binaus vor. 

Oh, dieses Umwenden! Man bat die scbiitzenden Re- 
servestellungen eixeicht, man mocbte hindurchkriecben, 
verschwinden; — nnd muB sicb ximdreben nnd wieder in 
das Granen hinein. Waren wir keine Automaten in diesem 
Augenblick, wir blieben liegen, erscbopft, willenlos. Aber 
wir werden wieder mit vorwarts gezogen, willenlos und 
docb wabnsinnig wild und wiitend, wir woUen toten, denn 
das dort sind unsere Todfeinde Jetzt, ibre Gewebre und 
Granaten sind gegen uns gerichtet, vemicbten wir sie 
nicbt, dann vemicbten sie uns! 

Die branne Erde, die zerrissene, zerborstene braime 
Erde, fettig miter den Sonnenstrablen scbimmemd, ist 
der Hintergnmd rastlos dumpfen Automatentums, unser 
Keucben ist das Abscbnarren der Feder, die Lippen sind 
trocken, der Kopf ist wiister als nacb einer durcbsoffenen 
Nacht — so tanineln wir vorwarts, nnd in nnsere durcb- 
siebten, dnrcHdcberten Seelen bobrt sicb qualend ein- 


118 



dringlicli das Bild der braimeii Erde mit der fettigen 
Sonne tmd den znckenden imd toten Soldaten, die da 
liegen, als miiBte es so sein, die nacli nnsem Beinen grei- 
fen imd sckreien, wahxend 'wir iiber sie hinwegspiiiigeii. 

Wir taben alles fureinander verloren, wir ken- 

nen nns kaxmi noch, wena das Bild des andem in nnseren 
gejagten Blick fallt. Wir sind gefuhllose Tote, die dnrcli 
einen Trick, einen gefalirliclien Zanber noch lanfen iind 
toten konnen. 

Ein junger Franzose bieibt zuriick, er wird erreicbt, 
bebt die Hande, in einer bat er nocb den Revolver — man 
weiJB nicbt, will er scbiefien oder sicb ergeben — , ein 
Spatenscblag spaltet ibni das Gesicbt. Ein zweiter sieht 
es nnd versucbt, weiterznfliicbten, ein Bajonett ziscbt ihm 
in den Riicken. Er springt bocb, nnd die Arme ausgebrei- 
tet, den Mnnd schreiend weit offen, taumelt er davon, in 
seinem Riicken scbwankt das Bajonett. Ein dritter wirft 
das Gewebr weg, kauert sicb nieder, die Hande vor den 
Augen. Er bieibt zuriick mit einigen andem Gefangenen, 
nm Verwnndete fortzutragen. 

Plotzlicb geraten wir in der Verfolgung an die feind- 
licben Stellnngen. 

Wir sind so dicbt binter den weicbenden Gegnern, da6 
es nns gelingt, fast gleicbzeitig mit ihnen anzulangen. Da- 
dnrcb baben wir wenig Verluste. Ein Mascbmengewebr 
MafFt, wird aber diircb eine Handgranate erledigt. Immer- 
bin baben die paar Seknnden fiir fiinf Banchscbiisse bei 


119 



uns ausgereicht. Kat scMagt einem der nnverwimdet ge- 
bliebenen Masclimengewelixscliiitzeii mit dem Kolben das 
Gesiclit zTi Brei, Die andem erstechen wir, ehe sie ikre 
Handgraiiateii terans haben. Daim saafen wir darstig das 
KilMwasser aas. 

tJberall knacken Drabtzangen, poltem Bretter iiber 
die Verhaae^ springen wir durcli die scbmalen Zagtoge in 
die Graben, Haie stoBt einem riesigen Franzosen seinen 
Spaten in den Hals and witft die erste Handgranate; wir 
dncken mis einige Sekimden hinter eine Brustwebr, daim 
ist das gerade Stiick des Grabens vor nns leer. Schrag 
iiber die Ecke ziscbt der nachste Wurf xind schafft freie 
Bahn, im Vorbeilanfen fliegen geballte Ladungen in die 
Unterstande, die Erde nickt, es kracht, dampft und 
stohnt, wir stolpem iiber glitscbige Fleiscbfetzen, iiber 
weiebe KSrper, ich falle in einen zerrissenen Baucb, anf 
dem ein neues, sauberes Offizierskappi liegt. 

Das G^fecht stockt. Die Verbindung mit dem Feinde 
reiBt ab. Da wir lans bier nicbt lange balten kdnnen, wer- 
den wir miter dem Scbxitze nnserer Artillerie zruriick- 
genommen anf unsere Stellting. Kanin wissen wir es, als 
wir in groBter Eile noch in die nachsten Unterstande 
stnrzen, mn von Konserven an nns zn reifien, was wir 
gerade seben, vor allem die Biicbsen mit Corned-beef nnd 
Butter, ebe wir tiirmen. 

Wir kommen gat znriick. Es erfoigt vorlaufig kein 
weiterer Angriff von druben. tJber eine Stunde liegen wir, 


120 



keuchen tind rolieii ans, eiie jemand spriclit. Wir sind so 
vSllig ansgopioiipt, dafi ivir trotz imseres starkea Hungers 
nicht an die Konserven denken. Erst aUmaliiicli werden 
wir wieder so etwas me Menschen. 

Das Comed-beef von driiben ist an der ganzen Front 
beriilimt. Es ist mitimter sogar der Hanptgnind zu einem 
iiberrasclienden VorstoB von nnserer Seite, denn nnsexe 
Ernaknmg ist im allgemeinen scblecbt; wir baben standig 
Hunger, 

Insgesamt baben wir fdnf Biicbsen gescbnappt. Die 
Leute driiben werden ja verpflegt, das ist eine Fracbt 
gegen tins Hnngerleider mit imserer Riibenmannelade, 
das Fleiscb stebt da nur so bemm, man brancbt bloB 
danacb zn greifen. Haie bat auBerdem ein diinnes firanzo- 
sisches WeiBbrot erwiscbt iind binter sein Koppel ge* 
scboben wie einen Spaten. An einer Ecke ist es ein biB- 
cben blutig, docb das laBt sicb abscbneiden. 

Es ist ein Gliick, daB wir jetzt gut zu essen baben; 
wir werden unsere Krafte nocb braucben. Sattessen ist 
ebenso wertvoU wie ein guter Unterstand; desbalb sind 
wir so gierig danacb, denn es kann uns das Lebea retten. 

Tjaden bat nocb zwei Feldflascben Kognak erbeutet. 
Wir lassen sie xeibum geben. 

Der Abendsegen beginnt* Die Nacbt kommt, aus den 
Tricbtem steigen NebeL Es siebt aus, als waren die Locber 


121 



von gespenstisclien Gehemmissen erfiillt. Der weiBe Diinst 
krieclit angstvoll iimlier, ehe er wagt, iibex den Rand bin.- 
wegzngleiten. Dann ziehen lange Streifen von Tricbter zn 
Trickter. 

Es ist kufal. let bin anf Posten nnd staire in die Diinkel- 
beit. Mir ist scbwaeb zimnite, vde immer nacb einem An- 
griff, nnd deshalb ^vird es mir sebwer, mit meinen Go- 
danken aUein zu sein. Es sind keine eigentlicben Ge- 
danken; es sind Erinnerungen, die micb in meiner 
Scbwache jetzt beimsneben nnd micb sonderbar stim- 
men. 

Die Lenebtsebirme gehen hoeb — und icb sebe ein 
Bild, einen Sommerabend, wo icb im Kreuzgang des 
Domes bin nnd auf hohe Rosenbusche schane, die in der 
Mitte des Meinen Kreuzgartens bliihen, in dem die Dom- 
berren begraben werden, Rnndnm steben die Steinbilder 
der Stationen des Rosenkranzes. Niemand ist da; — eine 
groBe StiUe bait dieses bliibende Viereck nmfangen, die 
Sonne liegt warm auf den dicken grauen Steinen, icb lege 
meine Hand darauf und fuhle die Warme. tJber der rech- 
ten Ecke des Schieferdaches strebt der grune Domturm 
in das matte, weiche Blau des Abends, Zwiseben den be- 
gltozten Meinen Saulen der umlaufenden Kreuzgange ist 
das kiihle Dunkel, das nur Edrcben baben, und icb stebe 
dort und denke daran, daB icb mit zwanzig Jabren die 
verwirrenden Dinge kennen werde, die von den Frauen 
kommen. 


122 



Das BUd ist bestiirzend nahe, es riikrt micli an, ehe es 
iinter dem Anfflammen dernaclisteiiLenclitkiigel zergebt. 

Icb fasse mein Geweix nnd riicke es znreclit. Der Lanf 
ist fencht, ich lege meme Hand fest daxnin nnd zerreibe 
die Fencbtigkeit mit den Fingem. 

Zwisclien den Wiesen liinter unserer Stadt erbofa sicb 
an einem Bacb eine Reibe von alten Pappeln. Sie waxen 
weitHn sicbtbax, und obscbon sie mix anf einex Seite 
standen, bieBen sie die Pappelallee. Schon als Kinder 
batten wix eine Vorliebe fiix sie, nnerklarlicb zogen sie nns 
an, ganze Tage verbracbten wir bei ibnen nnd borten 
ibxem leisen Ranscben zn. Wir saBen imter ibnen am Ufer 
des Baches nnd lieBen die FiiBe in die bellen, eibgen 
Wellen bangen. Der reine Duft des Wassers nnd die Me- 
lodic des Windes in den Pappeln beberrscbten nnsere 
Pbantasie. Wir liebten sie sehr, nnd das Bild dieser Tage 
laBt mix jetzt nocb das Hexz klopfen, ebe es wieder 
gebt, 

Es ist seltsam, daB alle Erinnerungen, die kommen, 
zwei Eigenschaften haben. Sie sind immer voll Stifle, das 
ist das Staxkste an ibnen, nnd selbst dann, wenn sie es 
nicbt in dem MaBe in Wabxbeit waxen, wixken sie so. Sie 
sind lantlose Erscbeinnngen, die zn mix sprechen mit 
Blicken nnd Gebaxden, woxtlos nnd scbweigend, — nnd 
ibr Scbweigen ist das Erscbiittemde, das micb 2rwingt, 
meinen Armel anzufassen und mein Gewebx, nm micb 
nicbt vexgeben zn lassen in dieser Anfldsnng nnd Locknng, 


123 



in der mein Korper sicli ansbreiten nnd sanft zerflieBen 
m5chte zn den stillen Macbten binter den Dingen, 

Sie sind so still, weil das fiir nns so imbegreiflicb ist. 
An der Front gibt es keine Stille, nnd der Bann der Front 
reicht so weit, daB ^vir nie anfierbalb von ikr sind. Ancb in 
den znriickgelegenen Depots nnd E.nlieqna3rlieren bleibt 
das Snmmen nnd das gedampfte Poltem des Feners stets 
in nnsem Oliren. Wir sind nie so weit fort, daB wir es nicbt 
mehr boren. In diesen Tagen aber vrar es nnertraglich. 

Die Stille ist die Ursache dafiir, daB die Bilder des 
Fraher nicbt so sebr Wnnsche erwecken als Traner — eine 
nngebenre, fassnngslose ScKwermnt. Sie waren — aber 
sie kebren nicbt wieder. Sie sind vorbei, sie sind eine 
andere Welt, die fiir nns voruber ist. Anf den Kasemen- 
bofen riefen sie ein rebeUiscbes, wildes Begebren bervor, 
da waxen sie nocb mit nns verbxmden, wir geborten zn 
ibnen nnd sie zu nns, wenn wir ancb getrennt waxen. Sie 
stiegen anf bei den Soldatenliedem, die wir sangen, wenn 
wir zwiscben Morgenrot nnd scbwarzen Waldsilbonetten 
znm Exerzieren nacb der Heide marscbierten, sie waren 
eine beftige Erinnernng, die in nns wax nnd aus nns kam. 

Hier in den Graben aber ist sie nns verlorengegangen. 
Sie steigt nicbt mebr ans nns anf; — wir sind tot, nnd sie 
stebt fern am Horizont, sie ist eine Erscbeinnng, ein rlitsel- 
bafter Widerscbein, der nns beimsncbt, den wir fnrcbten 
nnd ohne Hoffnnng lieben, Sie ist stark, nnd nnser Be- 
gebren ist stark; — aber sie ist nnerreicbbar, nnd wir 


124 



wissea es. Sie ist ebenso vergebKcii wie die Erwartimg, 
General zu werden, 

TJnd selbst weim man sie tms wiedergabe, diese Land- 
schaft imserer Jiigend, wir wiirden wenig melix mit ilur 
anznfangen wissen. Die zarten nind gebeimen Krafte, die 
von ibr zu iins gingen, konnen nicbt wiederersteben. Wir 
wiirden in ibr sein nnd in ibr umgeben; wir wurden. nns 
erinnem imd sie lieben nnd bewegt sein von ibxem An- 
bbck. Aber es ware das gleicbe^ wie wenn wir nacbdenMicb 
werden vor der Pbotograpbie eines toten Kameraden; es 
sind seine Ziige, es ist sein Gesicbt, imd die Tage, die wir 
mit ibm znsammen waren, gewinnen ein trugexiscbes 
Leben in imserer Erinnerimg; aber er ist es nicbt selbst. 

Wir wiirden nicbt mehx verbiinden sein mit ibr, wie wir 
es waren. Nicbt die Erkenntnis ibrer Scbonbeit und ibrer 
Stimmnng bat ims ja angezogen, sondern das Gemein- 
same, dieses GJeicbfiiblen einer Briiderscbaft mit den 
Dingen imd Vorfallen imseres Scins, die iins afagrenzte 
imd ims die Welt unserer Eltem immer etwas imverstand- 
licb macbte ; — denn wir waren irgendwie immer zartlicb 
an sie verloren imd bingegeben, imd das Kleinste miindete 
ims emmal imm er in den Weg der Unendlichkeit. Viel- 
leicbt war es nnr das Vorrecbt imserer Jngend; — wir 
saben nocb keine Bezirke, imd nirgendwo gaben wir ein 
Ende zn; wir batten die Erwarttmg des Blntes, die ims 
eins macbte mit dem Verlanf imserer Tage. 

Hente wiirden wir in der Landscbaft imserer Jngend 


125 



iimliergelieii wie Reisende. Wir sind verbrannt von Tat- 
saclien, wir kennen Unterscliiede vde Handler nnd Not- 
wendigkeiten wie ScMacliter. Wir sind niclit naelir im- 
bekiimmert, — wir sind fiircbterlicb gleicbgiiltig. Wir 
wiirden da sein; aber wiirden wir leben? 

Wir sind verlassen wie Kinder und erfakren wie alte 
Lente, wir sind rob und traurig iind oberflacHicb, — icb 
glaube, wir sind verloren. 

Meine Hande werden kalt, und meine Haut schauert; 
dabei ist es eine warme Nacbt. Nur der Nebel ist kiihl, 
dieser unbcimlicbe Nebel, der die Toten vor uns be- 
schleicbt und ibnen das letzte, verkrocbene Leben aus- 
saugt. Morgen werden sie bleicb und griin sein und ibr 
Blut gestockt und scbwarz. 

Iminer noch steigen die Leuchtscbirme empor und 
werfen ibr erbarmungsloses Licht iiber die versteinerte 
Landschaft, die voU Krater und Licbtkalte ist wie ein 
Mond. Das Blut unter meiner Haut bringt Furcbt und 
Unrube berauf in meine Gedanken* Sie werden scbwacb 
und zittem, sie woUen Warme und Leben* Sie konnen es 
nicbt ausbalten obne Trost und Tauscbimg, sie verwirren 
sicb vor dem nackten Bilde der Verzweiflung. 

Icb bore das Klappem von Kocbgeschirren und babe 
sofort das beftige Verlangen nacb warmem Essen, es wird 
mir gut tun und micb berubigen. Mit Mube zwinge icb 
micb, zu warten, bis icb abgel5st werde* 


126 



Dann geke ich in den Unterstand imd j&nde einen 
Beclier mit Granpen vor. Sie sind fett getoclit und 
sclimeckeii gut, ich esse sie langsam. Aber ich bleibe still, 
obscbon die andem besser gelaimt sind, wed das Feuer 
eingescblafen ist. 

Die Tage gehen bin, und jede Stunde ist nnbegreiflicb 
und selbstverstandlicb. Die Angrifie wecbseln mit Gegen- 
angriiffen, und langsam baufen sicb auf dem Tricbterfeld 
zwiscben den Graben die Toten. Die Verwimdeten, die 
nicbt sebr weit weg liegen, kSnnen wir meistens bolen. 
Mancbe aber miissen lange liegen, und wir boren sie 
sterben. 

Einen sucben wir Tergeblicb zwei Tage bindurcb. Er 
mufi auf dem Baucbe liegen und sicb nicbt umdreben 
konnen. Anders ist es nicbt zu erklaren, daU wir ibn nicbt 
finden; denn mix wenn man mit dem Munde dicht auf 
dem Boden scbreit, ist die Ricbtung so scbwer festzustellen. 

Er wird einen bosen ScbuB baben, eine dieser scblim- 
men Verletzungen, die nicbt so stark sind, daB sie den 
Korper rascb derart scbwacben, daB man balbbetaubt 
verdammert, und auch nicbt so leicht, daB man die 
Scbmerzen mit der Aussicbt ertragen kann, wieder beil 
zu werden. Kat meint, er batte entweder eine Becben- 
zertrummerung oder einen WirbelsaulenscbuB. Die Brust 
sei nicbt verletzt, sonst besaBe ex nicbt so viel Kraft zum 


127 



Sehieien. Man mnBte ilin bei einer anderen Verletznng 

sick anck bewegen seken. 

Ex wird allm^klick keiser. Die Stimme ist so nngMck- 
lick im Klang, daB sie iikexall kerkommen koimte. In der 
ersten Nackt sind dreimal Lente von iins draiiBen. Aber 
wenn sie glauben, die Eicktnng zn kaben, iind sckon kin- 
kxiecken, ist die Stimme beim nackstenmal, wenn sie 
korcken, wieder ganz anderswo. 

Bis in die Dammening binein sncken wir vergeblick. 
Tagsliber vrird das Geltode mit Glasem dmrckforsckt; 
nickts ist zu entdecken. Am zweiten Tag wird der Mann 
leiser; man merkt, daB die lippen iind der Mund ver- 
trocknet sind. 

Unser Korapagniefiibrer bat dem, der ibn findet, Vox- 
zngsnxlaub imd dxei Tage Znsatz versprocken. Das ist ein 
macktiger Aoreiz, aber wir wiirden anck okne das txm, 
was moglick ist; denn das Knfen ist fnrcktbar. Kat und 
Kropp geken sogar nackmittags nock einmal vox. Albert 
wird das Ohrlappcken dabei abgescbossen. Es ist nmsonsty 
sie baben ihn nicbt bei sick. 

Dabei ist deutlick zn versteken, was er mft. Znerst kat 
er immer nnr nm Hilfe gesckrien — in der zweiten. Nackt 
miiB er etwas Fieber kaben, er sprickt mit seiner Fran xmd 
seinen Kindem^ wir konnen oft den Namen Elise kerans- 
koren. Hente weint er mix nock. Abends erlisckt die 
Stimme zu einem Krackzen. Aber er stdknt nock die 
gauze Nackt leise. Wir koren es so genan, weil der Wind 


128 



auf iinsem Graben zastebt. Morgens, als wir scbon glan- 
ben, er babe langst Rube, dringt nocb einmal ein gtirgeln*- 
des Rocbeln heriiber. — 

Die Tage smd beiU iind die Toten liegen imbeerdigt. 
Wir konnen sie nicbt alle holen, wir wissen nicht, woMii 
wir nut ihnen sollen* Sie werden von den Granaten be- 
erdigt. Mancben treiben die Btucbe anf wie Balons. Sie 
ziscben, riilpsen und bewegen sich. Das Gas ramort in 
ihnen, 

Der Himm el ist blau und obne Wolken. Abends wird 
es scbwiii, xmd die Hitze steigt aus der Erde. Wenn der 
Wind zn uns bernberwebt, bringt er den Blutdunst mit, 
der scbwer und widerwartig siiBlicb ist, diesen Toten- 
brodem der Tricbter, der aus Chloroform und Verwesung 
gemiscbt scheint und uns Gbelkeiten und Erbrecben ver- 
ursacbt. 

# 

Die Nacbte werden mbig, und die Jagd auf die kup- 
femen Fiibrungsringe der Granaten und die Seidenschinne 
der franz5siscben Leucbtkugeln gebt los* Wesbalb die 
Fiibrungsringe so begehxt sind, weiB eigentHcb keiner 
recbt. Die Sammler bebaupten einfach, sie seien wextvoll, 
Es gibt Leute, die so viel davon mitscbleppen, dafi sie 
krunim und schief darunter geben, wenn wir 
abrucken. 

Haie gibt wenigstens einen Grand an; er will sie seiner 


9 Bemarqnef Westen 


129 



Brant als Stnimpfbanderersatz scMcken. Dariiber briclit 
bei den Friesen natilrlicb unb^dige Heiterkeit ans; sie 
schlagen sick anf die Knie, das ist ein Witz, Doimerwetter, 
der Haie, der bat es binter den Obren. Besonders Tjaden 
kann sicb gar nicbt fassen; er bat den grSBten der Binge 
in der Hand nnd steckt alle Augenblicke sein Bein bin- 
dnrcb, nm zn zeigen, wieviel da nocb firei ist, „Haie, 
Menscb, die miiB ja Beine baben, Beine‘* — seine Gedan- 
ken klettern etwas bober — ,,mid einen Hintem miiB 
die dann ja baben, wie — wie ein Elefant/‘ 

Er kann sicb nicbt genng ton. „Mit der mScbte icb 
mal ScbinkenHoppen spielen, meine Fresse — 

Haie strablt, weil seine Brant so viel Anerkennnng fin- 
det, nnd auBert selbstznfirieden nnd knapp: „Stramm 
isse !“ 

Die Seidenscbirme sind praktiscber zu verwerten. Drei 
oder vier ergeben eine Blnse, je nacb der Bmstweite. 
Kropp nnd icb brancben sie als Tascbentiicber. Die andem 
schicken sie nacb Hanse. Wenn die Franen seben kSnnten, 
mit wieviel Gefabr diese diinnen Lappen oft gebolt werden, 
wiirden sie einen scbonen Scbreck kiiegen. 

Kat uberrascbt Tjaden, wie er von einem BlindgUnger 
in aller Seelenrnbe die Binge abznklopfen versncbt. Bei 
Jedem andem wtre das Ding explodiert, Tjaden hat we 
stets Glnck. 

Einen ganzen Vormittag spielen zwei Scbmetterlinge 
vor unserm Graben. Es sind Zitronenfalter, ihre gelben 


130 



Fliigei Faben rote Pimkte. Was mag sie mix Merlier vcr- 
scMagen haben; weit nnd breit ist keine Pflanze und keine 
Blnme. Sie raben sicb anf den Zahnen eines Scbadels aus. 
Ebenso sorglos wie sie sind die Vogel, die sicb langst an 
den Kxieg gewohnt baben. Jeden Morgen steigen Lercben 
zwiscben der Front anf, Vor einem Jabr konnten wir 
sogar brntende beobacbten, die ihre Jimgen aucb bocb- 
bekamen. 

Vor den Ratten baben wir Rube im Graben. Sie sind 
vom — wir wissen, wozu. Sie werden fett; wo wir eine 
seben, knailen wir sie weg. Nacbts bSren wir wieder das 
Rollen von druben. Tagsiy}er baben wir nur das normale 
Feuer, so daB wir die Graben ausbessem konnen. Unter- 
baltung ist ebenfalls da, die Flieger sorgen dafiir. Taglicb 
finden zablreicbe Kampfe ihr Publiknm> 

Die Kampfflieger lassen wir uns gefallen, aber die Be- 
obacbtimgsflugzeuge bassen wir wde die Pest ; denn sie holen 
uns das Artilleriefeuer beriiber. Ein paar Minuten nacb- 
dem sie erscbienen, funkt es von Scbrapnells und Granaten* 
Dadurcb verJieren wir elf Lente an einem Tage, darunter 
fiinf Sanitater. Zwei werden so zerscbmettert, daB Tjaden 
meint, man konne sie mit dem LdfFel von der Grabenwand 
abkratzen und im Kocbgescbirr beerdigen. Einem andem 
wird der Unterleib mit den Beinen abgerissen. Er lebnt 
tot auf der Brust im Graben, sein Gesicbt ist adtronengelb, 
zwiscben dem Vollbart glinmit nocb die Zigarette. Sie 
glimmt, bis sie auf den Lippen verziscbt. 



Wix legen die Toten vorlaiifig in einen groBen Tricliter. 
Es sind bis jetzt drei Lagen ubereinander. 


J|e 


Plotzlicb begmnt das Feuer nochmals zu trommeln. 
Bald sitzen wir wieder in der gespaimten Starre des im- 
tatigen Wartens. 

Angriff, Gegenangriff, StoB, GegenstoB — das sind 
Worte, aber was umscblieBen sie! Wir verlieren viele 
Lente, ammeistenRekruten. Axif xinseremAbsclmittwird 
wieder Ersatz eingescboben. Es ist eines der nenen Re- 
gimenter, fast lauter jnnge Lente der letzten ansgebobe- 
nen Jabrgange. Sie baben kanm eine Ausbildung, niir 
theoretiscb baben sie etwas iiben konnen, ebe sie ins Feld 
riickten. Was eine Handgranate ist, wissen sie zwar, aber 
von Deckung baben sie wenig Ahnung, vor alien Dingen 
baben sie keinen Blick dafiir. Eine Bodenwelle mtiB scbon 
einen balben Meter bocb sein, ebe sie von ibnen geseben 
wird. 

Obscbon wir notwendig Verstarknng braucben, baben 
wir fast mebx Arbeit mit den Rekmten, als daB sie nns 
niitzen. Sie sind bilflos in diesem scbweren Angriffsgebiet 
imd fallen wie die Fliegen. Der Stellxmgskampf von hente 
erfordert Kenntnisse xind Erfabrungen, man mnB Ver- 
standnis fur das Gelande baben, man mnB die Gescbosse, 
ihre Geranscbe nnd Wirknngen im Obr baben, man muB 


132 



vorausbestmuneii kdnnen, wo sie emhauen, wie sie streiien 
imd wie man sick scMtzt. 

Dieser jiinge Ersatz weiB natiirlicli von alledem nocli 
fast gar niclits. Er wird anfgerieben, weil er kaiim ein 
Schrapnell von einer Granate nnterscbeiden kann, die 
Lente werden weggemSkt, weil sie angstvoU anf das Hen- 
len der nngefahrKclien groBen, weit binten einianenden 
Kohlenkasten lanscben imd das pfeifcnde, leise Snixen der 
flach zerspiitzenden kleinen Biester uberhSren. Wie die 
Scbafe drangen sie sicb znsammen, anstatt anseinander- 
ZTilaufen, nnd selbst die Verwnndeten werden nock wie 
Hasen von den Fliegem abgeknallt. 

Die LlassenSteckriibengesiclitcr, diearmseliggekrallten 
Hande, die janunervoUe Tapferkeit dieser armen Hunde, 
die trotzdem vorgeben nnd angreifen, diese braven, armen 
Htinde, die so verscMchtert sind, daB sie nicbt lant zu 
schreien wagen nnd mit zerrissenen Briisten iind Baucken 
und Armen imd Beinen leise nach ihrer Mutter wimmem 
nnd gleich anfbSren, wenn man sie ansiebt ! 

Ibre toten, flamnigen, spitzen Gesicbter taben die ent- 
setzlicbe Ausdmckslosigkeit gestorbencr Kinder. 

Es sitzt einem in der Kehle, wenn man sie ansiebt, wie 
sie anfspringen nnd lanfen nnd fallen. Man mocbte sie ver- 
priigeLa, weil sie so dnmm sind, nnd sie anf die Axme neb- 
men nnd wegbringen von bier, wo sie nicbts zn suchen 
haben. Sie tragen ibre grauen Rocke nnd Hosen nnd Stie- 
fel, aber den meisten ist die Uniform zn weit, sie scblottert 


133 



mn die G-Keder, die Sclralteni sind zu sclnnal, die Korper 
sind m gering, es gab keine Uniformen, die for dieses Kin- 
dennaB eingericlitet waren. 

Anf einen alten Maim fallen fnnf bis zebu Rekraten. 

Ein nbexrascbender GasangrifT rafft vieie weg. Sie sind 
nicbt dazu gelangt, zu abnen, was ihrer wartete. Einen 
Unterstand voU finden wir mit blauen KSpfen nnd scbwar- 
zen lippen. In einem Tricbter baben sie die Masken zn 
firiib losgemacbt; sie wnBten nicbt, daB sicb das Gas anf 
dem Grimde am langsten bait ; als sie andere obne Maske 
oben saben, rissen sie sie ancb ab nnd scblnckten nocb 
genng, nm sicb die Lnngen zn verbrennen. Ibx Znstand 
ist boffnnngslos, sie wiirgen sicb mit Blntstiirzen nnd 
Ersticknngsanffflen zn Tode. 


In einem Grabenstiick sebe icb micb pldtzlicb Himmel- 
stoB gegennber. Wir dncken nns in demselben Unterstand. 
Atemlos liegt alles beieinander nnd wartet ab, bis der Vor- 
stoB einsetzt. 

Obscbon icb sebr erregt bin, scbieBt mir beim Hinans- 
lanfen docb nocb ein Gedanke dnrcb den Kopf : Icb sebe 
Himm elstoB nicbt mebr. Rascb springe icb in den Unter- 
stand znriick nnd bnde ibn, wie er in der Ecke liegt mit 
einem kleinen StreifscbnB nnd den Verwnndeten simnliert. 
Sein Gesicht ist wie verprugelt, Er bat einen AngstkoUer, 


134 



er ist Ja ancli nocli neu Mer. Aber es macbt micli raseiid, 
daB der jnnge Ersatz draiiBen ist nnd er Met. 

^Ransf* fauche icb. 

Er riilirt sicb niciit, die lippen zittem, der Sdmnrr- 
bart bebt. 

^Raus!** wiederbole icb. 

Er ziebt die Beine an, driickt sicb an die Wand imd 
bleckt die Zaime wie ein K5ter^ 

Icb fasse ihn am Arm tmd will ibn bocbreiBen. Er 
cjuakt aiif. Da geben meine Nerven durcb. Icb babe ibn 
am Hals, scbiittele ibn wie einen Sack, daB der Kopf bin 
tmd ber fliegt, nnd scbreie ihm ins Gesicbt: „Du Lnmp, 
willst du rails — du Httnd, du Scbinder, du willst dicb 
driicken?‘‘ Er verglast, icb schleudere seinen Kopf gegen 
die Wand — ,,Du Vieb*‘ — icb trete ihm in die Rippen — , 
„Du Scbwein*^ — icb stoBe ibn vorw§rt8, mit dem Kopf 
voran binans, 

Eine nene Welle von mis kommt gerade vorbei. Ein 
Leutnant ist dabei. Er siebt nns nnd nift: ,,Vorwarts, 
voiwarts, anschlieBen, anscblieBen — !“ XJnd was meine 
Priigel nicbt vermocbt baben, das wirkte dieses Wort. 
HimmelstoB borte den Vorgesetzten, siebt sicb erwacbend 
nm tmd schlieBt sicb an. 

Icb folge tmd sebe ibn springen. Er ist wieder der 
scbneidige HimmelstoB des Kasemenbofes, er bat sogar 
den Leutnant eingeholt tmd ist weit voraus. — 

jet 


135 



Trommelfetier, Sperrfeiier, Gardinenfeiier, Minen, Gas, 
Tanks, MascMnengewekre, Handgranaten — Worte, 
Worte, aber sie nmfassen das Graxien der Welt. 

tJnsere Gesicbter sind verkrustet, tmser Denken ist ver- 
wiistet, wir sind todmude; — wenn der Angriff fcommt, 
mnssen manche mit den Fansten gescHagen werden, da- 
mit sie erwachen und mitgehen; — die Angen sind ent- 
ziindet, die Hande zerrissen, die Knie bluten, die EEbogen 
sind zerscblagen. 

Vergehen Wochen — Monate — Jabre? Es sind nnr 
Tage. — Wir seben die Zeit neben tins scbwinden in den 
farblosen Gesicbtem der Sterbenden, wir ISffeln Nabrung 
in nns binein, wir laufen, wir werfen, wir scbieBen, wir 
toten, wir Kegen bemm, wir sind scbwacb nnd stnmpf, 
nnd nnr das b§lt nns, daB nocb ScbwScbere, nocb 
Stumpfere, nocb Hilflosere da sind, die mit anfgerissenen 
Angen tins anseben als GStter, die manchmal dem Tode 
entrinnen kSnnen. 

In den wenigen Stimden der Rube imterweisen wir sie. 
„Da, siebst du den Wackeltopp? Das ist eine Mine, die 
konamt! Bleib liegen, sie gebt driiben bin. Wenn sie aber 
so gebt, dann reiB aiis! Man kann vor ibr weglaufen.‘‘ 
Wir macben ibre Obren scbarf auf das beimtiickiscbe 
Snrren der Meinen Dinger, die man katim veminunt, sie 
sollen sie aus dem Ejracb berauskennen wie Miickenstim- 
men; — wir bringen ibnen bei, daB sie gefabrlicber sind 
als die groBen, die man lange vorber b5rt. Wir zeigen 


136 



ihnen, wie man sick vor FHegem verbirgt, wie man den 
toten Mann mackt^ wenn man vom Angriff iibeiraimt wird, 
wie man Handgranaten abzieken muJ3, damit sie eine kalbe 
Seknnde vor dem Anfschlag explodieren; — wir lekren sie, 
vor Granaten mit Anfgcklagziindem bKtzschnell in Trick- 
ter zvL fallen, wir macken vor, wie man mit einem Bnndel 
Handgranaten einen Graben anfroUt, wir erklaren den Un- 
terschied in der Zimdimgsdaner zwiscken den gegneriscken 
Handgranaten und nnseren, wir macken sie anf den Ton 
der Gasgranaten axifmerksam nnd zeigen iknen die KnifFe, 
die sie vor dem Tode retten konnen. 

Sie kSren zn, sie sind folgsam — aber wenn es wieder 
losgekt, macken sie es in der Anfregong meistens dock 
wieder falsck. 

Haie Westkus wird mit abgerissenem Rucken fortge- 
sckleppt; bei jedem Atemzug pulst die Lnnge dnrck die 
Wimde, Ick kann ihm nock die Hand driicken; — „is alle, 
Paul‘‘, stoknt er nnd beifit sick vor Sckmerz in die Arme* 

Vir seken Menscken leben, denen der Sckadel fehlt ; wir 
seken Soldaten lanfen, denen beide FiiBe weggefetzt sind; 
sie stolpem auf den splittemden Stiimpfen bis znm nSck- 
sten Lock; ein Gefreiter krieckt zwei Kilometer weit anf 
den Handen nnd sckleppt die zersckmetterten Knie binter 
sick ker; ein anderer gekt znr Verbandstelle, nnd iiber 
seine festkaltenden Hande quellen die Darme ; wir seken 
Lente ohne Mtmd, ohne Unterkiefer, okne G^sickt; wir 
finden jemand, der mit den Zahnen zwei Stnnden die 


137 



ScUagader seines Amies klenmit, nm mckt zu ver- 
bluten, die Soiane gebt anf, die Nacbt kommt, die Gra- 
naten pfeifen, das Lefaen ist zn Ende* 

Doci. das Stlickcheii zerwiiHter Erde, in dem yni Me- 
gen, ist gebalten gegen die tJbermaclit, nnr wenige inuidert 
Meter sind preisgegeben worden. Abcr aiif jeden Meter 
kommt ein Toter. 

* 

Wix werden abgeldst. Die Rader roUen nnter nns weg, 
wir steben diimpf, imd wenn der Rnf : „Aclitmig — Drabt 
kommt, geken wir in die Kniebeuge. Es war Sommer, als 
'^vir Mei voruberfakreii, die Banme 'w^aren noci griin, jetzt 
seken sie sckon kerbstlick ans, nud die Nacht ist gran nnd 
fenckt. Die Wagen kalten, 'wir Mettem biniinter, ein 
dimckemandergewirfelter Hanfe, ein Rest von vielen 
INamen, An den Seiten, dnnkel, steken Lente nnd ni£en 
die Nmninexii von Regimentem, von Kompagnien ans. 
Und bei jedem Rnf sondert sick ein Hanflein ab, ein kar- 
ges, geringes Hanflein sckmntziger, fabler Soldaten, ein 
fnrchtbar Heines Hanflein nnd ein fnrchtbar Meiner Rest. 

Nnn raft jemand die Nnmmer nnserer Kompagnie, es 
isty man bort es, der Kompagniefiibrer, er ist also davon- 
gefcommeii, sein Arm liegt in der Binde. Wir treten zn ibm 
bin, nnd ick erkenne Kat nnd Albeit, wir stellen nns zn- 
sammen, lebnen nns aneinander und seben an. 

Dnd nock einmal nnd nock einmal boxen wir nnsere 


138 



Numiner nifen. Ei tann lange rufen, man bdit iko. mctt 
in den Laasaretten nnd den Trichtem. 

Nock einmal: „Zweite Kompagnie Merkerf^ 

Und dann leiser: ^Niemand mekr zweite Kompagnie?^* 
Er sckweigt nnd ist etwas keiser, als ex fragt: „Das sind 
alle?^‘ nnd faefieklt: ^AbzaklenT* 

Der Morgen ist gran, es war nock Sommer, als wir kin- 
ansgingen, nnd wir waxen 150 Mann, Jetzt friert nns, es 
ist Herbst, die Blatter rasckeln, die Stimmen flattem 
miide anf : „Eins — zwei — drei — vier — imd bei zwei- 
unddreifiig sckweigen sie. Und es sckweigt lange, eke die 
Stimme firagt: „Nock jemand?** — nnd wartet nnd dann 
leise sagt: „In Gruppen — nnd dock abbricht nnd nnr 
vollenden kann: „Zweite Kompagnie — miikselig: 
„Zweite Kompagnie — okne Tritt marsck!^* 

Eine Reike, eine knrze Reike tappt in den Morgen 
kinans. 

ZweinnddreiBig Mann. 



VII 


M an nimmt nns welter als sons! zuriick, in ein Feld- 
Rekrntendepot, damit wir dort neu znsammen- 
gestellt werden kSmien. Unsere Kompagnie branclit iiber 
Inmdert Mann Ersatz. 

Einstweilen bummeln wir umber, wenn wir keinen 
Dienst macben. Nacb zwei Tagen kommt HimmelstoB 
zu uns. Seine groBe Scbnauze bat er verloren, seit er im 
Graben war. Er scblagt vor, daB wir uns vertragen woUen. 
Icb bin bereit, denn icb babe geseben, daB er Haie West- 
bus, dem der Riicken weggerissen wurde, mit fortgebracbt 
bat. Da er auBerdem wirklicb vemiinftig redet, baben wir 
nicbts dabei, daB er uns in die Kantine einladt. Nur Tja- 
den ist miBtrauiscb und reserviert. 

Docb aucb er wird gewonnen, denn HimmelstoB er- 
zablt, daB er den in Urlaub fabrenden KiicbenbuUen ver- 
treten sofl. Als Beweis dafur ruckt er sofort zwei Pfund 
Zucker fur uns und ein balbes Pfund Butter fur Tjaden 
besonders beraus. Er sorgt sogar dafiir, daB wir fur die 
nacbstcn drei Tage in die Kiicbe zum Kartoffel- und Steck- 
rfibenscbalen kommandiert werden. Das Essen, das er uns 
dort vorsetzt, ist tadellose Offizierskost. 

So baben wir im Augenblick wieder die beiden Dinge, 


140 



die der SoMat zum Gliick brancht ; Gutes Essen and Rnlie. 
Das ist wenig, wenn man es bedenkt. Vor ein paar Jakren 
nocb bitten wir uns fiircbtbar veracbtet. Jetzt sind wir 
fast zufrieden. Alles ist Gewobnbeit, aucb der Scbiitzen- 
graben. 

Diese Gewobnbeit ist der Grund dafiir, daB wir scbein- 
bar so rascb vergessen. Vorgestem waren wir nocb im 
Feuer, bente macben wir Albembeiten xind fecbten nns 
dnrcb die Gegend, morgen geben wir wieder in den Gra- 
ben. In Wirklicbkeit vergessen wir nicbts. Solange wir 
bier im Felde sein miissen, sinken die Fronttage, wenn sie 
vorbei sind, wie Steine in nns biniinter, weil sie zu scbwer 
sind, mn sofort dariiber nacbdenken zu kinnen. Taten wir 
es, sie wiirden uns binterber erscblagen; denn so viel babe 
icb scbon gemerkt: Das Grauen laBt sicb ertragen, so- 
lange m a n sicb einfacb duckt; — aber es titet, wenn Tnan 
dariiber nacbdenkt. 

Genau v/ie wir zu Tieren werden, wenn wir nacb vorn 
geben, wed es das einzige ist, was uns durcbbringt, so wer- 
den wir zu oberflacblicben Witzbolden und Scblafmiitzen, 
wenn wir in Rube sind. Wir kdnnen gar nicbt anders, es 
ist formlicb ein Zwang. Wir woUen leben um jeden Preis; 
da konnen wir uns nicbt mit Gefiiblen belasten, die fur 
den Frieden dekorativ sein mogen, bier aber falscb sind, 
Eemmericb ist tot, Haie Westbus stirbt, mit dem Korper 
Hans Kramers werden sie am Jiingsten Tage Last baben, 
ihn aus einem Yolltreffer zusammenzuklaxiben. Martens 


141 



hat keine Seine melir, Meyer ist tot, Marx ist tot, Beyer 
ist tot, Hammerling ist tot, lmiidertzwan2dg Mann Kegen 
irgendwo mit Sckiissen, es ist eine verdammte Sacte, ater 
was gett es tins nocli an, wir leben. Konnten wir sie retten, 
ja dann sollte man mal seben, es ware egal, ob wir selbst 
dranfgingen, so warden wir loslegen; denn wir baben einen 
verflnchten Muck, wenn wir woUen; Furcbt kennen wir 
nicbt viel — Todesangst wobl, docb das ist etwas anderes, 
das ist kfirperlicb. 

Aber unsere Kameraden sind tot, wir konnen ibnen 
nicbt belfen, sie baben Rube — wer weiB, was uns nocb 
bevorstebt; wir woUen uns binbauen and scblafen oder 
fressen, so viel wir in den Magen kriegen, and saufen and 
raucben, damit die Sttmden nicbt ode sind. Das Leben 
ist kurz. 


Das Grauen der Front versinkt, wenn wir ibrn den 
Riicken kebren, wir geben ihm mit gemeinen and grim- 
migen Witzen zuleibe; wenn jemand stirbt, dann beifit es, 
daB er den Arscb zugekniffen bat, und so reden wir uber 
alles, das rettet ims vor dem Verrucktwerden, solange wir 
es so nebmen, leisten wir Widerstand. 

Aber wir vergessen nicbt! Was in den Kriegszeitungen 
stebt liber den goldenen Humor der Truppen, die bereits 
Tanzcben arrangieren, wenn sie kaum aus dem Trommel- 
feuer zuruck sind, ist groBer Quatscb. Wir tun das nicbt. 


142 



weil wir Humor haben, soiadeni wir baben Humor, weil 
wir sonst kaputt geben* Die Kiste wird obuebiu uicbt 
mebr allzu lauge baltou, der Humor ist jedeu Monat 
bitterer. 

Uud icb weiB: all das, was jetzt, solange wir im Kriege 
siud, versackt iu uns wie ein Stein, wird nacb dem Kriege 
wieder aufwacben, und danu beginut erst die Ausein- 
andersetzxmg auf Lebeu uud Tod. 

Die Tage, die Wocben, die Jabre bier vom werden uoch 
eiumal zuriickkommen, und unsere toteu Kameraden wer- 
den dann aufsteben und mit uns marscbieren, unsere 
Kopfe werden klar sein, wir werden ein Ziel baben, und so 
werden wir marscbieren, unsere toten Kameraden neben 
uns, die Jabre der Front binter uns : — gegen wen, gegen 
wen? 


Hier in der Gegend war vor einiger Zeit ein Front- 
tbeater. Auf eiuer Bretterwand Ideben nocb bunte Plakate 
von denVorstellungen her. MitgroBenAugenstebenKropp 
imd icb davor. Wir kdnnen nicbt begreifen, daB es so 
etwas nocb gibt. Da ist ein Madcben in einein bellen 
Sommerkleid abgebildet, mit einein roten Lacfcgurtel um 
die Hiiften. Sie stbtzt sicb mit der einen Hand auf ein 
Gelander, mit der anderen bait sie einen Strobhut. Sie 
tragt weiBeStriimpfeundweifieScbube, zierMcbeSpangen- 
schube mit hoben Absatzen. Hinter ihr leucbtet die blaue 


143 



See mit einigen Wogentammen, eine Buclit greift seit- 
licli liell hinein. Es ist ein ganz terrliches MSdclien, mit 
einer sclimaleii Nase, mit roten Lippen imd langen Beinen, 
imvorstellbar santer imd gepflegt, es badet gewiB zwei- 
mal am Tage tind hat nie Dreck imter den Nageln. H5ch- 
stens vielleicht mal ein biUchen Sand vom Strand. 

Neben ihm steht ein Mann in weiBer Hose, mit blauem 
Jackett nnd Seglermiitze, aber der interessiert ims viel 
weniger. 

Das Madchen auf der Bretterwand ist fiir nns ein 
Wunder. Wir haben ganz vergessen, daB es so etwas gibt, 
nnd anch jetzt noch tranen wir unseren Augen kanm. 
Seit Jahren jedenfalls haben mr nichts Derartiges gesehen, 
nichts nur entfemt Derartiges an Heiterkeit, Schdnheit 
nnd Gliick. Das ist der Frieden, so muB er scin, spiiren wir 
erregt. 

„Sieh dir nnr diese leichten Schnhe an, darin konnte 
sie keinen Kilometer marschieren‘\ sage ich nnd komme 
mir gleich albem vor, denn es ist blodsinnig, bei einem 
solchen Bild an Marschieren zu denken. 

„Vie alt mag sie sein?** firagt Kropp. 

Ich schatze : „Allerh6chstens zweinndzwanzig, Albert.^^ 

„Dann wire sie ja alter ab wir. Sie ist nicht mehr als 
siebzehn, sage ich dirT* 

Eine Ginsehant nberllnft nns. ,,Albert, das wire was, 
zneinst dn nicht?*^ 

Er nickt. „Zn Hanse habe ich anch eine weiBe Hose.‘‘ 


144 



,,Wei6e Hose/* sage ich, ,,aber so em. Madciien — ** 
Wir seken an nns herunter, gegenseitig. Da ist niclit 
viel zn finden, eine ausgeblicliene, geflickte, sclumitzige 
Uniform bei jedem* Es ist boffmmgslos, sick zn ver- 
gleicken. 

Znnackst einmal kratzen wir deskalb den jiingen Mann 
niit der weiBen Hose von der Bretterwand ab, vorsicktig, 
damit wir das Madeken nickt besckadigen. Daduxck ist 
sckon etwas erreickt. Dann scklagt Kropp vor: „Wir 
konnten nns mal entlausen lassen.** 

Ick bin nickt ganz einverstanden, denn die Sacken 
leiden darunter, aber die Lanse kat man nack zwei Stun- 
den wieder. Dock nackdem vdr uns wieder in das Bild 
vertieft kaben, erklare ick mick bereit. Ick geke sogar 
nock weiter. ,,Kdnnten auck mal seken, ob wir nickt ein 
reines Hemd zn fassen kriegen — “ 

Albert meint aus irgendeinem Gmnde: „Fn61appen 
wtren nock besser.“ 

„VieUeickt auck FuBlappen, Wir woUen mal ein bifi- 
cken speknlieren geken.** 

Dock da scklendem Leer und Tjaden keran; sie seken 
das Plakat, imd im Handumdreken wird die Unterkaltung 
ziemlich sckweinisck. Leer war in unserer Klasse der erste, 
der ein Verkaltnis katte imd davon aufregende Einzel- 
keiten erzaklte. Er begeistert sick in seiner Weise an dem 
Bilde 9 Tjaden stimmt macktig ein* 

Es ekelt uns nickt gerade an. Wer nickt sckweinigelt^ 

145 


10 Remarque, Westen 



ist keia SoHat; aiir liegt es nns im Moment niclit ganz, 
deskalb scHagen v/ir ims seitwarts iind marscMeren der 
Entlansimgsanstalt zti mit eiaem GefiiM, als sei sie ein 
feiaes Herrenniodeagescliaft. 

Die Hauser, in denen wir Quartier kaien, Kegen nalie 
amKaaal. Jenseits des Kanals sindTeiche, die vonPappel- 
waldem nmstanden sind; — jenseits des Kanals sind anck 
Frauen. 

Die Hauser auf unserer Seite sind geraumt worden. 
Auf der andem j edock siekt man ak und zu nock Bewokner. 

Akends sckwimmen wir. Da kommen drei Frauen am 
Ufer endang. Sie geken langsam und seken nickt weg, ok- 
sckon mr keine Badekosen tragen. 

Leer nift zu iknen kinuker. Sie lacken und kleiken 
steken, um uns zuzusckauen, Wir werfen iknen in ge- 
brockenem Franzosisck SMze zu, die uns gerade einfallen, 
alles drirckeinander, eilig, damit sie nickt fortgeken. Es 
sind nickt gerade feine Sacken, aker wo soUen wir die auck 
kerhaken. 

Eine Sckmale, Dunkle ist dakei. Man siekt ihre Zlkne 
schimmem, wenn sie lackt. Sie kat rascke Bewegungen, 
der Rock scklagt locker um ihre Seine. Obsckon das 
Wasser kalt ist, sind wir macktig aufgeraumt und be- 
strekt, sie zu interessieren, damit sie kleiken. Wir ver- 
sucken W^itze, und sie antworten, okne dafi wir sie ver- 


146 



stelieii; wir lacten und winten. Tjaden ist vemiiiiftiger, 
Er lauft ins Hans, liolt ein KommiBbrot nnd hMt es boch. 

Das erzielt groBen Erfolg. Sie nicken nnd 'winken, daB 
wir hiniiberkommeii sollen. Aber das diirfen wir nicbt. Es 
ist verboten, das jenseitige Ufer zn betreten. tJberall 
steben Posten an den Bracken* Obne Answeis ist nicbts 
zn macben. Wir dobnetscben desbalb, sie mocbten zn 
ims kommen; aber sie scbiittebi die Kopfe tmd zeigen anf 
die Briicken. Man l^t ancb sie nicbt dnrcb* 

Sie kebren um, langsam geben sie den Kanal anfwarts, 
imm er am Ufer entlang, Wir begleiten sie scbwimmend. 
Nacb einigen bundert Metem biegen sie ab imd zeigen 
anf ein Haus, das abseits ans Bamnen imd Gebiiscb ber- 
anslugt. Leer firagt, ob sie doit wobnen. 

Sie lacben — ja, dort sei ibr Hans. 

Wir mfen ibnen zu, daB wir kommen woUen, wean uns 
die Posten nicbt seben konnen. Nacbts. Diese Nacbt. 

Sie beben die Hande, legen sie flacb znsammen, die 
Gesicbter daranf, nnd scHieBen die Angen. Sie baben ver- 
standen. Die Scbmale, Dunkle macbt Tanzscbritte. Eine 
Blonde zwitschert: „Brot — gnt — 

Wir bestatigen eifrig, daB wir es mitbringen werden. 
Ancb nocb andere scb5ne Sacben, wir roUen die Angen 
xmd zeigen sie mit den Handen. Leer ersanft fast, als er 
„ein Stiick Worst** klarmacben will. Weim es notwendig 
ware, wiirden wir ibnen ein ganzes Proviantdepot ver- 
sprecben. Sie geben nnd wenden sicb nocb oft nm. Wir 


10 * 


147 



Hettem an das U£er auf nnserer Seite imd achten daranf, 
oh sie aiicli in das Hans gelien, denn es kann ja sein, daB 
sie schwindeln. Dann schwimmen wir znriick. 

Okae Answeis darf niemand ^er die Briicke, destalb 
werden wir einfacli nachts Mniitersckwiimneii. Die Er- 
regung packt nns nnd laBt nns nictt los. Wir konnen es 
nickt an einem Fleck auskalten nnd gehen zur Kantine. 
Dort gibt es gerade Bier nnd eine Art Pnnscli, 

Wir trinken Punsck nnd liigen nns pkantastisclie Er- 
lebnisse vor. Jeder glanbt dem andem gem nnd wartet 
ungednldig, um nock dicker anfzntrnmpfen. Unsere Hande 
sind nnmliig, wir paffen ungezaMte Zigaretten, bis Kropp 
sagt: „Eigentlicb konnten wir ibnen ancb ein paar Zi- 
garetten mitbringen/* Da legen wir sie in nnsere Miitzen 
nnd bewahren sie anf. 

Der Himmel wird gr^ wie ein nnreifer Apfel. Wir sind 
zn viert, abet drei konnen nnr mit; desbalb mnssen wir 
Tjaden loswerden nnd geben Rnm nnd Pxmscb fiir ihn 
ans, bis er torkelt. Als es dnnkel word, geben wir nnsem 
Hansem Tjaden in der Mitte. Wir gliiben nnd sind von 
Abentenerlnst erfuHt. Fnr micb ist die Scbmale, DunHe, 
das baben wir verteilt nnd ansgemacbt. 

Tjaden fallt anf seinen Strobsack nnd scbnarcbt. Ein- 
mal wacbt er anf nnd grinst nns so listig an, daB wir scbon 
erschrecken nnd glanben, er babe gemogelt, nnd der ans- 
gegebene Pnnscb sei nmsonst gewesen. Dann fellt er zu- 
rnck nnd scblaft weiter. 


148 



Jeder von iins dreien legt ein gauzes Komimfibrot be- 
xeit imd wickeit es in Zeitxmgspapier. Die Zigaretten 
packen wir dazn, anBerdem nock drei gate Portionen 
Leberwoxst, die wir hente abend empfangen baben. Das 
ist ein amtandiges Geschenk. 

Vorlanfig stecken wir die Sacben in masere Stiefel; 
denn Stiefel miissen wir mitnebmen, damit wir draben 
anf dem andern Ufer nicbt in Drabt and Scberben treten. 
Da wdr vorber scbwiminen miissen, konnen wir waiter 
keine Kleider brancben. Es ist ja ancb dunkel nnd nicbt 
weit. 

Wir brecben anf, die Stiefel in den Handen. Rascb 
gleiten wir ins Wasser, legen nns anf den Eiicken, scbwim- 
men raid balten die Stiefel mit dem Inbalt iiber imsere 
Kopfe. 

Am andem Ufer klettem wir vorsicbtig binauf, nebmen 
die Pakete heraus nnd zieben die Stiefel an. Die Sacben 
klemmen wir nnter die Arme. So setzen wir nns, na6, 
nackt, nnr mit Stiefebi bekleidet, in Trab. Wir jGbden das 
Hans sofort. Es liegt dxmkel in den Biiscben. Leer Mit 
Tiber eine Wtirzel nnd schrammt sicb die EUbogen* 
,,Macbt nicbts^^ sagt er fcohlicb. 

Vor den Fenstem sind Laden. Wir nmscUeicben das 
Hans imd versncben, dnrcb die Ritzen zn sp^en. Dann 
werden wir imgednldig. Kropp zogert plotzKcb. „Wemi 
mm ein Major drinnen bei ihnen ist?‘* 

„Dann kneifen wir eben ans/* grinst Leer, „er kann 

149 



mnsere Regimentsntoimier ja lier lesen^S iind Matscht 
sich anif den Hintem. 

Die Hanstlir ist offen. Unsere Stiefel maclien ziemliclien 
Lann, Eine Tnr offnet sich, Licht fallt Mndnrcli, eine Frau 
st56t ersclireckt einen Sclirei aus. Wir macten „Pst, pst — 
camerade — bon ami — und hefacn bescliw5rend unsere 
Pakete hock- 

Die andem beiden sind jetzt aucb sicbtbar, die Tiir off- 
net sick ganz, und das Lickt bestraklt uns. Wir warden 
erkannt, und alle drei lacken unbandig iiber unsem Auf- 
zug, Sie biegen und beugen sick im Turrakmen, so miissen 
sie lacken. Wie gesckmeidig sie sick bewegen! 

„Un moment — Sie versckwinden und werfen uns 
Zeugstiicke zu, die wir uns notdiirftig umwickeln. Dann 
dlirfen wir eintreten. Eine kleine Lampe brennt im 
Zimmer, es ist warm und rieckt etwas nack Parfiim. Wir 
packen unsere Pakete aus und iibergeben sie iknen. Ikre 
Augen glanzen, man siekt, daB sie Hunger kaben. 

Dann werden wir alle etwas verlegen. Leer mackt die 
GebSrde des Essens. Da kommt wieder Leben kinein, sie 
kolen TeEer und Messer und fallen uber die Sacken ker. 
Bei jedem Sckeibcken Leberwurst heben sie, eke sie essen, 
das Stiick zuerst bewundernd in die Hdke, und wir sitzen 
stolz dabei. 

Sie iibersprudeln uns mit ikrer Spracke — wir ver- 
steken nickt viel, aber wir k6ren, daS es fireundlicke Worte 
sind. Vielleickt seken wir auck sekr jung aus. Die Sckmale, 


150 



Diuaile streiclit mix M>er das Haar imd sagt, was alle 
franzosisclieii Frauen immer sagen: „La guerre — grand 
mallieur — pauvres gargons — 

Ich. talte ikren Arm fest und lege meinen Mund in iiure 
Handflache. Die Finger umscHieBen mein Gesicht. Diclit 
iiber mir sind ilire erregenden Augen, das sanfte Braim 
der Haut und die roten Lippen. Der Mund spricht Worte, 
die icii niclit verstehe. Ich versteke auck die Augen nickt 
ganz, sie sagen mekr, als wir erwarteten, da wir kierker 
kamen. 

Es sind Zimmer nekenan. Im Geken seke ick Leer, er 
ist mit der Blonden kandfest und laut. Er kennt das ja 
auck* Aker ick — ick kin verloren an ein Femes, Leises 
xind Ungestiimes und vertraue mick ikm an. Meine 
Wiinscke sind sonderkar gemisckt aus Verlangen und 
Versinken. Mir wird sckwindelig, es ist nickts Her, woran 
man sick nock kalten konnte. Unsere Stiefel kaken wir 
vor der Tiir gelassen, man kat uns Pantoffeln dafiir ge- 
geken, und nun ist nickts mekr da, was mir die Sickerkeit 
und Freckkeit des Soldaten zuxiickruft: kein Gewekr, 
kein Koppel, kein Waffenrock, keine Miitze. Ick lasse mick 
fallen ins Ungemsse, mag gesckeken, was will — denn 
ick kake etwas Angst, trotz allem. 

Die Sckmale, Dunkle kewegt die Brauen, wenn sie 
nackdenkt; aker sie sind stiU, wenn sie sprickt. Manck- 
mal auck wird der Laut nickt ganz zum Wort und erstickt 
oder sckwingt kalkfextig ^er mick weg; ein Bogen, 


151 



eine Balm, mx Komet. Was habe icli davon gewuBt — 
was weiB ich. davon? — Die Worte dieser fremdenSpraclie, 
von der ick kanin etwas begreife, sie scHifem micli ein 
zu einer Stille, in der das Zimmer brann nnd halb beglanzt 
verschwimmt nnd nnr das Antlitz M)er mir lebt nnd 
War ist, 

Wie vielfaltig ist ein Gesicht, wenn es firemd war nock 
vor einer Stimde nnd jetzt geneigt ist zn einer ZSrtKcb- 
keit, die nicbt ans ihm koroint, sondem ans der Nacbt, 
der Welt nnd dem Bint, die in ibm zasammenznstraMen 
scbeinen. Die Dinge des Ranmes werden davon angeriibrt 
nnd verwandelt, sie werden besonders, nnd vor memer 
bellen Hant babe ich beinahe Ebrfiircbt, wenn der Schein 
der Lampe daranf liegt nnd die knhle branne Hand 
dariiberstreicht. 

Wie anders ist dies aUes als die Dinge in den Mann- 
schaftsbordells, zn denen wir Erlanbnis haben nnd wo in 
longer Reibe angestanden wird. Ich mSchte nicht an sie 
denken; aher sie gehen mir nnwillknrlich dnrch den Sinn, 
nnd ich erschrecke, denn vielleicht kann man so etwas 
nie mehr loswerden. 

Dann aher fuhle ich die lippen der Schmalen, Dnnklen 
tind dr^ge mich ihnen entgegen, ich schliefie die Angen 
nnd mSchte aUes damit anslSschen, Krieg nnd Granen 
nnd Gemeioheit, nm Jnng nnd glncfclich zu erwachen; ich 
denke an das Bild des Madchens anf dem Plakat nnd 
glanbe einen Angenblick, daB mein Lehen davon abhangt, 

152 



es zu gewmnen* — Und um so tiefer presse ichi mich in die 
Anne, die micli mnfassen, vielleickt gescMeht ein Wnnder, 

Irgendwie finden wir nns alle nachJier meder znsani- 
men. Leer ist selor forscli. Wir verabschiedexi nas herzlicli 
xmd scHupfen in nnsere Stiefel. Die NacMnft kilMt 
nnsere heiBen KSrper. GroB ragen die Pappeln in das 
Diinfcel iind ransclien. Der Mond stelit am Himmel nnd 
im Wasser des Kanals. Wir lanfen niclit, wir gehen neben- 
einander mit langen Sckritten. 

Leer sagt: ,,Das war ein KommiBbrot wertT* 

Ich kann micb nicbt entschlieBen, zn sprecben, icb bin 
gar nicbt einmal jfroh. 

Da boren wir Scbritte tmd ducken nns binter einen 
Buscb. 

Die Scbritte kommen naber, dicbt an tms vorbei. Wir 
seben einen nackten Soldaten, in Stiefeba, genan wie wir, 
er hat ein Paket nnter dem Arm nnd sprengt im Galopp 
vorwarts. Es ist Tjaden in groBer Fabrt, Scbon ist er ver- 
scbwnnden. 

Wir lacben. Morgen wird er scbimpfen, 

Unbemerkt gelangen wir zn nnseren Strobsacken. 

Icb werde znr Scbreibstnbe gerufen. Der Kompagnie- 
fobrer gibt mir Urlaubsscbein nnd Fabrscbein nnd 
wiinscbt mir gate Reise. Icb sebe nacb, wieviel Urlanb 


153 




icii iabe. Siebzelm Tage — vierzekn siad Uriaub, drei 
Reisetage. Es ist zu wenig, imd iok firage, ob icb nicbt 
fimf Reisetage haben kann. Bertinck zeigt atif meinen 
Scbein. Da sehe icb erst, dafi icb nicbt sofort zar Front 
zxixuckkomme. Icb babe micb nacb Ablanf des Urlanbs 
nocb zoBi Kiirsus im Heidelager zu melden. 

Die andem beneiden micb. Kat gibt mir gate Rat- 
scHage, wie icb versucben soU, Dmckpnnkt zn nebmen. 
„Weim da gerissea bist, bleibst da da btogen/^ 

Es ware mir eigentlicb Keber gewesen, wenn icb erst 
in acbt Tagen batte fabren braacben; denn so lange sind 
wir nocb bier, and bier ist es ja gat. — 

Natarbcb maB icb in der Kantine einen aasgeben. Wir 
sind alle era biJBcben angetrunken. Icb werde triibseKg; 
es sind secbs Wocben, die icb fortbleiben werde, das ist 
natarbcb ein macbtiges Glack, aber wie wird es sein, 
wenn icb zariickkomme? Werde icb sie bier nocb aUe 
wiedertreffen? Haie and Kemmericb sind scbon nicbt 
mehr da — wer wird der nacbste sein? 

Wir trinken, and icb sebe einen nacb dem andem an. 
Albert sitzt neben mir and raacbt, er ist manter, wir 
sind immer zasammen gewesen; — gegenaber bockt Kat 
mit den abfaHenden Schaltem, dem breiten Daamen and 
der rahigen Stimme, — Muller mit den vorstebenden 
Zabnen and dem bellenden Lacben; — Tjaden mit den 
Maaseaagen; — Leer, der sicb einen VoUbart steben laBt 
and aasscbaat wie viemg. 


154 



tiber unsem Kopfen scbwebt dicker Qualm. Was ware 
dor Soldat obne Tabak! Die Kaiitme ist cine Zaflucbt, 
Bier ist mebr als ein Getrank, es ist ein Zeicben, daB mam 
gefabrlos die Glieder debnem und reckem darf. Wii tun es 
aucb ordemtlicb, die Beime baben wir lang von mis ge- 
streckt, nnd wir spucken gemxitlicb in die Gegend, daB 
es mir so eine Art hat. Wie einem das alles vorkommt, 
wemn man morgen abreist! 

Nacbts sind wir nocb eimnal jenseits des Kanals. Icb 
babe beinabe Furcbt, der Scbmalen, Dunklen zn sagen, 
daB icb fortgebe xmd daB, wenn icb zttriickkebre, wir 
sicber irgendwo weiter sind; daB wir nns also nicht 
wiedersehen werden. Aber sie nickt nnr imd laBt nicbt 
allzuviel merken. Icb kann das erst nicbt lecbt versteben, 
damn aber begreife icb. Leer bat schon recbt: ware icb 
an die Front gegangen, damn hatte es wieder gebeiBen: 
„panvTe gar^on*^; aber ein Urlanber — davon wollen 
sie nicbt viel wissen, das ist nicbt so interessant. Mag sie 
zmn Tenfel gehen mit ibrem Gesnmm nnd Gerede. Man 
glanbt an Wxmder, nnd nachber sind es KommiBbrote. 

Am nacbsten Morgen, nacbdem icb entlanst bin, mar- 
scbiere icb znr Feldbabn. Albert nnd Kat begleiten micb. 
Wir boren an der Haltestelle, daB es wohl nocb ein paar 
Stnnden danern wird bis znr Abfahrt. Die beiden m^sen 
zum Dienst znriick. Wir nehmen Abscbied. 

„Macb’s gnt, Kat; mack’s gut, Albert.*^ 

Sie geben nnd winken nocb ein paarmal. Ibre G^stalten 

155 



werden kleiner. Mir ist Jeder Schritt, Jcde Bewegimg an 
iimen vertrant, icht wurde sie weitHn scton daran ex- 
kemnen. Bann sind sie verscliwimdeii* 

Ick setae mick anf memeEi Tomister imd warte, 
Pl6tzlick bin ick von rasender Ungednld erfiillt, fort- 
znkommen. 

m 

Ick Kege anf manckem Baknkof ; ick steke voxmanckem 
Snppenkessel; ick kocke anf mancker Holzplanke; — dann 
aber wird die Landsckaft draxiBen beklemmend, imkeim- 
Kck und bekannt. An den abendlicken Fenstem gleitet sie 
voriiber, mit Dorfem, in denen Strokdacker 'wie Mtitzen 
tief ubex gekalkte Fackwerkkanser gezogen sind, mit 
Komfeldem, die wie Perlmntter im schragen lickt sckim- 
mem, mit Obstgarten nnd Sckennen nnd alten Linden* 
Die Namen der Stationen werden zn Begriffen, bei 
denen mein Herz zittert. Der Zng stampft nnd stampft, 
ick steke am Fenster tmd halte mick an den Rakmen- 
kdlzem fest. Diese Namen nmgrenzen meine Jngend. 

Flacke Wiesen, Felder, Hofe; — ein Gespann ziekt 
einsam vor dem Himmel nber den Weg, der parallel znm 
Horizont lauft. Einc Schranke, vox der Banem warten, 
Madcken, die winken. Kinder, die am Bakndamm 
spielen, Wege, die ins Land fukren, glatte Wege, okne 
Ardflerie* 

Es ist Abend, nnd wenn der Zng nicht stampfte, mlifite 


156 



ich sclureien. Die Ebene entfaltet sicli groB, in sciiwaclieni 
Blau beginnt in der Feme die Silboiiette der Bergrander 
anfmsteigen, Icb erkenne die cbarakteristiscbe Linie des 
Dolbenberges, diesen gezackten Kamm, der jab abbricbt, 
wo der Scbeitel des Waldes atifbort. Dabmter miiB die 
Stadt kommen. 

Aber nan flieBt das goldrote Licbt verscKwimmend 
iiber die Welt, der Zag rattert darcb eine Karve and nocb 
eine; — and anwirklicb, verwebt, dankel steben die 
Pappeln daxin, weit weg, binteremander in longer Reibe, 
gebildet aas Scbatten, Licbt and Sehnsacbt. 

Das Feld drebt sicb mit ihnen langsam vorbei; der Zag 
amgebt sie, die Zwiscbenraame verringem sicb, sie werden 
ein Block, and einen Aagenblick sebe icb nar eine einzige; 
dann scbieben sicb die anderen wieder hinter der vor- 
dersten beraus, and sie sind nocb lange allein am Himmel, 
bis sie von den ersten Haasem verdeckt werden. 

Ein Babnabergang. Icb stebe am Fenster, icb kann 
micb nicbt trennen. Die andem bereiten ibre Sacben zmn 
Aassteigen vox. Icb sprecbe den Namen der StraBe, die 
wir aberqaeren, vor micb bin — BremerstraBe — Bremer- 
straBe — 

Radfabrer, Wagen, Menscben sind da anten, es ist eine 
graae StraBe and eine graae IJnterfiibnjng; — sie ergreift 
micb, als wire sie meine Mutter. 

Dann bilt der Zag, and der Babnbof ist da mit Larm, 
Rafen and ScMldem. Icb packe meinen Tomister aaf and 


157 



maclie die Haken fest, ick nelmie mein Gewelir in die 
Hand iind stolpere die Tritte Mnnnter. 

Anf dem Perron selie icli micli nm; icli kenne niemand 
von den Lenten, die da hasten, Eine Rote-Krenz-Schwester 
bietet mix etwas zn trinken an. Ich wende mich ab, sie 
lachelt mich zn alhem an, so dnrchdnmgen von ihrer 
Wichtigkeit: Seht nnr, ich gebe einem Soldaten Kaffee, — 
Sie sagt zu mir „Kamerad‘^, das hat mir gerade ge- 
fehlt. 

DrauJJen vor dem Bahnhof aber rauscht der FlnB 
neben der StraBe, er zischt weiB ans den Schlensen der 
Miihlenbriicke hervor, Der vierecMge alte Warttnnn steht 
daran, and vor ihm die groBe bnnte Linde, nnd dahinter 
der Abend, 

Hier haben wir gesessen, oft — wie lange ist das her — ; 
iiber diese Briicke sind wir gegangen nnd haben den 
kuhlen, fanKgen Gemch des gestantenWassers eingeatmet ; 
wir haben nns iiber die mhige Flat diesseits der Schlense 
gebengt, in der griine Schlin ggewachse nnd Algen an den 
Briickenpfeilem bin gen; — nnd wir haben nns Jenseits 
der Schlense an heiBen Tagen iiber den spritzenden 
Schanm gefrent and von nnseren Lehrem geschwatzt, 

Ich gehe ^er die Brucke, ich schane rechts nnd links; 
das Wasser ist immer noch voll Algen, nnd es schieBt 
immer noch in helleni Bogen herab; — im Tnrmgebande 
stehen die Platterinnen wie damals mit bloBen Armen vor 
der weiBen Wasche, and die Hitze der Biigeleisen strdmt 

158 



alls dea offenen Feastem. Hiinde trotten durcli die 
sctmale StraBe, vor dea Haastizren stehen Menschea 
and sehen mir nach, wie ich sckmutzig and Bepactt 
vortbergehe. 

In dieser Konditorei taben wir Eis gegessen and ans 
im Zigaxettenraucben geiibt* In dieser StraBe, die an mir 
voriibergleitet, kenne icb jedes Saus, das Kolonialwareii-- 
gescbaft, die Drogerie, die Backerei. Und dann stehe icb 
vor der braanen Tiir mit der abgegriffenen Klinke, and die 
Hand wild mir scbwer. Icb 6ffne sie; die Kiible komint 
mir mmderlicb entgegen, sie macbt meine Angen nn- 
sicber. 

Unter meinen Stiefeln knarrt die Treppe, Oben klappt 
eine Tiir, jeznand blickt nber das Gelander. Es ist die 
Kiicbentur, die geoflTnet wnrde, sie backen dort gerade 
Kartoffelpuffer, das Hans liecbt danacb, bente ist ja aucb 
Sonnabend, nnd es wird meine Scbwester sein, die sicb 
benmterbengt, Icb scbame micb einen AngenbKck nnd 
senke den Kopf, dann nebme icb den Hebn ab nnd sebe 
binanf. Ja, es ist meine alteste Scbwester, 

„Panl,“ nift sie, „Paiil — !“ 

Icb nicke, mein Tomister stoBt gegen das Gelander, 
mein Gewebr ist so scbwer. 

Sie reiBt eine Tiir anf nnd mft: „Mntter, Mutter, Paul 
ist da.^‘ 

Icb kann nicbt mebr weitergeben. Mntter, Matter, 
Panl ist da. 


159 



Ich lelme micli an die Wand und iiinHaimnere meinen 
Helm iind mein Gewelir. Ich umHammere sie, so fest es 
geht, atex ieli kann keinen Sckritt meior macten, die 
Txeppe versckwimmt vox meinen Augen, ich stoBe mix 
den KolBen auf die FiiBe und presse zomig die Zalme zu- 
sammen, atex ick kann niclxt gegen dieses eine Wort an, 
das meine Scliwester gerufen kat, nichts kann dagegen an, 
ich quale micli gewaltsam, zu lachen und zu sprechen, 
akex ict biinge kein Wort tervox, und so steke ick auf 
der Treppe, ungliicklick, kilflos, in einem fnrcktkaren 
Elrampf, und will nickt, und die Tranen laufen mix immer 
nur so iiber das Gesickt* 

Meine Sckwcster kommt zuruck und firagt: „Was kast 
du denn?^* 

Da raffe ick mick zusammen und stolpere zum Vor- 
platz kinauf. Mein Gewekr lekne ick in eine Ecke, den 
Tornister stelle ick gegen die Wand, und den Helm packe 
ick darauf. Auck das Koppel mit den Sacken daran muB 
fort. Dann sage ick wntend: ,,So gib dock endlich ein 
Tasckentuck hexT* 

Sie gibt mix eins aus dem Sckrank, und ick wiscke mix 
das Gesickt ab. Tiber mix an dex Wand kangt dex Glas- 
kasten mit bunten Schmetterlingen, die ick friiker ge- 
sammelt kabe. 

Nun bore ick die Stimme meiner Mutter. Sie kommt 
aus dem ScHafzimmer* 

„Ist sie nickt auf firage ick meine Sckwester. 


160 



„Sie ist Joraiik — antwortet sie. 

Icli gete Mnein zn ikr, gebe ikr die Hand nnd sage, so 
roMg icb kann: „Da bin ich. Mutter/* 

Sie liegt still im HalbdiinkeL Dann fragt sie angstvoll, 
imd icb fiible, wie ibr Blick micb abtastet: ,,Bist dn ver- 
wiiiidet?‘* 

„Neiii, icb babe Urlanb/* 

Meine Mutter ist sebr blaB. Icb scbeue micb, Licbt zu 
macben. ,,Da liege icb ntm imd weine/* sagt sie, „aiistatt 
micb zu freuen/* 

,,Bist du krank, Mutter 2*^^ firage icb. 

,,Icb werde beute etwas aufsteben**, sagt sie und wendet 
sicb zu meiner Scbwester, die immer auf einen Sprung in 
die Kiicbe muB, damit ibr das Essen nicbt anbrennt; 
„Macb aucb das Glas mit den eingeinaacbten Preiselbeeren 
auf, — das iUt du docb gem?** firagt sie micb. 

„Ja, Mutter, das babe icb lange nicbt gebabt/* 

„Als ob wir es geahnt batten, dafi du kommst,** lacht 
meine Scbwester, „gerade dein Lieblingsessen, Kartoffel- 
puffer, und jetzt sogar mit Preiselbeeren.** 

„Es ist ja aucb Sonnabend**, antworte icb. 

„Setz dicb zu mir**, sagt meine Mutter. 

Sie siebt micb an. Ibre Hande sind weiB und krankbcb 
und scbmal gegen meine. Wir sprecben nur einige Worte, 
und icb bin ibr dankbar dafur, dafi sie nicbts fragt. Was 
soli icb aucb sagen: Alles, was mSglicb war, ist ja ge- 
scheben. Icb bin beil herausgelangt und sitze neben ibr. 


11 Eemarqae, W^taa 


161 



Und in der Kiicke steiit meine Sctwester und macht das 
ABendbrot imd singt dazu. 

„M€iii Keber Jimge*% sagt meine Mutter leise. 

Wir sind nie selir zartlicb in der Familie gewesen, das 
ist nicbt iiblicb bei armen Lenten, die viel arbeiten mlissen 
iind Sorgen baben. Sie konnen das ancb nicbt so ver- 
steben, sie beteuem nicbt gem etwas ofter, was sie obne- 
bin wissen. Wenn meine Mutter zn mir „lieber Jioige‘‘ 
sagt, so ist das so viel, als wenn eine andere wer weiB was 
anstellt. Icb weiB bestimmt, daB das Glas mit Preisel- 
beeren das einzige ist seit Monaten nnd daB sie es anf- 
bewabrt bat fiir micb, ebenso wie die scbon alt scbmecken- 
den Keks, die sie mir jetzt gibt, Sie bat sicber bei einer 
giinstigen Gelegenbeit einige erbalten nnd sie gleicb zti- 
riickgelegt fiir micb. 

Icb sitze an ibrem Bett, nnd dnrcb das Fenster funkeln 
in Braun und Gold die Kastanien des gegeniiberliegenden 
Wbrtsgartens. Icb atme langsam ein nnd aus nnd sage 
mir: „Du bist zn Hanse, dn bist zn Hanse/^ Aber eine 
Befangenbeit will nicbt von mir weicben, icb kann micb 
nocb nicbt in alles bineinfinden. Da ist meine Mntter, da 
ist meine Scbwester, da mein Scbmetterlingskasten nnd 
da das Mabagoniklavier — aber icb bin nocb nicbt ganz 
da. Es ist ein Scbleier nnd ein Scbritt dazwiscben. 

Desbalb gebe icb jetzt, bole meinen Tomister ans Bett 
und packe ans, was icb mitgebracbt babe: einen ganzen 
Edamer Kase, den Kat mir besorgt bat, zwei KommiB- 


162 



brote, dreiTiertel Pfond Butter, zwei Biicbsen Leberwurst, 
ein Pfond Sckmalz und ein Sackcheu Reis. 

„Das konut ibr sicker gebraucken — ‘‘ 

Sie uickeu. „Hier ist es wokl scHeckt damit?‘‘ er- 
kuudige ick mick. 

„Ja, es gibt uickt viel. Habt ihr denn drauBen geuug?*^ 

Ick lackele imd zeige atif die mitgebrachteu Sacken. 
,,So viel 3 a mux uickt imuier, aber es gekt dock eiuiger- 
maBen-** 

Erua briugt die Lebeusroittel fort, Meine Mutter uimmt 
plStzlick keftig meine Hand xmd fragt stockend: „Var 
es sehr scklimm drauBen, PaiLl?^* 

Mutter, was soli ick dir darauf antworten! Du wirst 
es uickt versteken und nie begreifen. Du soUst es auck nie 
begreifen. War es scklimm, firagst du. — Du, Mutter. — 
Ick sckiittele den Kopf und sage: „Nein, Mutter, uickt 
so sekr. Wir sind ja mit vielen zusammen, da ist es uickt 
so schlioim.^* 

,,Ja, aber kiirzlick war Heinrick Bredemeyer hier, der 
erzaklte, es ware jetzt furcktbar drauBen, mit dem Gas 
und all dem andem/‘ 

Es ist meine Mutter, die das sagt. Sie sagt: mit dem 
Gas und all dem andem. Sie weiB nicht, was sie sprickt, 
sie kat nur Angst um mick. Soli ick ikr erzaklen, daB wir 
einmal drei gegneriscke Graben fanden, die erstanrt waxen 
in ihxer Haltung, wie vona Scblag getroffen? Auf den 
Brustwebxen, in den Unterstanden, wo sie gerade waxen. 


11 * 


163 



standen und lagen die Leute mit blanen Gesicbtern, 
tot. 

,,Acli, Mutter, was so geredet wird,‘‘ antworte ict, 
„der Bredemeyer erzaHt nur so etwas daMn. Du sietsl 
ja, ich bin lieil und dick — 

An der zitternden Sorge meiner Mutter finde icli meine 
Rulie wieder. Jetzt kann ich schon umliergelien und 
sprecten und Rede stehen, ohne Furckt, micli plotzlicli 
an die Wand lelmen zu miissen, wed die Welt weich. wird 
wie Gummi und die Adem murbe wie Zunder. 

Meine Mutter will aufstehen, ich gebe so lange in die 
Kiicbe zu meiner Scbwester. „Was hat sie?*^ frage ich. 

Sie zuckt die Achseln: ,,Sie liegt schon ein paar Monate, 
wir soUten es dir aber nicht schreihen. Es sind mehrere 
Axzte bei ihr gewesen. Einer sagte, es ware woW wieder 
Krebs/‘ 

Ich gehe zum Bezirkskommando, umndch anzumelden. 
Langsazn wandere ich durch die Strafien. Hier und da 
spricht mich jemand an. Ich halte mich nicht lange anf, 
derm ich will nicht so viel reden. 

Als ich aus der Kaseme zuruckkomme, ruft mich eine 
laute Stimme an. Ich drehe mich ganz in Gedanken, 
und stehe einem Major gegenuber. Er fahrt mich an: 
„K5imen Sie nicht gruBen?^‘ 

,,Entschuldigen Herr Major/* sage ich verwirrt, „ich 
habe Sie nicht gesehen.** 


164 



Er mird noch laiiter : ^Konneu. Sie sicli auct niclit ver- 
niinftig aiisdmckeii?‘‘ 

Ici. m5clite ilim ins Gesicht scHagen, beherrsclie naicE 
aber, denn sonst ist mein TJrlanb liin, nehuae die KnocEen 
znsammen tmd sage: „IcE habe Herm Major nicbt ge- 
sehen/* 

„Dai 2 ii passen Sie gefalligst aufP^ scbnanzt er. „Wie 
beiBen Sie?‘^ 

Icb rapportiere. 

Sein rotes, dickes Gesicbt ist immei nocb empdrt. 
,,Trappenteil 

Icb melde vorscbriftsm^ig. Er bat immer nocb nicbt 
genng. „Wo liegen Sie?‘* 

Aber icb babe jetzt genug und sage : „Zwischen Lange- 
mark nnd Bixscboote/* 

,,Wieso?^^ firagt er etwas verbliifFt. 

Icb erklare ibm, daB icb vor einer Stunde anf Urlanb 
gekommen sei, imd denke, daB er jetzt abtradebi wird. 
Aber icb irre micb. Er wird sogar nocb wilder: „Das 
konnte Ibnen wobl so passen, bier Frontsitten einznfiibren, 
was? Das gibt’s nicbt! Hier bcrrscbt Gott sei Dank 
Ordniing 

Er kommandiert : ,,Zwanzig Scbritt zuriick, marscb, 

marscbr^ 

In mir sitzt die dnmpfe Wnt. Aber icb kann nicbts 
gegen ibn macben, er laBt micb sofort festnebmen, wenn 
er win. So spritze icb znrnck, gebe vox nnd zncke secbs 


165 



Meter Yor ikm zu einem zackigen GmB zusammen, den 
ich erst wegnelime, als let sects Meter Muter itm 
bin. 

Er m£t micli wieder heran imd gibt mir jetzt lentselig 
bekannt, da6 er noeb einmal Gnade vor Recbt ergeben 
lassen will. Icb zeige micb stramm dankbar. „Weg- 
treten!‘^ konmiaiidiert er. Icb knalle die Wendnng nnd 
ziebe ab. 

Der Abend ist mir dadnreb verleidet. Ich macbe, daB 
icb nacb Hanse komme, imd werfe die Uniform in die 
Ecke, das batte ich sowieso vor. Dann bole ich meinen 
Zivilanzng aus dem Schrank nnd ziebe ibn an. 

Das ist mir ganz nngewobnt. Der Anziig sitzt ziemlich 
kurz nnd knapp, icb bin beim KommiB gewacbsen. 
Kjagen nnd Krawatte macben mir Scbwierigkeiten. 
ScblieBlicb bindet mir meine Sebwester den Knoten. Wie 
leiebt so ein Anzng ist, man bat das GefiiH, als w^e man 
nnr in Unterhosen nnd Hemd. 

Icb betraebte micb im Spiegel. Das ist ein sonderbarer 
Anblick. Ein sonnenverbrannter, etwas ansgewacbsener 
Konfirmand sieht micb da verwnndert an. 

Meine Mntter ist frob, daB icb Zivilzeng trage; icb bin 
ibr dadnreb vertrauter. Docb mein Vater batte lieber, daB 
icb Uniform anzoge, er moebte so mit mir zn seinen Be- 
kannten geben. 

Aber icb weigere micb. 


166 



Es ist schon, still iigendwo zm sitzen, zum Beispiel in 
dem Wirtsgaxten gegenliber iinter den Kastanien, nate 
der KegelBalin. Die Blatter fallen anf den Tisck nnd anf 
die Erde, wenige nnr, die ersten. Ich Babe ein Glas Bier 
vor mix steben, das Trinken bat man beim Militax gelemt. 
Das Glas ist halb geleert, icb babe also nocb einige gute, 
tiible Scblucke vor mir, nnd aiiBerdem kann icb ein 
z^’-eites imd ein drittes bestellen, wenn icb wilL Es gibt 
keinen Appell imd kein Trommelfener, die Kinder des 
Wirts spielen anf der Kegelbahn, nnd der Hnnd legt mw 
seinen Kopf anf die Knie. Der Himmel ist Han, zwiscben 
dem Lanb der Kastanien ragt der griine Tnrm der 
Margaretenkircbe anf. 

Das ist gnt, nnd icb Mebe es. Aber mit den Lenten kann 
icb nicbt fertig werden. Die einzige, die nicbt fragt, ist 
meine Mutter. Docb schon mit meinem Vater ist es anders. 
Er mocbte, daB icb etwas erzahle von dranfien, er bat 
Wtoscbe, die icb riibrend nnd dnmm finde, zn ibm scbon 
babe icb kein recbtesVerbaltnis mehr. Am liebsten mocbte 
er immerfort etwas bSren. Icb begreife, daB er nicbt weiB, 
daB so etwas nicbt erzablt warden kann, nnd icb mocbte 
ibm ancb gem den Gefallen tnn; aber es ist eine Gefahr 
fiir micb, wenn icb diese Dinge in Worte bringe, icb babe 
Scben, daB sie dann riesenhaft warden nnd sicb nicbt 
mebr bewaltigen lassen. Wo blieben wir, wenn nns ailes 
ganz klar wiirde, was da dranBen vorgebt. 

So bescbranke icb micb darauf, ibm einige Instige 

167 



Sachen zn erzahlen. Er aber firagt mici, ob icb ancb einen 
Nalikampf mitgemacbt batte. Icb sage nein and stebe aaf, 
am aaszageben. 

Dock das bessert nicbts. Nacbdem icb micb aaf der 
StraBe ein paarmal erscbxeckt babe, weil das Qaietscben 
der StraBenbabn sicb wie beranbeulende Granaten an- 
bdrt, Mopft mir jemand auf die Scbtdter. Es ist mein 
Deatscblehrer, der micb mit den iiblicben Fragen iiber- 
fallt. „Na, wie stebt es draaBen. Farcbtbar, farcbtbar, 
nicbt wabr? Ja, es ist schreckKcb, aber wir mussen eben 
daxcbbalten. Und scHieBKcb, draxiBen babt ibr docb 
wenigstens gate Verpflegung, wie icb gebort babe, Sie 
seben gat aas, Paal, kraftig. Hier ist das natarUcb scblecb- 
ter, ganz natiirlicb, ist ja aacb selbstverstandKcb, das 
Beste immer far ansere Soldaten!‘‘ 

Er schleppt micb za einem Stammtiscb mit. Icb werde 
groBartig empfangen, ein Direktor gibt mir die Hand and 
sagt: „So, Sie kommen von der Front? Wie ist denn der 
Geist dort? Vorziiglicb, vorzagKcb, was?^‘ 

Icb erHaxe, daB jeder gem nacb Haase mocbte. 

Er lacbt drobnend: „Das glaabe icb! Aber erst miiBt 
ibr den Franzmann verkloppen! Eaucben Sie? Hier, 
stecken Sie sicb mal eine an. Ober, bringen Sie anserm 
jangen Krieger aacb ein Bier.“ 

Leider babe icb die Zigarre genommen, desbalb maB 
icb bleiben. Alle triefen nar so von Wohlwolien, dagegen 
ist nicbts einzawenden. Trotzdem bin icb argerbcb and 


168 



quaime, so sclmell icK kann. Um wenigstens etivas zii tan, 
stiixze ich. das Glas Bier in einem Znge binanter. Sofoxt 
wird mir ein zweites bestellt; die Lente wissen, was sic 
einem Soldaten sclraldig sind. Sie dispatieren dariiier, 
was wir annektieren sollen. Der Direktor mit der eisemen 
Ubrkette will am meisten haben: ganz Belgien, die Kob- 
lengebiete Frankreichs und groBe Stiicke von RiiBland. 
Er gibt genane Griinde an, weshalb wir das baben mtssen, 
and ist iinbeugsam, bis die andem scblieBlicb nachgeben. 
Damn beginnt er zu erlautem, wo in Frankreich der 
Durcbbmcb einsetzen miisse, und wendet sicb zwiscben- 
durch zu mir: ^Nun macbt mal ein biBcben vorwarts 
da drauBen mit eurem ewigen Stellungskrieg. ScbmeiBt 
die Kerle raus, dann gibt es aucb Fiieden.** 

Icb antworte, daB nacb unserer Meinung ein Durcb- 
brucb unmoglich sei. Die druben batten zuviel Reserven, 
AuBerdem ware der Krieg docb anders, als man sicb das 
so denke. 

Er wehrt uberlegen ab und beweist mir, daB icb davon 
nicbts verstebe. „Gewi6, der einzelne,‘‘ sagt er, „aber es 
kommt docb au£ das Gesamte an. Und das konnen Sie 
nicbt so beurteilen. Sie seben nur Ibren kleinen Abscbnitt 
und baben desbalb keine Ubersicbt. Sie tun Bbxe Pflicbt, 
Sie setzen Ihr Leben ein, das ist bocbster Ehren wert — 
jeder von eucb miiBte das Eiseme Kreuz baben — , aber 
vor allem muB die gegneriscbe Front in Flandem durcb- 
brocben und dann von oben aufgerollt werden/^ 


169 



Et sclma-oft imd wisctt sicli den Bart. „Vdllig aiif- 
geroUt miiB sie werden, von oben ienmter. Und dann anf 
Paris/" 

Icb mochte wissen, wie er sick das vorstellt, nnd gieBe 
das dxitte Bier in micb binein. Sofort l^t er ein nenes 
bringen. 

Aber icb brecbe anf. Er scbiebt mir nocb einige Zigarren 
in die Tascbe nnd entlaBt micb mit einem freundscbaft- 
licben Klaps. ,,Alles G-nte ! Hoffentlicb bdren wir nnn bald 
etwas Ordentlicbes von eucb."" 


* 

Icb babe mir den Urlanb anders vorgestellt. Vor einem 
Jahr war er ancb anders. Icb bin es wobl, der sicb in- 
jzwischen geandert bat. Zwiscben beute nnd damals liegt 
eine Kluft. Damals kannte icb den Krieg nocb nicbt^ wir 
batten in rnhigeren Abscbnitten gelegen. Hente merke 
icb, daB icb, ohne es zn wissen, zermiirbter geworden bin. 
Icb finde micb bier nicbt mebr zurecbt, es ist eine fremde 
Welt. Die einen firagen, die andem firagen nicbt, nnd man 
siebt ibnen an, daB sie stolz daranf sind; oft sagen sie 
es sogar nocb mit dieser Miene des Verstebens, daB 
man dariiber nicbt reden konne. Sie bilden sicb etwas 
daranf ein. 

Am liebsten bin icb allein, da stort micb keiner. Denn 
alle kommen stets anf dasselbe znrnck, wie scblecbt es 


170 



geiit tmd wie gut es geiit, der erne findet es so, der andere 
so, immex sind sie aucli rascli bei den Dingen, die ihx 
Dasein daxstellen, Icb babe fruber sicbei* genan so gelebt, 
aber ich finde Jetzt keinen AnscblnB mehr daian. 

Sie reden mir zu viel. Sie baben Sorgen, Ziele, Wlinscbe, 
die icb nicbt so anjEfassen kann wie sie. Mancbmal sitase 
icb mit einem von ihnen in dem kleinen Wirtsgarten xind 
versucbe, ibm klarzumacben, daB dies eigentlicb schon 
alles ist: so still zu sitzen. Sie versteben das natiirlich, 
geben es zn, finden es aucb, aber nnr mit Vorten, miir mit 
Worten, das ist es ja — ■ sie empfinden es, aber stets nnr 
balb, ibr anderes Wesen ist bei anderen Dingem, sie sind 
so verteilt, keiner empifindet es mit seinem ganzen teben; 
icb kann ja selbst ancb nicbt recbt sagen, was icb 
meine. 

Wenn ich sie so sehe, in ihxen Zimmem, in ibren Biiros, 
in ibren Benifen, dann ziebt das mich imwiderstehlicb an, 
icb mocbte aucb darin sein nnd den Krieg vergessen; 
aber es stoBt micb aucb gleicb wieder ab, es ist so eng, wie 
kann das ein Leben ausfiillen, man soUte es zerscblagen, 
wie kann das alles so sein, wMirend dranBen Jetzt die 
Splitter iiber die Tricbter sansen nnd die Lencbtkngeln 
bocbgeben, die Verwxindeten anf Zeltbabnen zuriick- 
geschleift werden nnd die Kameraden sicb in die Graben 
drncken ! — Es sind andere Menscben bier, Menscben, die 
icb nicbt ricbtig begreife, die icb beneide nnd veracbte. 
Icb mnB an£at nnd Albert nnd Midler nnd TJaden denken. 


171 



was mogen sie tnn? Sie sitzen vielleiclit in der Kantine 
odex sie schwimmeii — bald miissen sie wieder nach vom* 

♦ 

In meinein Zimmer steht binter dem Tiscb ein brannes 
Ledexsofa. Icb setze naicb binein. 

An den Wanden sind viele Bilder mit EeiB2iwecken 
festgemacbt, die icb firiiber ans Zeitscbriften geschnitten 
babe. Postkarten iind Zeicbntmgen dazwiscben, die mix 
gefaflen baben. In der Ecke stebt ein kleiner eisemer Ofen. 
An der Wand gegenuber das Regal mit meinen Biicbern. 

In diesem Zimmer babe icb gelebt, bevor icb Soldat 
wnxde. Die Biicbex babe icb nacb imd nacb gekanft von 
dem Geld, das icb mit Stnndengeben verdiente. Viele da- 
von antiqnariscb, alle Klassiker znm Beispiel, ein Band 
kostete eine Mark iind zwanzig Pfennig, in steifem, 
blanem Leinen. Icb babe sie vollstandig gekanft, denn icb 
war gxiindEch, bei ansgewablten Werken trante icb den 
Herausgebem nicbt, ob sie ancb das Beste genommen 
batten. Desbalb kanfte icb nnr „Samtbcbe Wexke^‘. G^- 
lescn babe icb sie mit ebriicbem Eifer, aber die meisten 
sagten mix nicbt recbt zn. Um so mebr Melt icb von den 
andem Biicbern, den modemeren, die natnrbcb ancb viel 
tenxer waxen. Einige davon babe icb nicbt ganz ebxlicb 
erworben, icb babe sie ansgelieben nnd nicbt znriick- 
gegeben, wed icb micb von ibnen nicbt trennen mocbte. 

Ein Facb des Regals ist mit Scbnlbncbem gefiillt. Sie 


172 



sind wenig gesdiont imd stark zerlesen, Seiten sind lier- 
ansgerissen, man weiB ja w’ofiir, Und nnteji sind Hefte, 
Papier nnd Briefe Mngepackt, Zeidmimgen imd Versnclie. 

Ick will micli idneindenken in die Zeit damals. Sie ist 
ja nocli im Zunnier, ick fiihle es sofort, die Wande kaben. 
sie bewahrt. Meine Hande liegen auf der Sofalekne ; 
jetzt macke ick es mir faequem nnd zieke atick die Beine 
kock, so sitze ick gemiitlich in der Ecke, in den Armen des 
Sofas. Das Meine Fenster ist geoflfnet, es zeigt das ver- 
traiite Bild der StraBe mit dem ragenden Kircktiiria aTn 
Ende. Ein paar Blumen steken anf dem Tisck. Feder- 
halter, Bleistifte, eine Mnsckel als Briefkesckwerer, das 
TintenfaB — kier ist nichts verandert. 

So wird es anck sein, wenn ick Gliick kabe, wenn der 
Krieg aus ist und ick wiederkomme fiir immer. Ick werde 
ebenso kier sitzen imd mein Zimmer anseken und warten. 

Ick bin aufgeregt; aber ick mockte es nickt sein, denn 
das ist nickt ricktig, Ick will wieder diese stiUe Hin- 
gerissenheit, das Gefiikl dieses keftigen, unbenennfaaren 
Dranges verspiiren, wie firiiker, wenn ick vor meine Bucker 
trat. Der Wind der Wiinscke, der aus den bimten Biicker- 
riicken anfstieg, soil mick wieder erfassen, er soil den sckwe- 
ren, toten Bleiblock, der irgendwo in mir liegt, sckmelzen 
und mir wieder die Ungednld der Znkunft:, die besckwingte 
Frende an der Welt der Gcdanken wecken; — er soil mi-r 
das verlorene Bereitsein meiner Jngend zuruckbringen. 

Ick sitze und warte. 


173 



Mir fallt eia, dafi ick zn Kemmericlis Mutter gehen 
nniB; — Mittelstaedt konute ick aucli besuclieia, er muB 
in der Kaseme sein. Icli sehe ans dem Fenster: — Muter 
dem besonnten StraBeniild taucht verwasckeii und leicht 
ein Hiigelziig aiif, verwandelt sick zu einein kellen Tag 
im Herlbst, wo ich am Feuer sitze tmd mit Kat tmd Albert 
gebratene Kartoffeln ans der Scbale esse. 

Dock daran will ick nickt denken, ich wiscke es fort. 
Das Zimmer soli sprecken, es soil mick einfangen imd tra- 
gen, ick will fuklen, daB ick Merkergekore, and korcken, 
damit ick weiB, wenn ick wieder an die Front geke : Der 
Krieg versinkt and ertrinkt, wenn die Welle der Heim- 
kekr kommt, er ist voriiber, er zerfiriBt uns nickt, er kat 
keine andere Mackt iiber ans als nax die auBere ! 

Die Biickerdicken steken nebeneinander. Ick kenne sie 
nock and erinnere mick, wie ick sie geordnet kabe. Ick 
bitte sie mit meinen Angen: Spreckt zn mir, — nekmt 
mick anf — nimm mick anf, da Leben von fruker, — dn 
sorgloses, sckones — niimn mick wieder auf — 

Ick warte, ick warte. 

Bilder zieken voraber, sie kaken nickt fest, es sind nar 
Sckatten nnd Erinnerangen. 

Nickts — nickts. 

Meine Unrake wackst. 

Ein forckterlickes GefuH der Fremde steigt plotzlick 
in mir hock, Ick kann nickt zarackfinden, ick bin aas- 
geschlosscn; so sehr ick anck kitte and mick anstrenge, 


174 



nichts bewegt sicli, teilnalimslos und traurig sitze ick wie 
ein Venirteilter da, iind die Vergangenheit wendet sich 
ab. C-leicbzeitig spiire icb Farcbt, sie zii sebr za be« 
scbwSren, weil icb nicbt weiB, was darni alles geseheben 
kSnnte. Icb bin ein Soldat, daran miiB icb micb balten* 

Miide stebe icb auf iind scbaue ans dem Fenster. Dann 
nebme icb eines der Biicber nnd blattexe daxia, ran zn iesen. 
Aber icb stelle es weg raa.d nebme ein anderes. Es sind 
Stellen daxin, die angestricben sind. Icb sncbe, blittere, 
nebme nene Biicber. Scbon liegt ein Pack neben mix. 
Andexe kommen dazn, bastiger — Blatter, Hefte, Briefe. 

Stnmm stebe icb davor. Wie vox einem Gexicbt. 
Mutlos. 

Worte, Woxte, Worte — sie exreicben micb nicbt. 

Langsam stelle icb die Biicber wieder in die Liicken. 

Vorbei. 

Still gebe icb ans dem Zimmer. 


Nocb gebe icb es nicbt anf. Mein Zimmer betrete icb 
zwar nicbt mebr, aber icb trSste micb damit, da6 einige 
Tage nocb nicbt ein Ende zn sein braucben. Icb babe 
nacbber — spater — Jabre dafiir Zeit. Vorlanfig gebe icb 
zn Mittelstaedt in die Kaseme, imd wir sitzen in seiner 
Stnbe, da ist eine Lnft, die icb nicbt liebe, an die icb aber 
gewdhnt bin. 

Mittelstaedt bat eine Nenigkeit parat, die micb sofort 

175 



elektrisiert. Er erzaHt mir, daB Kantorek emgezogen 
wordea sei als Landstiirminanii. „Stell dir sagt er 

uad holt eia paar gate Zigarren heraus, „icli komme aas 
dem Lazarett Meriier aad falle gleich aher iha. Er streckt 
aiir seine Pfote eatgegen and qaakt: ,Sieli da, Mittel- 
staedt, wie geht es denn?* — Ich selie ikn groB an and 
antworte: ,Landstarmmann Kantorek, Dienst ist Dienst 
and Schnaps ist Schnaps, das sollten Sie selbst am besten 
wissen. Nehinen Sie Haltang an, wenn Sie mit einem Vor- 
gesetzten reden.^ — Da hattest sein Gesicht sehen 
massen I Eine Kreazang aas Essiggarke and Blindganger. 
Zdgemd versachte er nock einmal, sick anzubiedem. Da 
scknaazte ick etwas scharfer. Nan fahxte er seine starkste 
Batterie ins Gefeckt and firagte vertraulick: ,Soll ick 
Iknen vermitteln, daB Sie Notexamen macken?* Er 
wollte mick erinnem, verstekst da. Da packte mick die 
Wat, and ick erinnerte ikn auck. ,Landstarmmann Kan- 
torek, vor zwei Jahren kaben Sie ans zam Bezirks- 
kommando gepredigt; daranter aack den Joseph Bekm, 
der eigentlick nickt woUte. Er fiel drei Monate bevor er 
emgezogen worden w^e. Okne Sie katte er so lange ge- 
wartet. Und jetzt: Wegtreten. Wir sprecken ans nockJ — 
Es war mir leickt, seiner Kompagnie zageteilt za werden. 
Als erstes nakm ick ikn mit zar Kammer and sorgte far 
eine kiibscke Aasriistang. Da wirst ikn gleick sehenJ^ 
Wir geken aaf den Hof. Die Kompagnie ist angetreten. 
BCttelstaedt laBt rakren and besichtigt. 


176 



Da erblicke ich Kantorek imd muB das Lachen ver- 
beiBen. Er tragt eme Art ScboBrock aas verblicbfenem 
Blaa. Auf dem Riicken iind an den Anneln sind grofie 
dnnkle Flicken eingesetzt. Der Rock innB einem Riesen 
gebdrt baben. Um so kiirzer ist die abgewetzte scbwarze 
Hose; sie reicbt bis znr halben Wade. Dafiir sind aber die 
Scbnbe sehx geranmig, eisenbarte, nralte Treter, mit hocb- 
gebogenen Spitzen, nocb an den Seiten zn scbnliren. Als 
Ansgleich ist die Miitze wieder zu Mein, ein furcbtbar 
drecMges, elendes Kratzcben. Der Gesamteindxuck ist 
erbarmiingswiirdig. 

Mittelstaedt bleibt steben vox ibm: ,,Landstimnmanii 
Kantorek, ist das Knopfputz? Sie scbeinen es nie zu ler- 
nen. Ungeniigend, Kantorek, nngeniigend — 

Icb briille innerlicb vor Vergniigen. G^nau so bat Kan- 
torek in der Scbule Mittelstaedt getadelt, mit demselben 
Tonfall: „Ungenugend, Mittelstaedt, nngeniigend — 

Mittelstaedt mifibilbgt weiter: „Seben Sie sicb mal 
Boettcher an, der ist vorbildlicb, von dem kSnnen Sie 
lemen/* 

Icb trane meinen Angen kaum. Boettcher ist ja aucb 
da, Boettcher, nnser Scbnlportier. Und der ist vorbildlicb ! 
Kantorek scbieBt mir einen Blick zu, als ob er micb firessen 
mochte. Icb aber grinse ibm nur barmlos in die Visage, 
so, als ob icb ihn gar nicbt weiter fcenne. 

Wie blodsinnig er anssiebt mit seinem Kratzcben and 
seiner Uniform! Und vor so was hat man fruber eine 


12 Kemariiue, Weetea 


177 



Heidenangst gehaBt, wenn es aiif dem Katteder tkronte 
nnd einen mit dem Bleistift aufspiefite bei den nnregel- 
maBigen franzosiscben Verben, mit denen man nacbier 
in Frantreich dock nichts anfangen konnte. Es ist nocb 

kamn zwei Jabre ber ; nnd jetzt stebt bier der Land- 

stnrmmann Kantorek, jab entzanbert, mit kmmmen 
Knien nnd Armen wie Topfbenkeba, mit schlecbtem 
Knopfpntz und in lacberlicber Haltnng, ein nnmdglicher 
Soldat. Icb kann ibn mir nicbt mebr znsammenreimen 
mit dem drobenden Bilde anf dem Katbeder, nnd icb 
mocbte wirkKcb gern mal wissen, was icb macben werde, 
wenn dieser Jammerpelz mich alten Soldaten jemals 
wieder fragen darf: „Bamner, nennen Sie das Imparfait 
von afler — ‘‘ 

Vorlanfig l^t Mittelstaedt etwas Scbwarmen iiben. 
Kantorek wird dabei woblwollend von ibm zum Gmppen- 
fiibrer bestimmt. 

Damit bat es eine besondere Bewandtnis. Der Gmp- 
penfiibrer miiB beim Scbwarmen namlicb stets zwanzig 
Schritt vor seiner Gmppe sein; — kommandiert man nim: 
Kebrt — marscb!, so macbt die Schwarmlinie nnr die 
Wendung, der Gruppenfiibrer jedocb, der dadurcb plotz- 
licb zwan2dg Scbritt binter der Linie ist, mnfi im Galopp 
vorstnrzen, nm wieder seine zwanzig Scbritt vor die 
Gmppe zn kommen. Das sind zusammen vierzig Scbritt 
Marscb, marseb. Kanm ist er aber angelangt, so wird 
einfkcb wieder Kebrt — marscb t befohlen, nnd er mnB 


178 



eiligst wieder ^derzig Sckritt nacli der andem Seite rasen, 
Auf dxese Weise macM die Gmppe nur gemMlicli immer 
eine Wendimg iind ein paar Sciiritte, walrrend der Gmp- 
penfiiiirer Bin nnd Ber saust wie ein Furz anf der Gardinen- 
stange. Das Gauze ist eines der vielen proBaten Rezepte 
von HimmelstoB. 

Kantorek kann von Mittelstaedt nicBts anderes ver- 
langen, denn er Bat iBm eiamal eineVersetznng vermnrkst, 
nnd Mittelstaedt w^e scBon diinun, diese gate Gelegen- 
Beit nicBt ansznnntzen, bevor er wieder ins Feld komint, 
Man stixbt docB vielleicBt etwas leicBter, wenn der Kom- 
mi£ einem ancB einmal solcB eine Chance geboten Bat. 

Einstweilen spritzt Kantorek Bin und her wie ein 
anfgescBencBtes WildscBwein. NacB einiger Zeit laBt 
Mittelstaedt anfhoren, nnd nnn beginnt die so wicBtige 
tlBnng des KriecBens. Anf Knien nnd ElleiiBogen, die 
Knarre vorscBriftsmaBig gefafit, scBiebt Kantorek seine 
PracBtfigur dnxch den Sand, dicht an nns vorbei. Er 
scBnauft kraftig, und sein ScBnanfen ist Mr^ik, 

Mittelstaedt ermiintert ihn, indem er den Landstnrm- 
mann Kantorek mit Zitaten des Oberlebxers Kantorek 
trostet. „Landstnnnmann Kantorek, wir Baben das 
Gliick, in einer groBen Zeit zu leben, da miissen wir alle 
nns znsammenreiBen nnd ancB einmal das Bittere iiber- 
winden.‘‘ 

Kantorek spnckt ein scBmutziges Stiick Holz ans, das 
Ihm zwiscBen die ZaBne gekommen ist, nnd scBwitzt. 



Mittelstaedt beugt sich. iiieder, beschworend eindriiig- 
licb: „Und iiber Klemigkeiten niemals das grofie EriebBis 
vergessen, Landstrammaim Kaiitorekr^ 

Micb wmidert, daB Kantorek nicbt mit emem Knall 
zerplatzt, besonders, da jetzt die Tiimstmide folgt^ in 
der Mittelstaedt ibn grofiaxtig kopiert, indem er ibin 
in den Hosenboden fa6t beim Klimmzng am Qnerbanm, 
damit er das Kinn stramm iiber die Stange bringen kami, 
tmd dazn von weisen Reden nnr so trieft. Genan so hat 
Kantorek es firiiher mit ihin gemacht. 

Danach wird der weitere Dienst verteilt. ,,Kantorek 
und Boettcher zum KommiBbrot holen ! Nehmen Sie den 
Handwagen mit/‘ 

Ein. paar Minnten spMer geht das Paar mit dem Hand- 
wagen los, Kantorek h^t wiitend den Kopf gesenkt. Der 
Portier ist stolz, weil er leichten Dienst hat. 

Die Brotfabrik ist am andem Ende der Stadt. Beide 
miissen also hin und znriick durch die ganze Stadt. 

,jDas machen sie schon ein paar Tage“, grinst Mitteh 
staedt. „Es gibt bereits Lente, die darauf waxten, sie zu 
sehen.‘* 

„Grofiartig/‘ sage ich, ,,aber hat er sich noch nicht be- 
schwert?^^ 

„V exsncht ! Unser Kommandeux hat foxchtbax gelacht, 
als er die Geschichte gehort hat. Er kann keine Schul- 
meister leiden. AnBerdem ponssiere ich mit seiner 
Tochter.*^ 


180 



,,Er wird dir das Examen versauen/^ 


„Daraiif pfeife meint Mittelstaedt gelassen. 

,,S€i!ie Bescliwerde ist aiiBerdem zwecMos gewesen, well 
ich. bewcisen konnte, daB er meistens leichten. Dienst tat,** 
„Koiiiitest dll ikn mcbt mal ganz groB scHeifea?*® 
firage ich. 

„Dazii ist er mir za damlich‘% antwortet Mittelstaedt 
erhaben imd groBziigig. 


Was ist der Urlaub? — Ein Schwanken, das allcs nach- 
her niir noch viel sch'werer zaacht. Schon jetzt mischt sich 
der Abschied hinem. Meine Mutter sieht mich schweigend 
an; — sie zahlt die Tage, ich weiB es; — Jeden Morgen 
ist sie traurig. Es ist schon wieder ein Tag weniger. Meinen 
Tomister hat sie weggepackt, sie will durch ihn nicht er- 
innert werden. 

Die Stunden laufen schnell, wenn man grubelt. Ich 
rafiPe imch auf und hegieite meine Schwester. Sie geht 
zum Schlachthof, um einige Pfimd Knochen zu holen. 
Das ist eine groBe Vergunstigxmg, und morgens schon 
stellen sich die Leute hin, um darauf anzustehen. Manche 
werden ohnmachtig. 

Wir hahen teiu Gliick. Nachdem wir drei Stunden ab- 
wechselnd gewartet haben, Idst sich die Reihe auf. Die 
Emochen sind zu Ende. 

Es ist gut, daB ich meine Verpflegung exhalte. Davon 

181 



bringe icb meiner Mntter mit, tmd wir haben so alle etwas 
kraftigeres Essen. 

limner scbwerer werden die Tage, die Angen meiner 
Mutter immer traimger. Nocb vier Tage. Icb mnB zn 
Kemmericbs Mutter geben. 

* 

Man kann das niclit niederscbreiben. Diese bebende, 
scblncbzende Fran, die micb scbnttelt nnd micb anscLreit: 
„Wesbalb lebst dn denn, wenn er tot ist!*% die micb mit 
Tranen iiberstromt und nift: : „Wesbalb seid ibr iiberbanpt 
da. Kinder, wie ibr — die in einen Stnbl sinkt und weint : 
„Hast dn ibn geseben? Hast dn ibn nocb geseben? Wie 
starb er?^'^ 

Icb sage ibr, dafi er einen ScbnB ins Herz erbalten bat 
nnd gleicb tot war. Sie siebt micb an, sie zweifelt: „Du 
liigst. Icb weiB es besser. Icb babe gefiihlt, wie scbwer er 
gestorben ist. Icb babe seine Stimme gebort, seine Angst 
babe icb nacbts gespiirt, — sag die Wabrbeit, icb will es 
wissen, icb muB es wissen.‘‘ 

,,Nem,‘* sage icb, „icb war neben ibm. Er war sofort 
tot.^" 

Sie bittet micb leise: „Sag es mir. Dn mnfit es. 
Icb weiB, dn willst micb damit trosten, aber siebst dn 
nicbt, daB dn micb scblimmer qnalst, als wenn dn die 
Wabrbeit sagst? Icb kann die UngewiBbeit nicbt ertragen, 
sag mir, we es war, nnd wenn es nocb so fnrcbtbar ist. 


182 



Es ist iminer nocli besser, als was ich sonst denien 

Icli werde es nie sagen, elier kann sie ans mir Hack- 
fleisch. maciieii. Icli bemitleide sie, aber sie konunt mir 
aiicb eia wenig dmnm vor* Sie soli sich doct rofriedeii 
geben, Kem m erich. bleibt tot, ob sie es weiJJ oder nicht. 
Wenn man so viele Tote geseben bat, kann man so idel 
Scbmerz nm einen einzigen nicbt mehr recht begreifen* 
So sage icb etwas nngednldig; „Er war sofort tot. Er hat 
es gar nicbt gefiihlt. Sein G^sicbt war ganz rnbig/* 

Sie scbweigt. Dann fragt sie langsam: „Kaniist dn das 
bescbworen?"* 

,Ja/^ 

„Bei allem, was dir beilig ist?‘* 

Acb Gott, was ist mir scbon beilig; — so was wechselt 
ja schnell bei uns. 

„Ja, er war sofort tot/* 

,,'Willst du selbst nicbt wiederkommen, wenn es nicbt 
wabr ist?** 

„Icb will nicbt wiederkommen, wenn er nicbt sofort 
tot war.** 

Icb wiirde nocb wer weiB was anf micb nebmen. Aber 
sie scbeint mir zn glauben. Sie stobnt nnd weint lange. 
Icb soli erzablen, wie es war, nnd erfinde eine G^schicbte, 
an die icb jetzt beinabe selbst glanbe. 

Als icb gebe, kiiQt sie micb und scbenkt mir ein Bild 
von ibm. Er lebnt darauf in seiner Rekratemmiform an 


183 



einem randen Tisct, dessen Beine aus ungesclialteii Birken- 
asten besteken. DaMnter ist ein Wald gemalt als Kulisse. 
Anf dem Tisck stekt ein Bierseidel. 

Es ist der letzte Abend zu Hause. AUe sind sckweigsam. 
Ick geke firuk zu Bett, ick fasse die Kissen an, ick drucke 
sie an mich und lege den Kopf hinein. Wer weiB, ob ick 
je wieder so in einem Federbett liegen wexde ! 

Meine Mutter kommt spat nock in mein Zimmer. Sie 
glaubt, daB ick scklafe, und ick steUe ndck auck so. 
Zu sprecken, wack miteinander zu sein, ist zu sckwer. 

Sie sitzt fast bis zum Morgen, obsckon sie Sckmerzen 
kat und sick manchmal krfimint. Endlick kann ick es 
nickt mekr auskalten, ick tue, als erwackte ick. 

„Gek scklafen. Mutter, du erkaltest dick kier.^‘ 

Sie sagt: „Scklafen kann ick nock genug spater.^* 

Ick rickte mick auf. ,,Es gekt ja nickt sofort ins Feld, 
Mutter. Ick muB dock erst vier Wocken ins Baracken- 
lager. Von dort komme ick vielleickt einen Sonntag nock 
keriiber.** 

Sie sckweigt. Dann fragt sie leise: „Furcktest du dick 
sekr?^^ 

„Nem, Mutter.*‘ 

,,Ick wollte dir nock sagen: Nimm dick vor den Frauen 
in ackt in Frankreick. Sie sind sckleckt dort.‘‘ 

Ack Mutter, Mutter! Fiir dick bin ick ein land, — 


184 



wamm kann ich mclit den Kopf in deinen SctoB legen 
imd weinen? Waram mnB icti immer der Starkere nnd 
der GefaBtere sein, ich mockte docli aticli einmal ■weinen 
nnd getrostet werden, ich bin dock wirklieb nicbt viel 
melix als ein Kind, im Scbrank htngen nocb meine knrzen 
Knabenbosen, — es ist doch erst so wenig Zeit her, waram 
ist es denn vorbei? 

So nibig ich kann, sage ich: „Wo wir liegen, da sind 
keine Franen, Mutter/* 

,,Und sei recht vorsichtig dort im Felde, Paul/* 

Ach Mutter, Mutter! Warmn nebme icb diet nicbt in 
meine Axme und wir sterben. Was sind wir dock fiir arme 
Htmde! 

„ Ja, Mutter, das will ick sein/* 

„Ick werde jeden Tag for dick beten, Paul/* 

Ach Mutter, Mutter ! LaB uns aufsteken und fortgehen, 
zuriick durch die Jakre, bis all dies Elend nickt mekr auf 
uns liegt, zuruck zu dir und mir aUein, Mutter! 

„Vielleickt kannst du einen Posten bekommen, der 
nickt so gefakrlick ist/* 

,,Ja, Mutter, vielleickt korome ick in die Kucke, Am 
kann wohl sein/* 

,,Ni.inm, ikn ja an, wenn die andem auck reden — ^** 

„Darum kummere ick mick nickt, Mutter — ^** 

Sie seufzt. Ihr Gesickt ist ein weiBer Sekein im 
Dunkel. 

,,Nun muBt du scklafen geken. Mutter/* 


185 



Sie amtwortet niclit. Icli stehe anf imd lege ilir meme 
Decke fiber die Scknltem. Sie stutzt sick amf meinen Arm, 
sie hat Schmerzen, So bringe ich sie hmiiber. Eine Welle 
bleihe ich noch bei ihr. „Dti miiBt mm anch gesnnd 
werden. Mutter, bis ich wiederhomiae.*^ 

„Ja, ja, mein Kind/* 

„Ihr diirft mir nicht enre Sachen schicken. Mutter, Wir 
haben drauBen gemig zn essen, Ihr honnt es bier besser 
branchen/* 

Wie arm sie in ihxem Bette liegt, sie, die mich liebt, 
mehr als aUes. Als ich schon gehen 'will, sagt sie hastig: 
„Ich babe dir noch 2 rwei Unterhosen hesorgt. Es ist gate 
Wolle. Sie wexden warmhalten, Du moBt nicht vergessen, 
sie dir einzupacken/* 

Ach Matter, ich weiB, was dich diese beiden Unter- 
hosen gekostet haben an Herumstehen and Laafen and 
Betteln ! Ach Matter, Matter, 'wie kann man es begreifen, 
da6 ich weg mu6 von dir, wer hat denn anders ein Recht 
anf mich als da. Noch sitze ich bier, and da liegst dort, 
"wir miissen ans so vieles sagen, aber wir werden es nie 
kSnnen, 

„Gate Nacht, Matter/* 

„Gate Nacht, mein Kind/* 

Das Zimm er ist donkeL Der Atem meiner Mutter geht 
darin Mn and her. Dazwischen tickt die Uhr. DrauBen 
vox den Fenstem weht es. Die Kastanien rauschen. 

Auf dem Voiplatz stolpere ich fiber meinen Tomister, 


186 



der fertig gepackt daliegt, weil ich morgen sehir firiih 
fort mis6. 

let beiBe in zaeine Kissen, icb krampfe die Fanste nm 
die Eisenstabe meines Bettes. Icb batte nie Merberkom- 
meii diixfen. Icb war gleichgiiltig iind oft bofiirangslos 
dranBen; — icb werde es nie mebr so sein konnen. Icb war 
ein Soldat, nnd nnn bin icb niebts noiehr als Sebmerz mm 
micb, nm meine Mutter, mn alles, was so trostlos nnd ohne 
Ende ist. 

Icb batte nie anf Urlanb fabren diirfen. 



VIII 


D ie Baracken im Heidelager kenne ich nock. Hier 
kat Himmelstofi Tjaden erzogen. Sonst aber kenne 
ick kaixm Jemand kier; alles kat geweckselt, wie immer. 
Nnr einige der Lente kabe ick firuker fliicktig geseken. 

Den Dienst macke ick meckanisck. Abends bin ick fast 
stets im Soldatenkeim, da liegen Zeitsckriften ans, die ick 
abex nickt lese ; es stekt jedock ein Klavier da, anf dem ick 
gem spieie. Zwei Madcken bedienen, eins davon ist jung. 

Das Lager ist von kohen Draktzaxmen nmgeben. Wenn 
wir spat ans dem Soldatenkeim kommen, miissen -wir 
Passiersckeine haben. Wer sick mit dem Posten verstekt, 
krieckt natiirlick anck so dnrck. 

Zwiscken Wackolderbiiscken und Birkenw^dem iiben 
wir jeden Tag Kompagnieexerzieren in der Heide. Es ist 
ZTi ertragen, wenn man nickt mehr verlangt. Man xennt 
vorwaxts, wirft sick kin, nnd der Atem biegt die Stengel 
nnd BMten der Heide kin nnd ker. Der Hare Sand ist, so 
dickt am Boden geseken, rein wie in einem Laboratorinm^ 
ans vielen Heinsten Kiesein gebildet. Es ist seltsam ver« 
lockend, die Hand hineinzngraben. 

Aker das sckonste sind die Walder mit ikren Birken- 
rtodem. Sie weckseln jeden Angenblick die Farbe. Jetzt 

188 



leucliteii die Sti-none im hellsten WeiB, und seidig iind 
liiftig schwebt zwiscben ibnen das pastellbafte Grtin des 
Laiibes; — im nacbsten Moment wecbselt aJles zn einena 
opalenen Blau, das silbrig vom Rande ber streicht imd 
das Griin forttnpft; — aber sogleicb vertieft es sich an 
einer Stelle fast zn Scbwarz, wenn eine Wolke iiber die 
Sonne gebt. Und dieser Scbatten l§nft: wie ein Gespenst 
zwiscben den man fahlen Stammen entlang, weiter libex 
die Heide znm Horizont, — inzwiscben steben die Birken 
scbon wie festlicbe Fabnen mit weiBen Stangen vor dem 
rotgoldenen Geloder ibres sicb f^benden Laubes. 

Icb verliere micb oft an dieses Spiel zaxtester licbter nnd 
durcbsicbtiger Scbatten, so sebr, daB icb fast die Kom* 
mandos uberb5re; — ■ wenn man allein ist, beginnt man 
die Natur zn beobacbten nnd zn lieben. Und icb babe 
bier nicbt viel AnscblnB, wnnscbe ibn ancb nicht iiber 
das normale MaB hinans. Man ist zn wenig miteinander 
bekannt, um mebr zn tim, als etwas zn qnatscben nnd 
abends Siebzebn-nnd-vier zn spielen oder zn manscbeln. 

Neben nnsem Baracken befindet sich das groBe 
Rnssenlager. Es ist von nns zwar dnrcb Drabtwande ge- 
trennt, trotzdem gelingt es den Gefangenen docb, zn 
nns beriiberznkommen. Sie geben sicb sebr scben nnd 
angstlich, dabei baben sie meistens Barte nnd sind groB; 
dadnrcb wirken sie wie verpriigelte, demntige Bembaidiner . 

Sie sebleicben nm nnsere Baracken nnd revidieren die 
Abfalltonnen. Man muB sicb vorstellen, was sic da finden. 

189 



Die Kost ist bei uns sdion knapp und vor allem scMeelit, 
es gibt Steckriibeii, in seciis Teile geschnitten imd in 
Wasser gekociit, MolmM^enstriiiike, die nock sclimiitzig 
sind; fleckige Kartoffeln sind groBe Leckerbissen, nnd 
das Hoctste ist diinne Reissnppe, in der kleingeschnittene 
Rindfieiscliselmen schwimmen soUen. Aier sie sind so 
fclein gescbnitten, daB sie nickt mekr zn finden sind- 

Trotzdem wird natiirKcli alles gegessen. Wenn wirldicli 
einer mal so reick ist, nickt leerfnttem zn brancken, 
steken zekn andere da, die es ikm gem abnekmen. Nnr die 
Reste, die der Loffel nickt mekr erxeickt, warden ans- 
gespiilt nnd in die Abfalltonnen gesckuttet. Dazn koinmen 
dann manckmal einige Steckriibensckalen, verscbim- 
melte Brotrinden nnd allerlei Dreck. 

Dieses diinne, trube, schmntzige Wasser ist das Ziel 
der Gefangenen. Sie sckopfen es gierig ans den stinkenden 
Tonnen imd tragen es unter ikren Blnsen fort, 

Es ist sonderbar, diese nnsere Feinde so nake zn seken. 
Sie kaben Gesichter, die nackdenHick macken, gnte 
Banemgesickter, breite Stimen, breite Nasen, breite Lip- 
pen, breite Hande, wolliges Haar. Man iniiBte sie znm 
Pfliigen nnd Maken nnd Apfelpfliicken verwenden. Sie 
seken nock gntmiitiger ans als nnsere Banem in Friesland. 

Es ist tranrig, ibre Bewegungen, ibr Betteln nm etwas 
Essen zn seken. Sie sind aHe ziemlich sckwack, denn sie 
exkalten gerade so viel, daB sie nickt verknngem, Wir selbst 
bekommen Ja langst nickt sattznessen. Sie kaben Rnkr, 


190 



mit angstliclien BEcken zeigen maacte verstoHen Elatige 
Hemdzipfel Eeraas. Hire Riicken, lEre Nackea siad ge- 
bnimmt, die Kiiie geknickt, der Kop£ bHckt scMef von 
iinten teranf, wenn sie die Hand ansstrecken tind mit den 
wenigen Worten, die sie kennen, betteEa, — betteln mit 
diesen weicEen, leisen Bassen, die me waxme Ofen and 
Heimatstuben sind. 

Es gibt Leute, die iEnen einen Tritt gcben, daB sie tun- 
fallen; — aber das sind nnr wenige. Die meisten tun iEnen 
nicEts, sie geEen an iEnen vorbei. Mitunter, wenn sie seEr 
elend sind allerdings, gerat man daruber in Wnt and ver- 
setzt iEnen dann einen Tritt. Wenn sie einen nur nicEt so 
anseEen woUten, — was fiir ein Jammer in zwei so kleinen 
Flecken sitzen kann, die man mit dem Daumen scEon zn- 
halten kann: in den Augen. 

Abends kommen sie in die Baracken und Eandeln. Sie 
tanscEen alles, was sie Eaben, gegen Brot ein. Es gelingt 
ihnen mancEmal, derm sie Eaben gate Stiefel, unsere aber 
sind schlecEt. Das Leder iErer EoEen ScEaftstiefel ist 
wonderbax weicE, wie JncEten. Die Bauemsohne bei nns, 
die von zu Hanse Fettigkeiten gescEickt erEalten^ kdnnen 
sie sicE leisten. Der Preis fiir ein Paar Stiefel ist nngefiEr 
zwei bis drei KommiBbrote oder ein KommiBbrot and 
eine Heinere harte Mettwurst. 

Aber fast alle Russen Eaben Itngst die SacEen abge- 
geben, die sie batten. Sie tragen nnr nocE erbIxmEcEes 
Zeng und vexsncEen kleine ScEnitzereien undGegenstlnde, 


191 



die sie aus Granatsplittem iind Stiicken tou kupfemeB 
Fiiliniiigsriiigeii gcmaclit haben, zu taiisdien. Diese Sa« 
chen bringen natiirlicli niclit viel ein, wenn sie ancb aller- 
haiid Millie gemaclit haben, — sie geben fiir ein paar 
Scbeiben Brot bereits weg. Unsere Bauem sind zabe nnd 
schlan, wenn sie bandebi. Sie balten dem Rtissen das Stiick 
Brot oder Wnrst so lange dicbt iinter die Nase, bis er vor 
Gier blaB wird nnd die Augen verdrebt, dann ist ibm alles 
egal. Sie aber verpacken ibre Beute mit all der Umstand- 
licbkeit, deren sie fabig sind, bolen ibr dickes Tascben- 
messer berans, scbneiden langsam nnd bedacbtig fur sicb 
selber einen Ranfcen Brot von ibrem Vorrat ab nnd dazn 
bei jedem Happen ein Stiick von der barten gnten Wnrst 
nnd fnttem, sicb znr Belobnnng. Es ist anJGreizend, sie so 
vespem zu seben, man mocbte ibnen anf die dicken Scba- 
del trommeln. Sie geben selten etwas ab. Man kennt sicb 
ja ancb zu wenig. 


Icb bin ofter anf Wacbe bei den Rnssen. In der Dnnkel- 
beit siebt man ibre G^stalten sicb bewegen, wie kranke 
StSrcbe, wie groBe Vogel. Sie kommen dicbt an das Gitter 
beran nnd legen ibre Gosicbter dagegen, die Finger sind 
in die Mascben gekrallt. Oft steben viele nebeneinander. 
So atmen sie den Wind, der von der Heide nnd den 
Waldem herkommt. 

Selten sprecben sie, nnd dann nnr wenige Worte. Sie 


192 



sind menschliclaer iind, ich mdclite fast glaiihen, briider- 
licber zueinaiider als wir bier. Aber das ist vieleicbt nur 
desbalb, weil sie sicb angliicklicber fiiblen als wir. Dabei 
ist ffir sie docb der Krieg zu Ende, Doch atif die Rnbr zn 
warten, ist ja ancb kein Leben. 

Die Landstarioleute, die sie bewacben, erzableii, daB 
sie anfangs lebbafter waren. Sie batten, wie das immer 
ist, Verbaltnisse nntereinander, inid es soil oft mitFansten 
nnd Messem dabei zngegangen sein. Jetzt sind sie scbon 
ganz stnmpf nnd gleicbgiiltig, die meisten onanieren nicbt 
einmal mehr, so scbwacb sind sie, obscbon es doch damit 
sonst oft so schlinini ist, daB sie es sogar barackenweisetnn. 

Sie steben am Gitter; mancbmal schwankt einer fort, 
dann ist bald ein anderer an seiner Stelle in der Reibe. 
Die meisten sind still; nnr einzelne betteln nm das Mnnd- 
stiick einer ausgeraucbten Zigarette. 

Ich sebe ihxe dimklen Gestalten. Ibre Barte weben 
Winde. Icb weiB nicbts von ihnen, als daB sie Gefangene 
sind, und gerade das erscbnttert mich. Ibr Leben ist 
namenlos nnd obne Scbnld; — wiifite icb mebr von ibnen, 
wie sie beiBen, wie sie leben, was sie erwarten, was sie 
bedriickt, so batte meine Erscbuttemng ein Ziel nnd 
konnte zn Mitleid werden. Jetzt aber empfinde icb binter 
ibnen nnr den Scbmerz der Kreatnr, die fnrcbtbare 
Scbwernmt des Lebens nnd die Erbammngslosigkeit der 
Menscben. 

Ein Befebl bat diese stillen Gestalten zn nnsem Feinden 


13 Remanitie, Westen 


193 



gemaelit; ein BefeM konnte sie in toisere Frennde 
verwandeln. An irgendeinem Tisch. wird ein Scliriftstiick 
von einigen Lenten nnterzeiclmet, die keiner von nns 
kennt^ nnd Jalirelang ist nnser hockstes Ziel das, woranf 
sonst die Veracttnng der Welt nnd Hire tockste Strafe 
rnkt. Wer kann da nock nntersckeiden, wenn er diese 
stiUen Lente kier siekt mit den kindlicken Gesicktem nnd 
den Apostelkarten ! Jeder Unteroffizier ist dem Rekraten, 
jeder Oberlekrer dem Scknler ein scklimmerer Feind als 
sie nns. Und dennock wurden wir wieder atif sie sckieBen 
nnd sie anf nns, wenn sie firei waxen. 

Ick ersckrecke ; kier darf ick nickt weiterdenfcen. 
Dieser Weg gekt in den Abgmnd. Es ist nock nickt die 
Zeit dazn; aber ick will den Gedanken nickt verlieren, 
ick will ikn bewakren, ikn fortscklieBen, bis der Ekrieg zn 
Ende ist. Mein Herz klopft: ist kier das Ziel, das GroBe, 
das Einmalige, an das ick im Graben gedackt kabe, das 
ick snckte als Daseinsmoglickkeit nack dieser Kata- 
stropke aller Menschlickkeit, ist es eine Anfgabe fur das 
Leben nackker, wiirdig der Jakre des Granens? 

Ick nekme meine Zigaretten keraus, brecke jede in 
zwei Teile nnd gebe sie den Rnssen. Sie vemeigen sick 
nnd ziinden sie an. Nnn glimmen in einigen Gesicktem 
rote Pnnkte. Sie trosten mick; es siekt ans, als waren es 
Meine Fenstercken in dnnklen Dorfkansem, die verraten, 
daB dakinter Ziminer voll Zuflnckt sind. 


194 



Die Tage gehen hin. An einem nebeligen Morgen wird 
wieder ein Rnsse faegraben; es sterben ja jetzt fast t§glich 
welclie. Ich bin gerade anf Wacbe, als er beerdigt wird. 
Die C^efangenen singen einen Clioral, sie singen viel- 
stimmig, imd es klingt, als waren es kanm nocli Stimmen, 
als wire es eine Orgel, die fern in der Heide steht. 

Die Beerdignng geht schnell. 

Abends steben sie wieder am Gitter, and derWindkommt 
von den Birkenwaldem zn ihnen. Die Sterne sind kalt. 

Ich kenne jetzt einige von ihnen, die ziemlich gut 
Dentsch sprechen. Ein Musiker ist dabei, er erzahlt, dab 
er Geiger in Berlin gewesen sei. Als er hort, daB ich etwas 
Klavier spielen kann, holt er seine Geige nnd spielt. Die 
andem setzen sich nnd lehnen die Riicken an das Gitter. 
Er steht nnd spielt, oft hat er den verlorenen Ansdruck, 
den Geiger haben, wenn sie die Augen schlieBen, dann 
wieder bewegt er das Instrument im Rhythmus imd 
Mchelt mich an. 

Er spielt wohl Volkslieder; denn die anderen summen 
mit. Sie sind dnnkle Hhgel, die tief nnterirdisch summen. 
Die Geigenstimme steht wie ein schlankes Madchen dar* 
uber nnd ist hell nnd allein. Die Stimmen hdren anf, imd 
die Geige bleibt — sie ist diinn in der Nacht, als fidere 
sie, man muB dicht daneben stehen, es ware in einem 
Raiun wohl besser; — bier dranBen wird ma-n tranrig, 
wenn sie so allein nmherirrt* 


18 * 


195 



Icli hehomme keinen Urlaiib iiber Sonutag, weii icii |a 
exst grdBeren Urlaiit gekatt habe. Am letzten Sonntag 
vox dex Abfahrt sind desbalb mein Vatex nnd meine alteste 
Scbwester zn Besucb bei mix. Wix sitzen den ganzen Tag 
im Soldatenbeim. Wo solien mr andexs bin, in die Baxacke 
wollen wix nicht geben. Mittags macben wix einen Spaziex- 
gang in die Heide. 

Die Stnnden qiialen sicb bin; wix wissen nicbt, woxiibex 
wix xeden solien. So spxecben wix iibex die Kjrankbeit 
meinex Muttex. Es ist min bestimmt Kxebs, sie liegt scbon 
im Kxankenbaus nnd wird demnachst opexiext. Die Axzte 
boffen, daB sie gesnnd wixd, abex wix haben nocb nie 
geboxt, daB Kxebs gebeilt woxden ist. 

„Wo liegt sie deBn?^^ firage icb. 

,,Im Luisenbospital**^, sagt mein Vatex. 

,,In welcbex Klasse?“ 

,,Dxittex. Wix miissen abwaiten, was die Opexation 
kostet. Sie wollte selbst dxittex liegen. Sie sagte, dann 
batte sie etwas Untexbaltnng. Es ist aucb billigex.** 

,,Dann Kegt sie docb ndt so vielen znsammen. Wenn 
sie mix nacbts scblafen kann.‘‘ 

Mein Vatex nickt. Sein Gesicbt ist abgespannt imd 
voU Fuxcben, Meine Muttex ist viel kxank gewesen; sie 
ist zwax nux ins Kxankenhaus gegangen, wenn sie ge- 
zwungen wuxde, txotzdem bat es viel Geld fiix uns 
gekostet, nnd das Leben meines Vateis ist eigentlicb 
darubex bingegangen. 


196 



„'Weiiii man bloB wiifite, wieviel die Operation kostet*^^ 
sagt er. 

„Habt ikr niclit gefiragt?^* 

„Nicbt direkt, das kann man nicht ^ — wenn der Arsrt 
dann nnfreimdlich wird, das gebt docb nicht, weil er 
Mutter dock operieren soil/* 

J a, denke ich bitter, so sind wir, so sind sie, die armen 
Lente. Sie wagen nicbt nacb dem Preise zn fragen nnd 
sorgen sicb eher fiircbtbar dariiber; aber die andem, die 
es nicht notig haben, die finden es selbstverst^ndlich, vor- 
her den Preis festzulegen. Bei ihnen wird der Arzt anch 
nicht unfremidlich sein. 

,,Die Verbande hinterher sind anch so te^er*^ sagt 
mein Vater, 

„Zahlt denn die Krankenkasse nichts dazii?“ firage ich. 

„Mntter ist schon zn lange krank.‘‘ 

,,Habt ihr denn etwas Geld?‘‘ 

Er schhttelt den Kopf. „Nein. Aber ich kann jetzt 
ivieder Uherstnnden rnachen/* 

Ich weiB ; er wrd his zwolf Uhr nachts an seinem Tisch 
stehen nnd falzen imd kleben tmd scbneiden. Um acht 
Uhr abends wird er etwas essen von diesem kraftlosen 
Zeng, das sie anf Karten beziehen. Hinterher wird er ein 
Pnlver gegen seine Kopfschmerzen einnehmen nnd weiter- 
arheiten. 

Um ihn etwas anfznheitem, erzahle ich ihm einige Ge« 
schichten, die mir gerade einfaUen, Soldatenwitze nnd so 


197 



etwas, von Generalen und Feldwebeln, die irgendwann 
mal reingelegt warden. 

NacUier bringe ich beide znr Babnstation. Sie geben 
mix ein Glas Mannelade iind ein Paket Kaxtoffelpnffer, 
die meine Mutter noch fiix micb gebacken bat. 

Dann fahren sie ab, and icb gebe znriick. 

Abends streicbe icb mix von der Marmelade anf die 
Puffer und esse davon, Es will mir nicbt scbmecken. So 
gebe icb binaus, nm den Russen die Puffer zu geben. Dann 
fallt mir ein, daB meine Mutter sie selbst gebacken bat 
imd daB sie vielleicbt Scbmerzen gebabt bat, wabrend 
sie am beifien Herd stand. Icb lege das Paket zuriick in 
meinen Tomister und nebme uur zwei Stiick davon mit 
zu den Russen. 



IX 


W ir faHiren einige Tage. Die ersten Flieger erschemen 
am HimmeL Wir rollen an Transportziigen vox- 
iibex. Geschiitze, Geschiitze. Die Feldbaim nbemiinmt 
HUS, Icli sxiclie mein Regiment. Niemand wei6, wo es ge- 
rade Kegt. Irgendwo iiJbernaclite ich, irgendwo empfange 
icii morgens Proviant imd einige vage Instruktionen* So 
maclie icli micli mit meinem Tornister und meinem Ge- 
welir wieder anf den Weg. 

Als ich ankomme, ist keiner von uns mehr in dem zer- 
schossenen Ort. Ick bore, daB wir zn einer fliegenden 
Division geworden sind, die uberall eingesetzt wird, wo 
es LrenzeKg ist. Das stimmtmichnichtheiter. ManerzaHt 
mir von groBen Verlusten, die wir gehabt taken sollen. 
let forscte nact Kat und Albert, Es weiB niemand etwas 
von ihnen. 

let suche weiter tmd irre umber, das ist ein wunder- 
lictes Gefuhl. Nocb eine Nacbt und eine zweite kampiere 
icb wie ein Indianer. Dann hate ict bestimmte Nach- 
riebt und kann mich nachmittags auf der Sebreibstube 
melden. 

Der Feldwebel behalt micb da. Die Kompagnie kommt 
in zwei Tagen zuruck, es hat keinen Zweek mehr, micb 


199 



hmausznscMcken. ,Wie war’s im Urlaub?^* firagt er, 
„Sclioii, was?‘‘ 

„Teils, teils‘^, sage ich. 

,,Ja5 ja/* seafzt er, „weii2i man nictt wieder weg 
miiBte. Die zweite Halfte wird dadurcli immer schon ver- 
pfasclit/* 

Ick liingere nmlier, bis die Kompagnie morgens ein- 
riickt^ gran, schmntzig, verdrossen und trabe. Da spjfinge 
ick anf nnd drange micb zwiscben sie, meine Augen snclieii, 
dort ist Tjaden, da scknaiibt sick Miiller, nnd da sind 
ancb Kat nnd Kropp. Wir machen uns nnsere Strohsacke 
nebeneinander znrecht. Icb fnhle mich scbnldbewnBt, 
wenn icb. sie ansehe, und babe docb keinen Grand dazn. 
Bevor wir schlafen, hole icb den Rest der Kartoffelpnffer 
und der Marmelade beraus, damit sie aucb etwas 
baben* 

Die beiden auBeren Puffer sind angescbimmelt, man 
kann sie aber noch essen. Icb nebme sie fur micb und gebe 
die Mscheren Kat und Kropp. 

Kat kaut und fragt; „Die sind wobl von Muttem?®* 

Icb nicke. 

„Gut/^ sagt er, ,,das schmeckt man berans/* 

Fast k 5 nnte icb weinen. Icb kenne micb selbst nicbt 
mebr, Docb es wird scbon wieder besser werden, bier mit 
Kat und Albert und den iibrigen. Hier gebore icb bin. 

„Du bast Gliick gebabt,“ fliistert Kropp mir nocb beim 
Einscblafen zn, „es heiBt, wir kommen nacb RuJBland.^^ 


200 



Nacli RuBland. Da ist ja kein Krieg mekr. 

In der Ferae donnert die Front. Die Wande der 
Baracken kUrren. 

* 

Es wird maclitig geputzt. Ein AppeH jagt den andera. 
Von alien Seiten werden w revidiert. Was zerrissen ist, 
wird umgetauscht gegen gnte Sacken. Ich erwische dabei 
einen tadellosen neuen Rock, Kat natiirlicli sogar eine 
voile Montur. Das Geriicht tancht auf, es gabe Frieden, 
docli die andere Ansicht ist wahrscheinliclier : daB wir 
nacL. Rnfiland verladen werden. Afaer vrozu braucken wir 
in RuBland bessere Sacken? Endlich sickert es durck: 
der Kaiser kommt zur Besicktigung. Deshalb die vielen 
Musterungen. 

Ackt Tage lang konnte man glauben, in einer Rekruten- 
kaserne zu sitzen, so wdrd gearbeitet mid exerziert. Alles 
ist verdrossen tind nervos, denn ubermaBiges Putzen ist 
nichts fur uns und Parademarsch nock weniger. Gerade 
solcke Sacken verargem den Soldaten mekr als der 
Sckiitzengraben. 

Endlick ist der AugenbUck da. Wir steken stramm, 
und der Kaiser ersckeint. Wir sind neugierig, wie er aus- 
seken mag. Er schreitet die Front entlang, und ick bin 
eigentlich etwas enttauscht: nack den Bildern katte ick 
ikn rnir groBer und macktiger vorgestellt, vor alien Dingen 
mit einer donnemderen Stimme. 


201 



Et verteilt Eiseme Kreuze mid spricM diesen und jeneii 
an. Dann zielieii 'wir ab. 

Nacbber mterbalteii wir xms. Tjaden sagt stannend: 
„Das ist Him der AUeroberste, den es gibt. Davor miiB 
dann docb jeder stramm stehen^ Jeder iiberbanpt Er 
iiberlegt: „Davor mnfi docb aucb Hindenbtirg stramm 
steben, was?^*^ 

„Jawoll‘\ bestatigt Kat. 

Tjaden ist nocb nicbt fertig. Er denkt eine Zeitlang 
nacb mad firagt; „MuB ein Konig vor einem Kaiser aucb 
stramm steben?** 

Keiner wei6 das genan, aber wir glanben es nicbt. Die 
sind beide scbon so bocb, daB es da sicber kein ricbtiges 
Strammsteben mebr gibt. 

,»Was du dir fiir einen Qnatscb ausbriitest*% sagt Kat. 
„Die Hauptsache ist, daB dn selber stramm stebst.^"^ 

Aber Tjaden ist voUig fasziniert. Seine sonst sebr 
trockene Pbantasie arbeitet sicb Blasen. ,,Sieb mal/'^ 
verkundet er, „ich kann einfacb nicbt begreifen, daB ein 
Kaiser aucb genan so znr Latrine muB wie icb."^^ 

„Daxanf kannst dn Gift nebmen‘*, lacbt Kropp. 

„Verriickt nnd drei sind sieben/‘ ergSnzt Kat, „dn 
bast Lanse im Scbadel, Tjaden, geh du nnr selbst rascb 
los znr Latrine, damit dn einen klaren Kopp kriegst nnd 
nicbt wie ein Wickelkind redest.*^ 

Tjaden verscbwindet. 

„Eins mdcbte icb aber docb wissen,** sagt Albert, „ob 


202 



es Kiieg gegeben batte, wenn der Kaiser nein gesagt 
batted* 

„Das glaube icb sicber,^" werfe icb em, — „er soli ja 
sowieso erst gar nicbt gewollt baben/^ 

„Na5 wenn er alleia nicbt, dann vielleicbt docb, wenn 
so zwanzig, dreifiig Leute in der Welt nein gesagt batten/^ 
„Das wobl,“ gebe icb zu, „aber die baben ja gerade 
gewollt/^ 

„Es ist komiscb, wenn man sicb das iiberlegt,*^^ fabrt 
Kropp fort, „wir sind docb bier, nm unser Vaterland zn 
verteidigen. Aber die Franzosen sind docb ancb da, nm 
ibr Vaterland zn verteidigen. Wer bat nnn recbt?‘^ 
„Vielleicbt beide‘\ sage icb, ohne es zn glanben. 

,,Ja, nnn,^‘ meint Albert, iind icb sebe ibin an, daB er 
micb in die Enge treiben will, „aber xinsere Professoren 
iind PastSre imd Zeitungen sagen, mir wir batten recbt, 
und das wird ja hojBfentlicb ancb so sein; — aber die £ran- 
zosiscben Professoren und Pastore und Zeitungen be- 
baupten, nur sie batten recbt, wie stebt es denndamit?^* 
„Das weiB icb nicbt,‘‘ sage icb, „auf jeden Fall ist 
Krieg, und jeden Monat kommen mebr Lander dazu.^^ 
Tjaden erscbeint wieder. Er ist nocb immer angeregt 
und greift sofort wieder in das Gespracb era, indem er sicb 
erkundigt, wie eigentlich uberbaupt ein Krieg entstebe. 

„Meistens so, dafi ein Land ein anderes scbwer be- 
leidigt‘‘, gibt Albert mit einer gewissen t)berlegenbeit 
zur Antwort, 


203 



Docii Tjaden stellt sich dicfcfellig, „Em Land? Das 
verstelie ich. niclit. Ein Berg in Dentsclilaiid kann doct 
einen Berg in Frankreicli niclit beleidigen. Oder ein FlnB 
oder ein Wald oder ein Weizenfeld/* 

„Bist dn so damlicli oder tnst dii nnr so?*^ kmirrt 
Kropp, „so meine ick das dock nickt. Ein Volk ke- 
leidigt das andere — ‘‘ 

„Dann kabe ick hier nickts zu sucken/* erwidert Tja- 
den, „ick fiihle mick nickt beleidigt/^ 

„Dir soil man nun was erklaren,“ sagt Albert ^ger- 
lick, „auf dick Dorfdenbel kommt es dock dabei nickt an.*‘ 
„Dann kann ick ja erst reckt nack Hause geken‘*, be- 
harrt Tjaden, und alles lackt. 

„Ack, Mensck, es ist dock das Volk als Gesamtkeit, also 
der Staat — ruft Muller. 

„Staat, StaaV^ — Tjaden scknippt schlau mit den 
Fingem — „Feldgendarmen, PoHzei, Steuer, das ist euer 
Staat. Wenn du damit zu tun kast, danke sck6n.*‘ 

,,Das stimmt,** sagt Kat, „da kast du zum ersten Male 
etwas Eicktiges gesagt, Tjaden, Staat und Heimat, da ist 
wakrkaftig ein Unterschied.*^ 

„Aber sie gekoren dock zusamnien,‘‘ uberlegt Kropp, 
„eine Heimat ohne Staat gibt es nickt.“ 

„Eicktig, aber bedenk dock mal, daB wir fast alle ein- 
facke Leute sind. Und in Frankreick sind die meisten 
Menscken dock auck Arbeiter, Handworker oder Heine 
Beamte. Weskalb soU nun wokl ein franzdsiscker Schlosser 


204 



Oder Sckiilimaclier ims angreifen woUen? Nein, das sind 
niir die Regieningen. Ick habe nie einen Franzosen ge- 
seheii, bevor icb bierbertam, and den meisten Franzosen 
wird €S abnlicb mit tins geben. Die sind ebensowenig 
gefiragt wie wir/^ 

„Wesbalb ist dann aberhaapt Krieg?^'' fragt Tjaden. 

Kat zackt die Acbseln. „Es muB Leate geien, denen 
der Krieg niitzt.“ 

„Na, icb gebore rdcht dazu‘% grinst Tjaden. 

„Du nicbt, and keiner hier/^ 

^Wer denn nar?*^* bebarrte Tjaden. y,Dena Kaiser niitzt 
er dock aucb nicbt. Der bat dock alles, was er braacbt.‘‘ 

„Das sag nickt/^ entgegnet Kat, „einen Krieg hat 
er bis jetzt nock nicbt gebabt. Und jeder groJBere Kaiser 
braackt mindestens einen Krieg, sonst wird er nicbt be- 
rabmt. Sieb mal in deinen Scbalbuckem nacb.‘^ 

„Generale werden auck beriikmt darcb den E^eg‘\ 
sagt Detering. 

„Noch beriikmter als Kaiser^^ bestatigt Kat. 

,, Sicker stecken andere Leate, die aTn Krieg ver- 
dienen woUen, dakinter**, branamt Detering. 

,,Ick glaabe, es ist mehr eine Art Fieber“, sagt Albert. 
„Keiner will es eigentlick, and mit einem Male ist es da. 
Wir kaben den Krieg nickt gewoUt, die andern bekaupten 
dasselbe — and trotzdem ist die kalbe Welt feste dabei/^ 

„Draben wird aber mebr gelogen als bei ans/* erwidere 
ick, „deiikt mal an die Flagblatter der Gefangenen, in 


205 



denen stand, daB wir belgiscte Kinder fraBen. Die Kerle 
die so was sdoreiben, soUten sie aufttogen. Das sind die 
walixen Sclmldigen/* 

Miiller stelit anf. „Besser auf jeden Fall, der Krieg ist 
Mer als in Deutschland. Seht each mal die Trich.terfelder 
anr^ 

„Das stimmt/^ pflichtet selbst Tjaden bei, „aber noch 
besser ist gar kein Krieg/* 

Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjahxigen 
nnn mal gegeben. Und seine Meinung ist tatsachlich 
typisch hier, man begegnet ihr immer wieder nnd kann 
ancb nichts Rechtes darauf entgegnen, weil mit ihr gleich- 
zeitig das Verstandnis fiir andere Znsammenhtoge auf- 
h6rt. Das Nationalgefiihl des Muskoten hesteht darin, 
daB er hier ist. Aber danait ist es auch zu Ende, aUes 
andere benrteilt er praktisch nnd ans seiner Einstellung 
heraus. 

Albert legt sich argerlich ins Gras. „Besscr ist, iiber 
den ganzen Kram nicht zn reden.** 

,,Wird ja auch nicht anders dadnrch**, bestatigt Kat. 

Zum tIbexflnB miissen wir die nen empfangenen Sachen 
fast alle wieder abgeben nnd erhalten nnsere alten Brocken 
wieder. Die gnten waxen nur znr Parade da. 

Statt nach RnBland gehen wir wieder an die Front. 
Unterwegs kommen wir dnrch einen klaglichen Wald mit 


206 



zerrisseneii Stammen und zeipfliigtem Boden. An einigen 
Stellen sind foiclitbare Locher. „Doimerwetter, da bat 
es alber emgetanen^^ sage icb zu Kat. 

„Miiienwerfer‘\ antwortet er und zeigt dann nacb oben. 

In den Asten hangen Tote. Ein nackter Soldat bockt 
in einer Stamingabelting, er bat seinen Helm nocb auf 
dem Kopf, sonst ist er nnbekleidet. Nur eine Halfte sitzt 
von ibm doxt oben, ein Oberkorper, dem die Beine feMen. 

„Was ist da los gewesen?‘^ firage icb. 

„Den baben sie ans dem Anzug gesto6en^% knnrrt 
Tjaden. 

Kat sagt: ,,Es ist komisch, wir baben das nun scbon 
ein paarmal gesehen. Wenn so eine Mine einwicbst, wird 
man tatsacMicb ricbtig aus dem Anzug gestoBen. Das 
macbt der Luftdruck.^^ 

Icb sucbe weiter. Es ist wirklicb so. Dort bangen 
Uniformfetzen allein, anderswo klebt blntiger Brei, der 
einmal menschlicbe Glieder war. Ein Korper liegt da, der 
nur an cinem Bein nocb ein Stiick Unterbose und um 
den Hals den Kragen des Waffenrockes kat. Sonst ist er 
nackt, der Anzug bangt rm Baum berum. Beide Arme 
feblen, als waren sie berausgedrebt. Einen davon entdecke 
icb zwanzig Schritte waiter im Gebiisch. 

Der Tote liegt auf dem Gesicbt. Da, wo die Axmwunden 
sind, ist die Erde scbwarz von Blut. XJnter den FiiBen 
ist das Laub zerkratzt, als batte der M aun nocb ge- 
strampelt. 


207 



^Kein SpaB, sage ich. 

„E™i Granatsplitter im Bauch auch uicht^*, antwortet 
er achselzuckend* 

„Nur nicht weich werden'^^ meint Tjaden. 

Das Gauze kanu nicht lange her sein, das Blut ist noch 
frisch. Da alle Leute, die wir sehen, tot sind, lassen wir 
iins nicht aufhalten, sondem melden die Sache bei der 
nachsten Sanitatsstation. SchlieBlich ist es ja auch nicht 
unsere Angelegeiaheit, diesen Tragbahrenhengsten die 
Arbeit abzunehmen* 


Es soil eine Patrouille ausgeschickt werden, um fest- 
zustelleu, wie weit die feindliche Stellung noch besetzt 
ist. Ich habe wegen meines Urlaubs irgendein sonderbares 
Gefuhl den andern gegenuber und melde mich deshalb 
mit. Wir verabreden den Plan, schleichen durch den Draht 
und trennen uns dann, um einzeln vorzukriechen. Nach 
einer Weile finde ich einen flachen Trichter, in den ich 
mich hineingleiten lasse. Von bier luge ich aus. 

Das G^lande hat mittleres Maschinengewehxfeuer. Es 
wird von alien Seiten bestrichen, nicht sehr stark, aber 
immerhin geniigend, um die Knochen nicht allzu hoch zu 
nehmen. 

Ein Leuchtschirm entfaltet sich. Das Terrain liegt er- 
starrt im fahlen lichte da. Um so schwarzer schlagt hinter* 
her die Dunkelheit wieder daruber zusammen. Im Graben 


208 



liaben sie vorMn erzaHt, es waren Scliwarze vor ims. Das 
ist iiiiaiigeiieliiii, man tann sie scMeclit selieii, anfierdem 
sind sie als Patroaillen seiir gescMckt. Sonderbareirweise 
sind sie oft ebenso imvemiinftig; — sowoH Kat als ancli 
Kropp taben einmal auf Patronille eine schwarze Gegen- 
patronille erscbossen, weil die Leute in ibrer Gier nacb 
Zigaretten nnterwegs rancbten. Kat und Albert brancbten 
nnx die glimmenden Zigarettenkopfe als Ziel zu visieren. 

Neben mir ziscbt eine kleine Granate ein. Icb babe sie 
nicbt kommen gebort tmd exscbrecke heftig. Im gleicben 
Angenblick faBt micb eine sinnlose Angst* Icb bin bier 
allem nnd fast bilflos im Dnnkeln — vieUeicbt beobacbten 
micb langst ans einam Tricbter bervor zwei andere Augen, 
nnd eine Handgranate liegt wnrffertig bereit, micb zn 
zeireiBen. Icb versncbe micb anfznraffen* Es ist nicbt 
xneine erste Patronille nnd ancb keine besonders gefahr- 
bcbe* Aber es ist meine erste nacb dem Urlaub, nnd 
anBexdem ist das Gelande mir nocb ziemlicb firemd. 

Icb macbe mir klar, daB meine Anftegnng Unsinn ist, 
daB im Dunkel ^ahrscbeinlich gar nicbts lanert, weil 
sonst nicbt so flacb gescbossen wiirde* 

Es ist vergeblicb. In wirrem Duxcbeinander snmmen 
mir die Gedanken im Scbadel — icb bore die warnende 
Stimme meiner Mutter, icb sebe die Russen mit den 
webenden Barten am Gitter lebnen, icb babe die beUe, 
wnnderbare Vorstellnng einer Kantine mit Sesseln, eines 
K in os in Valenciennes, icb sebe qnalend, scbeuBlicb in 


14 Kemarque, Westen 


209 



memerEinbildniig eine graiie, gefiiMose Gewekrmiindi^ 
die lauemd lautlos mitgelit, wie icli aiicli den Kopf zn 
wenden versticlie : mir bricht der ScbweiB ans alien Poren. 

Immer noch liege icb in einer Mnlde. Ich sehe anf 
die Uhir; es sind erst -wenige Minuten vergangen. Meine 
Stim ist nafi, meine Angenbolilen sind fencbt, die Hande 
zittern, iind icb keuche leise, Es ist niclits anderes als ein 
furciitbajer Angstanfall, eine einfacb. gemeine Hnndeangst 
davor, den Kopf herausznstxecken nnd weiterzukriechen, 
Wie ein Brei zer<jidllt meine Anspannung zu dem 
Wimscb, liegenbleiben zu konnen, Meine Glieder kleben 
am Boden, ich macbe einen vergebKchen Versncb; — sie 
woUen sich nicbt losen. Icb presse mich an die Erde, icb 
kann nicbt vorwarts, ich fasse den EntscbluB, liegenzn- 
bleiben. 

Aber sofort iiberspiilt micb die Welle ement, eine Welle 
ans Scbam, Rene nnd dock aucb Geborgenbeit. Icb erbebe 
micb ein wenig, nm Ansscbau zn balten. Meine Angen 
brennen, so starre icb in das Dunkel. Eine Leucbtkngel 
gebt bocb; — icb ducke micb wieder. 

Icb kimpfe einen smnlosen, wirren Kampf, icb will ans 
der Mnlde berans imd rutscbe docb wieder binein, icb sage 
,,dn mxiBt, es sind deine Kameraden, es ist Ja nicbt 
irgendein dnmmer Befebl^^, — imd gleicb daranf: ,,Was 
gebt es micb an, icb babe nur ein Leben zu verlieren — 
Das macbt alias dieser Urlanb, entscbnldige icb micb 
erbittert. Aber icb glanbe es selbst nicbt, mir wird 


210 



eatsetzlicli flau, ieli erhebe mich langsam and stemme die 
Axme vor, ziebe den Riicken nach. and liege jetzt balb 
aaf dem Rande des Tricbters. 

Da vemebme ich Gerausche and zacke zariick. Man. 
bort txotz des Axtilleriel^ms verdacbtige Geraascbe ge- 
naa. Icb laascbe; — das Geraascb ist binter mir. Eg sind 
Leate von ans, die daxcb den Graben geben. Nan bSre icb 
aacb gedampfte Stimmen. Es konnte dem Tone nacb Kat 
sein, der da spricbt. 

Eine angemeine Warme darcbflatet micb mit einem- 
mal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Vorte, diese 
Scbritte im Graben binter mir reiBen micb mit einem Rack 
aas der fiircbterlicben Vereinsamang der Todesangst, der 
icb beinabe verfallen ware. Sie sind mebr als mein Leben, 
diese Stimmen, sie sind mebr als Matterlicbkeit and 
Angst, sie sind das St^kste and Scbiitzendste, was es 
aberbaapt gibt: es sind die Stimmen meiner Kame- 
raden. 

Icb bin nicbt mebr ein zittemdes Stiick Dasein aUein 
im Dankel — icb gebore za ihnen imd sie za mir, wir 
baben alle die gleicbe Angst and das gleicbe Leben, wir 
sind verbimden aaf eine einfache xmd scbwere Art. Icb 
mdcbte mein Gesicbt in sie bineindriicken, in diese 
Stimmen, diese paar Worte, die micb gerettet baben 
and die mir beisteben werden. 



Vorsiclitig gleite ict iiber den Rand iind scMangele 
micb. vorw^s. Anf alien vieren scHnrfe ich waiter; es 
gebt gut, icb peile die Ricbtung an, scbane micb nm xmd 
merke mir das Bild des Gescbiitzfeuers, nm zuriickznfin* 
den. Dann sncbe ichAnscbluB an die andem znbekoninien. 

Immer nocb babe icb Angst, aber es ist eine vemiinftige 
Angst, eine auBerordentlicb gesteigerte Vorsicbt. Die 
Nacbt ist windig, und Scbatten geben bin nnd ber beim 
Anfflackem des Miindxmgsfeuers. Man sieht dadurcb zn 
wenig nnd zn viel. Oft erstarre icb, aber es ist immer nichts. 
So komme icb ziemlicb weit vor nnd kebre dann im Bogen 
wieder nm. Den AnscblnB babe icb nicbt gefnnden. Jeder 
Meter naber zn nnserm Graben erfiillt micb mit Znver- 
sicbt — allerdings aucb mit groBerer Hast. Es ware nicbt 
scbon, jetzt nocb eins verpaBt zn kriegen. 

Da dnxcbfabrt micb ein nener Scbreck. Icb kann die 
Ricbtnng nicbt mebr genau wiedererkennen. Still bocke 
icb micb in einen Tricbter nnd versucbe micb zn orien- 
tieren. Es ist mebr als einmal vorgekommen, daB jemand 
vergniigt in einen Graben sprang imd dann erst entdeckte, 
dafi es der falscbe war. 

Nach einiger Zeit borcbe icb wieder. Immer nocb bin 
icb nicbt ricbtig. Das Tricbtergewirr erscbeint mir jetzt 
so nnnbersicbtUcb, daB icb vor Anfiregimg iiberbanpt 
nicbt mebr weiB, wobin icb micb wenden soli. Vielleicbt 
fcriecbe icb parallel zn den Graben, das kann ja endlos 
danem. Desbalb scblage icb wieder einen Haken. 


212 



Diese verflucliteii Leiichtscliirin© ! Sie scheinen eine 
Stunde zn breimen, man kann keine Bewegnng macten, 
olme daB es gleich. um einen hemm pfeift. 

Dock es Mlft mchts, ich muB herans. Stockend arbeite 
icb imcb weiter, icb krebse iiber den Boden weg nnd reiBe 
mir die Hande mmd an den zackigen SpKttem, die scbarf 
wie Rasiennesser sind. Mancbmal babe icb den Eindmck, 
als wenn der Himmel etwas beller "mirde am Horizont, 
docb das kaim ancb Einbildnng sein. AllmabKcb aber 
merke icb, daB icb xim mein Leben kxiecbe. 

Eine Gxanate knallt ein. Gleicb daranf zwei andere. 
Und scbon gebt es los. Ein Feneruberfall, Maschinen- 
gewebre knattern* Jetzt gibt es vorlanfig nicbts anderes, 
als liegenzubleiben. Es scbeint ein Angriff zn wexden. 
IJberall steigen Lencbtraketen. Unmiterbrocben. 

Icb liege gekriimmt in einem groBen Trichter, die Beine 
im Wasser bis znm Bancb. Wenn der Angriff einsetzt, 
werde icb mich ins Wasser fallen lassen, so weit es gebt, 
obne zn ersticken, das Gesicbt im Dreck. Icb mnB den 
toten Mann markieren. 

Plotzlicb bore icb, wie das Fener znriickspringt. Sofoxt 
rntscbe icb nacb tmten ins Grtmdwasser, den Helm ganz 
im Genick, den Mnnd nnr so weit bocb, daB icb knapp 
Lnft babe. 

Dann werde icb bewegimgslos ; — denn irgendwo klirxt 
etwas, es tappt imd trappst naber, — in mir ziehen sicb 
alle Nerven eisig znsammen. Es kbrrt iiber micb bin w eg, 


213 



der erste Tmpp ist vorbei. Icb babe ntir den emeu zer- 
sprengenden Gedanken gebabt: Was tnst dii, wenn je» 
mand in deinen Tricbter springt? — Jetzt zerre icb rascb 
den kleinen Dolcb heraus, fasse ibn fest imd verberge ibn 
mit der Hand meder nn Scblamm. Icb werde sofort los- 
stecben, wenn jemand hereinspringt, bammert es in mei- 
ner Stim, sofort die Keble diircbstoBen, damit er nicbt 
schreien kann, es gebt nicbt anders, er -wird ebenso er- 
scbrocken sein wie icb, nnd scbon vor Angst werden wir 
iiberemander berfallen, da miiB icb der erste sein. 

Niin scbieBen unsere Batterien. In meiner Nabe scblagt 
es ein. Das macbt micb irrsinnig wld, es fehlt mir noch, 
dafi micb die eigenen G^scbosse treffen; icb flncbe nnd 
knixscbe in den Drecfc hinein; es ist ein wiitender Ans- 
bmcb, zuletzt kann icb nur nocb stobnen nnd bitten. 

Das Gekrach der Granaten trifft mein Obr. Wemi 
unsere Lente einen GegenstoB macben, bin icb befreit. Icb 
presse den Kopf an die Erde nnd bore das dnmpfe Don- 
nern wie feme Bergwerksexplosionen — nnd bebe dm 
wieder, nm auf die Gerauscbe oben zn lanscben. 

Die Mascbinengewebre knarren. Icb weifi, daB nnsere 
Drabtverbane fest nnd fast unbescb^digt sind; — ein 
Teil davon ist nait Starkstrom geladen. Das Gewebr- 
fener scbwiUt an. Sie kommen nicbt dnrch^ sie mnssen 
znriick. 

Icb sinke wieder znsammen, gespannt bis zum AnBer- 
sten. Das Klappem nnd Scbleicben, das Klirren wird 


214 



torbar. Ein einzeiner Scbrei gellend dazwiscben. Sie 
werden faesebossen, der Angriff ist abgescblagen. 


* 

Es ist nocb etwas heller geworden. An mir voriiber 
hasten Schritte. Die ersten. Vorbei. Wieder andere. Das 
Knarren der Maschinengewehre wird eine ummterbrochene 
Kette. Gerade will ich mich etwas nmdreheii, da poltert 
es, imd schwer und klatschend fallt ein Korper zu mir in 
den Trichter, rutscht ab, liegt anf mir — 

Ich denke nichts, ich fasse keinen EntschliiB — ich 
stoBe rasend zu und fiihle mir, wie der Korper zuckt und 
daim weich wird und zusammensackt. Meine Hand ist 
klebrig und naB, als ich zu mir komme, 

Der andere rochelt. Es scheint mir, als ob er bruUt, 
jeder Atemzug ist wie ein Schrei, ein Donnem — aber es 
sind nur meine Adern, die so klopfen. Ich mochte ihm 
den Mund zuhalten, Erde hineinstopfen, noch einmal zu- 
stechen, er soil still sein, er verrat mich; doch ich bin schon 
so weit zu mir gekommen und auch so schwach plotzlich, 
daB ich nicht mehr die Hand gegen ihn heben kann. 

So krieche ich in die entfemteste Ecke und bleibe dort, 
die Augen starr auf ihn gerichtet, das Messer umldammert, 
bereit, wenn er sich riihrt, wieder auf ihn loszugehen — 
Aber er wird nichts mehr tun, das bore ich schon an sei- 
nem Rocheln* 


215 



Undentlicli kann icli ilm sehen. Niir der eine Wimscli. 
ist in mir, wegznkommeii. Weim es nickt bald ist, wird es 
2T1 beE; scton jetzt ist es scliwer. Doch als ich versnclie, 
den Kopf boclmmelmeii, sebe ich bereits die Unindglicb- 
keit ein* Das Maschinengewebrfeuer ist derart gedeckt, 
daU icb dnrchl(>cbert werde, ebe icb einen Sprung tne. 

Ich probiere es nocb einmal mit meinem Heim, den icb 
etwas emporscbiebe nnd anbebe, um die H6he der Ge- 
scbosse festznstelleii. Einen Augenbbck spater wird er mir 
diircb eine Kngel aus der Hand geschlagen. Das Feuer 
streicbt also ganz niedrig iiber das Terrain. Icb bin nicbt 
weit genng von der feindlicben SteEnng entfernt, nm nicbt 
von den Scbarfschiitzen gleicb erwiscbt zn warden, wenn 
ich versnche, ansznreiBen. 

Das Licbt nimmt zn. Icb warte brennend anf einen An- 
griff von nns. Meine Hande sind weiB an den Knocheln, so 
presse icb sie znsammen, so flehe ich, das Feuer moge anf- 
boren und meine Kameraden mocbten kommen. 

Minute nm Minute versickert. Icb wage keinen Blick 
mebr zn der dnnklen Gestalt im Tricbter. Angestrengt 
sebe icb vorbei nnd warte, warte. Die Gescbosse ziscben, 
sie sind ein stahlemes Netz, es bort nicbt auf, es bort nicbt 
anf. 

Da erblicke ich meine blntige Hand nnd fiible jEbe 
tJbelkeit. Icb nehme Erde nnd reibe damit iiber die Hant, 
jetzt ist die Hand wenigstens scbmutzig, nnd man siebt 
das Bint nicbt mebr. 


216 



Das Feiier lafit nicht nacli. Von beiden Seiten ist es 
Jetzt gleicb stark, Man hat mich bei nns wabxscheinlich 
langst verlorengegeben. 

lit 

Es ist heller, graner, firiiher Tag. Das Rdcheln tout fort. 
Ich halte mir die Ohren zn, nehme aber die Finger bald 
wieder herans, weil ich sonst auch das andere nicht horen 
kann. 

Die Gestalt gegeniiber bewegt sich. Ich sckrecke zn- 
sammen tind sehe unwillkiirlich hin. Jetzt bleiben meine 
Angen wie festgeklebt hangen. Ein Mann mit einem 
kleinen Schnnrrbart liegt da, der Kopf ist zur Seite ge- 
faUen, ein Arm ist haib gebengt, der Kopf driickt kraftlos 
daranf . Die andere Hand liegt auf der Ernst, sie ist blutig. 

Er ist tot, sage ich mir, er mnE tot sein, er fiihlt nichts 
mehr; — ivas da rochelt, ist nnr noch der Korper. Doch 
der Kopf versucht sich zu heben, das StShnen ^vird einen 
Moment starker, dann sinkt die Stim wieder anf den Arm 
znriick. Der Mann ist nicht tot, er stirbt, aber er ist nicht 
tot. Ich schiebe mich heran, halte inne, sthtze mich anf 
die Hande, mtsche wieder etwas weitex, warte — weiter, 
einen grafilichen Weg von drei Metem, einen langen, 
fuxchtbaren Weg. Endlich bin ich neben ihm. 

Da schlagt er die Angen anf. Er mnB mich noch geh5rt 
haben tmd sieht mich mit einem Ansdmck fnrchtbaren 
Entsetzens an. Der Korper liegt still, aber in den Angen 


217 



ist eine so iingelieiire Fluclit, daB icli einen Moment glanbe, 
sie wlirden die Kraft haben, den Korper mit sich zu reiBen. 
Himderte von KUometern weit weg mit einem einzigen 
Ruck. Der Korper ist still, voUig rnhig, olme Lant jetzt, 
das Rocbeln ist verstnmmt, aber die Angen scbreien, 
brixUen, in ihnen ist alles Leben versammelt zu einer un- 
faBbaxen Anstrengung, zu entflieben, zn einem scbxeck- 
Hcben Grausen vor dem Tode, vor mir. 

Icb knicke in den Gelenken ein imd falle anf die Ell- 
bogen. „Nein, nein‘% fliistere icb. 

Die Angen folgen mir. Icb bin nnfMiig, eine Bewegnng 
zu macben, solange sie da sind. 

Da fallt seine Hand langsam von der Brust, nur ein ge- 
xinges Stuck, sie sinkt mn wenige Zentimeter, docb diese 
Bewegnng lost die Gewalt der Angen auf. Icb beuge micb 
vor, scbiittele den Kopf und Austere : „Neia, nein, nein^% 
icb bebe eine Hand, icb mxiB ibm zeigen, daB icb ibm bel- 
fen mil, und streicbe iiber seine Stim. 

Die Angen sind zuruckgezuckt, als die Hand kam, jetzt 
verlieren sie ibre Starre, die Wimpem sinken tiefer, die 
Spannung laBt nacb. Icb 6£&ie ibm den Kragen tmd 
scbiebe den Kopf beqnemer zurecbt. 

Der Mnnd stebt balb offen, er bemubt sicb, Worte zu 
formen. Die Lippen sind trocken. Meine FeldAasche ist 
nicbt da, icb babe sie nicbt mitgenommen. Aber es ist 
Wasser in dem Schlamm unten im Trichter. Icb klettere 
binab, ziebe mein Tascbentucb beraus, breite es aus, 

218 



driicke es Miiiiiiter und schopfe mit der iiotJen Hand das 
gelie Wasser, das Mndiirclicjiiillt. 

Er scUiickt es. Ich Hole nenes. Dann knopfe ich. seinen 
Rock aaf, nm ilm zii verbinden, wenn es gebt. Icb mnB 
es anf jeden Fall tan, damit die driibeii, wenn icb gefangen 
warden sollte, seben, da6 ich ihm helfen wollte, and mich 
nicbt erschieBen. Ex versacht sich za wehren, docb die 
Hand ist za schlaff dazu. Das Hemd ist verklebt and laBt 
sicb nicbt beiseite scbieben, es ist binten gekndpft. So 
bleibt nicbts iibrig, als es aafzaschneiden. 

Icb sacbe das Messer and finde es wieder. Aber als ich 
anfange, das Hemd za zerschneiden, offnen sicb die Aagen 
nocb einmal, und wieder ist das Scbreien darin und der 
wabnsinnige Aasdracfc, so daB icb sie zahalten, zadriicken 
maB and fliistem: ,Jcb will dir ja belfen, Kamerad, cama- 
rade, camarade, camarade — eindringHcb das Wort, da- 
mit er es verstebt. 

Drei Sticbe sind es. Meine Verbandspackchen bedecken 
sie, das Blat laaft daranter weg, icb driicke sie fester aaf, 
da stobnt er. 

Es ist alles, was ich tun kann. Wir mussen jetzt warten, 
waxten. 

« 

Diese Standen. — Das Rdcbeln setzt wieder ein — ivie 
langsam stirbt docb ein Menscb I Denn das weiB ich : er ist 
nicbt za retten. Icb babe zwar versacht, es ndr aaszareden. 


219 



aber mittags ist dieser Vorwand vor seinem Stobnen zer- 
scbmolzen, zerschossen. Wenn ich nur meinen Revolver 
nicbt beim. Kriecben verloren hMte, icb wiirde ihn er- 
scMefien. Erstecben kann ich ilm nicht. 

Mittags dammere ich an der Grenze des Denkens dahin. 
Hunger zerwiihlt mich, ich mnU fast weinen dariiber, 
essen zu wollen, aber ich kann nicht dagegen ankampfen. 
Mehrere Male hole ich dem Sterbenden Wasser nnd trinke 
atich selbst davon. 

Es ist der erste Mensch, den ich mit meinen Handen ge- 
totet babe, den ich genau sehen kaim, dessen Sterben 
mein Werk ist. Kat nnd Kropp nnd Muller haben auch 
schon gesehen, wenn sie jemand getroflfen haben, vielen 
geht es so, im Nahkampf ja oft — 

Aber jeder Atemzug legt mein Herz bloB. Dieser Ster- 
bende hat die Stunden fur sich, er hat ein unsichtbares 
Messer, mit dem er mich ersticht: die Zeit nnd meine Ge- 
danken, 

Ich wiirde viel darmn geben, wenn er am Leben bliebe. 
Esistschwer,dazuliegenimdihnsehenundhorenzumu8sen. 

Nachmittags um drei ist er tot. 

Ich atme atif. Doch nur fur kurze Zeit. Das Schweigen 
erscheint mir bald noch schwerer zu ertragen als das 
Stohnen. Ich woUte, das Rocheln ware wieder da, stoB- 
weise, heiser, einmal pfeifend leise und dann wieder heiser 
nnd laut. 

Es ist sinnlos, was ich tue. Aber ich muB Beschaf- 


220 



tigung liabeii. So lege ich. den Totexi noch. einmal ziireclit, 
damit er beqnemer liegt, obschon er nicbts inehr fiililt, Ich 
scHieBe ihio. die Augen. Sie sind braxm, das Haar ist 
scbwaxz, an den Seiten etwas lockig. 

Der Mnnd ist voll und weicb nnter dem Scbnmrbait; 
die Nase ist ein wenig gebogen, die Haut brannlicli, sie 
sieKt jetzt nicKt mebr so fabl aus yne vorhin, als er noch 
lebte. Einen Augenblick scbeint das Gesicht sogar beinahe 
gesund zu seiii; dann verfallt es rascb zu einem der 
fremden Totenantlitze, die icb oft geseben babe mad die 
sick alle gleicben. 

Seine Frau denkt sicker jetzt an ihn; sie wei6 nickt, 
was gesckeken ist. Er siekt aus, als wenn er ikr oft ge- 
sckrieben katte; — sie wird auch nock Post von ikm be- 
kommen — morgen, in einer Wocke — , vielleickt einen 
verirrten Brief nock in einem Monat. Sie wird ikn lesen, 
und er wird darin zu ikr sprecken. 

Mein Zustand wird i mm er schlimmer, ick kann meine 
Gedanken nickt mehr kalten. W^ie mag die Frau aussehen? 
Wie die Dunfcle, Sckmale jenseits des Kanals? Gekort sie 
mix nickt? Vielleickt gekort sie mix jetzt kierdurck! SaBe 
Kantorek dock kier neben mix! Wenn meine Mutter mick 
so sake — . Der Tote kMte sicker nock dreiBig Jakre leben 
kQnnen, wenn ick mix den Riickweg sckarfer eingepragt 
katte. Wenn er zwei Meter weiter nack gelaufen 

w§xe, lage ex jetzt druben im Graben und schriebe einen. 
neuen Brief an seine Frau. 


22l 



Docli so komme icii nicht weiter; denn das ist das 
ScMcksal von ims alien; katte Kemmericli sein Bein zekn 
Zentimeter weiter reclits gekalten, hatte Haie sick fiinf 
Zentimeter weiter vorgebeugt — 

Das Sckweigen deknt sick. Ick sprecke und muB spre- 
cken* So rede ick ikn an und sage es ikm. „Kamerad, ick 
woUte dick nickt toten. Sprangst du nock einmal kier 
kinein, ick tate es nickt, wenn auck du verniinftig warest. 
Aker du warst mir vorker nur ein Gedanke, eine Kombi- 
nation, die in meinem Gehirn lebte und einen EntsckluB 
kervorrief; — diese Kombination babe ick erstocken. 
Jetzt seke ick erst, daB du ein Mensck bist wie ick. Ick 
habe gedackt an deine Handgranaten, an dein Bajonett 
und deine Waffen; — jetzt seke ick deine Frau und dein 
Gesickt und das Gemeinsame. Vergib mir, Kamerad ! Wir 
seken es immer zu spat. Warum sagtmanuns nickt immer 
wieder, daB ikr ebenso arme Hunde seid wie wir, daB cure 
Mutter sick ebenso togstigen wie unsere und daB wir die 
gleiche Furckt vor dem Tode kaben und das gleicke Ster- 
ben imd den gleicken Sckmerz — . Vergib mir, Kamerad, 
wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen 
und diese Uniform fortwerfen, konntest du ebenso mein 
Bruder sein wie Kat und Albert. Nimm zwanzig Jakre 
von mir, Kamerad, tmd steke auf, — nimm mekr, denn 
ick weiB nickt, was ick damit nock beginnen soll.*^ 


222 



Es ist still, die Front ist rntig bis auf das Gewehr- 
geknatter. Die Kugeln liegen dicbt, es wird nicht planlos 
gescbossen, sondem auf alien Seiten scbarf gezielt. Icb 
kann nicbt hinaus. 

„Icb will deiner Frau scbreiben,'^^ sage icb bastig zu 
dem Toten, „icb will ihr sckreiben, sie soil es durcb micb 
erfahren, icb will ihr alles sagen, was icb dir sage, sie soli 
nicbt leiden, icb will ibr belfen und deinen Eltern aucb 
und deinem Kinde — 

Seine Uniform stebt nocb balb ojBFen. Die Brieftascbe 
ist leicht zu finden. Aber icb zdgere, sie zu offnen. In ihr 
ist das Bucb nut seinem Namen. Solange icb seinen Namen 
nicbt weiB, kann icb ibn vielleicbt nocb vergessen, die Zeit 
wird es tilgen, dieses Bild. Sein Name aber ist ein Nagel, 
der in mir eingescblagen wird und nie mebr berauszti- 
bringen ist. Er bat die Kraft, alles imzner wieder zuriick- 
zurufen, es wird stets wiederkommen und vor micb bin- 
treten konnen. 

Obne EntscbluB balte icb die Brieftascbe in der Hand. 
Sie entfaUt mir und offnet sich. Einige Bilder und Briefe 
fallen beraus. Icb sammle sie auf und will sie wieder 
bineinpacken, aber der Druck, unter dem icb stebe, die 
ganze ungewisse Lage, der Hunger, die Gefabr, diese 
Stunden mit dem Toten baben micb verzweifelt gemacbt, 
icb will die Auflosimg beschleunigen und die Qualerei ver- 
starken und enden, wie man eine unertragHcb schmerzende 
Hand gegen einen Baum scbmettert, ganzgleicb, was wird. 


223 



Es sind Bilder einer Frau uud eines tleiuen Madcliens, 
schmale Amateurphotograpliieu vor einer Efeuwand. Ne- 
ben ilmen stecken Briefe, Icb nekrae sie lieraus und 
versucbe sie zu lesen. Das meiste versteke ick nickt, 
es ist scklecht zu entziffern, und ick kann nur wenig 
Franzosisck. Aber jedes Wort, das ick ubersetze, dringt 
mir wie ein SckuB in die Brust — wie ein Stick in die 
Brust — 

Mein Kopf ist v6llig iiberreizt. Aker so viel begreife ick 
nock, dab ick diesen Leuten nie sckreiben darf, wie ick es 
dackte vorkin. Unmoglick. Ick seke die Bilder nock ein- 
mal an; es sind keine reicken Leute. Ick konnte iknen okne 
Namen Geld sckicken, wenn ick spater etwas verdiene. 
Daran klammere ick mick, das ist ein kleiner Halt wenig- 
stens. Dieser Tote ist mit meinem Leben verbunden, des- 
kalb muB ick alles tunund versprecken, ummickzuretten; 
ick geloke blindlings, daB ick nur fur ikn dasein will und 
seine Fanailie, — mit nassenLippen rede ick auf ikn ein, 
und ganz tief in mir sitzt dabei die Hoffnung, daB ick 
mick dadurck freikaufe und vielleickt kier dock nock 
kerauskomme, eine kleine Hinterlist, daB man nackker 
immer nock erst einmal seken k6nne. Und deskalb schlage 
ick das Buck auf und lese langsam: Gerard Duval, Typo- 
grapk. 

Ick sckreibe die Adresse mit dem Bleistift des Toten 
auf einen Briefumscklag xmd sckiebe dann pl5tzlick rasck 
alles in seinen Rock zuriick. 


224 



Ich habe den Bnchdrucker Gerard Duval getotet. Ich 
mufi Buctdrucker iverden, denke ich. ganz verwirrt, Buch- 
dmcker werden, Bnchdrucker — 

Nachmittags bin ich ruhiger* Meine Furcht war unbe- 
griindet. Der Name verwirrt mich nicht mehr. Der Anfall 
vergeht. „Kamerad‘% sage ich zu dem Toten hiniiber, aber 
ich sage es gefaBt. ,,Heute du, morgen ich. Aber wenn ich 
davonkomme, Kamerad, will ich kampfen gegen dieses, 
das uns beide zerschlug: dir das Leben — und mir — ? 
Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf 
nie wieder geschehen.*^ 

Die Sonne steht schrag. Ich bin dumpf vor ErschSpfung 
und Hunger. Das Gestern ist mir \vie ein Nebel, ich hoffe 
nicht, hier noch hinauszugelangen. So dose ich dahin und 
begreife nicht einmal, daB es Abend wird. Die Dammerung 
ko Tum t. Es scheint mir rasch jetzt. Noch einc Stunde. 
Ware es Sommer, noch drei Stunden. Noch eine Stunde. 

Nun begione ich plStzlich zu zittem, daB etwas da- 
zwischenkSme. Ich denke nicht mehr an den Toten, er ist 
mir jetzt vollig gleichgultig. Mit einem Schlage springt die 
Lebensgier auf, und alles, was ich mir vorgenommen habe, 
versinkt davor. Nur um jetzt nicht noch Ungliick zu haben, 
plappere ich mechanisch: „Ich werde alles halten, alles hal« 
ten, was ich dir versprochen habe — aber ich weiB schon 
jetzt, daB ich es nicht txm werde. 


15 Kemaxque, Westen 


225 



Plotzlich fallt mix ein, daB meine eigeneii Kamexaden 
auf mich schiefien k^Bneii, wema ich ankrieclie; sie wissen 
es ja niclit. Ich werde xtifea, so friili es geht, damit sie 
mich vexstelien. So lange will ich vox dem Gxaben liegen- 
Heiben, bis sie mix antwcxten. 

Dei exste Stem. Die Fxont bleibt xuhig. Ich atme auf 
and spxeche vox Aafregang mit mix selbst: „Jetzt keine 
Damm h eit, Paal — Rahe, Rabe, Paul — , daan bist da 
gerettet, Paul/* Es wixkt, wena ich meinen Vomamen 
sage, das ist, als tate es ein andexex, and bat so mebx 
Gewalt. 

Die Duakelheit wachst. Meiae Aafregang legt sicb, ich 
waxte aas Voxsicbt, bis die exsten Raketen steigea. Dana 
kxiecbe icb aus dem Txichter. Den Toten babe ich vex- 
gessen. Vox mix begt die begionende Nacht and das bleich 
beleuchtete Feld. Icb fasse ein Loch ins Auge ; im Moment, 
wo das Licht exlischt, scbnelle ich hiniibex, taste weiter, 
erwische das nachste, ducke mich, hascbe weitex. 

Ich komme nabex. Da sebe icb bei einex Rakete, wie 
im Dxaht sich etwas eben nocb bewegt, ehe es exstaxxt, 
und Kege still, Beim nacbstenmal sebe icb es wiedex, es 
sind bestimmt Kameraden aus imsexm Gxaben. Abex ich 
bin voxsichtig, bis icb unsxe Hebne erkenne. Dann rufe ich. 

Gleich daxauf exschallt als Antwort mein Name : 
„Paul — Paul — 

Icb mfe wiedex. Es sind Kat und Albeit, die mit einex 
Zeltbahn losgegangen sind, um mich zu sucben. 


226 



„Bist dll verwiiiidet?^^ 

5 ,Neiii, nein — 

, Wir rutschen in den Graben. Ich verlange Essen imd 
scMinge es Mnnnter. Miiller gibt mix eine Zigarette. Ich 
sage mit wenigen Worten, was gescbehen ist. Es ist ja 
nichts Nenes; so was ist schon oft passiert. Ntor der Nacbt- 
angrijOF ist das Besondere bei der Sacbe. Aber Kat bat in 
Rnfiiand scbon einmal zwei Tage hinter der mssiscben 
Front gelegen, ebe er sicb dnrcbscblagen konnte. 

Von dem toten Bucbdrucker sage icb nicbts. 

Erst am nacbsten Morgen balte icb es nicbt mehr ans. 
Icb mnfi es Kat und Albert erzablen. Sie bembigen micb 
beide. „Dn kannst gar nicbts daran macben. Was woUtest 
du anders tun. Dazu bist du docb bierT* 

Icb b5re ibnen geborgen zu, getrostet durcb ibre N^be. 
Was babe icb nur fur einenXJnsinn zusammengefaselt da 
in dem Tricbter. 

„Sieb mal dabin‘‘, zeigt Kat. 

An den Bmstwehren steben einige Scbarfscbiitzen. Sie 
baben Gewebre mit Zielfemrobren aufliegen imd l.auem 
den Abscbnitt druben ab. Hin und wieder knallt ein ScbuB. 

Jetzt bSren wir Ausrufe. ,,Das bat gesessen!^^ — „Hast 
du geseben, wie er bocbspxang?^* Sergeant OeUricb wendet 
sicb stolz um imd notiert seinen Punkt. Er fuhrt in der 
SchuBliste von beute mit drei einwandfirei festgestellten 
Treffem. 

,,Was sagst du dazu?‘‘ fragt Kat. 


15 * 


227 



Ich nicke. 

^^Wenii ex so 'weitexmaclit^ hat er heate abend ein bnn- 
tes TSgelchen mehr im Knopfloch*^ meint Kropp. 

„Oder er wird bald VizefeldwebeF^ erganzt Kat. 

Wix sehen tms an. „Ich wiirde es nicht machen^% sage 
ich. 

„Immerhm/* sagt Kat, ,,e8 ist ganz gut, dafi du es 
jetzt gerade siehst.*® 

Sergeant Oellrich tritt wieder an die Brustwehr. Die 
Mimdung seines Gewehrs gebt bin imd her. 

„Da brauchst du iiber deine Sache kein Wort mehr za 
verlieren^\ nickt Albert. 

Ich begreife mich jetzt auch selbst nicht mehr. 

„Es war nur, weil ich so lange mit ihm zusammen liegen 
mu6te‘\ sage ich. Krieg ist Krieg schlieBlich. 

Oellrichs Gewehr knallt kurz und trocken. 



X 


W ir haben emen guten Posten erwischt. Mit acht 
Mann miissen wir ein Dorf bewachen, das geranmt 
warden ist, weil es zu start bescHossen wird. 

HaxiptsacHich soUen wir anf das Proviantamt achten, 
das noch nicbt leer ist. Verpflegimg miissen wir nns axis 
den Bestanden selbst besorgen. Dafiir sind wir die rict- 
tigen Lente, — Kat, Albert, Miiller, Tjaden, Leer, Dete- 
ring, xmsere ganze Gruppe ist da. Allerdings, Haie ist tot. 
Aber das ist nocb ein machtiges Glxict, deim alle anderen 
Grxippen baben mehr Verluste als xmsere gehabt. 

Als Unterstand wSblen wir einen betonierten Keller, 
zu dem von axiBen eine Treppe hinunterfulirt. Der Ein- 
gang ist nocb dxircb eine besondere Betonmauer ge- 
schiitzt. 

Jetzt entfalten wir eine grofie Tatigkeit. Es ist wieder 
eine Gelegenbeit, nicbt nur die Beine, sondem aucb die 
Seele zu strecken. Und solche Gelegenbeiten nebmen wir 
wahx; denn xmsere Lage ist zu verzweifelt, xim lange 
sentimental sein zu konnen. Das ist nxir moglicb, solange 
es noch nicbt ganz schlimm ist. Uns jedocb bleibt nicbts 
anderes, als sachlicb zu sein. So sacblicb, dab mir mancb- 
mal grant, wenn einen AugenbHck ein Gedante aus der 


229 



fruheren Zeit, vor dem Kriege, sich in memen Kopf ver- 
ixrt. Er bleibt aiicli nicht lange. 

Wir miissen imsere Lage so leicht nehmen me moglick* 
Deslialb niitzen wir jede Gelegenieit ans daani, und un.- 
mittelbar, hart, ohne Ubergang steht neben dem Grauen. 
der BlSdsiim. Wir konnen gar nicht anders, wir stiirzen 
mas hmein. Auch jetzt geht es mit Fenereifer daran, eta 
IdyD zu schaffen, ein Idyll des Fressens and Schlafeas 
natoxlich. 

Die Bade wird zunSchst einmal mit Matratzen belegt, 
die wir aus den Hausem heranschleppen. Ein Soldaten- 
hintern sitzt gern auch mal weich* Nor in der Mitte des 
Baumes bleibt der Boden firei, Dann besorgen wir uns 
Decken and Federbetten, prachtvolle weiche Dinger. Von 
allem ist im Dorf ja geniigend vorhanden. Albert and ich 
finden ein zerlegbares Mahagonibett mit einem Himmel 
aus blauer Seide imd Spitzenuberwurf. Wir scbwitzen 
wie die Affen beun Transport, aber so was kann man sich 
doch nicht entgehen lassen, zomal es in ein paar Tagen 
doch sicher zerschossen wird* 

Kat und ich machen einen kleinen Patronillengang 
dorch die Hluser. Nach kurzer Zeit haben wir ein Dutzend 
Eier and zwei Pfund ziemlich firische Batter gefaBt. 
Pldtzlich kracht es in einem Salon, and ein eisemer Ofen 
saust dorch die Wand, an ons vorbei, einen Meter neben 
ans wieder dorch die Wand, Zwei Ldcher. Er kommt aos 
dem Haase gegeniiber, in das eine Granate gehaaen ist, 

230 



,,Sc]iwein gehabt^*^, grinst Kat, imd wir suclien weiter. 
Mit einem Male spitzen wr die Olireii iind maclieii lange 
Beine. Gleich darauf stehen wir wie verzaubert : la einem 
klemen Stall tummeln sicli zwei lebendige FerkeL Wix 
reiben uas die Augen uad sehen vorsicbtig meder Mn: 
sie sind tatsacblicb nocb immer da* Wir fassen sie an — 
kein Zweifel, es sind zwei wirklicbe junge Schweine. 

Das gibt eia herrlicbes Essen. Etwa fiiafzig Scbxitt 
von nnserm XJaterstand entfemt steht eia kleines Haus, 
das als Offiziersquartier gedient hat. In der Kiiche be- 
fiadet sich eia riesiger Herd mit zwei Feuerrostea, Pfan- 
nen, TSpfen imd Kessela. AUes ist da, sogar eine TJa- 
menge kleingehacktes Holz steckt in einem Schappen — 
das wabxe Schlaraffenhaus, 

Zwei Mann sind seit dem Morgen anf den Feldem and 
snchen Kartojffeln, Mohrruben und junge Erbsen. Wir 
sind namlich hppig und pfeifen anf die Koaserven des 
Proviantamts, wir woUen fiische Sachen habea. In der 
Speisekammer liegen schon zwei Kopfe Blumenkobl* 

Die Ferkel sind geschlachtet. Kat hat das crledigt. Zu 
dem Braten woUen wir Kartoffelpuffer machen. Aber wir 
finden keine Reiben fihr die Kartoffebi. Doch anch da ist 
bald abgeholfen* In Blechdeckel schlagen wir mit NSgeln 
eine Menge LScher, und schon sind es Reiben. Drei Mann 
adehen dicke Handscbube an, um die Finger beim Reiben 
zu schonen, zwei andere scbalen die Kartoffeln, und es 
geht rasch vorwarts* 


231 



Kat hetreut die Ferkel, die Molirrubeii, die Erbsen imd 
den Bliimenkolil. Zn dem Blumenkobl miscbt er sogar 
eiae weiBe SoBe znrecht. Ich backe PujQfer, immer vier 
zn gleicher Zeit. Nacb zebn Minuten babe icb es berans, 
die Pfanne so zu scbwenken, daB die auf der einen Seite 
fertigen Puffer hocbfliegen, sich in der Luft dreben und 
wieder aufgefaugen werden. Die Ferkel werden unzer- 
scbnitten gebraten. Alles stebt um sie berum wie wax einen 
Altar. 

Inzwiscben ist Besucb gekommen, zwei Funker, die 
fireigebig znm Essen eingeladen werden. Sie sitzen im 
Wobnzimmer, wo ein Klavier stebt. Einer spielt, der 
andere singt: „An der Weser."* Er singt es gefiiblvoll, aber 
ziembcb sacbsisch. Trotzdem ergreift es uns, wabrend wir 
so am Herd all die sebdnen Sacben vorbereiten. 

Allmablich merken wir, daB wir Kattun kriegen. Die 
FesselbaUons baben den Eaucb ans unserm Scbornstein 
spitz bekommen, und wir werden mit Feuer belegt. Es 
sind die verfiucbten kleinen Spritzbiester, die so ein 
Heines Locb macben und so weit und niedrig streuen. 
Immer naber pfeift es um uns berum, aber wir kSnnen 
doch das Essen nicbt im Stick lassen. Die Bande scbieBt 
sicb ein. Ein paar Splitter sausen oben durchs Kiicben- 
fenster. Wir sind bald mit dem Braten fertig. Docb das 
Pufferbacfcen wird jetzt scbwieriger. Die Einscblage 
kommen so dicbt, daB oft und ofter die Splitter gegen die 
Hauswand Hatscben und durcb die Fenster fegen, Jedes- 


232 



mal, weim ick ein Ding heranpfeifen hSre, gete ick mit 
der Pfanne und den Puffem in die Knie nnd ducke mich 
jhinter die Fenstermauer. Sofort danack kin ick wieder 
hock nnd backe weiter. 

Die Sachsen kdren anf zn spielen — ein SpKtter ist 
ins Klavier geflogen. Auck wir sind jetzt aUmahlick fertig 
nnd organisieren den Rhckzng- Nack dem nachsten Ein- 
scklag laufen zwei Mann mit den GemiisetSpfen los, die 
fiinfzig Meter bis znm Unterstand. Wix seken sie ver- 
sckwinden. 

Der nackste ScknJB. AUes dnckt sick, nnd dann traken 
zwei Mann mit je einer groBen Kanne erstklassigem 
Boknenkaffee ab und erreicken vor dem folgenden Ein- 
schlag den Unterstand. 

Jetzt scknappen sickKat nnd Kropp das Glanzstnck : 
die groBe Pfanne mit den kraim gekratenen Ferkeln. Ein 
Heulen, eine Kniebeuge, nnd sckon rasen sie iiber die 
fiinfzig Meter freies Feld. 

Ick backe meine letzten vier Puffer nock fertig; 
zweimal muB ick dabei auf den Boden — aber es 
sind schlieBlick vier Puffer mebr, und es ist mein 
Lieblingsessen. 

Dann ergreife ick die Platte mit dem koken Stapel und 
presse mick hinter die Haustur. Es zisckt, kracht, und ick 
galoppiere davon, mit beiden Handen die Platte an die 
Brust gedriickt. Fast bin ick angelangt, da pfeift es an- 
sckwellend, ick tlirme wic ein Hirsck, fege um die Beton- 


233 



wand. Spritzer klatschen gegen die Mauer, icli falle die 
Kellertreppe hinunter, meine EUenbogen sind zerscMagen, 
aber ich babe keiaen einzigen Puffer verloren und die 
Platte uicbt umgekippt. 

Um zwei Uhr begmnen wir mit dem Essen, Es dauert 
bis seeks. Bis halb sieben trinken wir Kaffee — Offiziers- 
kaffee ana dem Proviantamt — nnd raueben dazu Offi- 
zierszigarren und Zigaretten — ebenfalls ans dem Proviant- 
amt. Pxmkt balb sieben fangen wir mit dem Abendessen 
an. Um zebn Uhr werfen wir die Gerippe der Ferkel vor 
die Tixr. Dann gibt es Kognak und Rum, ebenfalls aus dem 
gesegneten Proviantamt, und wieder lange, dicke Zigarren 
mit Bauebbinden. Tjaden bebauptet, daJB nur eines fehle: 
Madchen aus einem Offizierspuff. 

SpStabends bSren wir Miauen. Eine kleine graue Katze 
fiitzt am Eingang. Wir locken sie beran tmd futtern sie. 
Daruber kommt aucb uns wieder der Appetit. Kauend 
legen wir uns schlafen. 

Docb die Nacbt ist b6se. Wir baben zu fett gegessen. 
Frisches Spanferkel wirkt angreifend auf die DSrme. Es 
ist ein ewiges Kommen und Geben im Unterstand. Zwei, 
drei Mann sitzen immer mit beruntergezogenen Hosen 
drauBen berum und flueben. Icb selbst bin neunmal unter- 
wegs. Gegen vier Uhr nachts erreicben wir einen Rekord: 
aEe elf Mann, Wache imd Besucb, sitzen drauBen^ 

Brennende Hauser steben wie Fackeln in der Nacbt. 
Granaten poltem beran xuid bauen ein. Munitions- 

234 



kolonnen rasen uber die StraBe. An ciner Seite ist das 
Proviantamt aufgerissen. Wie ein Schwaxm Bienen 
drangen sich dort trotz aller Splitter die Kolonnenfalirer 
Hind klauen Brot. Wir lassen sie ruliig gewalaren. Venn 'wir 
•was sagen wiirden, gabe es hochstens eine Tracbt Priigel 
fiir ims. Desbalb macben wir es anders. Wir erklaren, 
da6 wir die Wacbe sind, iind da wir Bescheid wissen, 
ko TTiTn en wir nut den Konserven an, die wir gegen 
Sachen tauscben, die uns felden. Was macht es schon — 
in knrzer Zeit ist ohnebin alles zerschossen. Fiir uns selbst 
bolen wir Schokolade aus dem Depot und essen sie 
tafelweise, Kat sagt, sie sei gut fur einen allzu eiUgen 
Bauch. — 

Fast vierzehn Tage vergehen so mit Essen, Trinken 
und Bummeln. Niemand stort uns. Das Dorf verschwindet 
langsam unter den Granaten, und wir fuhren ein gluck- 
Kches Leben. Solange nur noch ein Teil des Proviantamts 
steht, ist uns alles egal, und wir wiinschen blob, bier das 
Ende des Krieges zu erleben. 

Tjaden ist derartig fein geworden, daB er die Zigarren 
nur halb aufiraucbt. Er erklart bochnasig, er sei es so 
gewobnt. Auch Kat ist sebr aufgemuntert. Sein erster 
Ruf morgens ist: „Emil, bringen Sie Kaviar und Kaffee/‘ 
Es ist iiberhaupt erstatmlicli vornehm bei uns, jeder halt 
den andern fur seinen Burscben, siezt ibn und gibt ibrn 
Auftrage. „Kropp, es juckt znich unter dem FuB, fangen 
Sie docb mal die Laus weg^^, damit streckt ihm Leer sein 


235 



Bein liin wie eine Schauspielerin, und Albert scbleift ibn 
daran die Treppen hinauf. „Tjaderi!‘^* — ,,Was?‘‘ — 
„Steheii Sie bequem, Tjaden, iibrigens heiBt es nicbt : Was, 
sondem: Zu Befebl — also: Tjaden Tjaden begibt sich 
"wieder anf ein Gastspiel zu Gotz von Berlicbingen, der 
ihm nur so im Handgelenk sitzt, 

Nacb weiteren ackt Tagen erhalten wir Befebl, abzu- 
riicken. Die HerrKcbkeit ist aus, Zwei groBe Lastaiitos 
nebmen uns auf. Sie sind bocb bepackt mit Brettem. 
Aber nocb oben darauf bauen Albert und ich unser 
Himmelbett mit dem blauseidenen tJberwurf auf, mit 
Matratzen und zwei Spitzenoberbetten. Hinten drin am 
Kopfende liegt fiir jeden ein Sack mit besten Lebens- 
mitteln. Wir fiiblen mancbmal daruber bin, imd die barten 
Mettwiirste, die Leberwurstbiichsen, die Konserven, die 
Zigarrenkisten lassen unsere Herzen jubilieren. Jeder 
Mann bat so einen Sack voU bei sich. 

Kropp und ich haben aber auBerdem noch zwei rote 
Samtfauteuils gerettet. Sie steben im Bett, tmd wir rakeln 
uns darauf wie in einer Theaterloge. t)ber uns bauscht 
sich die Seide des Uberwurfs als Baldachin. Jeder hat 
eine lange Zigarre im Munde. So schauen wir hoch von 
oben in die Gegend. 

Zwiscben uns steht ein Papageienkafig, den wir fur 
die Katze gefunden haben. Sie wird mitgenommen und 
liegt drinnen vor ihrem Fleischnapf und schnurrt. 

Langsam roUen die Wagen uber die StraBe. Wir singen.. 


236 



Hinter uns spritzen die Granaten Font^en aus dem mm 
ganz verlassenen Dorf. 

* 

Einige Tage spater riicken wir aus, um eine Ortscliaft 
aufzuraumen. Unterwegs begeguen uns die fliehenden 
Bewolmer, die ausgewiesen sind. Sie schleppen ibre Hab« 
seligkeiten in Karren, in Kinderwagen und auf dem 
Riicken mit sich. Ikre Gestalten sind gebeugt, ikre Ge- 
sicbter veil Kummer, Verzweiflung, Hast und Ergeben- 
beit. Die Kinder hangen an den Handen der Mutter, 
mancbmal fiibrt aucb ein Slteres Madcben die Kleinen, 
die vorwartstaumeboi und immer weder zuriickseben. 
Einige tragen armselige Puppen mit sich. Alle schweigen, 
als sie an uns voriibergeben. 

Nocb sind wir in Marschkolonne, die Franzosen werden 
ja nicbt ein Dorf bescbieBcn, in dem Landsleute sind.Aber 
wenige Minuten spater beult die Luft, die Erde bebt, 
Scbreie ertonen — eine Granate bat den bintersten Zug 
zerscbmettert. Wir spritzen auseinauder und werfen uns 
bin, aber im selben Moment fable icb, wie Tnir die Span- 
nung entgleitet, die mich sonst immer bei Feuer un- 
bewuBt das Ricbtige tun laJBt, der Gedanke „Du bist 
verloren** zuckt auf mit einer wiirgenden, scbrecklicben 
Angst — und im nachsten Augenbbck fegt ein Schlag wie 
von einer Peitscbe iiber mein linkes Bein. Icb b5re Albert 
scbreien, er ist neben mir. 


287 



„Lo 8, anf, Albert brMe ich, denn wix Kegen nn- 
gescbiitzt aiif freiem Felde. 

Er taumelt hocli iind lauft. leli bleibe neben ibm. Wir 
miissen ^er eine Hecke ; sie ist boher als wir. Kropp faBt 
in die Zweige, ich packe sein Bein, er schreit auf, icb gebe 
ihm ScbwTing, er fliegt hinuber. Mit einem Satz bin icb 
hinter ibm ber und falle in einen Teicb, der binter der 
Hecke liegt. 

Wir baben das G^sicbt voU Wasserlinsen imd Schlamm, 
aber die Deckimg ist gut. Desbalb waten wir binein bis 
zum Halse, Venn es beult, geben \\dr mit dem Kopf unter 
Wasser. 

Nacbdem wir das ein dutzendmal gemacbt baben, wird 
es mir liber. Aucb Albert stdhnt : ,,LaB ims weg, icb fallc 
sonst nm imd ersaufe.“ 

„Wo bast du was gekriegt?** firage icb. 

,,Am Knie, glaube icb.‘‘ 

„Kannst du Iaufen?‘‘ 

,,Icb denke — 

„Daim los.‘‘ 

Wir gewinnen den Cbausseegraben und rennen ibn ge- 
biickt entlang. Das Feuer folgt uns. Die Strafie bat die 
Ricbtxmg auf das Munitionsdepot. Wenn das bocbgebt, 
findet nie jemand von uns einen Knopf wieder. Wir §n- 
dem desbalb unsem Plan und laufenimWinkel querfeldein. 

Albert wird langsamer. „Lauf zu, icb komme nacb‘% 
sagt er und wirft sich bin. 


238 



Ich. reiBe ilm am Arm anf tmd schiittele ilm. ,,Hocli, 
Albert, weim du diet erst Mnlegst, kaimst du nie mebr 
weiter. Los, ich stiitze dich/‘ 

Endlicb erreicben wir einen kleinesi Unterstand. Kropp 
sebmeiBt sich bin, imd icb verbinde ibn. Der SebuB sitzt 
kuxz iiber dem Knie. Dann sebe icb micb selbst an. Die 
Hose ist blntig, ebenso der Arm. Albert bindet mir seine 
Packeben um die Loeber. Er kann sein Bein sebon niebt 
mebr bewegen, nnd wir wundem uns beide, wie wir es 
iiberhanpt bis bierber gesebafft baben. Das bat mir die 
Angst gemaebt; wir wiirden fortgelanfen sein, selbst wenn 
ims die Fiifie weggesebossen waren — dann eben anf 
Stiimpfen. 

Ich kann nocb etwas krieeben nnd rufe einen voriiber- 
fabrenden I^eiterwagen beran, der uns mitminnit. Er ist 
roller Verwnndeter. Ein Sanitatsgefreiter ist dabei, der 
uns eine Tetanusspritze in die Brust jagt. 

Im Feldlazarett riebten wir es so ein, da6 wir neben- 
einander zu liegen kommen. Es gibt eine diiiine Suppen- 
briibe, die wir gierig und veracbtlicb ausloffeln, wed wir 
zwar bessere Zeiten gewobnt sind, aber docb Hunger baben. 

,,Nnn gebt’s in die Heimat, AIbert‘‘, sage icb. 

,,Hoffentlicb*% antwortet er. ,,Wenn ich bloB wiiflte, 
was ich babe.^‘ 

Die Sebmerzen werden starker. Wie Feuer brennen 
die Verbande. Wir trinken und trinken, einen Becber 
Wasser nacb dem andem. 


239 



,,Wieviel iiber dem Knie ist mein Sclin6?‘* fragt Kropp. 

,,Mindestens zehn Zentimeter, Albert^, antworte ich. 
In Wirklichkeit sind es vielleicht drei. 

,,Das babe icb mix vorgenommen/^ sagt ex nacb einex 
Welle, „weim sie mix einen Knochen abnebmen, macbe 
icb SchlnB. Icb will nicbt als Kxiippel duxcb die Welt 
lanfen/^ 

So begen wix mit nnsern Gedanken und waiten* 

Abends wexden wix znx Scblacbtbank gebolt. Icb ex- 
scbxecke nnd uberlege lasch, was icb tim soil; denn es 
ist bekannt, dafi die Axzte in den Feldlazaxetten leicbt 
ampuliexen. Bei dem gioBen Andxang ist das einfacbex 
als kompKziexte Flickeieien. Kemmexicb fallt mix ein. 
Auf keinen Fall werde icb micb cblorofoxmiexen lassen, 
selbst wenn icb ein paai Lenten den Scbadel einschlagen 
muB. 

Es gebt gut. Der Axzt stocbext in dex Wunde bexum, 
daB mix scbwaxa vox den Augen wixd. „SteUen Sie sick 
nicbt so an‘‘, scbimpft ex und sSbelt weitex. Die Instxu- 
mente blitzen in dem bellen Licbt wie bSsaxtige Tiere. Die 
Scbmexzen sind unextxagHcb. Zwei Kiankenwaxtex balten 
meine Axme fest, abex icb kxiege einen los und will ibn 
gexade dem Axzt in die Brille knallen, als ex es mexkt und 
wegspxingt. „CHorofoxmiext den KexlT* scbreit ex wiitend. 


240 



Da werde ich ralig, ^Entsdraldigen Herr Doktor, 
ich. werde stillhalteii, aber chloroformiereii Sie micb 

„Na ja“, kakelt er and nimmt seine Instrumente wieder 
vor. Er ist ein blonder Burscbe, bochstens dreiBig Jabre 
alt, mit Scbmissen nnd einer widerHcben goldenen Brille. 
Icb merke, daB er micb jetzt scbikaniert, er wiiblt nnr so 
in der Wunde und scbielt ab imd zu iiber seine Glaser 
zu mxr bin. Meine Hande qnetscben sicb nra die Griffe, 
eber verrecke icb, als daB er einen IVIncks von mix b<5rt, 

Er bat einen Spbtter berausgeangelt und wirft ibn Yniv 
zn. Scbeinbar ist er befriedigt von meinem Verbalten, 
denn er scbient micb jetzt sorgfaltig und sagt: „Morgen 
gebt’s ab nacb Hause/^ Dann werde icb eingegipst. Als 
icb wieder mitKropp zusammenbin, erzable icb ibrn , daB 
also wabrscbembcb morgen scbon ein Lazarettzug ein- 
treflfen wird. 

„Wir miissen mit dem Sanitatsfeldwebel sprecben, 
damit wir beieinander bleiben, Albert/^ 

Es gelingt mir, dem Feldwebel mit ein paar passenden 
Worten zwei meiner Zigarren mit Baucbbinden zu iiber- 
reicben. Er scbnuppert daran und fragt: „Hast du nocb 
mebr davon?‘‘ 

„Nocb eine gute HandvoU,"' sage icb, „und mein 
Kamerad*^, icb zeige auf Kropp, ,,ebenfalls. Die mocbten 
wir Ibnen gem morgen zusammen aus dem Fenster des 
Lazarettzuges iiberreicben/* 


16 Eemarque, Westen 


241 



Er kapiert natiirlicli, sclmuppert noch einmal und 
sagt: „Gei}iac]it.‘‘ 

Wir kSimen keine Minute nachts scHafen. In unserm 
Saal sterben sieben Leute. Einer singt eine Stunde lang 
in einem kolien Quetscktenor Ckorale, ebe er zu rdckeln 
beginnt. Ein anderer ist vorber aus dem Bett ans Fenster 
gekrocben. Er liegt davor, als batte er zum letztenmal 
hinaussehen woUen. 

* 

Unsere Babren steben auf dem Babnbof. Wir warten 
auf den Zug. Es regnet, und der Bahnhof bat kein Dacb. 
Die Decken sind diinn. Wir warten scbon zwei Stunden. 

Der Feldwebel betreut uns wie eine Mutter. Obscbon 
mix sebr scMecbt ist, verliere icb unsern Plan nicbt aus 
den Gedanken. So nebenbei lasse icb die Packcben seben 
und gebe eine Zigarre als VorscbuB ab. Dafiir deckt der 
Feldwebel uns eine Zeltbabn iiber. 

„Menscb, Albert, erinnere icb nodcb, „unser Himmel- 
bett und die Katze — 

„Und die KlxibsesseF^ fugt er hinzu. 

Ja, die Klubsessel aus rotem Pliiscb. Wir batten wie 
Flirsten abends darauf gesessen und uns vorgenommen, 
sie sp^ter stundenweise abzuvermieten. Pro Stunde eine 
Zigarette. Es ware ein sorgenloses Leben und ein GescbSft 
geworden. 

„Albert,“ fallt mir ein, „und unsere FreBsSlcke/^ 


242 



Wir werden scli-wermiitig. Die Sachen hatten wht 
braucBten koimeii. Wenn der Zug einen Tag spater fiikre^ 
hMte Kat ims sicber gefunden und ims den Krani ge- 
bracbt. 

Ein verflucbtes Schicksal. Wir baben Mehlsuppe im 
Magen, diinnes Lazarettfutter, tmd in tmseren Sacken 
ist Scbweinebraten als Konserve. Aber wir sind so 
scbwacb, da6 wir nns nicbt weiter dariiber aufregen konnen • 

Die Babxen sind MatscbnaB, als der Zng morgens ein- 
lanft. Der Feldwebel sorgt dafiir^ dafi wir in denselben 
Wagen kommen. Eine Menge E.ote-Kreuz-Scbwestem 
sind da. Kropp wird nacb nnten gepackt. Icb werde an- 
geboben tmd soli in das Bett iiber ibm. 

,,Um GotteswiUen‘% entfabrt es mir plotzKcb. 

„Was ist denn?^^ fragt die Scbwester. 

Icb werfe nocb einen Blick anf das Bett. Es ist mit 
scbneeweifiem Leinen bezogen, nnvorstellbar sauberem 
Leinen, das sogar nocb die Plattkniffe bat. Mein Hemd 
dagegen ist secbs Wocben lang nicbt gewascben worden 
tmd sehr dreckig. 

„K6nnen Sie nicbt allein bineinkriecben?“ fragt die 
Scbwester besorgt. 

„Das scbon/* sage icb schwitzend, „aber tnn Sie dock 
erst das Bettzeug weg.^‘ 

„Wanini denn?** 

Icb komme mir wie ein Scbwein vor. Da soil icb 3aiicb 
bineinlegen? — „Es wird ja — Icb zogere. 


16 * 


243 



„Eiba biBchen scbmutzig?^^ fragt sie ermiintemd. „Das 
scbadetmchts, dannwascbenwir es eben nacbberwieder/* 
<las nicht — sage icb aufgeregt. Diesem An- 
stmrin der Kaltnr bin icb nicbt gewachsen. 

„Dafdr, daJJ Sie drauUen im Graben gdegen baben, 
werden wir wobl nocb ein Bettlaken wascben konnen*^, 
fabrt sie fort. 

Icb sebe sie an, sie siebt kntisprig und jnng ans, blank 
gewascben nnd fein, me alles bier, man begreift nicbt, 
da6 es nicbt nnr fur Offiziere ist, und fiiblt sicb unbeimlich 
und sogar irgendwie bedrobt. 

Das Weib ist trotzdem ein Folterlmecbt, es zwingt 
micb, alles zu sagen. „Es ist nux — icb balte ein, sie 
mtiB docb versteben, was icb naeine. 

„Was denn nocb?^‘ 

„Wegen der Lause^^ briille icb scbbeBlicb beraus. 

Sie lacbt. „Die miissen aucb mal gute Tage haben/^ 

Nun kann es mir ja gleich sein. Icb krabbele ins Bett 
und decke micb zu. 

Eine Hand fingert iiber die Decke. Der FeldwebeL Er 
ziebt mit den Zigarren ab. 

Nacb einer Stunde merken wir, daU wir fabren. 

* 

Nacbts erwacbe icb. Aucb Kropp ruhrt sicb. Der Zug 
roUt leise iiber die Scbienen. Es ist alles nocb unbegreif- 
licb: ein Bett, ein Zug, nacb Hause. Icb fliistere : ^Albert T* 


244 



„ Ja 

^WeiBt dn, wo Mer die Latrine ist?^*^ 

„Icli glaiibe, driiben rechts die Tur/‘ 

„Idi werde mal sehen/^ Es ist dunkel, ick taste nach 
dem Bettrand iind will vorsichtig liiiiioitergleiten. ABer 
mein FnB findet keinen Halt, ich gerate ins Rntsclien, das 
Gipsbein ist keine Hilfe, und mit einem Kracli liege icB 
auf dem Boden, 

„VerflncIit“, sage ich. 

„Hast dn dich gestofien?'^^ firagt Kropp. 

,,Das konntest du doch wohl gehort haben/* knurre 
ieh, „mein Schadel — 

Hinten im Wagen offnet sich die Tiir. Die Schwester 
kommt mit Licht und sieht mich. 

,,Er ist aus dem Bett gefallen — 

Sie fiihlt mix den Puls und faBt meine Stim an. „Sie 
haben aber kein Fieber.‘* 

,,Nein — ‘S gebe ich zu. 

„Haben Sie denn getraumt?‘‘ fragt sie. 

„So imgefahr‘% weiche ich aus. Jetzt geht die Fragerei 
wieder los. Sie sieht mich mit ihren blanken Augen an, 
sauber und wunderbar ist sie, um so weniger kann ich 
ibr sagen, was ich will. 

Ich werde wieder nach oben gehoben. Das kann ja gut 
werden. Wenn sie fort ist, muB ich sofort wieder versuchen, 
hinunterzusteigen. Ware sie eine alte Frau, so ginge es 
eher, ihr Bescheid zu sagen, aber sie ist ja ganz jung. 


245 



liSclisteiis fojifimdzwaiazig Jalire, es ist nicht zii machen, 
ich. kaim es ihr niclit sagen. 

Da kommt Albert mir zu Hilfe, er ge3Ddert sicb nicbt^ 
er ist es ja aacb scbliefilicb niclit, den die Sacbe angeht. 
Er mft die Schwester an. Sie drekt sick nm. „Sckwester, 
er woUte — aber auck Albert weiB nickt mekr, wie er 
sick tadellos und anstandig ansdriicken soil. Unter nns 
draiiBen ist das mit einem einzigen Wort gesagt, aber Mer, 

einer solchen Dame gegeniiber Mit einem Male jedoch 

fallt ihm die Schnlzeit ein, und er voUendet flieUend: „Er 
mockte mal kinaus, Sckwester.*^ 

„Ack so,“ sagt die Sckwester, ,,dazu brauckt er dock 
nickt mit seinem Gipsverband aus dem Bett zu klettem. 
Was wollen Sie deim kaben?^* wendet sie sick an mick. 

Ick bin t5dlick ersckrocken uber diese neue Wendung; 
deim ick kabe keine Aknung, me man die Dinge fach- 
mannisch benennt. Die Sckwester kommt mir zu Hilfe. 
„Klem oder groB?^‘ 

Diese Blamage! Ick sckwitze wie ein Affe und sage 
verlegen: „Na, also nur klein — 

Immerhin, wenigstens nock etwas Gliick. 

Ick erkalte eine Flascke. Nack einigen Stunden bin ick 
nickt mekr der einzige, und morgens kaben wir uns ge- 
wShnt und verlangen ohneBesckamung,waswir brauchen* 
Doc Zug fihrt langsam. Manckmal h§lt er, und die 
Toten werden ausgeladen. Er kalt oft. 


246 



AE3ert liat Fieber. Mir gebt es leidlicb, icla babe Scbmer- 
ssen, aber scblimmer ist es, daB wahrscbeinlich imter dem 
Gipsverband nocb Laiise sitzen, Es jackt fiixcbterlicb, 
nnd icb kann micb nicbt kratzen. 

■Wir scblammem durch die Tage. Die Landscbaft gebt 
still durcb die Fenster. In der dritten Nacbt sind wir in 
HerbestbaL Icb bore von der Scbwester, daB Albert an der 
nacbsten Station ausgeladen warden soil, wegen seines 
Fiebers, „Wie wait fabrt der frage icb. 

„Bis Kdln.^^ 

^Albert, wir bleiben zasammen,"*" sage icb, „paB 
Beim nacbsten Rundgang der Scbwester balte icb die 
Lnft an nnd presse den Atem in den Kopf. Er scbwillt 
nnd wird rot. Sie bleibt steben. „Haben Sie Scbmerzen?^* 
stobne icb, „mit einem Male.'^^ 

Sie gibt snir ein Tbermometer nnd gebt waiter. Icb 
muBte nicbt bei Kat in der Lebre gewesen sein, nm nicbt 
Bescbeid zu wissen. Diese Soldatentbermometer sind 
nicbt fur erfabrenes MiHtar berecbnet. Es bandelt sicb nnr 
damm, das Quecksilber bocbzntreiben, dann bleibt es in 
der diinnen Robre steben nnd sinkt nicbt wieder, 

Icb stecke das Tbermometer unter den Arm, scbrag 
nacb nnten, nnd knipse mit dem Zeigefinger standig da- 
gegen. Daranf scbiittele icb es nacb oben. Damit erreicbe 
icb 37,9 Grad. Das geniigt aber nicbt. Ein Streicbbolz 
vorsicbtig nabe darangebalten ergibt 38,7 Grad. 

Als die Scbwester znruckkomint, pnste icb micb anf, 

247 



atme leicht stoBweise, glotze sie mit etwas stieren Augen 
an, fcewege micK nMiildg mid fliistere : „Icli kann es nicht 
mehr anskalten — 

Sie notiert micli anf einen ZetteL Ich wei8 genan, daB 
ohne Not mein Gipsverband nicht geSffnet wird. 

Albert nnd icb werden zusammen ausgeladen. 

* 

Wir liegen in einem katholiscben Hospital, im gleicben 
Zimmer. Das ist ein groBes Gliick, denn die katholiscben 
Krankenbanser sind bekannt fur gute Bebandlung nnd 
gutes Essen. Das Lazarett ist voU belegt worden ans 
nnsermZng, es sind viele scbwere Falle dabci. Vir kommen 
bente nocb nicbt znr Untersucbiing, da zu wenig Arzte 
da sind. Auf dem Korridor fabren nnablassig die flacben 
Wagen mit den Gummiradem vorbei, und immcr liegt 
jemand lang darauf. Eine verflucbte Lage — so lang- 
gestreckt — nur gut, wenn man scblaft. 

Die Nacht ist sebr unruhig. Keiner kann scblafen. 
Gegen Morgen duseln -wir etwas ein. Icb erwacbe, als es 
hell wird. Die Tiir steht offen, und vom Korridor b5re 
icb Stimmen. Aucb die andern wacben auf. Einer, der 
scbon ein paar Tage da ist, erklSrt uns die Sacbe: „Hier 
oben wild jeden Morgen auf dem Korridor gebetet von den 
Scbwestern. Sie nennen das Morgenandacbt, Damit ibr 
euern Teil abkriegt, macben sie die Tiiren auf.^^ 


248 



Das JBt sicter gut gemeint, aber ims tiin die Knocben 
imd die Schadel web. 

„So ein Unsiroi/* sage icb, ,,weim man gerade etwas 
eingescMafeni ist/‘ 

„Hier oben liegen die leicbteren F^e, da maclieii sie 
es so‘\ antwortet er. 

Albert stobnt. Icb werde wiitend und nife: „Riibe da 
draii6eii/‘ 

Nacb einer Minute erscheiut eine Scbwester. Sie siebt 
in ihxer weiB und scbwarzeu Tracbt aus wie ein biibscher 
Kaffeewarmer. „Macben Sie docb die Tiir zu, Scbwester'^^ 
sagt jemand. 

„E8 wird gebetet, desbalb ist die Tiir offen‘% er- 
widert sie. 

„Wir m5cbten aber noch scblafen — 

„B^ten ist besser als scblafen/^ Sie stebt da und 
l^cbelt unscbuldig. ,,E8 ist aucb scbon sieben Ubr/‘ 

Albert stobnt wieder. „Tur zu!‘‘ scbnauze ich, 

Sie ist ganz verdutzt, so etwas kann sie scbeinbar nicbt 
begreifen. „Es wird docb aucb fur Sie mitgebetet/‘ 

,,Einerlei! Tiir zu!‘* 

Sie verscbwindet und laBt die Tiir offen. Die Litanei 
ertdnt wieder. Icb bin wild und sage: „Icb zable jetzt bis 
drei. Wenn es bis dabin nicbt aufbort, fliegt was.^^ 

,,Von mir aucb‘^ erklilrt ein anderer. 

Icb zible bis fiinf. Dann nebme icb eine Flascbe, 
ziele und werfe sie durch die Tiir auf den Korridor. Sie 


249 



'zerspringt in tansend Splitter. Das Beten Iiort atif. Ein 
Schwarm Schwestem ersclieint und schimpft maBvoU. 
„Tiir zuT* sclareien ■wir, 

Sie verzielieii sich. Die Kleine von vorhin ist die letzte. 
^,Heiden‘\ zwitscEert sie, macht aber dock die Tiir zn. 
Wir baben gesiegt. 

♦ 


Mittags kommt der Lazarettinspektor and ranzt uns 
an. Er verspricbt uns Festimg and nocb mehr. Nun ist 
ein Lazarettinspektor, genan wie ein Proviantamts- 
inspektor, zwar jemand, der einen langen Degen und 
Achselstiicke tragt, aber eigentlicb ein Beamter, und er 
wird darum nicbt exnmal von einem Rekrnten fiir voE 
genommen. Wir lassen ibn desbalb reden. Was kann uns 
scbon passieren — 

„Wer bat die Flascbe geworfen?‘‘ fragt er. 

Bevor ich iiberlegen kann, ob icb mich melden soil, 
sagt jemand: „Icb!‘^ 

Ein Mann mit struppigem Bart ricbtet sicb auf. AUes 
ist gespannt, wesbalb er sicb meldet. 

„Sier^ 

,,Jawobl. Icb war erregt dariiber, dafi wir unn5tig 
geweckt warden, und verlor die Besinnung, so dafi ich 
nicbt wuBte, was ich tat/* Er redet wie ein Buch. 

„Wie beiBen Sie?** 

„Ersatz-Reservist Josef Hamacher.** 


250 



Der Iiaspektor geM ab. 

AUe sind neugierig. „Wesbalb bast du dicb denn MoB 
gemeldet? Dm warst es ja gar nicbtl^^ 

Er grins t* „Das macht nicbts. Icb babe einen Jagd- 
scbein/^ 

Da verst ebt natiirlicb jeder. Wer einen Jagdscbein bat, 
kann macben, was er will, 

„Ja/‘ erzahlt er, „icb babe einen KopfscbuB gebabt, 
mnd darauf ist mir ein Attest ausgestellt worden, daB icb 
zeitweise mnziirecbnmngsfabig bin. Seitdem bin icb fein 
berams. Man darf micb nicbt reizen. Mir passiert also 
nicbts. Der mnten wird sicb scbon ^gern. Und gemeldet 
babe icb micb, weil mir das Werfen Spafi gemacbt bat. 
Wenn sie morgen wieder die Tiir aufmacben, sebmeiBen 
wir wieder.^‘ 

Wir sind heilfrob. Mit Josef Hamacber in der Mitte 
konnen wir jetzt alles riskieren. 

Dann kommen die lautlosen, flachen Wagen, um ims 
zm holen. 

Die Verbande sind verklebt. Wir briillen wie Stiere. 


* 


Es liegen acbt Mann auf mnserer Stube. Die scbwerste 
Verletzmng hat Peter, ein scbwarzer Kramskopf — einen 
kompbzierten Lmngenscbmfi. Franz W§cbter neben ibm 
bat einen zerschossenen Arm, der anfangs nicbt schbrnin 


251 



aussieht. ABex in der dritten Nactt raft er mis an, wir 
sollten klingeln, er glaaJbe, er blute dnrch. 

let kl i x Lgele laraftig. Die Naclitscliwester kommt niett. 
Wir taben sie abends zieioKcb stark in Anspmeb ge- 
nomuaen, weil wir alle nene Verbande nnd desbalb 
Sebmerzen batten. Der eine woUte das Bein so gelegt 
baben, der andere so, der dritte verlangte Wasser, dem 
vierten soUte sie das Kopftissen anfscbiitteln; — die 
dicke Alte batte bose gebmmmt zuletzt und die Tiiren 
gescblagen. Jetzt vermntet sie wobl wieder so etwas, 
denn sie kommt niebt. 

Wir warten. Dann sagt Franz : „Klmgle nochmal/* 

Ich tn© es. Sie laBt sicb immer noch niebt seben. Auf 
nnserem Fliigel ist naebts nnr eine einzige Stations- 
sebwester, vielleicht bat sie gerade in andem Zimmem 
zu tnn. „Bist du sicber, Franz, daB du blutest?** frage 
icb. ,,Sonst kriegen wir wieder was auf den Kopf/‘ 

„Es ist naB, Kann keiner Licbt macben?^* 

Anch das gebt niebt. Der Schalter ist an der Tiir, tmd 
niemand kann anfsteben. Icb balte den Daiimen auf der 
Klingel, bis er gefiibllos wird. Vielleicht ist die Sebwester 
eingenickt. Sie baben ja sebr viel Arbeit und sind alle 
iiberanstrengt, schon tagsiiber. Dazu das stSndige Beten. 

^SoIIen wir Flascben scbmei6en?‘‘ fxagt Josef Ha- 
macber mit dem Jagdschein. 

„Das b5rt sie nocb weniger als das Klmgeln.^‘ 

Endbch gebt die Tiir auf. MuffeHg ersebeint die Alte* 


252 



Als sie die GescHchte bei Franz bemerkt, wbrd sie eilig 
nnd ruft; ,,Weslialb bat denn keiner Bescheid gesagt?^^ 

,,Wir baben ja geklingelt. Laufen kann bier keiner/* 

Er bat stark geblutet nnd wird verbunden. Morgens 
sehen wir sein Gesicbt, es ist spitzer nnd gelber geworden, 
dabei war es am Abend noch fast gesund im Ansseben. 
Jetzt kommt 6fter cine Scbwester. 

:|i 

Mancbmal sind es aucb Hilfsscbwestern vom Roten 
Krenz. Sie sind gntmutig, aber mitnnter etwas nnge- 
scbickt. Beim Umbetten tun sie einem oft web nnd sind 
dann so erscbrocken, daB sie einem nocb mebr web tun. 

Die Nonnen sind znverlassiger. Sie wissen, wie sie an- 
fassen miissen, aber wir mocbten gern, daB sie etwas 
Instiger waren. Einige allerdings baben Humor, sie sind 
groBartig. Wer wiirde Scbwester Libertine nicbt jeden 
Gefallen tun, dieser wunderbaren Scbwester, die im 
ganzen Fliigel Stimmung verbreitet, wenn sie nur von 
weitem zn seben ist? Und solcber sind nocb mehrere da. 
Wir wiirden fur sie durcbs Feuer geben. Man kann sicb 
wirklich nicbt beklagen, man wird direkt wie ein ZiviHst 
bier bebandelt von den Nonnen. Wenn man dagegen an 
die Garnisonlazarette denkt, kann einem die Angst 
kommen. 

Franz Wicbter kommt nicbt wieder zu Kraften. Eines 
Tages wild er abgebolt und bleibt fort. Josef Hamacber 

25S 



wei6 Bewsclieid: „Deii selien wir niclit wieder. Sie haben 
Urn ins Totenzimmer gebracbt/^ 

,,Was fur ein Totenzimmer?^* fragt Kropp- 
, 5 Na, ins Sterbezimmer — ** 

„Was ist denn das?** 

„Das Heine Zimmer an der Ecke des Fliigels. Wer 
knrz vor dem Abkratzen ist, wird dabin gebracbt. Es sind 
zwei Betten darin. tJberall beiBt es nur das Sterbe- 
zimmer.** 

,,Aber warum machen sie das?** 

,,Sie haben dann nicbt so viel Arbeit nacbher. Es ist 
aucb bequemer, weil es gleich am Aufzug zur TotenbaUe 
liegt. Vielleicht tun sie es auch, damit keiner in den Salen 
stirbt, %vegen der andem. Sie konnen ja aucb besserbei 
ibm wacben, wenn er allein liegt.** 

,,Al>er er selber?** 

Josef zuckt die Acbseln. ,,Gewobnlicb merkt er ja nicbt 
mebr viel davon.** 

„WeiS es denn jeder?** 

„Wer langer bier ist, weiB es natiirlicb.** 

« 

Nacbmittags wird das Bett von Franz Wicbter nen 
belegt. Nacb ein paar Tagen bolen sie aucb den neuen 
wieder ab. Josef macbt eine bezeicbnende Handbewegung. 
Wir seben nocb mancben kommen und gehen. 


254 



Manclmial sitzen Angetorige an den Betten imd weinen 
Oder spreclien leise nnd verlegen. Eine alte Fran mil gar 
nicht fort, aber sie kann die Nackt iiber ja niclit dableiben. 
Am andern Morgen kommt sie sckon ganz friib, aber dock 
nicbt friib gentig ; denn als sie an das Bett gebt, liegt scbon 
jemand anders drin. Sie mnB zur Totenballe. Die Ipfel, 
die sie nocb bei sicb bat, gibt sie uns. 

Aucb dem kleinen Peter gebt es scblechter. Seine 
Fiebertafel siebt bose aus, und eines Tages stebt neben 
seinem Bett der flacbe Wagen. „Wobin?'‘ fragt er, 

„Ztim Verbandssaal/‘ 

Er wird binanfgeboben. Aber die Scbwester macbt den 
Febler, semen Waffenrock vom Haken zu nebmen imd 
ibn ebenfalls anf den Wagen zu legen, damit sic nicbt 
zweimal zu geben braucbt. Peter weiB sofort Bescbeid tmd 
will sicb vom Wagen roUen. „Icb bleibe bier!‘‘ 

Sie driicken ibn nieder. Er scbreit leise mit seiner zer- 
scbossenen Limge : „Icb will nicbt ins Sterbezimmer/^ 
„Wir geben ja zum Verbandssaal/*^ 

„Wozu braucbt ikr dann meinen Waffenrock?“ Ex kann 
nicbt mebr sprecben. Heiser, aufgeregt, fliistert er ; „Hier- 
bleibenr^ 

Sie antworten nicbt und fabren ibn binaus. Tor der 
Tur versucbt er sicb aufzuricbten. Sein scbwarzer Kraus- 
kopf bebt, die Augen sind voU Tranen. „Icb komme 
wieder! Icb komme wiederT* ruft er. 

Die Tiir schbefit sicb. Wir sind alle erregt; aber wir- 

255 * 



sckweigen. Eudlich. sagt Josef: „Hat sclioii manclier ge- 
sagt, Weim man erst drin ist, halt man doch nicht durch/^ 

Ich werde operiert und kotze zwei Tage lang. Meine 
Knochen wollen nicht ztisainmenwachsen, sagt der Schrei- 
her des Arztes. Bei einem andem sind sie falsch an- 
gewachsen; dem werden sie meder gebrochen. Es ist 
schon ein Elend. 

XJnter nnserm Zuwachs sind zwei junge Soldaten mil 
PlattfuBen. Bei der Visite entdeckt der Chefarzt sie nnd 
bleibt freudig stehen. „Das werden wir wegkriegen/^ er- 
zahlt er, „da machen wir eine fcleine Operation, und schon 
haben Sie gesunde FiiBe, Schreiben Sie auf, Schwester/‘ 

Als er fort ist, warnt Josef, der alles wei6: „La6t ench 
ja nicht operieren! Das ist namlich ein wissenschaftlicher 
Fimmel vom Alten. Er ist ganz wild auf jeden, den er 
dafiir zu fassen bekommt. Er operiert euch die PlattfiiBe, 
und ihr habt nachher tatsachlich auch keine mehr; dafiir 
habt ihr KlumpfiiBe imd miifit euer Leben lang an Stdcken 
laufen/^ 

„Was soli man denn da machen fragt der eine. 

„Nein sagen! Ihr seid hier, um eure Schiisse zu kurieren, 
nicht eure PlattfuBe! Habt ihr im Felde keine gehabt? 
Na, da seht ihr! Jetzt k5nnt ihr noch laufen, aber wenn 
der Alte euch erst unter dem Messer gehabt hat, seid ihr 
Kruppel. Er braucht Versuchskarnickel, fur ihn ist der 


ciKa 



Krieg eine groBartige Zeit deshalb, wie fur alle Arzte. 
Sebt eucb unten mal die Station an; da kriecben ein 
Dutzend Leute berum, die er operiert bat. Mancbe sind 
seit vierzebn nnd fiinfzebn bier, jabrelang. Kein einziger 
kann besser laufen als vorber; fast alle aber scblecbter, 
die meisten nnr mit Gipsbeinen. Alle halbe Jabre erwiscbt 
er sie wieder und bricbt ibnen die Knocben aufs neue, und 
jedesmal soil dann der Erfolg kominen. Nebmt eucb in 
acbt, er darf es nicht, wenn ihr nein sagt.‘‘ 

,,Acb, Menscb,‘‘ sagt der eine von den beiden miide, 
„besser die Fiibe als der Scbadel. WeiBt du, was du kriegst, 
wenn du wieder drauBen bist? Sollen sie mit mir machen, 
was sie wollen, wenn icb bloB wieder nacb Haizse komme. 
Besser ein KlumpfuB als tot.*"" 

Der andere, ein junger Menscb wie wir, will nicbt. Am 
andern Morgen laBt der Alte beide berunterbolen und 
redet und scbnauzt so lange auf sie ein, bis sie docb ein- 
willigen. Was sollen sie anders tun. — Sie sind ja nur 
Muskoten, und er ist ein hohes Tier. Vergipst und cbloro- 
formiert warden sie wiedergebracbt. 

4i 

Albert geht es scblecbt. Er wird gebolt und amputiert. 
Das gauze Bein bis obenhin wird abgenommen. Nun 
spricbt er fast gar nicbt mebr. Einmal sagt er, er wolle sicb 
erschiefien, wenn er erst wieder an seinen Revolver beran- 
kame* 


17 Eomarquo, Westen 


257 



Ein neuer Transport IrifFt ein. Unsere Stnbe erlxalt 
zwei Blinde. Einer davon ist ein ganz junger Musikcr. Die 
Schwestern haben nie ein Messer bei sich, wenn sie ibm 
Essen geben; er bat einer scbon einmal eins entrissen. 
Trotz dieser Vorsicbt passiert etwas. Abends beim Fiittern 
wird die Scbwester von seinem Bett abgerufen nnd stellt 
den Teller niit der Gabel so lange auf seincn Tiscb. Er 
tastet nacb der Gabel, faBt sie nnd stoUt sie mit aller 
Kraft gegen sein Herz, dann ergreift er einen Schnb nnd 
schlagt anf den Stiel, so fest er kann. Wir rnfen \im Hilfe, 
nnd drei Mann sind no tig, ibm die Gabel wegzunebmen. 
Die stumpfen Zinken waren scbon tief eingedrungen. 
Er scbimpft die ganze Nacbt auf uns, so daJB niemand 
Scblaf findet* Morgens bat er einen Scbreikrampf. 

Wieder werden Betten frei. Tage um Tage geben bin 
in Scbmerzen nnd Angst, Stobnen nnd RScbeln. Auch 
das Vorbandensein der Totenzimmer nutzt nicbts mebr, 
es sind zu weuig, die Leute sterben nacbts aucb auf unserer 
Stube. Es gebt eben schneller als die tJberlegung der 
Scbwestern. 

Aber eines Tages fliegt die Tiir auf, der flacbe Wagen 
rollt herein, und blab, scbmal, aufreebt, triumpbierend, 
mit gestraubtem sebwarzen Krauskopf sitzt Peter anf 
der Babre. Scbwester Libertine sebiebt ibn mit slrablender 
Miene an sein altes Bett. Er ist zuriick aus dem Sterbc" 
zimmer. Wir baben ibn ISngst fur tot gebalten. 

Er siebt sicb um: „Was sagt ibr nun?^*^ 


258 



Und sellbst Josef muB zugeben, dafi er so was zum 
ersten. Male erlebt. 

« 

Allmablicb diirfen einige von nns aufstehen. Aucb icb 
bekomme Kriicken zum Herumbumpeln. Dock ich macbe 
wenig Gebraucb davon; icb kann Alberts Blick nicbt er- 
tragen, wenn icb durcbs Zimmer gebe. Er siebt mir immer 
mit so sonderbaren Augen nacb. Desbalb entschliipfe icb 
mancbmal auf den Korridor — dort kann icb micb freier 
bewegen. 

Im Stockwerk tiefer liegen Baiicb- und Riickenmark- 
scbiisse, Kopfscbiisse und beiderseilig Ampuiierte. Recbts 
im Fliigel Kieferscbiisse, Gaskranke, Nasen-, Ohren- und 
Halsscbiisse. Links im Fliigel Blinde und Lungenscbiisse, 
Beckenschiisse, Gelenkscbiisse, Nierenscbiisse, Hoden- 
scbiisse, Magenscbiisse. Man siebt bier erst, wo ein Menscb 
iiberall getroffen warden kann, 

Zwei Leute sterben an Wundstarrkrampf. Die Haut 
wird fabl, die Glicder erstarren, ztiletzt leben — lange — 
nur nocb die Augen. — Bei mancben Verletzten bangt das 
zerscbossene Glied an eincm Galgen frei in der Luft ; untex 
die Wunde wird ein Becken gestellt, in das derEiter tropft. 
Alle zwei oder drei Stunden wird das GefaB geleert. Andere 
Leute liegen im Streckverband, mit scbweren, berab- 
ziebenden Gewicbten am Bett. Icb sebe Darmwunden, 
die standig voU Kot sind. Der Scbreiber des Arztes zeigt 


17 * 


259 



mir Rontgenaufnalimen von v5llig zersclimetterteii Hiift- 
knochen, Knien und Scliultern, 

Man kann nicht begreifen, daB iiber so zerrissenen 
Leibern noch Menschengesichter sind, in denen das Leben 
seinen alltSglichen Fortgang nimmt. Und dabei ist dies 
nnr ein einziges Lazarett, nur eine einzige Station — es 
gibt Hunderttausende in Deutschland, Hunderttansende 
in Frankreich, Hunderttausende in RuBland. Wie sinnlos 
ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn 
so etwas mOglich ist ! Es muB alles gelogen und belanglos 
sein, wenn die Kultur von Jabrtausenden nicht einmal 
verhindern konnte, daB diese Strome von Blut vergossen 
wurden, daB diese Kerker der Qualen zu Hunderttausen- 
den existieren. Erst das Lazarett zeigt, was Krieg ist. 

Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne 
vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod, 
die Angst und die Verkettung sinnlosester Obcrfl§chlich- 
keit mit einem Abgrund des Leidens, Ich sehe, daB V5lker 
gegeneinandergetrieben werden und sich schweigend, un- 
wissend, tdricht, gehorsam, unschuldig tSten. Ich sehe, 
daB die kliigsten Gehirne der Welt Waffen und Worte 
erfinden, um das alles noch raffinierter und Mnger dauernd 
zu machen. Und mit mix sehen das alle Menschen meines 
Alters bier und driiben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt 
das meine Generation. Was werden unsere VMer tun, 
wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und 
Rechenschaft fordern? Was erwarten sie von uns, wenn 

260 



eine Zeit kommt, wo kein Krieg ist? Jahre Iiindurcli war 
iinsere Beschaftiguiig Toten. — es war nnser erster Beruf 
im Dasein, Unser Wissen vom Leben beschrankt sicb auf 
den Tod. Was soil danacb nocb gescbeben? Und was soil 
aus uns warden? 

* 

Der Alteste auf unserer Stube ist Lewandowski, Er 
ist vierzig Jahre alt und liegt bereits zehn Monate im 
Hospital an einem schweren BauchschuB. Erst in den 
letzten Wochen ist er so weit gekommen, daB er gekriimmt 
etwas hinken kann. 

Seit einigen Tagen ist er in grofier Aufregung. Seine 
Frau hat ihm aus dem kleinen Nest in Polen, wo sie wohnt, 
geschrieben, daB sie so viel Geld zusammen hat, um die 
Fahrt bezahlen und ihn besuchen zu konnen. 

Sie ist unterwegs xmd kann jeden Tag eintreffen. 
Lewandowski schmeckt das Essen nicht mehr, sogar Rot- 
kohl mit Bratwurst verschenkt er, nachdem er ein paar 
Happen genommen hat. Standig lHuft er mit dem Brief 
durchs Zimmer, jeder hat ihn schon ein dutzendmal 
gelesen, die Poststempel sind wer weiB wie oft schon 
gepriift, die Schrift ist vor Fettflecken und Fingerspuren 
kaum noch zu erkennen, und was kommen muB, kommt: 
Lewandowski kriegt Fieber und muB wieder ins Bett. 

Er hat seine Frau seit zwei Jahren nicht gesehen. Sie 
hat inzwischen ein Kind geboren, das bringt sie mit. Aber 


261 



etwas ganz anderes bescliaftigt Lcwandowski. Er hatte 
gehofft, die Erlaixbnis zum Ausgehen zn erhalten, wcnn 
seine Alte kommt, denn es ist doch Har: Sehen ist ganz 
schon, aber weiinman seine Frau nacb so langer Zeit wieder- 
bat, mil man, wenn es eben geht, docb nocb was anderes. 

Lewandowski hat das alles stundenlang mit uns be- 
sprochen, denn beim Kommifi gibt es darin keine Ge- 
heimnisse. Es findet auch keiner etwas dabei. Diejenigen 
von tins, die schon ausgehen kSnnen, haben ihm ein paar 
tadellose Ecken in der Stadt gesagt, Anlagen und Parks, 
wo er ungestSrt gewesen wSre, einer wulJte sogar ein 
kleines Zimmer. 

Doch was niitzt das alles, Lewandowski liegt im Bett 
und hat seine Sorgen. Das ganze Leben macht ihm keinen 
SpaB mehr, wenn er diese Sache verpassen mu6. Wir 
trdsten ihn und verspxechen ihm, dafi wir den Kram schon 
irgendwie schmeiBen werden. 

Am andern Nachmittag erscheint seine Frau, ein 
kleines, verhutzeltes Ding mit angstlichen und eiligen 
Vogelaugen, in einer Art von schwarzer Mantille mit 
Krausen und Bandem, weiB der Himmel, wo sie das Sliick 
mal geerbt hat. 

Sie murmelt leise etwas und bleibt scheu an der Tiir 
fitehen. Es erschreckt sie, daB wir sechs Mann hoch sind. 

„Na, Marja,‘‘ sagt Lewandowski und schluckt gefllhr- 
Kch mit seinem Adamsapfel, „kannst rubig reinkominen, 
die tun dir bier nichts/^ 


262 



Sic gelit laerum uiid gibt jedem von nns die Hand. 
Dann zeigt sie das Kind vor, das inzwischen in die Windeln 
gemaclit hat. Sie hat eine groBe, mit Perlen bestickte 
Tasche bei sich, aus der sie ein reines Tuch nimrat, nin 
das Kind flink nen zu wickeln. Damit ist sie iiber die erste 
Verlegenheit binweg, nnd die beiden fangen an zu 
reden, 

Lewando^vski ist sehr kribblig, er scbielt immer wieder 
iluBerst ungliicklich mit seinen runden Glotzangen zu nns 
beriiber. 

Die Zeit ist giinstig, die Arztvisite ist vorbei, es kormte 
bdcbstens nocb eine Scbwester ins Zimmer schauen. Einer 
gebt desbalb nocb einmal hinaus — spekuberen. Er kommt 
zuriick und nickt. ,,Kein Aas zu seben. Nun sag’s ibr 
scbon, Johann, und macb zu/‘ 

Die beiden unterbalten sich in ihrer Sprache. Die 
Frau guckt etwas rot und verlegen auf. Wir grinsen gut- 
miitig und machen wegwerfende Handbewegungen, was 
schon dabei sei! Der Teufel soil alle Vorurteile holen, 
sie sind fur andere Zeiten gemacht, bier Hegt der Tischler 
Johann Lewandowski, ein zum Kriippel geschossener 
Soldat und da ist seine Frau, wer weiB, wann er sie wieder- 
siebt, er will sie baben, und er soil sie baben, fertig. 

Zwei Mann stellen sicb vor die Tiir, um die Scbwestern 
abzufangen und zu bescbSlftigen, wenn sie zuf^llig vorbei- 
kommen sollten. Sie wollen ungefUhr eine Viertelstunde 
aufpassen. 


263 



Lewandowsld kann nur auf der Seite liegen, einer 
packt ihm deshalb noch ein paar Kissen iix den Riicken, 
Albert kriegt das Kind zn balten, dann drehen wir nns 
ein bificben um, die schwarze Mantille verscbwindet unter 
der Bettdecke, nnd wir kloppen laut nnd mit ailcrhand 
Redensarten Skat. 

Es gebt alles gut. Icb babe einen wiisten Kreuz-Solo 
mit vieren in den Fingern, der ungefahr nocb rumgebt. 
Daruber vergessen wir beinabe Lewandowski. Nacbeiniger 
Zeit beginnt das Kind zu plarren, obscbon Albert es ver- 
zweifelt bin imd ber scbwenkt. Es knistert und rauscbt 
dann ein bificben, und als wir so beilaufig aufblicken, 
seben wir, dafi das Kind schon die Flascbe im Mund bat 
und wieder bei der Mutter ist. Die Sacbe bat geklappt. 

Wir filhlen uns jetzt als eine groCe Familie, die Frau 
ist ordentlicb munter geworden, und Lewandowski liegt 
scbwitzend und strablend da. 

Er packt die gestickte Tascbe aus, es kommen da ein 
paar gute Wiirste zum Vorscbein, Lewandowski nimmt 
das Messer wie einen Blumenstraufi und sabelt das Fleiscb 
in Stiicke. Mit grofier Handbewegung weist er auf uns — 
und die kleine, verbutzelte Frau gebt von eincm zum 
andern und lacbt uns an und verteilt die Wurst, sie siebt 
jetzt direkt biibscb aus dabei. Wir sagen Mutter zu ibr, 
und sie freut sich und klopft uns die Kopfkissen auf. 


264 



Nach einigenWochen muB ich jeden Morgen ins Zander- 
institnt. Dort wird mein Bein festgeschnalit nnd bewegt. 
Der Arm ist langst geheilt. 

Es laufcn neue Transporte aus dem Felde ein. Die Ver- 
bande sind nicbt mebr aus Stuff, sie besteben nur noch 
aus weiBem Krepp-Papier. Verbandstoff ist zu knapp 
geworden drauBen. 

Alberts Stumpf beilt gut. Die Wunde ist fast gescblos- 
sen. In einigen Wocben soli er fort in eine Protbesen- 
station. Er spricbt immer nocb wenig und ist viel ernster 
als friiber. Oft bricbt er mitten im Gespracb ab und starrt 
vor sicb bin. Wenu er nicbt mit uns andern zusammen 
ware, batte er langst ScbluB gemacht. Jetzt aber ist er 
liber das Scblimmste binausgelangt. Er siebt schon 
mancbmal beim Skat zu. 

Icb bekomme Erbolungsurlaub. 

Meine Mutter will mich nicbt mebr fortlassen. Sie ist 
so scbwacb. Es ist allcs noch scblimmer als das letztemal. 

Danach werde icb vom Regiment angefordert und fabre 
wieder ins Feld. 

Der Abschied von meinem Freunde Albert Kxopp ist 
scbwer. Aber man lernt das beim KommiB mit der Zeit. 



XI 


W ir zaUen die Woclien nicht melir. Es war Winter, 
als ich ankam, nnd bei den Emschlagen der Gra- 
naten wnrden die gefrorenen ErdHumpen fast ebenso ge- 
fabrlich. wie die Splitter. Jetzt sind die Baume wiedcr 
griin. Ilnser Leben wecbselt zwischen Front und Baracken. 
Wir sind es teilweise schon gewohnt, der Krieg ist eine 
Todesursacbe wie Krebs und Tuberkulose, wie Grippe 
und Ruhr. Die Todesfalle sind nur viel liaufiger, ver- 
scbiedenartiger und grausamer. 

Unsere Gedanken sind Lehm, sie werden geknetct vom 
Wechsel der Tage — sie sind gut, wenn wir Ruhe haben 
und tot, wenn wir im Feuer liegen. Trichterfelder drauBen 
und drinnen. 

Alle sind so, nicbt wir bier allein — was friiber war, 
gilt nicbt, und man weiB es aucb wirkliclx nicbt mehr. Die 
Unterscbiede, die Bildung und Erziebung scbufen, sind 
fast verwischt und kaum nocb zu erkennen. Sie geben 
mancbmal Vorteile im Ausnutzen einer Situation; aber 
sie bringen aucb Nacbteile mit sich, indem sie Hem- 
mungen wachrufen, die erst iiberwunden xverden miissen. 
Es ist, als ob wir friiber einmal Geldstiicke verscbicdcner 
Lander gewesen waren; man hat sie eingescbmolzen, und 

266 



alle haben jetzt denselben Pragestempel. Will man Unter- 
scMede erkennen, dann mnB man schon genan das Material 
priifen. Wir sind Soldaten nnd erst sprier auf eine sonder- 
bare nnd verscbanite Weise nocb Einzelmenscben. 

Es ist eine groBe Briiderscbaft, die ein Sctdmmer von 
dem Kameradentum der Volkslieder, dem Solidaritats- 
gefiihl von StrMlingen nnd dem verzweifelten Einander- 
bcisteben von znm Tode Verurteilten seltsam vereinigt 
zn einer Stnfe von Leben, das mitten in der Gefabr, 
ans der Anspannung und Verlassenheit des Todes sich 
abbebt und zu einem fliicbtigen Mitnebmen der ge^on- 
nenen Stunden wird, auf ganzlich unpathetiscbe Weise* 
Ea ist beroiscb xmd banal, wenn man es werten wollte — 
docb wer will das? 

Es ist darin enthalten, wenn Tjaden bei einem ge- 
meldeten feindlicben Angriff in rasender Hast seine 
Erbsensuppe mit Speck ausioffelt, weil er ja nicbt weiB, 
ob er in einer Stunde nocb lebt. Wir baben lange dariiber 
diskutiert, ob es ricbtig sei oder nicbt. Kat verwirft es, 
weil er sagt, man miisse mit einem BaucbschuB recbnen, 
der bei vollem Magen gefabrUcber sei als bei leerem. 

Solcbe Dinge sind Probleme fur uns, sie sind uns ernst, 
tind es kann aucb nicbt anders sein. Das Leben bier an der 
Grenze des Todes bat eine ungebeuer einfache Linie, es 
bescbrankt sicb auf das Notwendigste, alles andere liegt 
in dumpfem Scblaf; — das ist unsere Primitivitat und 
unsere Rettung. Wtren wir diflFerenzierter, wir waren 


267 



langst irrsinnig, desertiert oder gefallen. Es ist wie eine 
Expedition im Eolien Eise; — jede LebensauBernng darf 
nur der Daseinserhaltung dienen nnd ist zwangslanfig 
daranf cingestellt. Alles andere ist verbannt, weil es nn- 
notig Kraft verzebren wiirde. Das ist die einzige Art, nns 
zu retten, und oft sitze icb vor mir selber wie vor einem 
Fremden, wenn der ratselbafte Widerscbein des Friiher 
in stillen Stunden wie ein matter Spiegel die Umrisse mei- 
nes jetzigen Daseins auBer mich stellt, nnd icb wnndere 
micb dann dariiber, wie das unnennbare Aktive, das sicb 
Leben nennt, sicb angepaBt bat selbst an diese Form. 
AUe anderen AuBemngen liegen im Winterscblaf, das 
Leben ist nur anf einer standigen Lauer gegen die Be- 
drobung des Todes, — es bat uns zu denkenden Tieren 
gemacbt, um uns die Wajffe des Instinktes zu geben, — es 
bat uns mit Stumpfbeit durcbsetzt, damit wir nicbt zer- 
brecben vor dem Grauen, das uns bei klarem, bewuBtem 
Denken iiberfallen wiirde, — es hat in uns den Kamerad- 
scbaftssinn geweckt, damit wir dem Abgrund der Ver- 
lassenheit entgeben, — es bat uns die Gleicbgultigkeit 
von Wilden verliehen, damit wir trotz allem jeden Moment 
des Positiven empfinden und als Reserve aufspeicbern 
gegen den Ansturm des Nicbts. So leben wir ein ge- 
scblossenes, bartes Dasein auBerster Oberfl^cbe, und nur 
mancbmal wirft ein Ereignis Funken. Dann aber scbligt 
iiberrascbend eine Flamme schwerer und furebtbarer 
Sebnsucht durch. 


268 



Das sind die gefahrliclieii Augenblicke, die uns zeigen, 
dafi die Anpassung doch nur kiinstlicli ist, daB sie mcht 
einfach Ralie ist, sondern sckarfste Anspannung zar Ruhe, 
Wir unterscheiden ans auBerlich. in der Lebensform kaum 
von Buscbnegern; aberwahrend diese stets so sein konnen, 
weil sie eben so sind und sick dnrcb Anspannung ihrer 
Geisteskrafte bochstens fortentwickeln, ist es bei uns nm- 
gekehrt: unsere inneren Krafte sind nicht auf Weiter-, 
sondern auf Zuriickentwicklung angespannt. Jene sind 
entspannt und selbstverstandlicb so, wir sind es auBerst 
angespannt und kiinstlich. 

Und mit Scbrecken empfindet man nachts, aus einem 
Traum aufwachend, xiberwaltigt und preisgegeben der 
Bezauberung heranflutender Gesichte, wie diinn der Halt 
und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt — 
wir sind kleine Flammen, notdiirftig gescbiitzt durck 
schwacke Wande vor dem Sturm der Auflosung und der 
Sinnlosigkeit, in dem wir fiackern und manckmal fast er- 
trinken. Dann wird das gedampfte Brausen der Scklackt 
zu einem Ring, der uns einscklieBt, wir kriecken in uns 
zusammen und starren mit groBen Augen in die Nackt. 
TrQstlick fuklen wir nur den Scklafatem der Kameraden, 
und so warten wir auf den Morgen. 

* 

Jeder Tag und jede Stunde, jede Granate und jeder 
Tote wetzen an diesem diinnen Halt, und die Jakre 


269 



versclileiBen ihn rascli. Icli sehe, wie er allmaUicIi sclion 
um mich Ixerum niederbriclit. 

Da ist die dumme Geschiclite mit Detering. 

Er war einer von denen, die sicb. selir fur sicb bielten. 
Sein XJngliick war, dafi er in. einem Garten einen Kirsch- 
baum sab, Wir kamen gerade von der Front, und dieser 
Kirscbbanm stand in der Nabe des neuen Qnartiers an 
einer Wegbiegung iiberrascbend in der Morgendammerung 
vor Tins. Er batte keine Blatter, aber er war ein einziger 
weiBer Bliitenbusch. 

Abends war Detering nicbt zn seben. Er kam scblieB- 
licb an nnd batte ein paar Zweige mit Kirscbbliiten in der 
Hand, Wir macbten uns lustig und fragten, ob er auf 
Brautscbau woUe. Er gab keine Antwort, sondern Icgte 
sicb auf sein Bett, Nacbts borte icb ibn rumoren, er 
scbien zu packen. Icb witterte Unbeil und ging zu ihm. 
Er tat, als wUre nicbts, und icb sagte ibm: „Macb keinen 
Unsinn, Detering/* 

„Acb wo — icb kann nur nicbt schlafen — ** 
„Weshalb bast du denn die Kirscbzweige gebolt?** 
„Icb werde dock woblnocb Kirscbzweige holen durfen*\ 
antwortet er verstockt — und nacb einer Wcile: „Zu 
Hause babe icb einen groBen Obstgarten mit Kirscben, 
Wenn die bliiben, siebt das vom Hcuboden aus wie ein 
einziges Bettlaken, so weiB. Es ist jetzt die Zeit/* 
„Vielleicbt gibt’s bald Urlaub. Es kann aucb sein, daB 
du, als Landwirt, abkommandiert wirst/^ 


270 



Er nickt, aber er ist abwesend. Wenn diese Bauern 
anfgeriibrt sind, baben sie einen sonderbarcn Ausdruck, 
cine Mischiing von Knb und sehnsiicbtigem Gott, Kalb 
bl5de und halb binreiBend. Um ibn von seinen Gedanken 
abzubrmgen, verlange icb ein Stuck Brot von ibni. Er 
gibt es mir obne Einscbrankung. Das ist verdacbtig, denn 
er ist sonst knauserig, Desbalb bleibe icb wacb. Es passieit 
mcbts, er ist morgens wie sonst. 

Wabrscbeinlicb bat er gemerkt, dafi icb ibn beobacbtet 
babe. — Am ubernacbsten Morgen ist er trotzdem fort. 
Icb sebe es, sage jedocb nicbts, um ibm Zeit zu lassen, 
vielleicbt kommt er durcb. Nacb Holland baben cs scbon 
verscbiedene Leute gescbafft. 

Beim Appell aber fallt sein Feblen auf. Nacb einer 
Wocbe h5ren wir, dafi er gefafit ist von den Feldgen- 
darmen, diesen veracbteten Komnodfipolizisten. Er batte 
die Ricbtung nacb Deutschland genommen — das war 
natiirlicb aussicbtslos — , und ebenso natiirlich batte er 
alles sebr dumm angefangen. Jeder batte daraus vdssen 
kdnnen, dafi die Flucbt nur Heimweb und moment ane 
Verwiming war. Docb was begreifen Kriegsgericbtsrate 
bundert Kilometer hinter der Linie davon? — Wir baben 
nicbts mebr von Detering vernommen. 

Aber auch auf andereWeise bricbt es mancbmal beraus, 
dieses Gefabrlicbe, Gestaute — wie aus iiberbitzten Dampf- 


271 



kesseln. Da ist aucli noct das Ende zu bcrichten, das 
Berger faxid. 

Schoa lange sind unsere Gr^ben zerscbossen, und wir 
baben die elastiscbe Front, so daB wir eigentlich keinen 
ricbtigen Stellungskrieg mebr fiihren. Wenn Angrifi’ und 
Gegenan griff bin- und hergegangen sind, bleibt eine 
zerrissene Linie und ein erbitterter Kampf von Tricbter 
zu Tricbter. Die vordere Linie ist durchbrocben, und 
iiberall baben sicb Gruppen festgesetzt, Tricbternester, 
von denen aus gekampft wird. 

Wir sind in emem Tricbter, seitbch sitzen Englander, 
sie rollen die Flanke auf und gelangen binter uns. Wir sind 
umzingelt. Es ist scbwierig, sicb zu ergeben, Nebel und 
Rauch scbwanken iiber uns bin, niemand wiirde erkennen, 
daB wir kapitulieren wollen, vielleicbt wollen wir es aucb 
gar nicbt, das weiB man selbst nicbt in solcben Momenten. 
Wir boren die Explosionen der Handgranaten herankom- 
men. Unser Mascbinengewebr bestreicbt den vorderen 
Halbkreis. Das Kublwasser verdampft, wir reicben die 
Kasten eilig berum, jeder piBt binein, so baben wir wieder 
Wasser und konnen weiterfeuem. Aber binter uns kracbt 
es immer naber. In einigen Minuten sind wir verloren. 

Da rast ein zweites Mascbinengewebr auf kurzeste Ent- 
fernung los. Es steckt im Tricbter neben uns, Berger bat 
es gebolt, und nun setzt ein Gegenangriff von hinten ein, 
wir kommen frei und finden Verbindung nach riickwirts. 

Als wir nacbber in einigermaBen guter Deckung sind, 


272 



erzaHt einer von den Essenholern, daB ein paar hundert 
Scbxitte entfernt ein verwnndeter Meldelatmd liege, 
fragt Berger. 

Der andere beschreibt es ibm. Berger gebt los, nm das 
Tier zn holen oder es zn erscbieBen. Nock vor einem balben 
Jabr batte er sicb nicbt darum gekummert, sondern ware 
verniinftig gewesen. Wir versucben, ibn zuriickznbalten. 
Docb als er ernstbaft gebt, konnen wir nur sagen: „Ver- 
riickt!^* nnd ibn laufen lassen. Denn diese Anfalle von 
FrontkoUer werden gefabrbcb, wenn man den Mann nicbt 
gleicb zu Boden werfen nnd festbalten kann. Und Berger 
ist ein Meter acbtzig groB, der krMtigste Mann der Kom- 
pagnie. 

Er ist tatsacbbcb verriickt, denn er mnB duxcb die 
Fenerwand; — aber es ist dieser Blitz, der irgendwo iiber 
tms alien lauert, der in ibn eingescblagen ist und ibn be- 
sessen macbt. Bei andern ist es so, daB sie zu toben an- 
fangen, daB sie wegrennen, ja einer war da, der sicb mit 
Handen, Fiifien und Mund immerfort in die Erde einzu- 
graben versucbte. 

Es wird naturlich aucbvielsimuliertmitsolcbenSacben, 
aber das Simulieren ist ja eigentlich aucb scbon ein Zei- 
cben. Berger, der den Hund erledigen will, wird ndt einem 
Beckenscbufi weggebolt, und einer der Leute, die es txm, 
kriegt sogar dabei nocb eine Gewebrkugel in die Wade. 


18 KemarqTiej Westeti 


273 



Muller ist tot. Man hat ihm aus nachster Nahe cine 
Leuchtkugel in den Magen geschossen. Er lebte noch cine 
halbe Stunde bei vollem Verstande nnd furchtbaren 
Scbmerzen. Bevor er starb, iibergab er mir seine Brief- 
tasche und vermacbte mir seine Stiefel — dieselben, 
die er damals von Kemmericb geerbt hat. Ich trage sie, 
denn sie passen mir gut. Nach mir wird Tjaden sie be- 
kommen, ich habe sie ihm versprochen. 

Wix haben Muller zwar begraben kSnnen, aber lange 
wird er wohl nicht ungestSrt bleiben. Unsere Linien werden 
zuruckgenommen. Es gibt driiben zu viele frische eng- 
lische und amerikanische Regimenter. Es gibt zu viel 
Corned-beef und weiBes Weizenmehl. Und zu viel neue 
Geschiitze. Zu viel Flugzeuge. 

Wir aber sind mager und ausgehungert. Unser Essen 
ist so schlecht und mit so viel Ersatzmitteln gestreckt, da6 
wir krank davon werden. Die Fabrikbesitzer in Deutsch- 
land sind reiche Leute geworden — uns zerschrinnt die 
Ruhr die Darme. Die Latrinenstangen sind stets dicht ge- 
hockt voE; — man soEte den Leuten zu Hause diese 
grauen, gelben, elenden, ergebenen Gesichter hier zeigen, 
diese verkrummten Gestalten, denen die Kolik das Blut 
aus dcm Leibe quetscht und die hSchstens mit verzenrten, 
noch schmerzbebenden Lippen sich angrinsen: ^Es hat 
gar keinen Zweck, die Hose wieder hochzuziehen — 

Unsere ArtiEerie ist ausgeschossen — sie hat zu wenig 
Munition — und die Rohre sind so ausgeleiert, daB sie 


274 



imsicher scliieBeii undbis zuuns beriiberstreuen. Wirbaben 
zu wenig Pferde. Unsere friscben. Truppen sind bintarme, 
erholungsbediirftige Knaben, die keinen Tornister tragen 
konneii, aber zu sterben wissen. Zu Tausenden. Sie ver- 
steben nicbts vom Kriege, sie geben mir vor und lassen 
sicb abscbieUen. Ein einziger Flieger knallte aus SpaB 
zwei Kompagnien von ihnen weg, ebe sie etwas von 
Decknng wnBten, als sie friscb aus dem Zuge kamen. 

„Dentscbland mnlJ bald leer seiii‘% sagt Kat. 

Wir sind ohne Hoffnung, da6 einmal ein Ende sein 
k5nnte. Wir denken iiberbaupt nicbt so weit. Man kann 
einen ScbuB bekommen und tot sein; man kann verletzt 
werden, dann ist das Lazarett die nacbste Station. 1st 
man nicbt amputiert, dann fellt man iiber kurz oder lang 
einem dieser Stabsarzte in die Hande, die, das Kriegs- 
verdienstkrenz im Knopflocb, einem sagen: „Wie, das 
bificben verkiirzte Bein? An der Front brauchen Sie nicbt 
zu laufen, wenn Sie Mut baben. Der Mann ist k. v. 
Wegtreten!“ 

Kat erzablt eine der Gescbicbten, die die ganze Front 
von den Vogesen bis Flandern entlanglaufen, — von dem 
Stabsarzt, der Namen vorliest auf der Musterung und, 
wenn der Mann vortritt, obne aufzuseben, sagt: „K. v. 
Wir braucben Soldaten drau6en.‘‘ Ein Mann mit Holz- 
bein tritt vor, der Stabsarzt sagt wieder : k. v. — „Und da“, 
Kat erbebt die Stimme, „8agt der Mann zu ibm: Ein Holz- 
bein babe icb scbon; aber wenn icb jetzt binausgebe und 


18 * 


275 



wenn man mir den Kopf abscHeBt, dann lasse icli mir 
einen Holzkopf machen und werde Stabsarzt/'^ — Wir 
sind alle tief befriedigt iiber diese Antwort. 

Es mag gute Arzte geben, tmd viele sind es ; doch ein- 
mal failt bei den hnndert Untersuchungen jeder Sold at 
einem. dieser zahlreichen Heldengreifer in die Finger, die 
sicb bemuhen, aiif ibrer Liste mdglicbst viele a. v. nnd g. v. 
in k. V. zn verwandeln. 

Es gibt mancbe solcber Geschicbten, sie sind meistens 
noch viel bitterer. Aber sie haben trotzdem nichts nait 
Meuterei und Miesmacben zu tun; sie sind ebrlicb und 
nennen die Dinge beim Namen; denn es bestebt sebr viel 
Betrug, Ungerecbtigkeit und Gemeinbeit beim KommiB. 
1st es nicbt viel, daB trotzdem Regiment auf Regiment 
in den immer aussicbtsloser werdenden Kampf gebt und 
daB AngrifiF auf Angriff erfolgt bei zuriickweichender, zer- 
brdckelnder Linie? 

Die Tanks sind vom Gespdtt zu einer scb^veren Wajffe 
geworden. Sie kommen, gepanzert, in langer Reibe gerollt 
und verkSrpern uns mebr als anderes das Grauen des 
Krieges. 

Die Geschiitze, die uns das Trommelfeuer beriibcr- 
schicken, seben wir loicbt, die angreifenden Linien der 
Gegner sind Menschen me wir, — aber diese Tanks sind 
Mascbinen, ibre KettenbSnder laufen endlos wie der Krieg, 
sie sind die Vemichtung,wenn sie fuhllosinTricbterhinein- 
roUen und wieder bocbklettem, unanfballsam, eine Flotte 


276 



briillender, ranclispeieiider Panzer, imverwnndbare, Tote 
nnd Verwnndete zerqnetscbende Stahltiere — — wir 
scbrumpfen zusammen vor ibnen in iinserer dunnenHant, 
vor ibrer kolossalen Wucbt werden nnsere Arme zu Strob- 
halmen und unsere Handgranaten zu Streicbholzern. 

Gxanaten, Gasscbwaden und Tankflottillen — Zer- 
stampfen, Zerfressen, Tod. 

Ruhr, Grippe, Typbus — Wiirgen, Verbrennen, Tod. 

Graben, Lazarett, Massengrab — mebr M5glichkeiten 
gibt 68 nicbt. 

« 

Bei einem Angriff fallt unser Kompagniefiihrer Ber- 
tinck. Er war einer dieser pracbtvoUen Frontoffiziere, die 
in jeder brenzligen Situation vorne sind. Seit zwei Jabren 
war er bei uns, obne daB er verwundet wurde, da muBte ja 
endlicb etwas passieren. Wir sitzen in einem Locb und 
sind eingekreist. Mit den Pulverscbwaden webt der Ge- 
stank von Ol oder Petroleum beriiber. Zwei Mann mit 
einem Flammenwerfer werden entdeckt, einer tragt auf 
dem Riicken den Kasten, der andere hat in den Handen 
den Schlauch, aus dem das Feuer spritzt. Venn sie so nabe 
berankommen, daB sie uns erreichen, sind wir erledigt, 
denn zuriick kSnnen wir gerade jetzt nicbt. 

Wir nebmen sie unter Feuer. Docb sie arbeiten sicb 
naher beran, und es wird schlimm. Bertinck liegt mit uns 
im Locb. Als er merkt, daB wir nicbt treffen, weil wir 


277 



bei dem scbarfen Feuer zu selir auf Deckung bedacht sein 
miissen, nimmt er eia Gewehr, kriecht ans dem Lock und 
zielt, liegend aufgestiitzt. Er scbiefit — im selben Moment 
scbl^gt eine Kugel bei ihm klatschend anf, er ist getroffen. 
Dock er bleibt liegen und zielt weiter — einmal setzt er 
ab und legt dann aufs neue an; endlich kracbt der SchuB. 
Bertinck laBt das Gewehx fallen, sagt: „Gut‘\ und rutscbt 
zuriick. Der hinterste der beiden Flammenwerfer ist ver- 
letzt, er fallt, der Scblauch rutscht dem andern weg, das 
Feuer spritzt nach alien Seiten, und der Mann brennt. 

Bertinck hat einen BrustschuB. Nach einer Weile 
schmettert ihm ein SpHtter das Kinn weg. Der gleiche 
Splitter hat noch die Kraft, Leer die Hiifte aufzureiBen. 
Leer stohnt und stemmt sich auf die Arme, er verblutet 
rasch, niemand kann ihm helfen. Wie ein leerlaufender 
Schlauch sackt er nach ein paar Minuten zusammen. Was 
niitzt es ihm nun, daB er in der Schule ein so guter Mathe- 
matiker war. 

* 


Die Monate riicken weiter. Dieser Sommer 1918 ist der 
blutigste und der schwerste. Die Tage stehen wie Engel in 
Gold und Blau unfaBbar iiber dem Ring der Vernichtung. 
Jeder hier weiB, daB wir den Krieg veriieren. Es wird 
nicht viel darxiber gesprochen, wir gehen zuriick, wir wer- 
den nicht wieder angreifen kSnnen nach dieser groBen 
Offensive, wir haben keineLeute und keine Munition mehr. 


278 



Doch der Feldzug geht weiter — das Sterben geLt 

weiter — ■ 

Sommer 1918 Nie ist uns das Leben in seiner kargen 
Gestalt 80 begehrenswert erscbienen wie jetzt; — der rote 
Klatscbmohn auf den Wiesen nnserer Quaitiere, die glat- 
ten K§fer an den Grasbalmen, die warmen Abende in den 
halbdnnklen, kiihlen Zimmern, die schwarzen^ geheinmis* 
vollen B§ume der Dammerung, die Sterne nnd das FlieBen 
des Vassers, die Traume und der lange Schlaf — o Leben, 
Leben, Leben! 

Sommer 1918 — Nie ist schweigend mebr ertragen wor- 
den als in dem Augenblick des Aufbrucbs znr Front. Die 
wilden imd aufpeitscbenden Geriichte von Waffenstill' 
stand und Frieden sind aufgetaucbt, sie verwirren die Her- 
zen und macben den Aufbrucb scbwerer als jemals ! 

Sommer 1918 — Nie ist das Leben vorne bitterer nnd 
granenvoUer als in den Stunden des Feuers, wenn die 
bleicben Gesicbter im Scbmutz liegen nnd die Hande ver- 
krampft sind zu einem einzigen: Nicht! Nicbt! Nicbt jetzt 
nocb! Nicbt jetzt noch im letzten Augenblick! 

Sommer 1918 — Wind der Hoffnnng, der iiber die vex- 
brannten Felder streicbt, rasendes Fieber der Ungeduld, 
der Enttauschung, scbmerzlicbste Scbauer des Todes, un- 
fafibare Frage: Warum? Warum macht man kein Ende? 
Und warum flattern diese Geriichte vom Ende auf? 


279 



Es gibt so vide Flieger Mer, und sie siiid so sicker, daB 
sie auf einzelne Leiite Jagd macken wie aiif Hasen. Auf 
ein deutsckes Flugzeug kommen mindestens fiiiif eng- 
liscke und amerikaniscke. Auf einen kungrigcn, maden 
deutschen Soldaten im Graben. kommen fiinf kraftige, 
friscke andere im gegnerischen. Auf ein deutsckes Korn- 
miflbrot kommen fiinfzig Biicksen Fleisckkonserven drii- 
ben. Wir sind nicht gescklagen, denn wir sind als Soldaten 
besser und erfahrener; wir sind einfack von der vielfacken 
Ubermackt zerdriickt und zuruckgesckoben. 

Einige Regenwochen liegen kinter uns — grauer Him- 
mel, graue zerflieBende Erde, graues Sterben. Wenn wir 
kinausfahren, dringt xms bereits die NSsse durck die 
Mantel und Kleider, — und so bleibt es die Zeit vorne 
auck. Wir werden nickt trocken. Wer nock Stiefel tragt, 
bindet sie oben mit Sandsacken zu, damit das Lekmwasser 
nickt so rasck kineinlauft. Die Gewekre verkrusten, die 
Uniformen verkrusten, alles ist llieBend und aufgelost, 
eine triefende, feuckte, olige Masse Erde, in der die gclben 
Tiimpel niit spiralig roten Blutlacken stehen und Tote, 
Verwundete und Uberlebende langsam versinken. 

Der Sturm peitsckt fiber uns kin, der Splitterhagel 
reiBt aus dem wirren Grau und Gelb die spitzen Kinder- 
sckreie der Getroffenen, und in den NSckten st5knt das 
zerrissene Leben sick mfiksam dem Sckweigen zu. 

Unsere Hande sind Erde, unscre Kdrper Lekm tind unsere 
Augen Regentfimpel. Wir wissen nicht, ob wir nock leben. 


280 



Dann. stiirzt die Hitze wie eine Qualle feucht imd 
sctwiilinunsereLoclier, und an einemdieser Spatsommer- 
tage, beim Essenbolen, fallt Kat nm. Wir beide sind allein* 
Ich verbinde seine Wunde; das Schienbein scbeint zer- 
schmettert zu sein. Es ist ein KnochenschnB, xind Kat 
stohnt verzweifelt; „Jetzt noch — gerade jetzt nock — 
Icb trOste ibn, „Wer weiB, wic lange der Schlamassel 
noch danert ! Du bist erst mal gerettet — ‘‘ 

Die Wunde beginnt heftig durchzublnten. Kat kann 
nicht allein bleiben, damit ich eine Bahre zu holen ver- 
suche. Ich weiB auch nirgendwo eine Sanitatsstation in 
der Niihc. 

Kat ist nicht sehr schwer; deshalb nehme ich ihn auf 
den Riicken und gehe zuriick mit ihm zum Verbandplatz. 

Zweimal machen 'wir Hast. Er hat starke Schmerzen 
durch den Transport. Wir sprechen nicht viel. Ich habe 
den Kragen meiner Jacke aufgemacht und atme heftig, 
ich schwitze, und mein Gesicht ist gedunsen von der An- 
strengung des Tragens. Trotzdem drange ich, daB wir 
weitergehen, denn das Terrain ist gefahrlich. 

„Geht’8 wieder, Kat?‘‘ 

„MuB wohl, Paul/* 

„Dann los/* 

Ich richte ihn auf, er steht auf dem unverletzten Bein und 
halt sich an einem Baum fest. Dann fasse ich vorsichtig 
das verwundete Bein, er gibt sich einen Ruck, und ich 
nehme auch das Knie des gesunden Beines unter den Arm. 


281 



Unset Weg wird schwieriger. Manclimal pfeift eineGra- 
Bate heran. Ich gehe, so schncU icli vermag, denn das Bint 
von Kats Wnnde tropft zu Boden. Wir konnen tins ntir 
scUecht schiitzen vor den Einschl^gen, denn ehe wir 
Deckung nekmen, sind sie langst voriiber. 

Um abzuwarten, legen wiruns in einen kleinen Trickter* 
Ick geke Kat Tee aus meiner Feldflascke. Wir raucken 
eine Zigarette. „Ja, Kat,“ sage ick triibsinnig, „nun kom- 
men wir dock nock auseinander/^ 

Er sckweigt und siekt mick an. 

„WeiBt du nock, Kat, wie wir die Gans requirierten? 
Und wie du mick aus dem Scklamassel koltest, als ick 
nock ein kleiner Rekrut und zum erstenmal verwundet 
war? Damals kabe ick nock geweint. Kat, es sind fast drei 
Jakre jetzt.‘‘ 

Er nickt. 

Die Angst vox dem AUeinsein steigt in mir auf. Wenn 
Kat abtransportiert ist, kabe ick keinen Freund mekr kier. 

,,Kat, wir miissen uns auf jeden Fall wiederseken, wenn 
wirklick Frieden ist, eke du zuruckkommst.‘‘ 

„Glaubst du, da6 ick mit dem Knocken da nock mal 
k. V. werde fragt er bitter. 

„Du wirst ihn in Ruke auskeilen. Das Gelenk ist ja in 
Ordnung. Vielleickt klappt es dock damit.‘‘ 

„Gib mix nock eine Zigarette^% sagt er. 

„ Vielleickt kdnnen wir irgend etwas spMer zusammen 
macken, Kat/‘ — Ick bin sekr traurig, es ist unmdglick, 


282 



daB Kat, — Kat, mein Freund, Kat mit den Hangeschul- 
tcrn und dem diinnen, weichen Schnurrbart, Kat, den icb 
kenne atif eine andere Weise als jeden anderen Mensclieii, 
Kat, mit dem icli diese Jahre geteilt babe — es ist unm5g- 
lich, daB icb Kat vielleicbt nicht wiederseheii soil. 

„Gib mir deine Adresse fur zu Hause, Kat, auf jeden 
Fall. Und bier ist meine, icb scbreibe sie dir auf.‘^ 

Den Zettel scbiebe icb in meine Brusttascbe. Wie ver- 
lassen icb scbon bin, obscbon er noch neben mir sitzt. Soil 
icb mir rasch in den FuB scbieBen, um bei ihm bleiben zu 
konnen? 

Kat gurgelt plStzlicb und wird griin und gelb. „Wir 
wollen weiter*‘, stammelt er. 

Icb springe auf, gliihend, ibm zu belfen, icb nehme 
ibn bocb und setze micb in Lauf, einen gedehnten, 
langsamen Dauerlauf, damit sein Bein nicbt zu sebi 
scblenkert. 

Mein Hals ist trocken, es tanzt mir rot und scbwarz 
vor den Augen, als icb, verbissen und obne Gnade weiter- 
stolpernd, endlicb die Sanitatsstation erreicbe. 

Dort brecbe icb in die Knie, babe aber nocb so viel 
Kraft, nacb der Seite umzufallen, wo Kats gesundes Bern 
ist. Langsam riebte icb micb nacb einigen Minuten wieder 
auf. Meine Beine und meine Htode zittern beftig, icb 
babe Muhe, meine Feldflascbe zufinden, um einen Scblucfc 
zu nebmen. Die Lippen beben mir dabei. Aber icb 
lacbele — Kat ist geborgen. 


283 



Nach einer Weile untersclieide ich den vcrworrenen 
StimmensciiwaU, der sich in meinem Obx fangt, 

„Da8 hattest dn dir sparen konnen^^ sagt einSanitater. 
let sete ikn verstandnislos an. 

Er zeigt auf Kat- „Er ist ja tot.‘^ 
let tegreife ihn niett. ^,Er tat cinen Setienbein- 
sctiiB‘\ sage ieh. 

Der Sanitater bleibt steten. „Das auct — 
let drete mieh um. Meine Angen sind noct immer 
triibe, der SchweiB ist mir jetzt von neuem ansgebrochen, 
er lauft iiber die Lider. let wische itn fort und sehe zu 
Kat tin. Er liegt still. „Otnmacttig‘‘, sage ieh raseb. 

Der Sanitater pfeift leise: „Da8 kenne iet nun doch 
besser. Er ist tot. Darauf halte ict jede Wette.^‘ 

let sctiittele den Kopf: „Ausgesctlossen! Vor zebu 
Minuten noch babe ict mit ihm gesprochen. Er ist otn- 
machtig.^ 

Kats Hande sind warm, ieh fasse ihn bei denSchultern, 
um itn mit Tee abzuretben. Da fuhle ieh meine Finger naB 
werden. Als ict sie hinter seinem Kopf tervorziehe, sind 
sie blutig. Der Sanitater pfeift wieder durcb die Zabne: 
„Siet8t du — “ 

Kat tat, otne daB ict es gemerkt babe, unterwegs 
einen Splitter in den Kopf bekommen. Nur ein Heines 
Loch ist da, es muB ein ganz geringcr, verirrter Splitter 
gewesen sein. Aber er hat ausgereicht, Kat ist tot. 
let siete langsam auf. 


284 



,^Willst du sein Soldbuch und seine Sachen mitneli- 
iiien?"‘ fragt der Gefreite mich. 

let nicke, nnd er gibt sie mix. 

Der Sanitater ist verwundert. ,Jlir seid dock niebt 
veiwandt?^^ 

Nein, wir sind niebt verwandt. Nein, wir sind niebt 
verwandt. 

Gebe icb? Habe icb nocb FiiBe? Icb bebe die Augen, 
icb lasse sie berumgeben und dxebe micb mit ibnen, einen 
Kreis, einen Kreis, bis icb innebalte. Es ist alles wie sonst. 
Nur der Landwebrmann Stanislaus Katezinsky ist ge- 
storben. 

Dann weifi icb niebts mebr. 



XII 


E s ist Herbst. Von den alten Lenten sind nicht melir 
viele da. Ich bin der letzte von den sieben Mann ans 
tinserer Klasse bier. 

Jeder spricbt von Frieden und Waffenstillstand. Alle 
vrarten. Venn es wieder eine Enttauscbnng wird, dann 
werden sie zusammenbrecben, die Hoffnungen sind zu 
stark, sie lassen sich nicht mehr fortschaifen, ohne zu ex- 
plodieren. Gibt es keinen Frieden, dann gibt es Revolution. 

Ich habe vierzehn Tage Rube, wcil icb etwas Gas ge- 
scbluckt habe. In einem kleinen Garten sitze icb den ganzen 
Tag in der Sonne. Der Waffenstillstand kommt bald, icb 
glaube es jetzt aucb. Dann werden wir nacb Hause fahren. 

Hier stocken meine Gedanken und sind nicht weiler- 
zubringen. Was mich mit (Jbermacbt hinziebt und er- 
wartet, sind Gefuble. Es ist Lebensgier, es ist Hoimat- 
gefiihl, es ist das Blut, es ist der Rausch der Rettung. 
Aber es sind keine Ziele. 

Waren wir 1916 beimgekommen, wir batten aus dem 
Schmerz und der Starke unserer Erlebnisse einen Sturm 
entfesselt. Wenn wir jetzt zuruckkehren, sind wir mude, 
zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. 
Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden kdnnen. 


286 



Man wird uns aucH nicht verstehen — denn vor nns 
w^chst ein GescMeclit, das zwar die Jahre hier gememsam 
mit nns verbrachte, das aber Bett nnd Beruf batte nnd 
jetzt ziariickgebt in seine alten Positionen, in denen es den 
Krieg vergessen wird, — und binter nns wacbst ein 
Gescblecbt, abnlicb nns friiber, das wird uns fremd sein 
nnd nns beiseiteschieben. Wir sind iiberflussig fur nns 
sclbst, wir werden wacbsen, einigc warden sich anpassen, 
andere sicb fiigen, nnd viele werden ratios sein; — die 
Jabxe werden zerrinnen, nnd schliefilich werden wir zn- 
grunde geben. 

Aber vicUeicbt ist auch alles dieses, was icb denke, nnr 
Schwermut nnd Besturzung, die fortstaubt, wenn icb wie- 
der unter den Pappeln stebe nnd dem Ranscben ibrer 
Blatter lanscbe* Es kann nicht sein, daB es fort ist, das 
Weicbe, das nnser Bint nnrnhig macbte, das Ungewisse, 
Bestiirzende, Kommende, die tansend Gesicbter der Zn- 
kunft, die Melodie ans Traumen nnd Biichern, das Ran- 
schen nnd die Abnnng der Frauen, es kann nicht sein, daB 
es nntergegangen ist in Tronamelfener, Verzweiflnng nnd 
Mannschaftsbordells. 

Die BMme bier leucbten bunt und golden, die Beeren 
der Eberescben stehen rot im Laub, LandstraBen laufen 
weiB auf den Horizont zu, und die Kantinen summen wie 
BienenstScke von Friedensgeriicbten. 

Icb stebe auf, 

Icb bin sebr ruhig. M5gen die Monate und Jabre 

287 



kommen., sie nehmen mir nickts mehr,siekdBiieiimirniclit3 
melir nehmen. Ich bin so allein nnd so obne Erwartnng, 
dafi icb ihneiL entgegensehen kann obne Furcht, Das Le- 
ben, das mich diirch diese Jabxe trug, ist nock in meinen 
Htoden nnd Angen. Ob ick es nberwnnden habe, weiB ick 
nicht. Aber so lange es da ist, wird es sick seinen Weg su- 
chen, mag dieses, das in mir „Ick^^ sagt, wollen oder nickt. 


sjs 


Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so mhig 
und still war an der ganzen Front, da6 der Heeresberickt 
sick nur anf den Satz beschrankte, im Westen sei nichts 
Nenes zn melden. 

Er war vornubergesunken nnd lag wie scblafend an der 
Erde. Als man ikn umdrekte, sah man, dafi er sick nickt 
lange gequalt kaben konnte; — sein Gesickt hatte einen 
so gefafitcn Ansdrnck, als ware er beinahe zufrieden da- 
mit, dafi es so gekommen war.